Dechiffrierung des Alltags (1)

Aufdröseln, was sonst verschwurbelt bliebe. Diesmal mit Ärzten, Patienten und dem Wunsch, nicht dabei zu sein, wenn mein Gehirn verdampft.

Ich habe eine neue Lieblingsreklame aus Absurdistan. And the winner is: Asklepios.

Wer Asklepios nicht kennt: Das ist jener Krankenhauskonzern, der die städtischen Kliniken in Hamburg und anderswo im Dutzend privatisiert und seither rein profittechnisch mustergültig optimiert hat. Was das z.B. für den Service- und Personalbereich bedeutet, dazu können Sie ja mal ganz privat eine dort beschäftigte Pflegekraft, eine Kantinenmitarbeiterin oder einen Assistenzarzt fragen.

An dieser Stelle aber zur aktuellen Plakatserie, der man in U- und S-Bahnhöfen leider keine Chance hat zu entgehen. Sie stellt eine sogenannte Imagekampagne des Klinikkonzerns dar. Wer eine macht, hat eine nötig. Wer aber von Ihnen, liebe Leser, seit Wochen nicht das Haus verlässt, auch die zugehörigen Videos im Internet ignorieren konnte und die Reklame trotzdem mal als Serie anschauen will, kann das hier tun. Für die Übrigen, pars pro toto:

Jedes Plakat zeigt ein junges/hübsches/verantwortungsvolles Gesicht, nicht weiter erwähnenswert, typisches Stockfotomaterial. Könnte auch für Nutella/Hautcreme/Investmentbanking werben. Aber die Sprüche. Die Sprüche! Es gibt leider mindestens ein Dutzend verschiedene.

Alle beginnen in Krankenhausgrün mit „Ich will dabei sein…“. Nach dieser Einleitung führt jeder, mehr oder weniger passend zum Gesicht, in Blütenweiß aus, wo genau der- oder diejenige dabei sein will. Dazu gibt es dann noch extrem Kleingedrucktes zur Erläuterung der Hintergründe, das vermutlich die wenigsten Vorbeihastenden jemals lesen. Und schließlich noch einen Subtext, den aber bislang nur in meinem Kopf. Um damit nicht alleine zu bleiben, gibt es ihn jetzt auch hier.

… wenn Papa Zeit für seine Patienten und für mich hat.

Der Text vom abgebildeten Plakat. Ich finde das bis hierhin verständlich, dass das Mädchen genau dann dabei sein will, wenn sein Vater Zeit fürs Töchterchen hat. Denn sonst wäre das ja komplett sinnlos: Papa hat Zeit, Kind ist nicht da. Andererseits muss sich die Tochter gerade dann ja die Zeit auch wieder mit den ebenfalls anwesenden Patienten teilen. Eigentlich sollte sie sich doch wünschen, dass gerade die dann nicht dabei sind, oder?

… wenn mein Urenkel sein erstes Kind bekommt.

Verkündet ausgerechnet ein vielleicht zehnjähriges Kind. Nehmen wir an, jede Generation braucht bis zur Reproduktion im Schnitt 30 Jahre. Das heißt, das Kind will dabei sein, wenn sein Ur-Urenkel geboren wird, also in 110 Jahren. Dann ist das Kind 120 Jahre alt und wird im Rollstuhl mit Ionenantrieb in den vollautomatisierten Entbindungsraum gekarrt, wo sein Urenkel nach einer als Zusatzleistung abgerechneten Geschlechtsumwandlung zur Urenkelin sein/ihr erstes Kind von einem Roboterarm entbunden bekommt. Ob der/die geschlechtsgewandelte Urenkel/in das toll findet, dass da jemand vom Rand des Grabes aus zuschaut, der behauptet, mit ihm/ihr verwandt zu sein?

… wenn meine Mutter nach ihrer Herz-OP die Nacht durchtanzt.

Ich persönlich möchte das definitiv nicht, nicht mal für Geld. Ich möchte auch nicht die Katheterschläuche enttüddeln müssen, sie sie dabei hinter sich herzieht. Ich möchte ihr vielmehr die Würde des Alters gönnen, die unseren Senioren heute schon durch viel zu viele Zumutungen der Zwangsverjüngungsindustrie abspenstig gemacht wird.

… wenn meine erste OP auch die letzte bleibt.

Sagt ein Kerl mit graumeliertem Vollbart vom Typ „zukünftiger Chefarzt“. Ähm – jetzt mal abgesehen von der Frage, wie jemand dabei sein kann, wenn etwas nicht eintritt bzw. zwar eintritt, aber eben nicht nochmal eintritt, bzw. woher weiß er das beim ersten Mal, dass es auch das letzte Mal ist … also davon jetzt mal abgesehen. Bei seinem Anblick dachte ich spontan: Och Mensch, da ist deine schöne Karriere als Chirurg bei Asklepios wegen schwerem ärztlichem Schönheitsfehler schon nach der ersten OP zu Ende. Aber ob man damit werben sollte als Krankenhauskonzern?

… wenn Krankenhäuser Treffpunkte werden.

Tja, sind sie doch längst! Schon mal fünf Stunden in einer Notaufnahme gehockt? Ich neulich schon. Wer sich da so alles getroffen hat in dem überfüllten Wartebereich! Not und Elend zum Beispiel. Pest und Cholera. Lolek und Bolek. Skylla und Charybdis. Und ich habe meine Schmerzgrenze getroffen, was Wartezeiten und übellauniges medizinisches Personal angeht. Wir haben uns rauschend unterhalten.

Ich erspare Ihnen die restlichen Claims, Testimonials oder wie immer solche fabrizierten Aussagen argloser Sympathieträger auf Werberchinesisch genannt werden mögen. Vom kryptischen „… wenn ich nicht nur Krankheiten verstehe, sondern auch Kollegen“ bis zum unendlich verschraubten „… wenn mein Vater mir von diesem Vorsorgekurs erzählt und nicht ich ihm“. Die Richtung dürfte klar geworden sein: Kurs Kleinhirninfarkt bzw. akutes Message-Versagen.

Nein, hier, eins noch. Mein knapper Favorit. Aber dann ist auch gut.

… wenn Hygiene in der Hand jedes Einzelnen liegt.

Erster Gedanke: Ersatzflüssigkeit. Zweiter Gedanke: Kann das wirklich, wirklich, wirklich ein normalbegabter Mensch als Herzenswunsch haben, einmal nur dabei sein zu dürfen, wenn Hygiene in der Hand jedes Einzelnen liegt? Meditieren Sie darüber bitte während der nächsten acht Stunden. Dann muss ich es nicht tun.

4 Kommentare zu „Dechiffrierung des Alltags (1)

  1. Wunderbar präzise. Ich hab viel mit Werbern zu tun gehabt und weiß, was sie einem an Zeug verkaufen wollen. Aber das übertrifft meine schlimmsten Erfahrungen. Weißt du zufällig, welche Agentur das fabriziert hat?

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