Mare Tranquillitatis

Geteilte Stadt bis ins Grab: Während auf dem prachtvollen Ohlsdorfer Friedhof die Mausoleen prominenter Hanseaten wetteifern, bietet Hamburgs zweitgrößte Begräbnisstätte in Öjendorf ein viel schlichteres Bild. Hier im kargen Osten der Metropole haben Muslime ihr eigenes Gräberfeld, italienische Kriegsgefallene werden in strenger Formation gewürdigt, und an die von allen Verlassenen erinnern namenlose „Verwandtschaftssteine“.
Meditation über das Leben und Sterben in einfachen Verhältnissen.

Das nämlich war schon dein Leben. Dein kostbares, einziges. Aber kurz, als du branntest, sprühtest du Funken: Wie eine Sonne hast du dein Feuer verschenkt. Und bist erloschen. Jetzt ist da nur Efeu, das alles, was aufflackern könnte, mit Sanftheit erstickt. Regungslos nisten zwischen den Ranken die Schatten des flirrenden Frühsommertags und tiefere Dunkelheit, kälter als kühl. Jetzt ist es zeitlos, dein Leben. Kein Atem aus steinernem Mund. Geschlossene Lider, in Bronze gegossen.
Du kannst hier nicht sein.


Das also war es, dein Leben. So viel Alleinsein unter der immer graueren Sonne, so wenig Tanzen in wirbelndem Kreis. Das Schwere, das Beugende, das sich der Fliehkraft entgegenstemmt, das blieb der Sieger. Das bleibt jetzt bei denen, die bleiben, bei denen erst recht. Die Blumen, die immer – und heute besonders – nach deiner Umarmung duften sollten, sie halten Abstand. Vier Armlängen, fünf. Gleich einer Wagenburg sind sie vor jeglichem Übergriff sicher, wie du, wo du nicht bist. Wozu aufrecht sich halten?
Wozu Ausschau halten nach dir?


So viele Namen hatte dein Leben. Zärtliche Namen, wenn viel Glück im Spiel war: je kürzer, je mehr. Seemänner brauchen doch gar kein billig verblühendes Beiwerk, gestrandet auf letztem Törn hier, hart unter Land. Da reichen zwei Silben, rauchig und sehnsuchtsvoll. Nur dich festschreiben ging nicht. Gemeißelt in Stein, bist du dennoch verklungen, verflogen, wie im Sprichwort der Schall und der Rauch. Wo du warst, ist nur Weite. Kindliche Schönschrift für Kerle wie dich? Ich, Johnny, muss lächeln.
Und kannte dich nicht mal.

 

Wie soll man es finden, dein Leben? Wenn mit dem Herzen nicht, jetzt, wo du schweigst? Dich rufen? Dich hören? Wo alles hier schweigt, jeder Stein, jede Sode. Stumm geht ein Wind durch die Halme, all die Namen lesen tonlos sich vor. Sie steigen wie Inseln aus diesen Meeren der Ruhe. Spiegelglatt liegt da Trittstein für Trittstein in immer weiterer Ferne. Als wär es ein Weg, der uns zueinander zu kommen erlaubte. Doch das trügt. Das uns Trennende gibt, bis zum schweigenden Horizont, keinen Halt.
Schwarze Rosen leuchten niemandem heim.

 

Was hat es beschädigt, dein Leben? Ein Etwas, ein Jemand war bis ins Letzte noch grausam zu dir. Kein Gesicht springt von selbst in ein Dutzend zerstobene Scherben. Wer da gezielt hat, hat sauber gezielt. Wo dein Bildnis war, klaffen nun Fragen. Welchen Ausdruck die Augen wohl hatten unter dem tiefschwarzen Haar? Es gibt Wunden, über die wächst kein Gras. Es gibt Steine, die sind nicht von Dauer. Auch deiner nicht. Deiner sagt: Der hier lag, kam von weit. Was ihn verfolgte, das suchte ihn heim.
Heimisch wurdest du nicht.

 

Dies soll das Kennwort sein für dein Leben? Ansonsten nichts weiter zu sagen, was du einmal warst? Soviel ist sicher: Du bist jemand gewesen. Und jemandem etwas: die Schwester. Solche Nähe. Und solche Entfernung, ohne ein weiteres Wort. In diesen Felsbrocken eingraviert bist du ungezählt viele: Schwestern, denen die Namen abhanden kamen und die, die sie wussten. Auch „Bruder“, auch „Tochter“ und „Sohn“ sind hier Steine. Doch keinem stehn Blumen und Engel wie deinem bei, Schwester.
Man sucht dich noch immer.

 

Hier spiegelt sich’s wider, dein Leben. Das Blaue vom Himmel, das Schwarz und das Weiß. Und alles am Ende durchkreuzt. Abschließende, aber rätselhaft ungefähre Symbolik: verneint oder ausgewählt? Oder erlöst? Weißt du’s, jetzt, wo du nicht bist? Denn ich würde es zu gerne wissen. Aber das Zeichen treibt hölzern im Wasser, und keine Flammenzungen lodern daraus empor, um mich zu erleuchten. Streng verwehrt es den Blick. Ich muss warten, bis meine Zeit kommt und ich gehe.
Es ist einfach ein Kreuz.

 

Was also bleibt von deinem Leben? An Zählbarem wenig. Das spärliche Geld? Reichte eben für den, der dich legte in diese Erde, die alles ebnet und manches begleicht. Nein, das bleibt nicht. Aber zäh überlebt das Vermissen. Wo es jemanden trifft, der vermisst, folgt es dem bis ins Grab. Und gräbt dann, noch verschüttet im Loch, sich mit Krallen von Neuem zu Tage. Wie es nagt, wie es zerrt! Wie’s das Stachelkleid aufstellt: Nicht loslassen, nicht! Und so lasse ich nicht los. Nicht dich.
Jedem Stein seine Blume.

 

4 Kommentare zu „Mare Tranquillitatis

  1. Ich schlendere gerne über Friedhöfe. Ähnliches denke ich dann auch, nur nicht so.. wie soll ich das jetzt nennen… nicht so sprachgewaltig und gleichzeitig elegisch. Mehr so: „Mensch Minna, was warst du für eine? Und erinnert sich heute noch jemand an dich?“
    Schöner Text.

  2. Danke! Ja, auch ich rede üblicherweise am Telefon nicht so ;-) Aber etwas auf diesem Friedhof hat mir in ganz besonderer Weise „den Stecker gezogen“, wie Herrndorf das immer nannte. Vielleicht die an vielen Stellen greifbare Verlassenheit, gepaart mit Armut, und beides eingebettet ins größere Bild der Stadt. Das Elegische bietet den passenden Rhythmus dazu. Muss man sich natürlich drauf einlassen können, aber dann trägt es einen da erstaunlich gut durch. Eine Art sprachliche Trance.

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