Auszeit am Jadebusen (2): Schafe, Halb- und Anti-Schafe

Was bisher geschah: Auf meinen Reisen in die wenig erforschten deutschen Randgebiete finde ich mich aktuell in Dangast wieder, einem Außenposten des Städtchens Varel am Jadebusen. Dort entdeckte ich gleich am ersten Abend zwischen Wasser und Land ein riesiges männliches Geschlechtsorgan, bzw. seine steinerne Nachbildung. Von da an verlief die Reise zunächst ganz im langen Schatten des Dödels von Dangast.

Damit aber soll nun im zweiten Teil Schluss sein. Schließlich handelt es sich bei dem schmucken und übrigens südlichsten Nordsee-Badeörtchen um ein traditionelles Zentrum von Malerei, Kunst und Kultur. Ich sage nur Schmidt-Rottluff, Die Brücke, Anatol Herzfeld, Franz Radziwill.

Letzterer war als Maler und Mitbegründer des Magischen Realismus übrigens Autodidakt, von Haus aus eigentlich Maurer. Deshalb berechnete er für seine Bilder auch nur denselben Lohn, wie er ihn für dieselbe Arbeitszeit des Mauerns und Mörtelns kassiert hätte. Radziwill konnte, wenig überraschend, ganz hervorragend Mauern malen. Mein Lieblingsbild ist eines vom Fenster seines Nachbarhauses, das rings von Rotklinker eingefasst ist. Die Fugen: eine Pracht.

Jedenfalls, Kunst gibt es an jeder Ecke hier in Dangast. Und natürlich besonders am Strand, der billigen Effekte wegen:

Selbst ein Dödel vor Sonnenuntergang, der sich im Wasser spiegelt, wirkt wie große Kunst. Ich habe den Fotobeweis, aber der Dödel ist etwas unscharf, weshalb er nicht meinen ästhetischen Ansprüchen genügte. So muss es dieser Herr (glaube ich) mit dickem Hintern tun. Und außerdem wollte ich von dem Thema ja gar nicht mehr anfangen.

Sondern das heutige Thema ist: Schafe.

Da muss ich ein wenig ausholen. Kennen Sie Schrödingers Katze? Falls Sie mal wie ich aus Altersgründen anfangen, sich mit GolfspielenQuantentheorie zu befassen, wird Schrödingers Katze Ihnen unweigerlich über den Weg laufen. Sie ist eine experimentelle Katze, mit der Besonderheit, gleichzeitig da und nicht da zu sein. So wie ein hypothetisches Quantenpartikel.

Was Quantentheorie und Katzen mit unserem heutigen Thema zu tun haben?

Nun, ich bin hier ziemlich viel mit dem Fahrrad auf dem Deich, vor dem Deich, hinter dem Deich und am Deich lang gefahren. Allein der Deich-Wanderweg nach Wilhelmshaven ist ca. 17 Kilometer lang. Und meine damit empirisch erhärtete Theorie ist: Wenn man am Deich mit Schafen rechnet, sind keine da. Oder sehen Sie welche?

Ebent! Keine Schafe bis zum Horizont. Aber der leicht abknickende Winkel links im Vergleich zu rechts vom Weg sagt uns, dass es sich linkerhand um einen Deich handelt. Wäre da kein abknickender Winkel, wäre dies der Große Salzsee in Utah, USA. Es ist aber der Weg nach Wilhelmshaven (gut, es ist streng genommen der Weg zurück von Wilhelmshaven, denn ich habe mich zum Fotografieren umgedreht, aber ich war auf dem Hinweg).

Rechnet man hingegen gerade nicht mit Schafen, wird man sofort daran erinnert werden, warum das Gras entlang dieser nicht geringen Strecke Deich immer so aussieht wie mit der Nagelschere manikürt:

Achtung, Schaf-Alarm! Oder, um genau zu sein: Lamm-Alarm! Lammalarm, ein schönes Wort. Dieses Oster-Lämmlein allein ist natürlich nicht der Grund für den golfplatzartigen Pflegezustand des Jadebusendeichs. Es ist mehr so ein Symbol-Lamm, ein Quantenlamm: Es ist da, weil man glaubte, es sei nicht da. Und hält man es für möglich, dass es da ist, dann ist es gerade hinter der Deichkrone verschwunden. Da / nicht da, verstehen Sie? Ja, zu lange zu viel Deich und sonst gar nichts ausgesetzt zu sein, macht fiebrig.

Und das tückische Deichfieber gaukelt einem noch ganz andere Schaf-Zustände vor – oder existieren sie tatsächlich? Es gibt hier nämlich nicht nur Schafe und Anti-Schafe, nein, es gibt auch noch dies:

Ein Halb-Schaf. Ein Halbschaf unterscheidet sich vom Halbschlaf in mehr als nur einem Buchstaben („L“). Es ist gleichzeitig da, nicht da und nur zur Hälfte da. Das kann nicht mal ein Quantenpartikel.

Aber mehr gibt es jetzt auch nicht zu berichten aus Dangast. Außer, dass man von hier an Wochenenden mit dem Bus nicht wegkommt. Deshalb habe ich mir einen Krankenwagen ein Taxi gerufen. Oh, da kommt schon der Mann mit dem weißen Kittel Taxifahrer! Ich muss Schluss machen, schönen Sonntag noch.

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