2017: mein Jahr der Unvernunft

Dies ist gar nicht wirklich eine Jahresbilanz, sondern eine Acht-Jahres-Bilanz. Die Zwischenbilanz eines Buches: meines zweiten Romans.

Auf zu neuen Ufern – auf dem falschen Dampfer?

Die älteste Mail, die bei mir in diesem Zusammenhang noch archiviert ist, habe ich am 29.11.2009 abgeschickt. Das ist mehr als acht Jahre her. Sicher gab es noch ältere, nur finde ich die nicht mehr.

Irgendwann nach diesem Zeitpunkt schrieb ich frohgemut los. Denn ich wollte das Ding unbedingt zur Leipziger Buchmesse des Jahres 2012 präsentieren können. Selbst ein Buchcover entwarf ich schon mal im Überschwang; nicht ahnend, dass das gar nicht mein Job als Autor war.

Als das Manuskript über 100 Seiten stark war, stellte ich das Fragment probeweise ins Netz, um so vielleicht Verlage darauf aufmerksam zu machen. Ich war jung und naiv.

Tatsächlich gab es einige Zeit später eine Audienz in einem namhaften Buchverlag, dessen Leiter mich empfing. Vor Spannung platzte ich fast. Er empfing mich aber nur aus einem Grund: um mir mitzuteilen, was alles nicht gehen würde (alles eigentlich). Ich war mit einem Schlag ernüchtert und kam wieder zur Vernunft.

So kam der 15. April 2012, der hundertste Jahrestag des Zusammentreffens von Titanic und Eisberg. Ohne mein Buch, das der Welt sämtliche Gedenkfeiern hätte ersparen können. Ich hatte mich anderen Projekten zugwandt, die allen Beteiligten einen sicheren Durchlauf der kapitalistischen Verwertungskette garantierten.

Aber es nagte an mir. Und nagte und nagte.

Irgendwann überarbeitete ich alles und schrieb ein Stück weiter. Da waren es schon 150 Seiten. Es fehlten immer noch zwei lange, rechercheintensive Kapitel sowie Zeit, Mittel und Muße. Priorität hatte jetzt wieder anderes. Ich war nicht mehr ganz so jung und brauchte das Geld.

Aber es nagte an mir. Und nagte und nagte.

Dann kam schon das Jahr 2016. Ein späterer Roman – angefangen mit dem letzten Rest Unvernunft – überholte den früheren und ging als erster über die Zielllinie: Als literarisches Debüt erschien Wattenstadt.

Zu Beginn des Jahres 2017 war ich ausgebrannt und leergeschrieben. Zur Jahresmitte spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, das 150-Seiten-Fragment mit den klaffenden Lücken zu löschen.

Aber es nagte an mir. Und nagte und nagte.

Irgendwann – vermutlich unter der Dusche – machte ich mich locker. Und kam auf einen Kniff, der den Rechercheaufwand reduzierte. Ich schrieb probeweise ein Stück und sah, dass es funktionierte. So schrieb ich das eine der beiden fehlenden Kapitel. Da waren es schon über 200 Seiten, in deren Mitte leider immer noch eine riesige Lücke klaffte. Trotzdem setzte ich mir mit neu erwachter Euphorie das Ziel, bis zum Jahresende alles fertig zu haben.

Das Jahresende rückte näher. Das recherchierte Material stapelte sich bis unter die Decke, die Blätter fielen vom Stapel und von den Bäumen. Ich hatte trotzdem keine Ahnung, wie ich das fehlende Kapitel bewältigen sollte.

Aber es nagte an mir. Und nagte und nagte.

Bis mir endlich – einmal mehr unter der Dusche – erneut ein Gedanke kam. Ich wickelte ihn in ein Handtuch und trug ihn zum Schreibtisch, wo er sich im warmen Licht der Schreibtischlampe räkelte und fröhliche kleine Geräusche machte. Aus dem Jungen kann was werden, dachte ich.

Dann war Montag, der 18. Dezember. Keine Fanfaren ertönten gegen 17 Uhr, aber als ich die Finger von der Tastatur nahm, war das Kapitel – und mit ihm das Buch, das ich acht Jahre zuvor begonnen hatte – fertig.

Merkwürdig: Die Handlung des an dem Tag abgeschlossenen Romankapitels endete ebenfalls an einem 18. Dezember. Aber vielleicht musste das genau so kommen, denn schließlich kreist ja der ganze Roman um einen bestimmten Tag im Kalender (wenn auch nicht um diesen).

Nun liegt das Buch beim Lektor. Wird am Ende also alles gut? Wird das Buch ein Erfolg? Keine Ahnung. Hat sich die viele Arbeit gelohnt? Oh Mann, ja, das hat sie jetzt schon! Denn die Geschichte wäre aus zwölf Dutzend Gründen unvollendet geblieben, wenn die Vernunft gesiegt hätte. Nur in meinem Schädel würde sie weiternagen bis an mein Ende.

So aber schwöre ich bei allen Wassern des Nordatlantiks, dass es nicht bis zum 200. Titanic-Jubiläum dauern wird, bis das Ding nun auch erscheint (Updates demnächst in diesem Theater).

Ein frohes, unvernünftiges neues Jahr allen Zeilensturm-Lesern!

2 Kommentare zu „2017: mein Jahr der Unvernunft

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.