„Ich bin doch selbst das Kind von Migranten“

Ruben Herzberg, jüdischer Direktor des Hamburger Ganztags-Gymnasiums Klosterschule, über den Umgang mit muslimischen Flüchtlings- und Migrantenkindern an seiner Schule – und mit der Angst vor einem erstarkenden Rechtsextremismus in der Stadt.

Flüchtlingskrise – war da was? Seit Angela Merkel in Recep Erdoğan einen Despotenfreund und Kuhhandelspartner gefunden hat, um die Balkanroute zu blockieren, hat sich das Problem – vermeintlich, vorübergehend – in heiße Luft aufgelöst. Doch Hunderttausende Flüchtlinge und Migranten sind und bleiben in Deutschland, Zehntausende allein in Hamburg. Ihre Schicksale werden hier nun allmählich in handhabbare Verwaltungspakete zerlegt. Zu diesen Päckchen zählt der Besuch hiesiger Schulen, mit all seinen kulturellen und materiellen Unsicherheiten für beide Seiten.

Die auf den Flüchtlingsrouten ins Land gekommenen Kinder und Jugendlichen werden von der Schulbehörde auf staatliche Schulen verteilt, was den vor allem im Hamburger Osten hohen Einwanderer-Anteil unter den Schulkindern weiter erhöht. Eine der von den Zuweisungen betroffenen öffentlichen Schulen, das staatliche Friedrich-Ebert-Gymnasium in Harburg, teilte den Flüchtlingskindern „aus Sicherheitsgründen“ bereits eigene Pausenzeiten zu, wie ein Medienbericht den Schulleiter zitierte.

Kann man nicht auch einen pragmatischen, pro-aktiven, von Wohlwollen für die Kinder geprägten Ansatz wählen, der vor Problemen dennoch nicht die Augen verschließt? Ob und wie das funktioniert, habe ich im Gespräch mit dem Leiter der 1872 gegründeten Klosterschule (entgegen dem Klang des Namens heute ein staatliches Ganztags-Gymnasium) in St. Georg zu ergründen versucht. Ruben Herzberg (64) ist seit 22 Jahren der Direktor dieser Schule, an der schon vor der Flüchtlingskrise Kinder und Jugendliche aus über 40 Herkunftsländern für das Abitur oder den mittleren Bildungsabschluss lernten. Nun kommen zunächst rund 60 weitere Jugendliche hinzu, in vier „Container-Klassen“.

Herzberg war von 2007 bis 2011 zudem der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, was diesem Interview eine weitere Dimension hinzufügt. Denn kulturell-religiöse Spannungen und erstarkende muslimische Parallelgesellschaften in der Stadt drohen im Gefolge der jüngsten Migrationswelle auf einen eskalierenden Rechtsextremismus zu prallen – für deutsche Juden eine zunehmend beklemmende Position zwischen dem aufbrechenden nationalsozialistischen Trauma und der antijüdischen, islamistischen Agitation. Herzberg weiß, wie sich Ausgrenzung anfühlt: Als Kind deutscher Juden, die vor den Nazis geflohen waren, in Haifa / Israel geboren und mit den Eltern nach Deutschland zurückgekehrt, war er selbst zweimal in seinem Leben „Flüchtlingskind“.

Meine beiden Kinder besuchen die Klosterschule, weshalb mein Interesse am Gespräch mit Herzberg kein ausschließlich journalistisches war.

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Ruben Herzberg, Leiter der Hamburger Klosterschule

Zeilensturm: Sie sind in den vergangenen Monaten kaum erreichbar gewesen, weil Sie – derzeit ohne Stellvertreter – unter anderem die Einrichtung von vier Flüchtlingsklassen für das kommende Schuljahr bewerkstelligen mussten. Wurden Sie und Ihr Kollegium von dieser Aufgabe überrascht?

Ruben Herzberg: Im Gegenteil, wir wollten das! Wir haben das herbeigeführt. Mit „wir“ meine ich einen gewissen Kern der bis zu 100 Lehrer und Mitarbeiter der Klosterschule. Schon lange vor der förmlichen Übereinkunft im Kollegium habe ich erste Signale an die Schulbehörde geschickt: Wir liegen mitten im Herzen der Hansestadt, wir haben eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Kindern aus Migrantenfamilien. Wenn jetzt Flüchtlinge in großer Zahl nach Hamburg kommen, können wir uns gut vorstellen, das zu unserem Thema zu machen. Gleichzeitig habe ich signalisiert: Das wird nur gehen, wenn man uns die letzte Raumreserve nicht nimmt, nämlich unsere Container. Wir konnten ja erst im Februar unseren Neubau für die Oberstufe einweihen, und im Zuge dieses Neubaus war uns von Anfang an klar, dass wir die alten Container dann loswerden wollten. Aber zusätzliche Schüler brauchen Platz. Wir konnten sie also nur aufnehmen, wenn die Container noch eine Gnadenfrist bekämen. Und die Betriebsgenehmigung wurde zähneknirschend verlängert.

Nun ziehen dort rund 60 Schüler aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien ein. Was sind das für Jugendliche?

Eine erste Flüchtlings-Klasse mit 18 Schülerinnen und Schülern gibt es schon seit Anfang April. Nach den Sommerferien werden voraussichtlich drei weitere Klassen hinzukommen, auch hier jede maximal mit 18 Schülern. Im Augenblick gehören alle ungefähr zur Jahrgangstufe 9, weil sie 14 bis 16 Jahre alt sind. Sie haben ganz unterschiedliche Sprach- und Bildungserfahrungen. Es gibt einen Schüler, der in Beirut eine bilinguale Schule besucht hat und entsprechend gut in Englisch ist. Andererseits gibt es Schüler, die nur ihre Muttersprache sprechen. Rund ein Drittel kommt aus Afghanistan, ein zweites Drittel aus Syrien, der Rest aus mehreren Ländern Afrikas und Osteuropas. Wir haben auf diese Mischung keinen Einfluss genommen, das zentrale Verteilsystem der Hamburger Schulbehörde weist die Jugendlichen den Schulen zu. Es gibt zwei Sorten von Flüchtlingsklassen: zum einen die Basis- oder Alphaklassen mit Schülern, die noch nie in lateinischen Buchstaben alphabetisiert worden sind; zum anderen die Internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) für solche, die lateinische Buchstaben schon lesen und schreiben können, weil das den entscheidenden Unterschied macht. Denn fast alle haben keine oder sehr geringe Deutschkenntnisse. Die Asylverfahren laufen in den meisten Fällen noch, sodass wir fürchten müssen, einen Teil der Schüler nicht lange bei uns behalten zu können. Bei diesem Teil liegen wahrscheinlich keine ausreichenden Asylgründe für einen dauerhaften Aufenthalt vor.

Für wie lange Zeit planen Sie mit denjenigen, die voraussichtlich bleiben dürfen?

Wir wissen ja nicht, wie es in Syrien weitergeht. Vielleicht fällt dort plötzlich der Frieden vom Himmel, dann wird man sicher den befristeten Flüchtlingsstatus nicht verlängert bekommen. Aber eher ist zu befürchten, dass der Kriegszustand noch mehrere Jahre andauern wird, ähnlich wie auch in anderen Weltregionen. Aber dass wir nicht wissen, wie lange diese Kinder unsere Schüler bleiben können, wird uns nicht davon abhalten, ihnen so lange wie möglich eine gute Schule zu sein. Einige wollen wir gerne bis zum Abitur führen, sobald ihr Deutsch gut genug entwickelt ist. Wir haben schon in den vergangenen Jahren einzelne Schüler aus Migrantenfamilien erlebt, bei denen erstaunliche Entwicklungen stattgefunden haben. Eine Schülerin haben wir mit ganz geringen Deutschkenntnissen in der 8. Klasse übernommen, und sie hat dann nach fünf Jahren – ein Jahr wurde wiederholt – ein Abitur mit Notendurchschnitt von 1,5 gemacht, mit exzellenten Arbeiten auch in Deutsch und in Philosophie. Das ist etwas, das im Einzelfall möglich ist bei besonderen Anlagen. Wir planen aber generell, mit den Schülern der IVK 9/10 nach zwei Jahren den mittleren Schulabschluss zu erreichen. Dieses Anrecht auf zwei Jahre Schulbesuch in einer IVK haben sie in Hamburg. Für jüngere Schüler ist ein Jahr Besuch einer IVK vorgesehen. Danach soll der Übergang in eine Regelklasse erfolgen.

Dass wir nicht wissen, wie lange diese Kinder bei uns bleiben, wird uns nicht davon abhalten, ihnen so lange wie möglich eine gute Schule zu sein.

Was war Ihr persönliches Motiv, diese Klassen ganz bewusst an die Klosterschule zu holen, was ja für Sie und Ihr Kollegium nicht unerhebliche Mehrarbeit bedeutet?

Schwer zu sagen … ich halte das für ziemlich selbstverständlich. Ich persönlich wache jeden Morgen mit einem Glücksgefühl auf, dass ich hier und heute leben darf – also nicht hier vor 80 Jahren und nicht heute woanders. Weltgeschichtlich betrachtet ist das die absolute Ausnahmesituation, was wir hier in Deutschland miteinander erleben. Das nehmen vielleicht nicht alle so genau wahr, aber viele von uns eben doch. Und dieses Glück ein wenig zu teilen, ohne dass es uns deswegen schlechter geht – auch, wenn es mit etwas mehr Anstrengung im Beruf verbunden ist: Wofür wären wir denn sonst berufstätig? Doch nicht nur dafür, dass jeden Abend Essen im Kühlschrank ist!

Wurde die finanzielle und personelle Ausstattung der Schule angepasst, um die zusätzlichen, stark förderbedürftigen Kinder aufnehmen zu können?

Diese zusätzlichen Ressourcen gibt es, und sie sind sogar erstaunlich hoch. Wir bekommen in Hamburg pro Flüchtlingsklasse eine Zuweisung, nicht pro Flüchtlingskind. Das ist deswegen wichtig, weil Geld und Personal sonst üblicherweise schülerbezogen zugeteilt wird. So aber ist es egal, ob eine Klasse nur aus fünf oder aus 15 Schülern besteht: Es gibt dafür die vollständige Ressource. Eine Klasse bedeutet in diesem Fall 1,3 Lehrerstellen, so dass wir bei vier IVK-Klassen von ungefähr fünf zusätzlichen Lehrerstellen mit dem entsprechenden Zeitbudget ausgehen können. Gerade heute haben wir diese Lehrer in einer Klausurtagung des Schulleitungs-Teams den Klassen zugewiesen. Es wird mehrere Neueinstellungen von Lehrkräften geben, die ich schon ausgesucht habe.

Besteht die Gefahr, dass die Ballung dieser Kinder in Container-Klassen auch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft an der Schule begünstigt?

Da müssen wir aufpassen! Aber die Container stehen bei uns seit zehn Jahren. Solange wir hier die Neubaumaßnahmen hatten und einen Teil unserer regulären Klosterschüler in Containern unterrichtet wurden, gab es auch keine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und für die Zukunft: Der Neubau für die Oberstufe ist derzeit zweigeschossig. Die Klosterschule ist in ihrer Geschichte schon zweimal aufgestockt worden. Das erste Mal 1929, noch unter Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Dann, 2006, ist der 1997 vollendete Backsteinbau, in dem unser Studio ist, aufgestockt worden, weil der Platzmangel sich nicht anders beheben ließ. Und für das dritte Mal ist Vorsorge getroffen: Die Statik unseres neuen Oberstufengebäudes ist bereits so ausgelegt, dass eine Zusatzetage baulich möglich ist. Wenn die zusätzlichen Schüler also dauerhaft bei uns bleiben, wird über kurz oder lang die dritte Aufstockung kommen.

Wie weit können die Kinder, solange sie in Containern unterrichtet werden und im Durchschnitt noch über geringe deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ansonsten in den normalen Schulbetrieb integriert werden?

Tatsächlich hat uns die Frage beschäftigt: Ist die Container-Lösung überhaupt zumutbar? Diese Kinder wohnen ja auch zum Teil in Containern. In Hammerbrook etwa wird derzeit eine große Wohnanlage für viele hundert Menschen gebaut. Sie wachen also zwischen Containern auf, müssen einen Schulweg durch ein unattraktives Industriegebiet nehmen, erreichen endlich die schöne Klosterschule – und sitzen dort wieder im Container? Letztlich überwog, dass es erst einmal um eine schnelle Notlösung gehen musste. Aber wo es möglich ist, wollen wir die baldige Vernetzung mit dem Regelschulbetrieb. Wir haben mit ganz einfachen Schritten angefangen: Der Zugang zu den Containern ist näher ans Hauptgebäude gerückt, damit man zwischen beiden Orten möglichst kurze Wege hat. Im Sportunterricht haben wir schon mit ersten Integrationsmaßnahmen begonnen, indem unsere erste IVK-Klasse den Sportunterricht gemeinsam mit gleichaltrigen Regelschülern einer 9. Klasse besucht. Da steht schließlich nicht die Sprache im Vordergrund, sondern die gemeinsame Bewegung. Durch einen glücklichen Zufall ist die Klassenlehrerin dieser IVK-Klasse zugleich Sportlehrerin der Regelklasse, sie verbindet also beide Gruppen ideal. Weil das jetzt plötzlich rund 40 Schüler sind, erhält sie Unterstützung von einer Sozialpädagogin. Wir haben übrigens in unserer Situation von der Schulbehörde auch eine zusätzliche halbe Sozialpädagogenstelle erhalten. In anderen Fächern ist Integration ähnlich schnell möglich: Musikpraxis, bildende Kunst, Tanz, auch Theater mit seinen körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Diese Fächer sind bei uns Wahlpflichtkurse, die in aller Regel nicht überlaufen sind, also ein wenig Platz bieten. Überall dort wollen wir Begegnung und Zusammenarbeit herstellen.

Anderswo in Hamburg läuft es anders: Am Harburger Friedrich-Ebert-Gymnasium wurden „aus Sicherheitsgründen und zum Gesundheitsschutz“ unterschiedliche Pausenzeiten für Flüchtlingsklassen und den Rest der Schule eingeführt …

… da bin ich vom Glauben abgefallen! Ich hatte noch keine Chance, mit meinem dortigen Schulleiterkollegen Volker Kuntze zu sprechen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren, auch privat. Wir haben uns immer gut verstanden, und ich kann mir gut vorstellen, dass er mir dazu viel Differenzierteres zu sagen hätte als das, was in den Medien zitiert wird. Der Eindruck durch diesen Medienbericht ist ja, dass dort eine Art Isolierstation gegründet wurde aufgrund der Vorstellung, dass da Menschen mit ansteckenden Krankheiten herumliefen oder jedenfalls Schüler, vor denen man den Rest der Welt schützen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das die Grundideen waren. Unsere eigenen Vorstellungen gehen jedenfalls davon aus, dass man diese Schüler aufnehmen sollte, ob Flüchtlinge oder nicht, und dass sie ein Anrecht darauf haben, nicht als Insassen einer Isolierstation behandelt zu werden.

Der Eindruck ist ja, dass eine Isolierstation gegründet wurde für Schüler, vor denen man den Rest der Welt schützen muss.

Sind solche oder ähnliche Abwehrreflexe auch an Ihrer Schule aus der Elternschaft oder dem Kollegium geäußert worden?

Ich kann nicht ausschließen, dass bei uns Menschen mit solchen Befürchtungen herumlaufen, aber das ist nicht artikuliert worden. Eine ganz interessante Erfahrung gibt es: Kürzlich hatten wir Vertretungsbedarf in unserer ersten IVK. Die für die Vertretung vorgesehene Kollegin, die diese Klasse nicht kannte, hatte große Sorge, ob das wohl gutgehen würde. Sie ging dann gemeinsam mit einer zweiten Kollegin zu dieser Vertretungsstunde. Als sie schließlich wieder draußen war, sagte sie: Wenn da morgen wieder Vertretung benötigt wird, kann man mich gerne einplanen! Es gibt also sicherlich bisweilen Vorbehalte, nicht alle werden ausgesprochen – vielleicht aus Sorge um die politische Korrektheit und weil man nicht in die „böse Ecke“ gestellt werden will. Aber was uns im Kollegium sehr geholfen hat, war eine anderthalbtägige pädagogische Konferenz im Februar zum Thema Flüchtlinge an der Klosterschule. Da ging es nicht nur um unterrichtstechnische Fragen, also wie man etwa Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Sondern einen halben Tag lang auch um die Sensibilisierung für den Umgang mit Traumata bei Geflüchteten, wobei wir eine sehr sachkundige Referentin aus dem Elternrat hatten.

Haben Sie die Regelschüler der Klosterschule auf die neuen Verhältnisse nach den Sommerferien vorbereitet?

Vielleicht nicht systematisch, aber atmosphärisch schon. Es wurde in vielen Klassennachmittagen thematisiert, auch im Schülerrat diskutiert. Auch da wurden ganz praktische Fragen des Umgangs angesprochen. Es ging ja zunächst um nur eine Klasse neuer Schüler, die bei insgesamt 1000 Klosterschülern nicht überall präsent sein wird. Aber zum neuen Schuljahr, wenn drei weitere Klassen dazukommen, wird es Zeit, sich dazu noch mehr Gedanken zu machen und mit den einzelnen Klassen altersgerecht über Schicksale und Fluchtwege der Kinder zu sprechen, die da zu uns kommen. Und ebenso über die Sorgen und Nöte, die unsere Klosterschüler möglicherweise im Umgang mit den Neuzugängen haben.

Die neu hinzukommenden Kinder und Jugendlichen fanden sich mit ihren Familien aus kriegs- und armutszerrütteten Ländern mit einer teils fundamentalistisch-muslimischen Religion und Kultur abrupt hier bei uns wieder. Wie vermitteln Sie solchen Schülern die demokratischen Werte der westlichen Freiheits- und Leistungskultur?

Da müssen wir uns wahrscheinlich noch professionalisieren, denn darin sind wir nicht wirklich geübt. Ein ganz alltägliches Beispiel: Tanzen. In unserer ersten IVK kam die Idee auf, etwas mit Tanz zu machen. Die Mädchen in der Klasse hatten Lust dazu – aber einige nur, wenn die Jungen nicht dabei sind. Und da müssen wir als Pädagogen erst einmal nachdenken, ob wir das gut finden oder nicht. Wollen wir das nur dann fördern, wenn es immer auch mit den Jungen zusammen stattfindet? Oder wollen wir vielleicht sogar verbieten, dass es eine Geschlechtertrennung an unserer Schule gibt, die nach unserer westlichen Vorstellung eigentlich abgeschafft gehört? Wir haben dann nachgedacht, und ich sagte: Noch 1968 gab es diese Trennung zwischen Jungen und Mädchen mitten in Hamburg. Die Klosterschule war eine reine Mädchenschule! Übrigens schrieb ich damals mit meiner jetzigen Frau zusammen Flugblätter für die Einführung der Koedukation, damals noch in Frankfurt. Die Vorstellung, dass Jungen und Mädchen stets gemeinsam erzogen werden sollten, ist also selbst bei uns im Westen erst eine Entwicklung der letzten 40 Jahre. Will sagen: Das Ergebnis einer solch langwierigen Entwicklung sollten wir nicht innerhalb weniger Tage auf junge Leute herabregnen lassen, die in einer anderen Tradition großgeworden sind. Für den Augenblick sollten wir froh und dankbar sein, wenn sich durch Tanz Hemmungen lösen und schöne Erlebnisse einstellen. Und wenn die Mädchen dabei nicht von Jungen angestarrt werden wollen, ist das erst einmal nichts Anstößiges.

Wie werden Sie in Zukunft mit muslimischen Symbolen wie dem Kopftuch oder einer noch weiter gehenden Verschleierung umgehen?

Meine persönliche Meinung, die wir aber schulintern noch diskutieren müssen, ist: Jeder Mensch darf sich so kleiden, wie es ihm oder ihr gefällt. Wenn sich jemand – aus religiösen, nicht lediglich aus modischen Gründen – ohne bedeckten Kopf unwohl fühlt, dann muss man das akzeptieren. Auch dem Rabbiner wird niemand den Hut vom Kopf fegen, wenn er in die Schule kommt. Deswegen fege ich auch keinem muslimischen Mädchen das Kopftuch vom Kopf. Etwas anderes ist die Gesichtsverschleierung. Die ist für mich eine Grenze, die ich nicht überwinden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, eine alltägliche Kommunikation mit Menschen zu pflegen, deren Gesicht ich nicht sehe. Das Gesicht ist der individuellste Ausdruck eines Menschen, und wenn es verschleiert ist, spreche ich mit einer Unperson, deren Emotionen und Reaktionen ich nicht wahrnehmen kann. Das ist mir unangenehm bis unheimlich, und ich empfinde das als äußerst entwürdigend auch für mich als Gesprächspartner. Wir waren an der Klosterschule noch nie in der Situation, uns damit auseinandersetzen zu müssen, weil noch nie ein Mädchen bei uns mit Gesichtsschleier aufgetreten ist. Das Kopftuch hingegen ist bei uns Normalität.

Das Gesicht ist der individuellste Ausdruck eines Menschen, und wenn es verschleiert ist, spreche ich mit einer Unperson.

Eine Auseinandersetzung gibt es, die meines Wissens auch noch nicht beendet ist: die Kopfbedeckung in der Kantine bei Jungs, zum Beispiel eine Basecap. Es gibt Kollegen, die das anstößig finden, denn „bei uns macht man das nicht“. Ich habe da nur gefragt: Was ist denn, wenn der Rabbi unsere Kantine besucht? Muss der auch den Hut abnehmen? – Nein, der doch nicht, hieß es dann. – Ja, gut, frage ich zurück, aber wenn ein muslimischer Junge oder jemand, der Krätze hat, sein Haupt nicht entblößen will vor aller Welt: Der muss das dann tun? Und dann bricht die Argumentation der anderen Seite zusammen, denn gegen das Rabbi-Argument kann man ja politisch korrekt nichts sagen. Das ist natürlich gemein! (Lacht.) Die ganze Wahrheit lautet aber: Mich stört das auch im Unterricht, wenn Jungs da ihre Kappe nicht absetzen. Dann empfehle ich auch den Kollegen die Leitlinie der Argumentation: Wenn du wirklich gute Gründe dafür hast, brauchst du sie mir nicht erzählen, dann akzeptiere ich das. Aber wenn es eher modische Gründe sind, dann stört es mich schon. Das wird dann auch befolgt, aber nur, wenn es authentisch vorgebracht wird.

Und bei anderen kulturellen Konflikten? Wie halten Sie es mit der Teilnahme muslimischer Mädchen am Schwimmunterricht, mit Schweinefleisch in Schulkantine oder mit Sonderregelungen für religiöse Feste?

Teilweise passen wir uns an. Wir haben immer ein vegetarisches Gericht, und Schweinefleisch wird gekennzeichnet. Es gibt also eine Alternative dazu. Das war aber schon vor 20 Jahren so an der Klosterschule, denn wir hatten damals schon einen erkennbaren Anteil muslimischer Schüler. Ganz selten haben wir die Diskussion um die Teilnahme muslimischer Mädchen am Schwimmunterricht. Manchmal hilft dann der Hinweis auf Ganzkörper-Schwimmanzüge, die es ja gibt. Und ganz selten – die Fälle kann ich in meinen 22 Jahren als Schulleiter an einer Hand aufzählen – waren wir nicht erfolgreich mit unserer Argumentation, dass Hamburg eine Stadt mit 2000 Brücken ist und dass es das Leben verlängert, wenn man schwimmen kann. Ich versuche dann auch, den Eltern zu erläutern, dass es eine Art der Fortbewegung ist, die sie ihren Kindern gönnen sollten, auch wenn sie es selber nicht können. Wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind schwimmt, dann will ich mit diesen Eltern ein persönliches Gespräch führen – und manchmal auch mehrere. In aller Regel bin ich erfolgreich.

Das klingt nach einem unaufgeregten Umgang mit diesen kulturellen Aufregern. Aber der Psychologe Ahmad Mansour – er war radikaler Islamist und betreut heute Familien von radikalisierten Jugendlichen – warnt vor einer immer größeren Anzahl junger Migranten auch an Deutschlands Schulen, die unsere Demokratie ablehnen, eine frauenfeindliche Kultur propagieren und den „Willen Gottes“ als nicht hinterfragbare Richtschnur funktionalisieren. Kann man mit solchen Jugendlichen über Religion und Werte diskutieren?

Ich kann das noch nicht abschließend beurteilen. Eines weiß ich: Je weniger man das Gespräch sucht, weil man es für nutzlos hält, desto geringer ist die Chance, mit solchen auf den Islamismus hin orientierten Jugendlichen dauerhaft zu einer demokratischen Entwicklung zu kommen. Ich vermute, dass sich unter den Flüchtlingen sehr viele Kinder und Jugendliche befinden, die sich bei uns zum ersten Mal in einer freiheitlichen und vielleicht auch deswegen für sie positiven Sphäre aufhalten. Hier herrscht kein Bürgerkrieg, keine wirkliche physische Not, keine Verfolgung von Minderheiten. Hier kann man sich auf die Mönckebergstraße stellen und sagen: Die Bundeskanzlerin macht eine ganz gefährliche Politik! Man wird dann deswegen nicht gefoltert. Aber das alles muss man erst einmal erleben. Und diese Chance müssen wir den jungen Flüchtlingen geben: dass sie verstehen, dass es schon gut war, hierher zu kommen. Und zwar nicht nur, um das nackte Leben zu retten.

Haben Sie an der Klosterschule überhaupt schon jemals Ansätze einer Radikalisierung beobachtet, gab es etwa Anwerbeversuche durch Fundamentalisten?

Nein, bis heute nicht. Das kann natürlich kommen. Wir haben da keinen Krisenplan. Ich weiß aber auch nicht, wie weit man das im Vorwege trainieren kann. Es gibt allerdings Experten dafür, und ich habe überlegt, ob man zum Beispiel Kurt Edler, der für die Grünen eine Zeitlang in der Bürgerschaft war und sich intensiv mit der Thematik befasst hat, mal ins Kollegium einlädt. Ich habe ihn auf Schulleiter-Fortbildungen dazu mehrfach erlebt. Sollten wir einmal den Eindruck gewinnen, dass wir mit dem Zustrom an Flüchtlings-Jugendlichen in eine kritische Situation geraten, dann werde ich das wohl auch anregen.

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Sie selbst waren jahrelang ein exponierter Vertreter der jüdischen Gemeinde in Hamburg. Die Kultur der Klosterschule indes haben Sie bewusst möglichst frei von dogmatischen Einflüssen jedweder Religion gehalten …

… das ist in Hamburg an den staatlichen Schulen der Normalzustand, kein besonderes Verdienst von mir oder der Klosterschule!

Wird sich das im Zeichen der Flüchtlingskrise aufrecht erhalten lassen?

Ich hoffe schon. Das wäre auch ganz wichtig! Sich majorisieren zu lassen, von welchen Ideologien auch immer, würde ich in jedem Fall für eine große Gefahr halten, und ich würde dem auch entgegentreten.

Fürchten Sie oder andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde, dass sich der jüdisch-muslimische Konflikt auch hier in Hamburg im Zusammenhang der Migrations- und Flüchtlingskrise verschärft?

Es gibt diese Sorge. Aber mehr noch gibt es die andere Sorge: dass sich die Reaktionen am rechten Rand der Gesellschaft verstärken, auch aus Überfremdungsängsten heraus, und immer weiter in die Mitte der Gesellschaft hineinwandern. Dadurch könnte eine Situation entstehen, in der undemokratische Ideen plötzlich wieder gesellschaftlich in den Mittelpunkt treten. Gerade gestern Abend habe ich in einem langen Gespräch in der Patriotischen Gesellschaft Mitglieder der jüdischen Gemeinde erlebt, die ernsthaft darüber nachdenken, ob man nicht Deutschland verlassen sollte. Nicht aus der Sorge heraus, dass der Islamismus einen verdrängt, sondern dass die Ideen vom rechten Rand der Gesellschaft in die Mitte hineinströmen. Das waren Leute, die ich seit vielen Jahren kenne und die hier verankert und verwurzelt sind. Und ich habe ausdrücklich nachgefragt: Ist es wegen des Islamismus? – Nein, die Rechten werden kommen!

Gerade gestern Abend habe ich Mitglieder der jüdischen Gemeinde erlebt, die ernsthaft darüber nachdenken, ob man nicht Deutschland verlassen sollte.

Und Ihre eigene Einschätzung?

Was mich persönlich angeht, bin ich gestern Abend zum ersten Mal mit dieser Sorge konfrontiert worden. Ich sehe das nicht so, ganz und gar nicht. Ich sehe hier eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten immer stärker demokratisch verankert ist. Auch die aktuellen Landtagswahlen interpretiere ich völlig anders: Immerhin haben dabei rund 80 Prozent nicht rechts gewählt! Das ist doch ziemlich viel! (Lacht.) Und dass eine Bundeskanzlerin sich erst einmal hinstellt ­– obwohl sie jetzt zurückgerudert ist – und eine Haltung einnimmt, die vor 20 Jahren an der Spitze einer Bundesregierung gar nicht vorstellbar gewesen wäre, das finde ich schon enorm. Als CDU-Frau!

Wenn jede Krise auch eine Chance ist: Worin besteht sie aus Sicht eines Hamburger Gymnasialleiters im Brennpunkt der „Flüchtlingskrise“?

Ich sehe momentan gar keine richtige Krise, schon gar nicht an der Klosterschule. Es gibt aber zwei Chancen: zum einen eine größere Bewusstheit, wie gut es uns in diesen Zeiten in Deutschland und Europa geht. Das ist schon mal eine Menge. Und ich sehe auch die Chance, dass es einen Zustrom gibt von vielen – auch vielen jungen ­– Menschen, die innerhalb einiger Jahre Teil dieser Gesellschaft werden können und damit hier ein großes Problem lösen helfen: das Problem der drohenden Überalterung. Die demographische Entwicklung Deutschlands muss einem ja wirklich große Sorgen machen. Entscheidend ist einfach, wie schnell es gelingt, die Menschen hier zu integrieren, so dass sie nicht auf gepackten Koffern sitzen. Und inwiefern es gelingt, die Rückkehrwilligen unter vertretbaren Umständen zurückkehren zu lassen. Wo dies nicht geht, dürfen die hier Bleibenden nicht zu Fremdkörpern gemacht werden. In aller Regel ist laut Experten bei Migrationswellen die erste Generation eine verlorene Generation, denn sie ist zu alt zur Anpassung an neue Gegebenheiten. Aber mindestens die zweite Generation kann das, und mit der beschäftigen wir uns hier als Schule. Um sie müssen wir uns sehr bemühen, damit eben keine Parallelgesellschaft entsteht.

Ich selber bin ein Migrantenkind. Meine Eltern waren 1936 vor den Nazis aus Deutschland geflohen, gerade noch rechtzeitig. Meine Mutter war damals 15. So kam ich in der Hafenstadt Haifa im heutigen Israel auf die Welt, das Kind von Migranten. Meine Eltern sprachen untereinander Deutsch, aber die Schule dort legte sehr großen Wert darauf, dass man die Landessprache Hebräisch beherrschte – genau dieselbe Situation, in der wir heute als Schule mit den Flüchtlingskindern sind. Die Erwachsenen hatten manchmal so seltsame Nummern in den Arm tätowiert, und meine Mutter erklärte mir, weshalb sie so böse wurden, wenn jemand Deutsch sprach. Dann kehrten meine Eltern 1958 wieder ins Land der Täter zurück, wo die Großeltern ermordet worden waren. Und hier war ich dann auch wieder das Kind von woanders, der Junge aus Israel. Nur mit dem Privileg, dass ich ein reineres Deutsch sprach als die meisten Jungs in Frankfurt, die mehr Hessisch sprachen. So habe ich zweimal gemerkt: Wenn man nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehört, hat das bestimmte Auswirkungen.

Als Sie vorhin nach meiner persönlichen Motivation in der Flüchtlingskrise fragten, war mir das nicht gleich klar, aber das zählt auf jeden Fall dazu. Nur bin ich mit diesem persönlichen Antrieb ja nicht allein in der Frage der Beschulung der Flüchtlinge. Wir sind nur eine von ganz vielen Hamburger Schulen, die diesen Job machen und ihn gerne und gut machen wollen. Das finde ich toll, und das erfüllt mich mit großer Freude.

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Ein Kommentar zu „„Ich bin doch selbst das Kind von Migranten“

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