Wir Influencer

Wie der Sohn und ich einmal Chemiewaffen erprobten, beinahe zu Für Sie-Trendsettern wurden und fast Millionen Likes auf YouTube erhielten. Aber andere waren mal wieder schneller.

Okay, sage ich zum Sohn (12 Jahre, gefühlt 16), du bist jetzt zwar in der Pubertät, aber wenn du eh einkaufen gehst (was für sich genommen schon ein wunderbares Wunder darstellt), kannst du bitte auch diese Klodinger da mitbringen. Die sind alle.

Ich bring keine Klodinger mit, sagt der Sohn (12, Pubertät) im Basston souverän-männlicher Entschiedenheit. Denn das (sagt er nicht) ist weit unterhalb der Würde eines pubertierenden Zwölfjährigen Mannes.

Wenn du die mitbringst, sage ich, um ein Incentive anzubieten, kannst du kacken, bis du schwarz wirst, und niemand wird dich wegen des Gestanks benörgeln.

Dass ein Erziehungsberechtigter vom Nörgeln abzusehen in Aussicht gestellt hat, muss argumentationstechnisch tatsächlich zu ihm durchgedrungen sein. Denn der Sohn (12, Pubertät) bringt diese Klodinger da mit.

Es sind andere Klodinger als die, die wir sonst haben. Niemand hier hat solche je gesehen. Die wir sonst haben, kommen in einer Art löchrigem Käfig, in so einer Gondel aus Plastik, die man mit einem biegsamen Griff oder -haken oder -ausleger oder was-weiß-denn-ich-wie-so-ein-Quatsch-heißt in die Kloschüssel einhängt.

Diese hier aber haben keine Gondel. Und sind auch sonst irgendwie merkwürdig. Es handelt sich um zwei Röhrchen, die entfernt an Reagenzgläser erinnern, gefüllt mit grünlich leuchtendem Schleim. Soll das so? Darf das überhaupt? Muss man jetzt da was anders machen als sonst? Aber da muss ja irgendwo eine Bedienungsanleitung sein.

Äh.

Sicher, dass das nicht eher ein Schwangerschaftstest ist?

Oder eine mir völlig unbekannte Verhütungsmethode?

Oder eine Anleitung zum Bombenbauen aus dem Internet?

Sohn, sage ich mit der Lebenserfahrung von 52 Jahren, hier stimmt was nicht. Mich dünkt, du hast nur ein Nachfüllpack von irgendwas gekauft. Oder man hat dir von der Genfer Konvention verbotene Chemiewaffen angedreht. Es fehlt jedenfalls der Käfig. Die Gondel. Das Dingsda. Wie soll ich das bitte ins Klo hängen?

Der Sohn (12, auch lebenserfahren) entfernt derweil ohne einen Blick für die Begleitpapiere zwei blaue Kappen von den Reagenzröhrchen. Woraufhin es grauenhaft nach einer Mischung aus Autobahnraststätte und deutschem Weltkriegs-U-Boot zu riechen beginnt. Das grüne Leuchten aus den Röhrchen flutet uns entgegen und taucht das eben noch taghelle Esszimmer in ein geisterhaftes Licht.

Ja, das Esszimmer. Dort nämlich liegt dieses Bastelset auf dem Esszimmertisch herum, um den wiederum wir beide rätselnd herumstehen. Weil es auf dem Klo zu eng ist und vor allem zu düster, um die bescheuerten Bildchen oder die 6-Punkt-Schrift der Anleitung erkennen zu können.

Der Sohn drückt an verschiedenen Stellen auf eines der Röhrchen.

Nicht, rufe ich, nicht tun! Vielleicht ploppt das dann raus und entleert sich auf den Esstisch! Es muss doch irgendwo … irgendwo muss doch was … nun tu doch was! Mach dich nützlich!

Gibt’s bestimmt was auf YouTube, sagt der Sohn gelangweilt.

Ich schenke ihm ein herzliches Hohngelächter und unterrichte ihn über das wirkliche Leben: Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Leute Anleitungen filmen und ins Netz stellen, wie man blöde Klodinger ins Klo kapriziert! So geht niemand mit seiner kostbaren, Sekunde für Sekunde verrinnenden Lebenszeit um! Wenn du erst mal wie ich im Herbst in der zweiten Hälfte deines Daseins angekommen sein wirst, dann …

Schon gefunden, sagt der Sohn gelangweilt und überreicht mir das Tablet.

Das glaub ich jetzt nicht. Dann dämmert es mir.

Ach, das sind also diese „Influencer“, von denen man jetzt immer so viel hört? Die in den Social Media vorführen, wie toll all die Markenprodukte aus der Markenproduktwelt sind und wie glücklich und beneidenswert sie damit leben?

Als Influencer allerdings hätte ich am Anfang des selbstgemachten Filmchens den Brief der Für Sie-Trendsetter-Redaktion an die „lieben Trendsetter“ Susi und Kay weggelassen. Wo drinsteht, dass die beiden jetzt gratis das WC-Ente-Frische-Siegel-Starter-Set „Marine“ testen und gerne auch noch an ihre Freunde weitergeben dürfen. Und auf einem Beiblatt alle guten Gründe aufgelistet werden, warum „Marine“ wirklich, wirklich knorke ist.

Man will doch unbestechlich und ungekauft wirkende Produkttester und Lebenshelfer sehen. Nicht solche, die sich für eine Packung Gratis-Kloschleim vor der Kamera und der ganzen Welt als Markenbotschafter für Sanitärhygiene erniedrigen.

Aber dann schaue ich das Video weiter an, und schon nach 30 Sekunden macht Kay den ganzen Reklamezauber zunichte: „Was mir gleich am Anfang negativ aufgefallen ist: dass die ganze Geschichte schädlich für Wasserorganismen ist.“

Tatsächlich – da steht wörtlich auf der Packung: „Schädlich für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung.“

In your face, Für Sie-Trendsetter-Redaktion! Kay, der Reklame-Torpedo, hat den Finger in die Wunde gelegt. Der Mann ist nicht käuflich! Der Mann ist gut!

Da steht übrigens auch noch auf der Packung, das Zeug könne allergische Reaktionen auslösen und „anziehend auf Kinder wirken“. Was von beidem ist jetzt schlimmer, bzw. wie hängt beides miteinander zusammen?

Und heißt das, Kinder könnten versuchen, in der Schüssel an dem grünen Kloschleim zu lecken?

Der Sohn (12, gefühlt 16) ist kein Kind mehr. Aber das Produkt wirkt extrem anziehend auf ihn. Nämlich als Herausforderung zu beweisen, dass er weder Video noch Symbolzeichnungen oder Erklärungstexte benötigt, um den radioaktiven Quark portionsgenau an die dafür vorgesehene Stelle in der Schüssel zu quetschen.

Und insbesondere zu beweisen, dass er dazu nicht den genoppten „blauen Spendergriff“ benötigt, der im Nachfüllpack fehlt und der im Trendsetter-Video einem Dildo zum Verwechseln ähnlich sieht, aber das denke ich nur am Rande.   

Sofern man bei diesem Raststätten-U-Boot-Gestank in der ganzen Wohnung überhaupt noch denken kann.

Und dann ist es geschafft.

Der Sohn hat mit bloßem Daumendruck eine Portion Plutoniumschleim aus dem Reagenzglasröhrchen ins Klo befördert. Aber dort klebt der Schleimbatzen nun unter dem Rand fest, will partout nicht runterrutschen oder sich in Luft auflösen und verursacht allen Sinnesorganen zugleich auf verschiedene Weise Übelkeit. Er stinkt, er strahlt, er leuchtet und er wabbelt. Schädlich für Wasserorganismen. Mit Langzeitwirkung. Allergieauslösend. Kinder anziehend.

Mit einem Wort, der giftgrüne Super-GAU. Ich als unbestochener Für Sie-Trendsetter und Irrenhaus-Influcener sage Ihnen: So viel können Sie gar nicht scheißen, wie sie möchten, um diese Drecksauerei so schnell wie möglich wieder los zu sein.

Haushaltschemiekonzern SC Johnson. „A Family Company“. Bald wird die saubere Familienfirma sicher den nächsten Nachhaltigkeitsbericht auf YouTube stellen. Ich möchte ihrem CEO dieses Produkt gerne zum Nachtisch servieren. Die Götterspeise, die er sich redlich verdient hat.

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