Die Haltbarkeit der Heiligen

Gut 600 Jahre. So lang ist es her, dass Bertram von Minden den „Buxtehuder Altar“ schuf. Um das Jahr 1400 herum bemalte er das doppelflüglige, eichenhölzerne Altarretabel – die frontale Schaufläche für die Darstellung biblischer Szenen – mit Öltemperafarben.

Dass es große Kunst ist: keine Frage. Dass es Ausdruck der Verehrung des Göttlichen und damit seiner mittelalterlichen Epoche ist: unstreitig. Dass wir auch heute noch die Fertigkeiten des Meisters Bertram bewundern können: Überzeugen Sie sich selbst, wie ich kürzlich, in der Hamburger Kunsthalle. Wer von uns könnte wagen zu behaupten, er habe etwas erschaffen, das auch 600 Jahre später noch künstlerischen Bestand hat und Anerkennung erfährt?

Und doch hat mich an dieser Schautafel etwas anderes berührt.

Was mich anspricht, ist die Vergänglichkeit. Das Unausweichliche, das nicht nur uns gewöhnliche Sterbliche irgendwann – und sei es nach 600 Jahren – einholt:

Ausgelöschte, getilgte Gesichter. Die Strenge oder die Sanftheit des Blicks, die moralisierende Überlegenheit, das Pastorale, sie haben ihr Haltbarkeitsdatum. Die unermüdliche Schleiferin Zeit rafft alle dahin. Mich, dich, die großen Geister, am Ende gar die Heiligen. Sie geht über alles hinweg, verwandelt Erlösungslehren in Staub, dann in Vergessen.

Die großen Gesten, sie werden kraftlos, dann unsichtbar. Die Botschaften verblassen zuerst, nur wenige Jahrhunderte später ihr Goldgrund selbst, wenn das Holz, das ihn als hauchzarte Schicht trug, im Kern verrottet ist. Was wundertätig war, wird wunderlich, zuletzt gänzlich unverständlich. Die Worte wie Donnerhall, unter dem sich die Menschen in den Staub warfen vor Angst, sie verhallen, und nur der Wind weht am Ende über Sanddünen, die weiterwandern.

Was sie uns heute diktieren, die Mächtigen, die Superreichen, die selbsternannten Prediger, Priester und Imame, die Charismatiker und Televangelisten, die Weisen des Morgen- und des Abendlandes: Bevor es sechstausend Mal Morgen und Abend geworden ist, wird es alles vergessen sein. Und alles, was es in der Welt anrichtete, überwunden.

Schaut her, der Meister Bertram hat es wie kein anderer verstanden, seine Zeichen als Zeitzeichen überdauern zu lassen! Und dann, als 600 Jahre vergangen waren, wurden sie doch überschrieben von etwas, das nur das Wort „Ende“ an ihre Stelle setzte, wo es gerade gefiel. Denn die Welt drehte sich weiter.

Tabula rasa. Das tröstet mich.

 

3 Kommentare zu „Die Haltbarkeit der Heiligen

  1. ja, aber bevor das alles sich in Luft und Staub auflöst, durten noch ein paar Millionen Menschen dafür leiden und vor die Hunde gehen. Und einigen gab der Glaube an das, was du Nichts nennst Kraft und Zuversicht.
    Hast du eine Ahnung, warum das Gesicht es einen Heiligen ausgekratzt wurde?

    1. Ist nicht ausgekratzt, nur von der Zeit übergangen worden. Das meinte ich ja. Es gab irgendwann eine Restaurierung des Altars, aber da haben sie wohl die Vorlage nicht mehr erraten können, so gründlich war der Lauf der Welt.
      Ich weiß, das Leiden von Millionen wird nicht gemindert, weil sie so lange nicht warten können. Aber trotzdem liegt ein Trost in dem Wissen, dass es nicht für immer so weitergehen kann.

  2. Diese Sorte Trost verstehe ich. Es gibt aber sone und solche: für viele ist das zum Schrecklichen noch die Kränkung. Das erklärt wohl die Tendenz, alles zu rekonstruieren und zurechtzurestaurieren, bis nichts mehr auf den Gang der Zeit hinweist.

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