Durch Untiefen zum Romandebüt

Mit 19 Jahren heuerte Bernd Ockert als Schiffsjunge auf einem Stückgutfrachter an, der Hilfsgüter nach Ägypten fuhr. Als eines Tages der Messe-Steward besoffen von der Leiter fiel und sich ein Bein brach, hatte Ockert zusätzlich auch noch dessen Job an Bord. Doch die Seemannslaufbahn, die so wild und abenteuerlich begonnen hatte, fiel aus: Ockert, Jahrgang 1951, studierte und wurde ein ehrbarer Hamburger Exportkaufmann, der zahlreiche Länder und viele alte Hansestädte bereiste.

Bis den Hobbysegler viele Jahre später der alte Lebenstraum einholte, einmal ein Buch zu schreiben. Einen historischen Abenteuerroman, in dem handelsreisende Seefahrer eine Rolle spielen.

So entstand Im Auftrag der Hanse, Ockerts Romandebüt im Alter von 64 Jahren. Wie gelingt es einem unbekannten Autor, die Klippen des Literaturbetriebs erfolgreich zu umschiffen, statt daran zu zerschellen?

Mit Zeilensturm sprach Ockert über seinen unorthodoxen Kurs zum richtigen Verlag, die Untiefen des Lektorats, die triumphale Einfahrt in den Hafen der Erstveröffentlichung – und eine Lesung in der Hamburger Speicherstadt.

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Bernd Ockert                                                                      (Foto © Oliver Driesen)

Zeilensturm: Seefahrt, Handel, Abenteuer – wie du zu deinem Thema gekommen bist, ergibt sich aus deinem Lebenslauf. Aber warum das Mittelalter?

Ockert: Mich reizte besonders die Entstehungsphase der Hanse, Ende des 13. Jahrhunderts, in der auch mein Buch spielt. Da wurden Städte wie Riga gegründet, einer der Schauplätze des Romans. Damals gab es noch eine Durchlässigkeit der sozialen Schichtung: Als fleißiger Kaufmannsgehilfe konnte man es zum selbständigen Kaufmann und dann bis zum Ratsmitglied bringen. Später ging so etwas nicht mehr, da wollten die höheren Stände unter sich bleiben und auch unter sich heiraten; eine regelrechte Inzucht.

Zeilensturm: Was hat es mit der Karte im Untertitel auf sich?

Ockert: Zur Zeit des Romans gab es noch keine Seekarten. Die wunderschönen Karten von Magellan etwa kamen viel später. Was es gab, waren „Seebücher“ mit Informationen über die Besonderheiten der Einfahrt in diverse Häfen. Auf offener See gab es zum Navigieren nur die Sterne, und das noch ohne Sextant und Kompass! In Küstennähe konnte man zusätzlich das Lot einsetzen. Meine Fiktion ist nun: Ein schlauer Mönch hat schon im 13. Jahrhundert die Seebücher zu einer ersten Seekarte zusammengestellt. Das wäre durchaus möglich, wenn auch sehr mühsam gewesen. Und so eine Karte hätte einen extrem hohen Wert dargestellt – darum dreht sich dann auch das Verbrechen, das der jugendliche Held aufklären muss. Als Abgesandter des Lübecker Senats wird der junge Kaufmannsgehilfe mit der Ermittlung in diesem Kriminalfall betraut. Er ist eine Art James Bond des Mittelalters (lacht).

Zeilensturm: Das klingt alles, als ob intensive Recherchen notwendig waren. Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Ockert: Etwa zweieinhalb bis drei Jahre, aber meist nur sonntags. Denn unter der Woche mit zahlreichen Geschäftsreisen war ich abends meist zu müde. Ich habe mir alle erreichbaren Ausstellungen zur Geschichte der Hansestädte angesehen und die Grundidee währenddessen immer weiter ausgearbeitet, also sequenziell geschrieben.

Zeilensturm: War dir anfangs klar, wie viel Selbstdisziplin das erfordert?

Ockert: Es hat mich nicht überrascht. Auch für meine Reisen nach Osteuropa muss ich alles perfekt organisieren und vorausplanen, sonst funktioniert das nicht. Dasselbe gilt halt für ein Buch. Ich habe während der Recherchephase auch noch Kurse in kreativem Schreiben bei einer Volkshochschule besucht. Das hat mir auch viel geholfen.

Zeilensturm: Volkshochschule und kreatives Schreiben? Das wird oft milde belächelt…

Ockert: Von dem Kursleiter, der selbst Schriftsteller ist, habe ich sehr viel lernen können. Und er hat mich vor allem auch bestärkt: Mach das weiter! Das war überhaupt das Wichtigste. Was mir in den Kursen aufgefallen ist: Da trifft man immer auch diese Leute, die zwar sehr gut schreiben können, aber nichts zu erzählen haben. Das Problem sehe ich oft, dass Schreiber keine Ideen haben, keinen eigenen Input, kein ureigenes Thema, über das sie schreiben wollten. Die Geschichten werden dann auch trotz gutem Stil sehr mäßig. Es muss einem klar sein, dass man eine gute Idee braucht, nicht nur guten Stil. Aus meiner Sicht sollte man mit Kurzgeschichten beginnen, also auch gezielt einen Kurs belegen, der schon im Titel das Wort Kurzgeschichte trägt. Da kann man viel lernen: eine Geschichte entwickeln, sie zu einem Höhepunkt zu bringen, und das alles auf wenigen Seiten.

„In den Kursen trifft man immer auch diese Leute, die zwar sehr gut schreiben können, aber nichts zu erzählen haben.“

Windspiel-Verlag Scharbeutz, 2015, Paperback, 12,90 €
Windspiel-Verlag Scharbeutz, 2015, Paperback, 12,90 €

Zeilensturm: Wie hast du dann deinen Verlag gefunden?

Ockert: Ein Literaturagent hatte das Manuskript gelesen und fand es auch gut, sah aber trotzdem keine Möglichkeit, es bei einem Verlag unterzubringen. Historische Romane würden derzeit nicht so gut laufen. Da war ich also so klug wie am Anfang. Dann kam ich auf die Idee mit der Messe. Ich fuhr zur Leipziger Buchmesse und habe unangemeldet alle Verlagsstände abgeklappert, die aufgrund ihres Programms infrage kamen. Gezielt die kleineren, die nehmen so ein Buch eher als die großen. Man bekommt ohnehin keinen Termin dort.

Zeilensturm: Stopp! Auch diese Strategie eines hoffnungsvollen Autors, einfach mit der Tür ins Haus zu fallen, halten Experten meist für wenig zielführend.

Ockert: Aber ich hatte ein gutes Kurz-Exposé des Inhalts mit dabei, das ich den Verlagsleuten in die Hand drückte. Solch ein auf den Punkt geschriebenes Exposé kann ich nur jedem empfehlen. Immerhin hörte ich mal das Feedback: Wir finden die Geschichte toll, aber sie passt bei uns nicht rein. Das war ja schon mal was! Und dem einen oder anderen dieser Buchmesse-Verlage habe ich dann später noch Auszüge aus dem Buch geschickt. Sehr wichtig ist auch, dass der Verlag den Stoff eines Manuskripts einem Genre zuordnen kann. Denn gerade kleinere Verlage legen sich meist auf ganz bestimmte Genres fest. Der eine macht nur Eifel-Krimis, der andere nur historische Romane. Der Windspiel-Verlag sitzt in Scharbeutz an der Küste, den interessierte das Thema, weil es in seine Gegend passte.

„Sehr wichtig ist auch, dass der Verlag den Stoff eines Manuskripts einem Genre zuordnen kann. Denn gerade kleinere Verlage legen sich meist auf ganz bestimmte Genres fest.“

Zeilensturm: Interesse ist noch lange keine Zusage.

Ockert: Nein, aber ich hatte ihnen auch ein Bändchen mitgeschickt, in dem eine meiner Kurzgeschichten veröffentlicht worden war. Damit hatte ich bei einem kleinen Literaturwettbewerb in meinem Stadtteil teilgenommen und war zwar nicht unter die ersten drei gekommen, aber immerhin unter die ersten zehn, die in dem Büchlein veröffentlicht wurden. So sah der Verlag, dass ich schon mal gedruckt worden war. Das ist also auch ein Tipp für Neulinge: Macht mit Euren Kurzgeschichten bei Wettbewerben mit, dann habt ihr mit etwas Glück schon eine Veröffentlichung zum Vorzeigen bei den Verlagen! Den Windspiel-Verlag hat es wohl zusätzlich überzeugt. Allerdings kam von denen dann zunächst das Angebot: Wir machen da gerade auch so einen Band mit Kurzgeschichten, schreiben Sie uns erst mal eine dafür! Das tat ich, und die ist auch bei Windspiel veröffentlicht worden.

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(Foto © Oliver Driesen)

Zeilensturm: So hast du die Verlagsleute langsam sturmreif geschossen.

Ockert: Man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie damit ein Risiko eingegangen sind: Es war ihr erster historischer Roman. Zunächst allerdings erhielt ich mal eine Lektorin zugeteilt.

Zeilensturm: Aha! Jetzt kommen wir zum Kern der Sache. Ein hoffnungsvoller Autor und eine strenge Leserin vom Fach, die sein Buch noch besser machen will. Man hört es knistern. Hat die Lektorin die Schwächen deines Manuskripts denn einfühlsam behandelt?

Ockert: Nein, eher mit der Keule (lacht). Teilweise waren die Seiten schon sehr rot, besonders im Einstieg. Da schluckt man dann hart. Ich bin froh, dass das nicht mit irgendwelchen Durchschlägen auf Papier und TippEx lief, das wäre furchtbar gewesen! Sie hat das Buch insgesamt dreimal gelesen und dreimal korrigiert. Und dabei gab sie immer gute Tipps: wo die Logik noch fehlte, wo Fragen offen blieben – da macht man als Erstling noch viele Fehler.

Zeilensturm: Komm, es war nicht alles pure Harmonie …

Ockert: Natürlich haben wir uns teilweise auch in die Wolle gekriegt, und das ist auch gut so. Sie wollte bei der Darstellung einer Liebesbeziehung im Mittelalter partout die Rolle der beteiligten Frau stärken, aber Frauen hatten im Mittelalter im Alltag nichts zu sagen. Das wird gern falsch gemacht in Mittelalter-Romanen, wo die Heldin oft eine ganz starke, dominante Frau ist: Wunderheilerin, Wanderhure, Frau des Henkers – das ist alles Bullshit! So ein Rollenbild gab es damals nicht. Ich habe meiner Frauenfigur eigentlich auch eine gute Rolle zugeteilt: Sie ist im Kloster als Heilpflanzenkundige eine starke Position, aber nur dort war das auch möglich. Man denke an Hildegard von Bingen. In diesem Punkt habe ich mich gegen die Lektorin durchgesetzt, die diese Frau viel aufmüpfiger machen wollte.

„Diese starken Frauenfiguren: Wunderheilerin, Wanderhure, Frau des Henkers – das ist alles Bullshit! So ein Rollenbild gab es damals nicht.“

Zeilensturm: Aber das Leben ist ein Geben und Nehmen. Wo musstest du dafür während des Lektorats klein beigeben?

Ockert: Es gibt eine Szene, da kämpfen zwei Leute im Dunkeln miteinander, ganz schwierig zu schreiben. Da muss ja ein Bild im Kopf des Lesers entstehen. Diese Szene hat sie mich drei- oder viermal neu schreiben lassen. Da muss man sich dann von dem Gedanken verabschieden: Jetzt habe ich das einmal so hingeschrieben, jetzt bleibt das so. Nein, wer etwas wirklich Gutes schreiben will, muss es bisweilen mehrmals überarbeiten.

Zeilensturm: Und wie lange dauerte dieses Martyrium insgesamt?

Ockert: Über fast drei Monate – natürlich nicht jeden Tag – haben wir gemeinsam an dem Buch gearbeitet. Und bis heute habe ich meine Lektorin noch nie persönlich gesehen, wir haben uns immer telefonisch oder digital ausgetauscht. Das ging wunderbar! Nach anfänglichen Problemen, die man immer hat, weil man mal sein Ego zurücknehmen muss, habe ich auch von ihr viel gelernt. Kein Wunder, sie hat schon in ihrer Email-Adresse „fehlerjaegerin“ stehen. Und das Buch hat durch sie einen gewaltigen Qualitätssprung gemacht.

Zeilensturm: Was ging dir durch den Kopf, als du das gedruckte Endergebnis zum ersten Mal in der Hand hattest?

Ockert: Ein ganz tolles Gefühl! Da konnte ich sagen: Jetzt habe ich es geschafft. Das war seit Jahren einer meiner Lebensträume gewesen, mein eigenes Buch …

Zeilensturm: … mit dem ein Autor dann im Auftrag des Verlags Lesungen bestreitet – so stellt man sich das vor.

Ockert: Das musste ich schon selbst in die Hand nehmen. Ich habe mir Ende 2015 eine Lesung im Hamburger Speicherstadt-Museum organisiert, zusammen mit einem anderen Autor. Da kamen 80 Leute, das war schon eine Art Ritterschlag. Vom Verlag war allerdings niemand dabei. Das fand ich ein wenig schade, aber so kurz vor Weihnachten …

Zeilensturm: Das Buch ist seit Mai auf dem Markt. Wie hat es sich verkauft?

Ockert: Bislang sind rund 1000 Exemplare verkauft worden.

Zeilensturm: Vierstellig! Nicht schlecht für einen Erstling und einen kleinen Verlag! Aber zum Hauptberuf würdest Du die Schriftstellerei dann doch nicht machen wollen, nehme ich mal an?

Ockert: Ich erhalte von jedem verkauften Exemplar meines Romans 72 Cent. Vom Romaneschreiben zu leben ist selbst für die Lehrer, die ich in meinen Kursen hatte, absolut nicht möglich. Sonst müssten sie ja keine Kurse geben.

Zeilensturm: Ist das eigentlich fair gegenüber den Autoren, von deren Kunst die Verlage ja immerhin ausschließlich leben?

Ockert: Gute Frage. Damit es anders ginge, müssten die Bücher wohl viel teurer sein, und das würden die Leser nicht akzeptieren. Mein Buch gibt es auch als E-Book, da kostet es nur 8,60 Euro.

Zeilensturm: Und wann folgt Band 2 von „Im Auftrag der Hanse“?

Ockert: Im Kopf gibt es da schon etwas. Es könnte dazu kommen, dass das nächste Buch in Bergen in Norwegen spielt, auch eine alte Hansestadt, in die ich noch reisen will. Es gab eine Zeit, später als im ersten Buch, da tobte ein Aufstand innerhalb der Hanse. Das fand ich auch interessant, das könnte eine Rolle spielen. Aber ich will nicht zu viel verraten.

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