Ich bin dann mal Island

Warum ich zum ersten Mal fremdgehe: Die WM 2018 als Abschied von einer alten Fußballkulturnation, ihrer „Mannschaft“ und ihrem ersatzlosen Identitätsverzicht

Solange ich denken kann, bin ich Fußballfan. Bei der ersten WM, die ich bewusst erlebte, wurden „wir“ gleich Weltmeister: 1974 in Westdeutschland. Und das, obwohl Ostdeutschland in der Gruppenphase durch ein Tor von Jürgen Sparwasser mit 1:0 gegen „uns“ gewann.

Über das Finale gegen Holland – „wir“ mit Müller, Breitner, Beckenbauer, Maier und Katsche Schwarzenbeck – fertigte ich damals als Achtjähriger einen Spielbericht mit Illustrationen an. Irgendwo lagert der noch.

Danach habe ich alle Vier-Jahres-Zyklen mitgemacht. Die schlimmen Phasen des Stillstands unter Trainern wie Derwall, Ribbeck, Vogts oder Völler. Die Highlights unter Spielertrainer Beckenbauer („Gehts raus und spuits Fußball!“) und dem mir immer fremd gebliebenen Hans-Joachim Löw (das Spiel, nach dem Brasilien weinte).

Nun ist wieder WM. Es ist die erste, bei der mich das „DFB-Team“ völlig kalt lässt. In den letzten vier Jahren ist ja auch viel passiert.

Wir sind jetzt für alles offen. Wir diffundieren grenzenlos in die Welt hinaus, und die Welt in uns hinein.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist jetzt endgültig zum „DFB-Team“ geworden. Wahlweise „Die Mannschaft“ (c). Letzteres steht sogar kurz unterhalb des Nackens auf den neuen Trikots aufgedruckt. Ganz nach dem Gusto der Noch-Kanzlerin, die diese Begriffs-Amputation höchstselbst angeregt hatte. Eilfertig multipliziert von BILD und Co.

Warum der neue Name? Weil wir nun ganz offiziell keine Nation mehr sein wollen. Wir sind ja auch kein Volk mehr (schon gar nicht mehr eines mit dem Selbstbewusstsein des Volkes, das 1989 „Wir sind das Volk“ rief und dafür kurzzeitig von derselben CDU gefeiert wurde, die heute Merkel ist). Wir sind jetzt für alles offen. Wir diffundieren grenzenlos in die Welt hinaus, und die Welt in uns hinein.

Nation und Volk. Warnwörter, die in Online-Foren zu automatisierter Zensur führen. Begriffe, die ein Politiker der etablierten Parteien nur noch unter dem Risiko des sofortigen Karriereendes wohlwollend in den Mund nehmen könnte. Ein Journalist der etablierten Medien auch. Die einzigen noch erlaubten Verwendungen sind Volkswagen (aber hier besser kurz VW), Volkshochschule (besser „Erwachsenenbildungsstätte“) und vielleicht Volksschauspieler (besser so was wie „bodenständiger Publikumsliebling“).

Ansonsten ist das alles „rechts“ und damit tabu. Jahrhunderte der Geschichte – auf den Müll damit. Paulskirche, der Ursprung von Schwarzrotgold – vergessen. Staatswerdung, exponentielles Wohlstandswachstum der, pardon, Volkswirtschaft – ach was, Zufall. Geld kommt von der EZB, Strom aus der Steckdose. Das geographische Gebiet „Deutschland“, das schon bislang nur eine Bevölkerung hatte (obwohl dies einen Vorgang bezeichnet statt einer Grundgesamtheit), ist jetzt: Niemandsland. Wirtschaftsraum. Region Europas.

Oder nichts von alledem, man weiß es ja nicht. „Deutschland, dessen Teilung vom deutschen Volk im Jahr 1990 überwunden wurde, ist ein Nationalstaat in einem europäischen Staatenbund.“ Solch ein Satz, wiewohl inhaltlich unanfechtbar, er macht den Achtundsechzigern und ihren Nachkommen Gänsehaut. Solch ein Satz gehört umgehend ins Gedankengefängnis.

Die Gedankengefängnistore werden vorübergehend einen Spaltbreit geöffnet.

Aber hey,  jetzt ist WM. Und das bedeutet für kurze Zeit eine begrenzte Amnestie. Die Gedankengefängnistore werden vorübergehend einen Spaltbreit geöffnet. Gehts raus und spuits Deutschland!

Vier Wochen lang soll ich plötzlich schwarzrotgoldene Fähnchen schwenken und entsprechend eingefärbte Ramsch-Produkte kaufen. Jetzt wird von mir wieder ein „Sommermärchen“ erwartet: dieser „geläuterte Patriotismus“, die fröhliche, buntgeschminkte, alles und jeden umarmende Feier der vollkommenen Beliebigkeit.

Diesen debilen Frohsinn kann es auch nicht trüben, dass die DFB-Spieler Özil und Gündogan (die beide ihr Geld bei Fußballclubs in England verdienen) sich zu „ihrem Präsidenten“ Erdogan bekannten, einem Despoten reinsten Wassers, Unterdrücker von Minderheiten und Meinungsfreiheit.

Als das zu einem massenhaften Aufschrei „schon länger hier lebender“ Fußballfans geführt hatte, fielen die hastigen Versuche einer Relativierung des Un-Relativierbaren weniger als halbherzig aus. Ebenso hilflos waren Mannschaftskameraden, als sie diese Unsäglichkeit zu beschönigen suchten. Wobei Kameraden auch wieder so ein Wort ist. „Teamkollegen“, so muss das heißen.

Was hier in Wahrheit von „der Mannschaft“ (c) mit dem Adler im Logo bekundet wurde, war: Wir kommen aus irgendwelchen Ländern und Kulturen. Uns verbinden inhaltlich nur die Regeln des Fußballspiels. Es ist ansonsten auch nur ein Job, den wir ansonsten in irgendwelchen Ländern und Ligen tun. Wir haben Werbeverträge und  Loyalitäten, die nur uns etwas angehen. Wir bieten ein buntes Unterhaltungsprogramm und müssen solange vertragsgemäß die Konzernfarben Schwarz und Weiß tragen. Gestatten: das DFB-Team.

Ich mag nicht mit dem Niemandsland fiebern. Und schon gar nicht mit Team Erdogan.

Das ist okay. Niemand zwingt diese Leute dazu, „deutsch“ sein zu heucheln oder krampfhaft eine Hymne mitzukrächzen. Ehrlicher ist es allemal. Nur kann auch mich niemand zwingen, dafür Fußball-Patriotismus zu entwickeln. Ich mag nicht die Wirtschaftsstandortmannschaft anfeuern. Ich mag nicht mit dem Niemandsland fiebern. Und schon erst recht nicht mit Team Erdogan.

Mein Bild von der deutschen Fußballnationalmannschaft ist für immer geprägt von schwarzen Hosen und weißen Hemden, den Farben Preußens (Schaudern bei Rotrotgrün und Merkel-CDU). Darin steckten Männer, die auf ihre Weise einige der Werte dieser kleinen Kulturnation verkörperten. Weil sie gar nicht anders konnten. In der Fußballsprache klang das so: Kampfgeist. Effizienz. Niemals aufgeben. Nicht unbedingt schön spielen, aber dafür erfolgreich. Körperbetont, zweikampfstark, manchmal leider Rumpelfußball, aber nie unfair (die „Schande von Cordoba“ 1978 und Schumachers Foul an Battiston 1982 waren die unrühmlichen Ausnahmen). War jemand schwarz, gelb oder lila und füllte dieses Trikot trotzdem aus: Herzlich willkommen!

Ich weiß selbst, dass das so nie gestimmt hat. Aber mich in dieses Klischee hineinfallen lassen zu können, weil der Wahrheit wenigstens nahe kam, war wunderbar. Right or wrong, my Nachkriegs-Country. Und niemals, wirklich niemals, stand dieses Gefühl in größerem Gegensatz zur Wirklichkeit als heute. Dass es einen Kitt gab, der das Land zusammenhielt: verblassende Erinnerung.

Fußball ist purer Tribalismus, und es ist Zeit, mir einen neuen Stamm zu suchen.

Eine frühe Rückkehr des DFB-Teams von seinem Ausflug nach Russland würde mich nicht überraschen. Es nimmt dorthin die Risse mit, die durch das Land gehen, seit es seine mühsam erarbeitete Identität ohne Not an den Nagel gehängt hat. Ohne eine Idee von dir selbst kommst du nicht weit. Es reicht nicht zu bekennen, wogegen man pflichtgemäß ist (Rassisten, Diskriminierung, das Böse). Man muss auch wissen, wo und wofür man steht. Und nein, „Toleranz“ ist nicht genug.

Fußball ist purer Tribalismus, und es ist Zeit, mir einen anderen Stamm zu suchen. Deshalb bin ich dann jetzt mal Island. Ab heute, 15 Uhr. Es geht gegen Argentinien. Diese niedlichen Fußball-Wikinger, die alle auf „-son“ enden, brachten bei der letzten EM sogar das englische Imperium zum Einsturz. Aber weit mehr noch als auf neue Überraschungssiege freue ich mich auf die anderen Island-Fans beim Feiern, natürlich zusammen mit ihrer – ach nein, unserer – isländischen Nationalmannschaft: „Huh!“ – „Huuh!!“ – „Huuuh!!!“

Leider wird das für mich ein letztes Hurra auf der Fußball-Weltbühne sein. Putins Russland als Austragungsort eines Weltturniers ist schon fast zu schlimm. Aber 2022 ist die WM dann im Emirat Katar. Auf den verblichenen Knochen der Arbeitssklaven, die dort die Wüstenstadien bauen mussten, würde ich nicht mal mit Island jubeln.

Ein Kommentar zu „Ich bin dann mal Island

  1. Auf einer Stadtrundfahrt durch Sevilla hielt mein Bus an einer Kreuzung. Mein Blick fiel auf eine Polizeistation, über deren Eingang die Worte geschrieben standen: „Todo por la patria“ – Alles für das Vaterland – und ich dachte: „Die dürfen.“

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