Was Friseurin Schmidt kann, kann nur Friseurin Schmidt

Der Kunst begegnet man im kargen Hamburger Osten an Orten ohne Rampenlicht, wo sie dafür besonders helle Funken sprüht. Zum Beispiel im Friseursalon Schmidt. Bis 18.30 Uhr werden hier Haare geschnitten – bevor in Windeseile eine Verwandlung vor sich geht.

Jana Jindra ist Meerjungfrau. Nein, genauer: Sie ist die Prinzessin der Meerjungfrauen. Etwas gewöhnungsbedürftig, wenn sich der Main Act des Abends im Interview so vorstellt und das auch genau so zu meinen scheint. Bekräftigt wird es indes von ihrem Kopfputz *, stilistisch irgendwo zwischen elektrisch bekränztem Christbaum und indianischem Federschmuck angesiedelt – was in Neptuns Reich gerade schwer en vogue zu sein scheint.

Aber dann akzeptiert man das einfach mal, dass die etwa 1,90 Meter große junge Frau aus Hamburg-Billstedt in sich hineingelauscht und es als ihre Mission begriffen hat, als Meerjungfrau unter den Menschen zu leben und deren merkwürdiges Verhalten zu studieren. So eingestellt, kann man sich ganz auf Janas „Meermaid-Pop“ einlassen.

Den nämlich präsentiert sie an diesem Abend mit ihrer kleinen Band. Klanglich und gesanglich erinnert das bisweilen an Cristin Claas, komplex arrangiert und mit ausdrucksvoll geschulter, manchmal betörender Stimme. Doch besonders wegen des Gesamterlebnisses, das da auf der winzigen improvisierten Bühne gleich hinterm Schaufenster entsteht, wird der Abend im Gedächtnis bleiben.

Im Schatten von George Washington

Und das liegt auch an der Location, denn die ist ein Friseurgeschäft. Der Salon Schmidt existiert unter wechselnden Namen seit den Fünfzigerjahren an unveränderter Stelle in Hamburg-Horn, einem der soziokulturell nicht gerade begünstigten Hamburger Stadtteile. Kultur spielt sich hier im armen Osten zwischen genossenschaftlichen Rotklinkersiedlungen (alle nach dem berüchtigten Feuersturm von 1943 hochgezogen), Autowaschanlagen und Penny-Filialen ab. Oft muss man sie suchen, sie zeigt sich nämlich häufig nur Eingeweihten. Also denen aus dem Viertel. Die anderen kämen ja sowieso nicht her.

Andererseits: Der Salon Schmidt liegt an einer Ausfallstraße mit dem wirklich großartig metropolitanen Namen Washingtonallee. Ich meine, klingt das nach Weltstadt? Nach Kulturhauptstadt? Yeah baby! In your face, Hamburg-Ottensen und Schanze, Karoviertel und St. Pauli, Eimsbüttel und Eppendorf!

In der Washingtonallee 20 also klappern täglich die Scheren. (Übrigens nur einen Steinwurf entfernt von dieser Perle, Washingtonallee 42 – die kulturelle Ballung hier ist schon fast außerirdisch.) Ein Salon mit allem drum und dran, also Waschenschneidenfönen, zu „lokal üblichen“ Preisen. Nix Szene-Friseur, nix Off-off-Coiffeur, kein überdrehter Wortspielname à la „Kamm in“ oder „Haarburg“ (in Hamburg-Harburg). Einfach Friseur Schmidt. So muss Eigenwerbung des Handwerks, meine Damen und Herren.

Wie ja auch schon die unvergessliche Werbeweisheit „Was Friseure können, können nur Friseure“ aus dem vergangenen Jahrhundert ein Meisterwerk war. Einzig der Brüller „Nur Butter heißt und schmeckt so“ kommt da noch ran. Aber ich schweife ab. RAS, Reklame-Allergie-Syndrom, kann ich nichts gegen tun, sorry.

Großes Tennis für 2,50 Euro

Jedenfalls, im Salon Schmidt ist die Chefin Frau Schmidt. Jessica Schmidt. Wenn man sie aber fragt, warum sich ihr Laden einmal im Monat, Freitags um 19 Uhr, zum Schauplatz von „Kultur im Salon“ verwandelt, dann sagt sie: „Ich stell hier bloß den Platz zur Verfügung.“

Was charmant untertrieben ist. Sie macht viel mehr. Sie sorgt zum Beispiel mit für die abendliche Verwandlung, gegen die Kafkas Gregor Samsa ein blutiger Anfänger war. Innerhalb von 45, manchmal 30 Minuten werden alle Friseursessel verschoben, die paar Quadratmeter Bühnenfläche geräumt, Dutzende von Klappstühlen aufgereiht, Kabel verlegt, Verstärker getestet. Was ein Eventmanagement eben so macht.

Dabei helfen zuverlässige Freiwillge. Es gibt zum Beispiel eine Familie aus der Nachbarschaft, die schon vormittags um elf auf der Matte steht, um all die Stühle aus dem Keller hochzutragen. Sowie natürlich die Leute vom Stadtteilverein Horn, allen voran Sabine Finne, die auch maßgeblich für das Kulturprogramm im Freitags-Salon zuständig ist.

Geld kriegt dafür natürlich mal wieder so gut wie niemand und so gut wie nichts. „Es gibt leider keine Förderung durch die Stadt“, sagt Finne. „Wir finanzieren uns durch die 2,50 Euro Eintritt. Davon zahlen wir 50 Euro an die Band oder den Autor und führen dann noch die Gema-Gebühr ab. Daher lassen wir hinterher noch den Hut rumgehen, damit die Künstler wenigstens etwas mehr bekommen.“ Was auch wirklich nottut. Denn Kunst – nicht wahr, liebe Pfeffersäcke – kommt bekanntlich von Hungern.

Bei Jana Jindra und ihrem Vorprogramm (einer Flugbeleiterin, die zur Gitarre selbstgetextete Balladen singt) platzt der Laden immerhin mit mehr als 50 zahlenden Gästen aus allen Nähten. Und damit auch die Spendendose. Die Leute drängen sich auch auf der kleinen Treppe, die auf eine Empore führt, wo sich noch mal etwa 20 Besucher auf die Klappstühle quetschen. Dazwischen und auf den Regalen mit den Haarsprayfläschchen und anderen duftenden Essenzen stehen derweil überall Prosecco-Gläser und Bierflaschen. Eine wilde Mixtur, in jeder Hinsicht.

Ursprünglich, in den beengten Fünfzigern, ging es am oberen Treppenabsatz einfach zu der Wohnung, wo der Friseur mit Familie lebte. Später kam der Umbau, um den Salon zu vergrößern. „Diese Empore war überhaupt der Grund, warum meine Vorgängerin und der Stadtteilverein vor zehn Jahren die Idee hatten, dass man hier doch mehr bieten müsste als Haareschneiden“, erzählt Frau Schmidt.

Das tun sie, wahrhaftig. Jeden Monat treten jetzt hier lokale Größen (und gern auch mal ein völliger Newcomer) auf – mit Musik, Literatur, oder, wie an diesem Abend, mit einem einzigartigen Einblick in die Unterwasserwelt. „Und am Ende, nachdem ich das Geschäft wieder hergerichtet habe, schließe ich die Tür zu“, berichtet Jessica Schmidt. „Denn am Sonnabendmorgen um neun geht’s im Laden wieder los.“

*) Warum da kein Foto von den Kulturschaffenden des Abends ist? Weil ich nur ein Handy dabei hatte und das Licht nicht reichte. Hälfte der Bilder nix geworden, Tschuldigung. Demnächst dann auf den großen Bühnen.

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