Elphi olé!

Kinder, Opa will euch jetzt mal vom Krieg erzählen: Ich weiß noch, es war 2003. Für das leider nie über die Erstausgabe hinausgekommene Web-Magazin „Plancafé“ schrieb ich einen optimistischen kleinen Beitrag über die Hamburger Elbphilharmonie. Damals („damals gab es ja nichts“) gab es tatsächlich nicht viel mehr als die digitale Visualisierung des geplanten Konzerthauses, ins Bild gesetzt von den Baseler Architekten Herzog & de Meuron. Von ihren Bildern also ließ ich mich zu der Headline „Ein Schiff wird kommen“ inspirieren. Denn was da zielstrebig auf Hamburg zulief, war ganz klar ein gläserner Dreimaster mit voll gesetzten Segeln. Oder eine zu Eis erstarrte Riesenwelle mit vielfach gezacktem Wellenkamm. Schockgefrostet geradewegs über dem massiven Kaispeicher A.

Klick, Schnellvorlauf: im gestrecken Galopp über 13 unglaubliche Jahre, in denen die Elbphilharmonie zehnmal so teuer wurde, eine Stadt an den Rand der Verzweiflung trieb und sich dabei um sieben Jahre verspätete. Wie es der Zufall wollte, war ich die meiste Zeit über Chefredakteur des Magazins „concepts“, herausgegeben vom Baukonzern Hochtief aus Essen, dem „Generalunternehmer“ der Elbphilharmonie. Genug Zeit also, um die eine oder andere Geschichte über ein Jahrhundertprojekt im Kriechgang zu schreiben.

Im Sommer 2014 gab ich dieses Magazin dann in gute Hände ab. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Elphi ursprünglich bereits seit vier Jahren in Betrieb sein sollen. Auf dem Cover meiner letzten Ausgabe prangte ausgerechnet Yasuhisa Toyota, der japanische Star-Akustiker, der für die Deckenverkleidung des Großen Saals verantwortlich zeichnete.

Stop: November 2016. Standbild: Die Elphi ist fertig. Lange vor dem Berliner Flughafen und dem Stuttgarter Bahnhof, ätschibätsch! Deshalb war ich heute auch fertig vor Ort. Heute nachmittag habe ich das Objekt von 13 Jahren Berichterstattung im Familienkreis erklommen.

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Und was soll ich sagen: ist schön da oben. Auf diesem Umlauf unter grünem Kunstlicht zwischen Kaispeicher und Konzertgebäude. Auf diesem viereckigen Freigang, den sie für die Öffentlichkeit als „Aussenplaza“ zugängig gemacht haben. (Man beachte das alternative „ss“ in „Außenplaza“. Muss sich um die Schweizer Schreibweise der Architekten handeln.)

Nur zwei Dinge habe ich nicht verstanden: Warum man dann, wenn man schon mal oben ist, nicht wenigstens kurz durch die Türen des Großen Saals ein paar Etagen höher linsen darf, ins Allerheiligste also, um das es doch bei einem Konzerthaus geht. Und warum überall Holz- und Blechbläser herumsitzen, die mit wechselnden Einsätzen eine dauerhafte Geräuschkulisse erzeugen. Sie erinnert an das Hupkonzert ganz, ganz vieler Nebelhörner im Hafen. Bei wirklich dichtem Nebel.

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Vermutlich machen sie das genau aus diesem Grund: um die Elphi mit dem Hafen zu verkuppeln. Die steht jetzt ja noch länger hier rum, da können sich beide ruhig mal miteinander anfreunden und ihre Gemeinsamkeiten entdecken.

Oder sie veranstalten diesen verdammten atonalen Lärm, damit man das „Zeitfenster“ von genau 60 Minuten, für das man online ein Besuchsticket erworben hat, bei fortschreitendem Tinnitus nicht voll ausschöpft. Umso eher darf die nächste Gruppe rauf – ganz ohne teure Security-Mitarbeiter, die wegen Überfüllung handgreiflich werden müssten. Genial, der Plan. Aufgegangen, zu 100 Prozent. Nur ob das eine ideale Werbung für zukünftige Elphi-Konzerte ist, weiß ich nicht.

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Ich habe es mir dann auch nicht nehmen lassen, die eigentliche Attraktion der Herzen im Haus aufzusuchen: eine Klobürste. Anfangs waren ja Hunderte davon (es gibt auch noch ein Luxushotel im Gebäude) mit Griffen aus purem Messing für knapp 300 Euro pro Stück vorgesehen gewesen. Das kam bei den Prüfungsausschüssen irgendwie nicht so gut an im Zuge der Verzehnfachung des Elphi-Preises, und so wurden letztlich Modelle zu etwas mehr als 40 Euro das Stück angeschafft. So finde ich das eigentlich ganz passabel. Für Hamburger Kulturkloverhältnisse fast schon proletarisch schlicht.

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Wenn man dann von der Toilette kommt und sich ein Bierchen, das nur zu weiteren Klobürstenbegegnungen führen würde, verkniffen hat, weil man rechtzeitig das Preisschild über der Bar zur Kenntnis nehmen konnte, dann –  ja dann lockt in schwindelnder Höhe die Hansestadt mit ihrem Charme ins Freie, Kostenlose. Denn nirgends könnte man in so kurzer Zeit so viele ungewohnte Perspektiven seiner Stadt und insbesondere ihres Hafens fotografieren wie auf der besagten „Aussenplaza“ rund ums Gebäude. Das ist kommunikativ, da kommt man mit wildfremden Berlinern Menschen ins Gespräch und kann Nieselregen frische Luft zur Genüge tanken.

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Zuletzt fährt man dann mit dem Fahrstuhl zum Schafott mit der inzwischen schon legendären, irgendwie längsten oder krummsten Rolltreppe Europas oder Amerikas oder was wieder nach unten, Richtung Ausgang. Unerklärlich ist dabei der Linksverkehr, also links hoch, rechts runter. Vielleicht ein Planungsmangel, der einfach deswegen zur Tugend erklärt worden ist („das sollte so!“), weil sonst die Baukosten nochmal um 100 Millionen gestiegen wären. Und das will ja nun wirklich niemand.

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Jedenfalls, Bürger, Besucher, Gäste aus fernen Ländern: Schaut auf diese Stadt! Kommt her, lasst Geld hier, und dann geht möglichst bald und geräuschlos wieder! Nein, im Ernst: Ich kann nicht anders, ich finde die Elphi jetzt einfach mal gut. Trotzdem und gerade deshalb.

Und ich gestehe, dass ich auch schon ein kleines Abo habe und es kaum abwarten kann, andächtig den Großen Saal zu betreten. War gar nicht so teuer übrigens, das Ticket, Sie würden staunen. Von wegen nur für Pfeffersäcke und so. Ach, die gute alte Hochkultur: Can’t shoot it, can’t live with it, wie der Amerikaner sagt. Und der Ami, der versteht was von Kommerz. Elphi olé!

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