Blogkritik: Familie ist, wenn es stinkt und kracht – Frau Lavendel und ihre Kinder

Ich muss etwas gestehen: Manchmal bin ich maßlos. Dann tue ich etwas im Übermaß, ach was Übermaß, in biblischen Dimensionen, gegen die das mit der Sintflut ein kurzer Nieselregen war. Und heute habe ich es wieder getan.

Gestern auch schon. Vorgestern ebenso. Mein Name ist Oliver und ich bin Blogoholiker. Andere glotzen Netflix-Serien bis zum Erbrechen oder ziehen sich neun Stunden Hobbit am Stück rein. Ich lese Blogs, die gut geschrieben und reich an Gedanken sind, bis der Arzt kommt. Bis das dort Geschriebene alle ist, ratzeputz weggelesen, rückhaltlos eingesogen und wieder ausgeatmet. Das ganze verdammte Archiv. Vorher kann ich damit nicht aufhören, auch, wenn ich was ganz anderes tun sollte. Binge-blogreading, heißt das auf Englisch wohl.

Aber wie immer in solchen Fällen bin nicht ich schuld, sondern das betreffende Blog ist es. Das heißt, ein wenig ist auch Annika schuld, bei der man sich übrigens ebenfalls ganz prima dem binge-blogreading hingeben kann. Denn in ihrer Blogroll entdeckte ich sie zuerst: Frau Lavendel und ihre Kinder. Dabei bin ich sehr, sehr spät dran, denn es gibt sie schon eine Reihe von Jahren.

Nun habe ich mit der Farbe Lavendel, diesem schrillen Ton knapp unterhalb von Lila, durchaus meine Probleme. Für mich schreit diese Farbe, die dem Blog als Hintergrund dient, üblicherweise: Siebzigerjahre! Feminismus! Frauenpower! Emma! Alice! – Wobei das ja alles wichtige, richtige, gesellschaftspolitisch notwendige und bedeutende Schritte auf dem Evolutionspfad der Menschheit sind bzw. waren. Bloß ist mir Lavendelgefärbtes meist zu gewollt bewegt, im Sinne von ideologisch eingerastet, argumentativ unzugänglich, lagerkollerverdächtig. Gut, ich bin nur ein Mann, frau man möge mir verzeihen.

Eine zweideutige Farbe

Andererseits riecht frischer und selbst getrockneter Lavendel wirklich sehr angenehm, so nach … Vernel. Kennen Sie den noch, diesen Weichspüler? Gibt es den noch? „Lavendel, Oleander, Jasmin – Vernel!“ Gesungen im Siebzigerjahre-TV-Werbespot mit glockenhellen Engelszungen. Da verkörperte Lavendel das entgegengesetzte Klischee, das stumpfe Hausfrauenglück: Hach, meine Wäsche duftet, wie es sich gehört, ich habe alles richtig gemacht! Hallo, Schatz, wie war es bei der Arbeit? Dein Essen steht auf dem Tisch! Ja, ich habe nur die gute Rama verwendet…

Lavendel, Magnolien … aber kein Weichspüler weit und breit.

Diese Ambivalenz der Farbe als Hintergrund des Blogs verkörpert sehr hübsch die thematische Bandbreite des Lavendelblogs zwischen Hausfrauenfron und Auflehnung. Doch damit wäre das Angebot arg verkürzend eingegrenzt. Denn Frau Lavendel schreibt zwar einerseits über ihr Leben mit Klimakterium, bescheidenem Job, emotional herausgefordertem Mediziner-Ehemann sowie drei fast zeitgleich pubertierenden Kindern (den Hund nicht zu vergessen); andererseits über die Abgründe der bürgerlichen Familien-Rollenbilder im Vorstadthäuschen am Waldrand. Aber da ist so viel mehr.

So viel mehr Tiefenschärfe. So viel mehr (rheinischer) Witz, der mir als gebürtigem Düsseldorfer das Lesen leicht macht. Und so viel mehr kluge Traurigkeit. Immer an den richtigen Stellen, da, wo das Leben eben gerade so auf- und zuschlägt. Nur ein Beispieltext: Am Esstisch. Da sitzt die Autorin mit ihren fast erwachsenen Kindern an jenem Tisch, an dem sie auch schon zusammensaßen, als die Kinder noch ganz klein waren. Da zieht plötzlich ein gutes Jahrzehnt am inneren Auge vorbei. Doch inzwischen ist viel passiert, und kürzlich ist jemand Nahes verstorben. Deshalb hat Frau Lavendel gerade dicht am Wasser gebaut. Ein einziger Gedanke reicht aus, und die Tränen lassen sich vor den Kindern nicht mehr verbergen:

Es war der Gedanke daran, wie klein sie waren. Wie winzig ihre Nasen, wie patschig ihre Hände, wie weich ihre Füße. Wie sie dufteten am Kopf, hinter den Marzipanohren. Wie sie spielten, als sie klein waren. Wie sie aus vollem Herzen, aus ganzer Seele, alles vergessend lachen konnten. Wie schön es war, mit ihnen. Ihre Freude an diesen winzigen Dingen. Ein gefundenes Schneckenhaus, ein bisschen Fernsehen zu dürfen, gemeinsam spazieren zu gehen.

Wer selber mal Kleinkinder hatte, wird hier ein paarmal trocken schlucken. Vanitas, die Vergänglichkeit. Es wird überhaupt zu viel gestorben. Im Blog wie im Leben, denn nichts anderes als ein Tagebuch des Auf- und Ablebens ist ja so ein Familienblog, wenn man es in den Jahren so um die 50 schreibt. Und wenn das Lavendelblog eines zeigt, dann: Läbbe geht weiter. Muss ja. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber man rappelt sich wieder hoch, so gut man kann. Und dann kommt, ganz langsam, auch das Schöne zurück, das immer irgendwo lauert. Es versteckt sich nur bisweilen. Ihr unverwüstlicher Humor hilft der Autorin gemeinhin, es wiederzufinden. Mit ihren Worten entdecken es dann auch ihre Leser neu.

Wenn’s aber sein muss, neigt Frau Lavendel auch zu eindrucksvollen Schimpfkanonaden, ja fast tourette-artigen Unartigkeitsanfällen. Denn, seien wir Eltern doch mal ehrlich, diesen ganzen Klumpatsch mit Glückserwartung und Eheleben und Häuslebauen und Kinderkriegen und insbesondere hormongesteuerten Pubertätsopfern als Mitbewohnern kann man ja nur ertragen, wenn man dann und wann auch mal jede Sittsamkeit sausen lässt. So wie sie. Ständig denkt man dann beim Lesen: Jo! Genau! Gib’s ihm! Hat’s verdient!

Der entfesselte Punk

Dann lässt Frau Lavendel ihren inneren Punk von der Leine, der sonst fest an die Kette gelegt ist. Dafür gibt es im Blog eigens die Kategorien „Gatten-Bashing“, „Kinder-Bashing“ und etwas unspezifischer die Rubrik „Bekloppt“. Ein schönes Beispiel ist der kürzlich erschienene Text Englische Performance, in dem sich die Autorin nach Ansicht der aus dem Ei gepellten Neu-Mutter Kate (die von den Windsors) an ihre eigenen drei Schwangerschaften und Geburten erinnert. Die verliefen etwas weniger telegen. Ihre Gedankengänge während Geburtsvorgang Nummer drei: „WIE BESCHEUERT KANN MAN BITTE SEIN, DIESE SCHEIßE DREIMAL ZU MACHEN? ERSCHIEßT MICH!!“

Für diese Ausfälle, diese handfeste Erdung kann man fast dankbar sein, denn plötzlich zerplatzt an diesen Stellen auch die kaum zu ertragende Intimität, die beim Lesen entsteht. Ich kenne niemanden aus dieser Familie, habe aber jetzt schon den Eindruck, ich würde nebenan wohnen und dauernd zum Kaffee rübergehen (oder gar an der Wand lauschen).

Das ist ja das erstaunliche Phänomen unserer Zeit, dass viele Menschen – wenn auch im Schutz von Pseudonymen – ihr Innerstes und Eigenstes im Netz zu Markte tragen und am Nasenring durch die Arena führen. Was ich mich frage: Macht diese hier das unbemerkt von Ehemann und Kindern, die ihre kleinen und großen Schwächen ja vielleicht gar nicht so gerne öffentlich sezieren lassen? Und falls ja, wäre das dann eigentlich schon Untreue? Ich hoffe, es wird in diesem Familienkreis unter schriftstellerische Freiheit verbucht.

Letzte Menschheitsfragen

Wie auch immer: Wenige geben so witzig, so warmherzig, so authentisch, so niederschmetternd und doch immer wieder so aufmöbelnd Einblicke in ein ungeschminktes Familienleben wie Frau Lavendel. Familie, das ist, wenn es stinkt und kracht und man am Ende doch durch das berühmte „Band“ verkuppelt bleibt – auf Gedeih und Verderb. Familie, das ist ein Platz im Leben, nicht mehr und nicht weniger. (Ehe-)Männer, die schon immer wissen wollten, wie die Frau an ihrer Seite wohl den gemeinsamen Alltag erlebt, können hier einiges dazulernen – bisweilen auf die harte Tour. Der therapeutische Effekt beim Lesen ist aber so nachhaltig, dass sie sich am Ende womöglich sogar den letzten Menschheitsfragen stellen: Hm, ob ich mal schnell den Müll runterbringe?

In diesem Blog wird wenig bis nichts für die Selbstinszenierung beschönigt, keine Peinlichkeit ausgespart. Ja, man möchte manchmal geradezu etwas mehr Glamour und Selbstbewusstsein von der Autorin einfordern. Die nämlich bezichtigt sich selbst im Blog mehr als einmal schockierend ironiefrei als „Pfeife“, die im Leben nichts Vorzeigbares erreicht habe und im familiären Mikrokosmos ohnehin immer alles schuld sei.

Und das ist nun wirklich die einzige dicke, fette Unwahrheit, die ich auf all den vielen lavendelfarbenen Seiten entdecken konnte.

2 Kommentare zu „Blogkritik: Familie ist, wenn es stinkt und kracht – Frau Lavendel und ihre Kinder

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.