Flüchtlingsheim im reichen Viertel: Sieg der Apartheid

Irgendwo in einer weißen Villa in Hamburg-Harvestehude haben gestern Champagnerkorken geknallt. Nein: in mehreren weißen Villen. Das Oberverwaltungsgericht hat bestätigt, dass das geplante Flüchtlingsheim für 220 Migranten in Hamburgs reichstem Viertel nicht gebaut wird – und, wichtigstes Zauberwort für die Flaschenöffner: der Beschluss ist „unanfechtbar“. Die Gründe sind alle bekannt, durch und durch heuchlerisch und einer wie der andere vorgeschoben. Es ist mir zu widerwärtig, sie hier noch einmal aufzuzählen. Der eine, einzige und wahre Grund ist der: Wir, die Superreichen, wollen hier keine armen Schlucker. Weil sie unseren ästhetischen Ansprüchen nicht genügen, weil sie unsere Idylle bedrohen, weil sie uns erschreckend deutlich vor Augen führen, wie wir selbst zu unserem obszönen Wohlstand gekommen sind. Und weil wir es können – dank unserem Geld und guten Beziehungen in Politik und Justiz. So einfach ist das, wenn man den Kaiser seiner juristischen Kleider entkleidet.

Der Rest der Stadt, besonders aber natürlich der ohnehin finanzschwache Osten, nimmt derweil weiter die Ärmsten der Armen auf. Einen Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt ist derzeit eine Unterkunft für unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge geplant. Und sie wird gebaut werden. Es lässt sich nicht leugnen, dass mit all diesen Ankünften Probleme entstehen, die man gar nicht so gerne lösen müssen möchte. Dumm sind sie ja nicht, die paar Dutzend Harvestehuder Saubermänner und -frauen, die jetzt triumphieren. Es gibt potenziell Stress, Lärm, auch Gewalt, auch Kriminalität und soziale Ausgrenzung, und es wird mehr davon geben. Aber wir werden schon damit klarkommen, uns arrangieren, die notwendigen Kompromisse machen.

Das ist es ja auch, was Sie, die Flüchtlingsheimverhinderer aus – nicht nur – Harvestehudes Geldkaste, von uns erwarten. Dass wir Ihnen das Problem abnehmen, es von den mentalen Minenfeldern und dem Paragraphen-Stacheldraht Ihrer Gated Community fernhalten. Die Pointe ist: Die meiste Zeit über sind Sie ja nicht mal zuhause. Sondern immer unterwegs, immer auf dem Sprung, immer in globalen Geschäften engagiert. Um genau die Deals zu machen, die (manchmal sogar um viel weniger als sieben Ecken herum) die nächste Welle von Armutsmigranten und Kriegsflüchtlingen in die Boote treibt. Derweil Ihre gut gesicherten, penibel gepflegten, kinderlosen Herrenhäuser leerstehen wie Spukschlösser.

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Glückwunsch, Sie haben gewonnen! Apartheid ist nicht tot, sie funktioniert prima. Für dieses Mal. Und auch die nächsten drei bis fünf Anstürme der von Ihnen aktiv gestalteten globalen Realitäten auf ihr Bullerbü für besser Betuchte werden Sie noch abwettern. Aber diese Realität hat die Angewohnheit, von Mal zu Mal stürmischer an die Küsten Italiens und irgendwann auch die Ufer der Alster zu branden. Und wer weiß, was sie dann eines Tages noch alles mit sich fortspült.

2 Kommentare zu „Flüchtlingsheim im reichen Viertel: Sieg der Apartheid

  1. So klar, schlicht und deutlich hat es noch niemand gesagt. Man sollte ein Plakat für Harvestehude daraus machen,
    danke, Bea Holtmann

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