Im Zustand der Migration

Meine unmittelbare Nachbarschaft in diesen Tagen. Kleinbürgerliche Wohngegend, Genossenschaftssiedlungen, Rotklinkerblocks. Szenen und Brennpunkte jeder Art sind anderswo.

Zelt auf dem Bürgersteig, darin ein Schlafsack, auf dem Schlafsack ein Schreiben mit dem Logo der Stadt Hamburg. Seit Tagen ist dort niemand anwesend – aber seit Tagen baut auch niemand das Zelt wieder ab.
Zwei Zelte auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche, am Fuß des Mausoleums von Karl Sieveking (Hamburger Politiker, Mäzen und Philantrop, 1787-1847). Nach zwei Tagen sind die Zelte verschwunden.

In unserem Viertel, sagte C. einmal zur Migrationsdebatte, habe sich doch gar nichts geändert. Das allerdings ist schon länger her.

Als Großstädter lernt man, das „Andere“ nach Möglichkeit zu ignorieren, um selbst das Privileg zu behaupten, nach Möglichkeit ignoriert zu werden. Dies hier aber bleibt mir vor Augen. Hat die Kirche Asyl gewährt? Die Zeltenden dort sind ebenso abwesend wie der an der Straße, hundert Meter weiter. Der Pfarrer, um Auskunft gebeten, weiß von nichts.

Ich versuche, mich in die Welt von Menschen zu versetzen, die – auf der Durchreise? als Einwandernde? – solche Lagerplätze wählen. Es gelingt mir nur zum Teil. Und selbst dieser Teil wirft neue Fragen auf, die nicht rhetorischer Natur sind.

Was sagen diese Zelte mir?

Was sagen sie über das Funktionieren des Systems Stadt?
Was über Staat und Gesellschaft?
Was über die Bewohner der Zelte?
Was über Eigenverantwortung und Scheitern?
Was über öffentliche und private Räume?
Was über Eigentum und Bürgertum?
Was über Gebräuche und Gewohnheit?
Was über Heimat und Zuhause?
Was über meine Toleranzgrenze?
Was über Hilfebedürfnis und Hilfsbereitschaft?
Was über meine Ängste?
Was über Träume und Albträume?
Was über Recht und Unrecht und das Empfinden dafür?
Was über Kapitalismus und Profit?
Was über Voyeurismus?
Was über unsere Zukunft als Land?

Und warum verstören mich diese zeitgleichen Anblicke so?

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Update 1: Nach etwa fünf Tagen ist inzwischen auch das Zelt auf dem Bürgersteig abgebaut worden.

Update 2: Ein Leser hat angemerkt, die Zelter könnten auch einheimische Obdachlose gewesen sein. Stimmt. Wobei die Migrationskrise die Lebensbedingungen für diese Gruppe stark erschwert: Sie bindet z.B. erhebliche Kapazitäten von Tafeln und Notunterkünften und zwingt die Betroffenen damit verstärkt zurück auf die Straße. Sie produziert zudem neue Obdachlose, indem sie die Konkurrenz um den letzten bezahlbaren Wohnraum zusätzlich verschärft. Insgesamt nimmt das wohnsitzlose Umherziehen (Migrieren) damit weiter zu, wie sich jetzt eben auch in meiner Nachbarschaft zeigt.

4 Kommentare zu „Im Zustand der Migration

  1. Verwirrend, geht mir aber ähnlich. Gestern war ein Kommentar im Radio, von einer ehmaligen Mitarbeiterin der taz, Renee Zucker. Sie beschwerte sich über stinkende Männer auf den Parkbänken in ihrem Park. Am Ende fragte sie: Bin ich jetzt AfD? Nein, dachte ich mir, aber ganz schön alt geworden…

  2. Bei einem Besuch in Hamburg am Wochenende 18./9. August habe ich von einer Privatwohnung in Eppendorf aus (da waren wir auf einen Kaffee zu Besuch) Balkons sehen können auf denen genau diese Art Zelte standen – auf meine Nachfrage erklärte man mir, das seien *Untermieter* die den Wohnungsinhabern ermöglichen in ihren Wohnungen zu bleiben obwohl sie von ihrem Einkommen allein diese Wohnung nicht mehr bezahlen könnten.

    Da sind dann wohl in den Zelten Jene die sich selbst den Balkonplatz nicht mehr leisten können.

  3. PS
    OH, es müßte in dem Beitrag 18./19. August heißen.

    Und wo ich gerade dabei bin, zu den Fragen von oben
    Was über öffentliche und private Räume?
    Was über Eigentum und Bürgertum?
    :

    Am Hauptbahnhof beobachtete ich wie ein Obdachloser der völlig friedlich auf einer Bank saß, einen Rollator bepackt mit seinen Habseligkeiten vor sich, von zwei Polizisten (herbeigerufen offenbar von einem Cafe in der Nähe, denn dorther kamen die beiden Ordnungshüter) angesprochen wurde und soweit ich es verstehen konnte dazu gebracht werden sollte woanders hin zu gehen.

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