„Karl Lagerfeld hat sich selbst erfunden“

John von Düffel wurde als Schriftsteller mit Romanen und Essays bekannt, die vielfach vom Wasser handeln. Es ist das Element, das ihm das Schreiben leicht macht, das die Erdenschwere aufhebt und den Fluss der Gedanken speist. Da bietet es sich an, ihn anlässlich einer Barkassen-Lesung auf der Elbe zu treffen.

Während der Altonale bringt Düffel dort im Alleingang ein philosophisches Duett (oder eher: Duell) zum Klingen. Als Vorleser seines neuen Buchs KL – Gespräch über die Unsterblichkeit schlüpft er abwechselnd in zwei Rollen: die eines anfangs eher unterwürfigen Interviewers sowie die des Interviewten, der niemand Geringeres ist als der exaltierte Modeschöpfer-Superstar „KL“. Wann immer dieser „KL“ zu Wort kommt, taucht Düffel bei der Lesung lustvoll in die sphärische, leicht entrückte Diktion des gottgleichen Couturiers ein, der dem Fragensteller seine huldvollen Audienzen gewährt.

Also ein Interview mit Karl Lagerfeld, auf 160 Buchseiten ausgewalzt? Es ist nicht so, wie es scheint. Denn wie so häufig bei Düffel gerät die Konversation alsbald gekonnt ins Schwimmen: Hierarchien werden angetastet, Machtverhältnisse kehren sich um, Abgründe des Weltschmerzes tun sich auf. Und am Ende bleibt der Verdacht, dass eine kunstvoll inszenierte Gesprächs-Phantasie allemal wahrer sein könnte als das, was in der Medienwelt als Wirklichkeit durchgeht.

Gründe genug für ein – tatsächlich geführtes – Interview mit dem Berliner Autor.

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John von Düffel (Foto: DuMont Buchverlag)

 

Zeilensturm: Ihr aktuelles Buch ist ein frei erfundenes Zwiegespräch mit dem Modepapst Karl Lagerfeld, der nur mit seinen Initialen in Erscheinung tritt. Hat er oder seine Rechtsabteilung schon reagiert?

John von Düffel: Gegen die reine Fiktion ist selbst Karl Lagerfeld machtlos. Und wie frei man erfinden kann, weiß er selbst am besten. Schließlich hat er sich selbst erfunden.

Zeilensturm: Sie philosophieren mit KL sehr unterhaltsam und dennoch tiefgründig über Leben, Tod, Gott und Karl Marx. Ist das nicht anmaßend, einer kaum verschlüsselten Person der Zeitgeschichte so viele intime Äußerungen in den Mund zu legen, die keine Chance bekommt, all das zu verifizieren?

Düffel: Es geht ja nicht darum, ob er es wirklich gesagt hat, sondern ob er es hätte sagen können. Und davon kann sich jeder Leser ein Bild machen. Manches ist sogar Lagerfeldscher als Lagerfeld selbst, sagen die, die ihn gut kennen.

„ES GEHT NICHT DARUM, OB ER ES GESAGT HAT, SONDERN OB ER ES HÄTTE SAGEN KÖNNEN.“

Zeilensturm: Das fiktive Interview ist nicht gerade eine etablierte Form im deutschen Literaturkanon und für manchen von daher vielleicht schwer verdaulich. Hat es Warnungen oder wohlmeinende Versuche gegeben, die Figur KL vielleicht lieber in die klassische Romanform zu gießen?

Düffel: Natürlich ist die Form keine literarisch heiliggesprochene. Aber KL ist nun einmal der beste Gesprächspartner der Welt. Ihn nicht schwadronieren zu lassen, hieße, seinen Witz und Geist schmälern.

Zeilensturm: Braucht die Literatur neue erzählerische Formate, wenn sie im Zeitalter der gegen Null gehenden Aufmerksamkeitsspanne weiterhin in Buchform bestehen will?

Düffel: So generell würde ich das nicht sagen. Mir geht es immer um Formen, die aus den Inhalten, Figuren oder Geschichten selbst entstehen. Die Form von KL ist KLs Form.

Zeilensturm: Viele Presseinterviews sind, ohne dass es zugegeben wird, ebenso fiktiv wie das von Ihnen mit „KL“ geführte. Ghostwriter denken sich die Antworten anstelle des Prominenten aus; tatsächlich geführte Gespräche werden im Nachhinen durch Pressestellen von vorn bis hinten „optimiert“. Wie viel Medienkritik steckt in Ihrem Buch?

Düffel: Die mediale Welt ist eine Fiktion, so wie Karl Lagerfeld auch. Wie manipulativ das ist, wollte ich auf spielerische Weise mit dem Buch zeigen, das sich ja auch immer wieder selber redigiert und umschreibt.

„DIE MEDIALE WELT IST EINE FIKTION, SO WIE KARL LAGERFELD AUCH.“

Zeilensturm: Ihr wunderbarer Roman Goethe ruft an erforschte vor einigen Jahren die Verfasstheit des Schriftstellers beim Schreiben. Der Eindruck verfestigt sich, dass Ihnen das Erkunden von Innenwelten wichtiger ist als das Komponieren äußerer Handlung. Wie „deutsch“ ist das?

Düffel: Das klingt, so wie Sie es beschreiben, sehr deutsch. Aber in der Hauptsache ist Goethe ruft an ein Versuch in Sachen Leichtigkeit bzw. „Leichtschreiben“. Und das ist sehr undeutsch. Der deutsche Autor ist ja eher ein Schwerschreiber.

Zeilensturm: Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. Müsste das Theater Karl Lagerfeld erfinden, wenn er es nicht selbst schon getan hätte?

Düffel: Er ist eine Figur par excellence. Er hat ein Kostüm, eine perfekte Maske, höchste Wiedererkennbarkeit. Mehr kann man auf der Bühne nicht verlangen.

Zeilensturm: Was kann der Schriftsteller vom Theater über den Umgang mit dem gesprochenen Wort, dem szenischen Dialog lernen?

Düffel: Das Unausgesprochene sprechen zu lassen.

Zeilensturm: Ist eine glaubwürdige Darstellung der Art und Weise, wie Menschen denken und reden, der Schlüssel zum qualitätsvollen Schreiben?

Düffel: Glaubwürdigkeit ist nur ein Kriterium von vielen. Sind Thomas Manns Dialoge glaubwürdig? Nein. Aber sie funktionieren sogar auf der Bühne großartig. Es geht meines Erachtens immer um Sprachkraft und die kann, aber muss man nicht bei der Wirklichkeit pumpen.

Zeilensturm: Durch Ihre Bücher webt ein fein dosierter, dadurch umso wirksamerer Witz. Wie subtil muss Humor sein, damit er noch als Literatur gelten darf?

Düffel: Das Ausschlussverhältnis von Humor und Literatur gibt es nur in Deutschland, aber es existiert hier, leider. Das hat mich mal traurig gemacht, inzwischen ist es ein Grund mehr für Humor.

„DAS AUSSSCHLUSSVERHÄLTNIS VON HUMOR UND LITERATUR GIBT ES NUR IN DEUTSCHLAND.“

Zeilensturm: „KL“ hat keinen Humor. Er würde ihn in seinem Arbeitswahn auch nur stören. Glauben Sie, Karl Lagerfeld besitzt welchen?

Düffel: Unbedingt! Einen sehr eigenen! Einen Haute-couture-Humor, nicht unbedingt Prêt-à-porter.

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