Tabakwerber machen jetzt IS-Propaganda

Wie machte es Goebbels? Was lehrt uns der Brexit? Was können wir uns von den Salafisten abschauen? Nun, zumindest in Sachen Propaganda immer dasselbe: Die Sprache der Demagogen und Vergifter läuft stets auf ein schlichtes Ja oder Nein hinaus. Freund oder Feind. Mann oder Muschi. Ist diese Alternative erst aufgebaut und jeder weitere argumentative Ausweg versperrt, wird der Adressierte vor die Wand Wahl gestellt: You decide!

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Die Tabakwerber haben nun auch ihre Lektion gelernt.

Zielgruppe dieser neuen Marlboro-Kampagne, die noch andere Platitüden auf Lager hat, sind junge Menschen/Männer in Deutschland, die „höher gebildet“ genug sein müssen, um einen englischen Satz dieses Kalibers zu verstehen.

Natürlich darf ihnen die Industrie schon seit langem nicht mehr mit Schein-Argumenten pro Rauchen kommen. Sie darf auch keine glücklichen Raucher mehr zeigen, die fröhlich am Lungenkrebs saugen. Das ist mittlerweile alles verboten. Eigentlich darf Big Tobacco fast gar nichts mehr – außer Pest und Verderben in Umlauf bringen.

Was also tun? Nun, vom IS lernen hieß zumindest bis vor kurzem noch siegen lernen, was die Nachwuchs-Rekrutierung angeht. Behandle Deinen Kunden nicht als den windelweichen, leicht form- und manipulierbaren Profilneurotiker und Waschlappen, der er ist, sondern als ganzen Kerl! Appelliere an den Mann im pickligen Jüngelchen! Gib ihm das Gefühl, in Wahrheit eine lebende Bombe zu sein, die Geheimwaffe, die den Krieg der Untergrundkämpfer im Alleingang entscheiden wird!

Are you ready to act? You decide.

Das schafft das wohlige Gefühl, eine quicklebendige Ein-Mann-Terrorzelle zu sein, die jederzeit „geweckt“ werden kann, um endlich, endlich loszuschlagen und es all denen da oben, den Ausbildern, den Lehrern, den Vorgesetzten, den Eltern oder sonstigen Feinden, heimzahlen zu dürfen. Ich bin ein Großer! Ich darf schon Sachen allein entscheiden! Und müssen muss ich schon mal gar nichts! Erst recht nicht eure Scheißverbote einhalten!

Grandios. Nur wird das Ganze mit einem Schlag so glanzlos, so unendlich traurig, wenn nach kurzer Besinnungspause der Groschen fällt, dass der Möchtegern-Guerillero hier nur für eine einzige „Aktion“ gut genug ist: sich einem suchtauslösendem Gift-Produkt zu verschreiben.

Das ist die ihm erlaubte Entscheidung: Möchtest du dich selbst ganz langsam zugrunde richten, Bruder? Obwohl dir jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat, abrät? Dann zeig, dass du ein Mann bist! Bitte hier entlang, zur Kasse und zur Sucht.

Und hier treffen sie sich wieder, die Wege der Gehirnwäscheopfer von Tabakindustrie und Islamischem Staat: nichts als schlafwandelndes Kanonenfutter auf dem Marsch in die große Verwertungsmaschinerie.

Gut gemacht, Werber! 72 Jungfrauen warten auf euch im Himmel!

3 Kommentare zu „Tabakwerber machen jetzt IS-Propaganda

  1. Puh! Starker Tabak! Äh, Tobak! Bevor ich mich jetzt zu Wort melde, möchte ich eins anmerken: Ich bin immer lieb manchmal und will mich nicht mit Ihnen streiten, Herr … na, Dingens, jetzt hab ich leider Ihren Namen nicht auf dem Schirm, aber so was merkt sich mein Computer für mich, ich folge Ihnen seit heute auf Google+ und bin begeistert von Ihrem Roman. Genug Konversation, kommen wir zum Thema!
    Sicher sind Sie sich bewusst, dass Ihr Artikel ein wenig „geharnischt“ klingt. Ich gehe mal davon aus, das war volle Absicht. Aber eine kleine Anmerkung hätte ich da! Sie stürzen sich gekonnt und mit Anlauf auf Dämagogen, die erst gezielt einen Tunnelblick erzeugen, um dann mit der einzig möglichen Alternative zu winken. Und genau das tut ihr Artikel auch. Aus dem Leben gesprochen: Ich habe mir nach Genuss desselben eine Kippe angesteckt und festgestellt, dass ich verstohlen kontrollierte, ob ich einen Sprengstoffgürtel trage, von dem ich noch nichts wusste. Die Kraft Ihrer Worte ist also gewaltig.
    Gehirnwäsche funktioniert eben in viele Richtungen und das oft auch schon bei 30° mit „umweltfreundlichem“ Ökowaschmittel. Für mich als heterosexuell orientierte Frau ist zum Glück die Aussicht auf 72 Jungfrauen jetzt gar nicht so verlockend, wie man immer meint, also fühle ich mich – was das betrifft – relativ sicher. Jetzt in der Schublade zu stecken, dass ich ein enthirnter Berufsjugendlicher bin, der sich einen Cowboyhut aufsetzt, um ein echter Mann zu sein, und sich eine Kippe ansteckt, um mal so richtig die Bosse zu ficken, ist aber ein interessantes Gefühl. Ich denke, ich werde mir gleich noch einen Kaffee kochen, ihn aus dem Blechbecher saufen und dann mit dem Rest das Lagerfeuer löschen, oder wäre das zu viel? Ich denke noch drüber nach.
    Mir fällt übrigens gerade noch ein, dass ich mal irgendwo gelesen habe, dass die erste Nichtraucherkampagne auf „deutschem Boden“ (ich vermute in den Grenzen von 1939) von einem tausendjährigen Reich ausging, das dann auch nur zwölf Jahre gehalten hat (geplante Obsoleszenz zur Stabilisierung der Weltwirtschaft? Wir wissen ja, dass die Konzerne auch nur alle reich ins Heim wollen…). Der Werbespruch lautete damals glaube ich „Auch du hast die Pflicht, gesund zu sein!“ (Für meine chronisch verwirrten Ohren klingt das ein wenig wie der call to action im Klappentext eines hysterischen Romans. „Erleben Sie in Kapitel drei die obligatorische Vergewaltigung der Wanderhebamme durch grunzende, unrasierte Ritter vor atemberaubender Kulisse!“ Sigmund Freud sich, dass die Welt noch genau so funktioniert wie vor hundert Jahren!) Falsche Richtung, und wir fahren rückwärts! Jetzt krieg ich wieder den Bogen nicht. Ach ja! Wer braucht schon Kanonenfutter mit Raucherlunge. Es kann natürlich auch sein, dass die Kampagne über die Kampagne gefälscht war und ich da der Propaganda quarzender Bolschewiken aufgesessen bin, man kennt sich ja nicht mehr aus. Überall lauern ideologische Fettnäpfe auf ein, um noch einmal zu Freud zurückzukehren, kulturell unverbildetes Durchschnittsweib wie mich.
    Einerlei, ich weiß jetzt gar nicht, was ich Ihnen eigentlich sagen wollte, aber Ihr Artikel hat bei mir einen joycehaften stream of concsiousness ausgelöst und ich danke Ihnen dafür und habe mich köstlich amüsiert. Mit mir und meinem Gehirn, ganz ohne Jungfrauen. Vergessen Sie einfach alles, was ich gesagt habe. Ich gehe besser mal eine rauchen.

    Mit freundlichen Grüßen und baumelnden Füßen,

    Ihre Sookie Hell

    1. Liebe Frau Hell,
      zunächst ein kleiner Tipp: Mein Name ist nicht wirklich Herr Dingens. Er steht auf dem Buch. Und in diesem Blog vorne drauf. Kann man sich nehmen, die Zeit, muss man aber natürlich nicht.
      Aber ich gebe zu: Es ist verwirrend. Da schreibt einer ein lustiges Buch und muss also ein lockerer, toleranter Vogel sein. Und andererseits bloggt er Sachen, die sind so gar nicht tolerant. Wer soll sich da noch auskennen? Nur, das Leben ist nun mal kompliziert.
      Lassen Sie uns erst das mit einem gewissen Adolf H. aus der Welt schaffen. Auch wenn Sie glauben, ich würde dessen hysterischem Gesundheitsfanatismus huldigen (so einer ist dieser Autor also!): Falsch. Sehen Sie, wenn ich schon ein Nazi sein muss, dann immerhin ein lernfähiger. Ich finde nämlich im Unterschied zu Adolf, Sie persönlich haben voll und ganz das Recht, sich gesundheitlich zugrunde zu richten, wie es Ihnen passt. Ihr Körper, Ihre Wahl. Das meine ich wirklich, ehrlich, tatsächlich. Sie sollten nur einfach privat versichert sein und am Ende nicht eine sogenannte Solidargemeinschaft für das abbe Raucherbein zahlen lassen (es sei denn die Solidargemeinschaft der Raucher).
      Und falls Sie sich fragen, woher meine fiese Intoleranz kommt: Vielleicht liegt es an den intoleranten Kettenrauchern in der Etage unter uns, die seit Jahren unsere Wohnung durch die Ritzen des Altbaus verpesten UND zugleich verhindern, dass wir unseren Balkon nutzen können. Fun fact: Der heftigste Kettenraucher hat jetzt aufgrund seiner mysteriösen Atembeschwerden einen Behindertenparkplatz gleich vor der Haustür. Dafür können Sie nichts, ich weiß. Ich sag’s auch nur.
      Schön aber finde ich, dass mein Post bei Ihnen Assoziationsketten in Gang gesetzt hat – vielleicht nicht in meinem Sinne, aber ganz grundsätzlich ist das ja das Ziel allen Bloggens.
      Beste Grüße also zurück, und: … nein, nichts „und“.
      OD

      1. Lieber Herr Driesen!

        Erst einmal muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich Ihren Namen verschusselt habe, aber vielleicht ist es Ihnen ein Trost, dass ich meine Zeit lieber Ihrem Blog, Ihrem Roman, Ihrer Arbeit gewidmet habe. Ihr Buch würde ich jetzt überall wiedererkennen und auch Ihren Schreibstil finde ich sehr markant, Namen hingegen sind mir ein ewiges Rätsel. Ich kenne zum Beispiel seit Jahren ein Paar mit den Namen Peter und Bianka, und ich schwör mit Blut, ich kann mir bis heute nicht merken, wer da wer ist.
        Danken möchte ich Ihnen dafür, dass Sie sich trotzdem Zeit für mich genommen haben und ich fürchte, ich habe mich ein bisschen unmissverständlich ausgedrückt. Ich wollte Sie keineswegs als Adolf beschimpten. Ich kenne einen militanten Veganer, der immer kleinen Kindern, die tatsächlich noch nicht selbst entscheiden können, was bei Muttern auf den Tisch kommt, mit Horrorgeschichten Angst und ein schlechtes Gewissen macht. Selbst bei diesem Menschen tue ich mich schwer damit, ihn mit Namen anzusprechen, und in dem Fall kann ich mir den Namen merken, denn der Herr heißt tatsächlich, Sie vermuten es, Adolf. Ist ja auch egal jetzt. Auf jeden Fall: Zur Wiedergutmachung dafür, dass ich mich im Ton vergriffen habe, dürfen Sie jetzt einmal Fräulein Braun zu mir sagen. Oder Blondie, ganz wie Sie wollen. Ich bin zwar weder blond noch braun, aber Sie tragen sicher auch kein Hitlerbärtchen, wir wollen das heute mal einfach nicht so genau nehmen!
        Spannend finde ich, dass Sie von „abben“ Beinen schreiben, während ich „appe“ gesagt hätte. Nun interessiert mich die Frage: Würden Sie schreiben „die zue Tür“ oder „die zuhe“? Aber ich schweife schon wieder app.
        Jetzt, da Sie mir den persönlichen Hintergrund ihrer brodelnden Wut auf Raucher geschildert haben, kann ich mich sofort empathisch in Ihre Lage versetzen. Nützt ja auch nichts, sich immer hinter seinem Intellekt zu verstecken, aber ich hoffe trotzdem für Sie, dass Ihre Nachbarn Ihren Blog abonniert haben. Ich verstehe also jetzt gut, dass Sie genervt sind. Meine Nachbarn zum Beispiel sind eins dieser Ehepaare, die sich nicht scheiden lassen, weil der andere ja allein noch ein paar schöne Jahre haben könnte. Und diese Nachbarn sind – darf man das heute noch so sagen? – Russen. Ich liebe den Klang der russischen Sprache, füttere Hirn und Herz auch regelmäßig mit russischer Musik und Literatur, bin also … ich möchte es mal „positiv voreingenommen“ nennen. Wenn ich aber bis drei Uhr nachts warten muss, dass der allgegenwärtige Ehekrach auf der anderen Seite der Wand endlich so weit runterfährt, dass ich Audioaufnahmen machen kann, bin selbst ich kurz davor, Billy Wilder zu zitieren und ein „Russki, go home!“ gegen die Wand zu schmettern. Wenn man persönlich involviert ist, darf man sich eine emotionale Reaktion eben auch mal erlauben!
        So, ich hoffe, damit ist jetzt alles nicht geklärt, eine Anmerkung habe ich aber noch. Nachdem ich die Hörprobe aus Ihrem „lustigen“ Buch konsumiert hatte, habe ich gedacht: „Wie nett, endlich mal jemand, der kein lockerer, toleranter Vogel ist!“. Gute Satire entsteht nach meiner Erfahrung erst, wenn man die eigene Intoleranz mit Selbstironie zerpflückt und witzig zu sein ist wahrlich kein Spaß. Buster Keaton zum Beispiel hat sich geweigert, mit den Marx-Brothers zu arbeiten, weil die Komik nicht ernst nahmen. Ein großer Mann, wie ich finde.

        Ihre Sookie Hell

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