2018 und danach: The Age of Relotius

Das Ende des abgelaufenen Relotius-Jahres ist der Anfang des nächsten. Willkommen im Zeitalter des propagandistischen Storytelling, in dem Journalisten, Chefredaktionen, Leser und Profiteure einen Pakt über die fürsorgliche Begradigung von Realität geschossen haben. Welcome to the Age of Relotius.

Nein, es ist noch lange nicht Schluss mit dem hässlichen Thema. Da wird noch manches kommen. Andere Zeitbomben in anderen Redaktionen, Think Tanks und Stiftungen drohen hochzugehen.* Woraufhin sich wieder alle zu Opfern erklären werden, siehe Spiegel.

Der von einer privilegierten, gut vernetzten und daher stimmgewaltigen Minderheit verbreitete Zeitgeist will es so. Er will preisgekrönte Reporter, die unter Haltung verstehen, die letzte Überlebende der Weißen Rose zu besuchen und ihr anschließend erfundene Zitate gegen die AfD und „Chemnitz“ in den Mund zu legen. Einer Widerstandskämpferin, die einst ihr Leben dafür riskiert hat, dass ihr mehr als sieben Jahrzehnte später ein Schreibtischtäter im Namen der Vierten Instanz diese Schandtat antun konnte.

Besagter Zeitgeist will Faktenprüfer in der Spiegel-Dokumentation, die übersehen, dass die alte Dame in den USA zum Zeitpunkt des Reporterbesuchs noch nichts von „Chemnitz“ wissen konnte. Weil ja insgesamt alles so stimmig war am Gesamtbild von den bösen ostdeutschen Nazis, die Menschen durch die Straßen jagen, und der Ikone des Antifaschismus, die das Geschehen in das unvermeidliche „Sag mir, wo du stehst“ transponiert – mit ein wenig Nachhilfe aus Hamburg.

Der Zeitgeist will auch Leser, die durch solche Geschichten ihren täglichen Fix an überlegener Moral und Gesinnung bekommen. Denn darum geht es ihnen: sich als Globalisten über die selbstverständlich dumpfe deutsche Restmasse zu erheben. Ganz im Stillen hoffen die Erhabensten dabei, sich loszueisen von der eigenen psychischen Verkettung mit der braunen Erbsünde, die nicht selten unbearbeitet in der Familiengeschichte lauert. Die überall Nazis wittern, gieren nach Absolution. Was doppelt schlimm ist, denn die (vergleichsweise wenigen) wirklichen Neonazis werden unter all den Störsignalen auf dem Suchradar endgültig unsichtbar.

Der Zeitgeist will außerdem Chefredaktionen, die für solche Leser solche Erzählungen immer neu in Auftrag geben – und korrigierend eingreifen, wenn die Wirklichkeit ein Störfeuer legt. Nur korrigiert konnten zum Beispiel die Spiegel-Verantwortlichen ihre eigene Liste der bestverkauften Sachbücher Deutschlands ertragen, die durch objektive Verkaufszahlen generiert wird. Weshalb sie im Jahr 2017 ein Buch von der Spiegel-Bestsellerliste verschwinden ließen, das seines ungehörigen Inhalts wegen dort nicht sein sollte.

Das Buch war kontrovers und man konnte seinen Thesen andere, vielleicht bessere Argumente entgegensetzen. Aber dazu hätte man von seiner Existenz mittels Liste Kenntnis erlangen müssen. Und dazu hätte der Spiegel die unbequeme Realität der Verkaufszahlen anerkennen müssen, die das Buch auf die Liste beförderten. Er hätte anerkennen müssen, dass es in Deutschland zahlreiche Käufer eines solchen Buches gibt. Dass er diese Realität stattdessen unterdrückte, wäre inzwischen ohne Relotius auch schon wieder vergessen.

So aber dokumentiert es mehr als einen Unfall, mehr als einen Reinfall. Es dokumentiert ein Muster.

Ist das Stigma nur mächtig genug, ersetzt es jede Beweispflicht – und verwandelt Manipulation in Wahrheit ohne Widerspruch.

Das Muster ist Manipulation plus Stigmatisierung. Das Muster ist, dass sich mit herbeigebogener Wunschrealität kurzfristiger Profit machen lässt, materiell wie immateriell. Dazu halten die Verbieger der Wahrheit ein Stigma für jene bereit, die den (Selbst-)Betrug nicht mitmachen wollen. Im Age of Relotius kennt dieses Stigma die Namen „Nazi“, „Rassist“ und „rechts“. Ist das Stigma erst mächtig genug, ersetzt es jede Beweispflicht – und verwandelt Manipulation in Wahrheit ohne Widerspruch. Die Stigmatisierer fahren, so zeigt sich, sehr gut damit.

Es gewinnen diejenigen, die in die erzwungene Stille hinein störungsfrei neue Gesetze und Verordnungen einbetten können (woraufhin wiederum andere gute Geschäfte machen). Diejenigen, die zu denkfaul und zu gedankenschwach sind, sich in offener Kontroverse – und nichts anderes wäre Demokratie – auf dem Markt der Meinungen zu bewähren. Diejenigen, die mit den Wölfen heulen, um auch morgen noch ihren Job zu haben und ihr Häuschen abbezahlen zu können. Und nicht zuletzt diejenigen, die sich mit Preisen und Auszeichnungen (verbunden mit stattlichen Konformitätsprämien) als Welterklärer feiern lassen können.

Fast möchte ich als Leser und Autor resignieren und sagen: Gut, der Zeitgeist will es so, und ich bin nur ein 52-jähriger weißer deutscher Mann, den der Zeitgeist nicht will. Also kapituliere ich.

Aber hoff‘ mal nicht, Zeitgeist. Ich muss nur daran denken, welche Verheerungen und Verwüstungen der manipulative Gesinnungsjournalismus dort anrichtet, wo er zuschlägt. Ich muss nur aus der Betroffenenperspektive lesen, wie Relotius im Auftrag des Spiegel über die Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota hereinbrach und was das mit den Menschen dort gemacht hat. Dann siegt der Zorn über die Depression. Und das muss er, wenn man hierzulande im Age of Relotius bei klarem Verstand überleben will.

Was pars pro toto den Spiegel angeht, so ist es jammerschade um das zweifellos reichliche Talent, das dort unter all dem blindwütigen Erziehungseifer verschüttet liegt. Kaum auszudenken, würde es heute noch dazu eingesetzt, zu „sagen, was ist“ und darüber hinaus mächtigen Falschspielern mit Fakten auf die Finger zu schlagen. Dieser aufklärerischen Tradition wegen war ich einmal Abonnent des „deutschen Nachrichtenmagazins“.

Als der Spiegel Ende 2016 sein 70-jähriges Jubiläum feierte und der preisgekrönte Lügenbaron dort schon munter seine Kopfgeburten als Fakten verkaufen durfte, druckte das Magazin auf seinem Titel einige saftige Flüche ab. Es waren Verwünschungen des Magazins durch Politiker, die das Blatt irgendwann während 70 Jahren einmal in Bedrängnis gebracht hatte. Mit deren Wutschnauben schmückte sich der Spiegel nun wie ein Indianer mit den Skalps der Erschlagenen. So unantastbar fühlte man sich an der Hamburger Ericusspitze.

Ganz groß prangte da in weißen Lettern auch ein Zitat von Willy Brandt. Ausgerechnet Brandt, dem die Redaktion erst neulich gnädigerweise posthum bescheinigt hat, ein „guter Deutscher“ gewesen zu sein (die guten Deutschen sind am besten tot).

Und was soll ich sagen: Brandt war wirklich gut.

*) Nachtrag, 5.3.2019

Apropos weitere Zeitbomben in den Redaktionen: I hate to say I told you so. And so.

5 Kommentare zu „2018 und danach: The Age of Relotius

  1. Ich lese den SPIEGEL jede Woche, seit vielen Jahren, was ich auch weiter tun werde. Was diesen Claas Relotius angeht: ich habe mir über die Zeit angewöhnt, erst die Reportage (oder was immer) zu lesen, und erst wenn mir etwas gefallen hat, blättere ich zurück und schaue nach, wer es geschrieben hat. (Es sei denn, es steht direkt darunter.) Von daher sind mir einige Namen von SPIEGEL-Schreibern gut bekannt, der Name Claas Relotius dagegen begegnete mir das erste Mal mit seinem Skandal. Er ist mir also nie aufgefallen.

      1. Nun ja, wenn er so gut darin gewesen wäre nicht aufzufallen, hätte er kaum diverse Preise abgeräumt. Ich will damit ja auch nur sagen, dass mir seine Reportagen nicht gefallen haben. Er hat nicht mal besonders gut gefälscht und es hat trotzdem lange Zeit funktioniert, das ist das bestürzende. Und dass die Protagonisten immer ein Lied auf den Lippen haben, wenn sie ins Zentrum der Reportage schreiten, ist schon lächerlich.

  2. „Ist das Stigma erst mächtig genug, ersetzt es jede Beweispflicht – und verwandelt Manipulation in Wahrheit ohne Widerspruch.“ So ist es. Ich frage mich, wann es den wackeren Haltungsjournalisten der westlichen Demokratien wohl endlich auffallen wird, dass sie oft mit ähnlichen (nur eben länger und subtiler trainierten) Methoden arbeiten wie die, denen sie permanent Fake News und „Hetze“ vorwerfen. „Populisten“ sind halt immer nur die anderen … #Wahrheitgepachtet ;)

    1. Und während sie jenen immer ähnlicher werden, sind sich andere ganz „unähnlich“ geworden: Ausgerechnet die Springer-Journalisten der „Welt“, die von den haltungsfixierten Achtundsechzigern einst als Prototypen des reaktionär-verbohrten Establishments gehasst wurden, pflegen 50 Jahre nach 1968 in ihrem Blatt vergleichsweise den größten Binnenpluralismus an Diskurs und Debatte.

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