Der Stellwerker des Stillstands

Das Leben ist keine Spielzeugeisenbahn. Vielleicht aber ja doch, wenn man ganz tief in die Knie geht und sich die Welt auf den Maßstab 1:100 zurechtschrumpft? Leider tickt die Zeit dann immer noch im Verhältnis 1:1, und Staub legt sich in real time auf Spielzeugschienen. So wie im Museum für Hamburgische Geschichte.

Ich bin ja aus dem Stand zu beachtlichen Emissionen an Melancholie fähig. Vielleicht interessiere ich mich deswegen so sehr für Geschichte – das Verflossene, Verwehte, Versteinerte, Unwiederbringliche. Das Zeug halt, das sich angeblich nie wiederholt, und dann schockierenderweise doch immer wieder. Nur aus der entgegensetzten Richtung, unter anderen Namen und Fähnchen.

Es gibt sogar so etwas wie eine Geschichtswissenschaft. Das klarzustellen ist wichtig, weil Ihre Kinder, liebe Leser, heute in der Schule keinen Geschichtsunterricht mehr haben. Sie glauben bzw. wissen also gar nicht mehr, dass die Zeit vergeht, dass Superhelden sterblich sind, dass Städte und Länder aufstreben und just in dem Moment wieder in sich zusammenfallen, wenn man eigentlich bloß gerade ins Kino wollte. Dass Menschen dieselben dummen Fehler immer wieder machen, ob Historiker, König, Kanzlerin oder SZ-lesendes, abgebrochenes Genderwissenschaftstudierendes mit GrünInnen-Parteibuch.

Doch, ab und zu haben Ihre Kinder schon noch Geschichtsunterricht. Meine ja auch. Als Pausenfüller, sporadisch und für sehr übersichtliche Zeiträume, wenn er nicht ohnehin ausfällt oder wieder irgendein Film bei der ahnungs- und bocklosen Vertretung gekuckt wird. Viel wichtiger ist ja ohnehin MINT.

Jedenfalls, Geschichte gilt als brot- und mehrwertloser Zeitvertreib, etwas für Leute in grob gewürfelten Pullundern, Leute wie mich. Über die ca. 5000 Jahre post-steinzeitlicher Zivilisation muss man heute zumindest an Hamburger Gymnasien nur noch wissen: irgendwas mit Nazis (böse, rechts), Entdeckung Amerikas, Mauerfall. In dieser Reihenfolge. Ansonsten beherrsche man bitte bevorzugt MINT. Oder gar nix, fällt auch nicht weiter auf.

Deshalb würde es Ihre Kinder jetzt vielleicht überfordern, wenn ich neben Ihnen jetzt auch gleich sie ins Museum für Hamburgische Geschichte mitnähme. Da war ich nämlich dieser Tage mal wieder. Ich erspare Ihnen aber die meisten Säle der Dauerausstellung und erwähne nur kurz, warum Hamburg Hamburg heißt. Wussten Sie das? Wegen der Hamma Burg. Diese Keimzelle der Stadt baute man vermutlich schon im 8. Jahrhundert (das war vor den Nazis, es gibt aus der Zeit keine Fotos und nichts bei Instagram, wir wissen es deshalb nicht ganz genau) mitten ins feuchte Tal der Alster hinein. Und Hamma, nun ja, das ist das alt-niederdeutsche Wort für: Sumpf. Sie dürfen unsere schöne Hansestadt also, sprachgeschichtlich gut begründet, gerne Sumpfburg nennen (und den HSV Sumpfburger Sportverein).

Auch da bin ich als Teilzeit-Historiker schon wieder persönlich betroffen, denn ich lebe bekannlich im Stadtteil Hamburg-Hamm, wo es wegen der Elbmarschen zumindest untenrum noch mal doppelt so sumpfig war, bevor man auch dieses Feuchtgebiet trockenlegte. (Zusammenhangsloses Bonuswissen: Das Hamburger Nationalgericht „Labskaus“ hat eine sprach- und ernährungsgeschichtliche Verwandschaft mit den englischen „Scousers“, den Einwohnern Liverpools.)

Aber nicht für solche, wenn auch mich persönlich sprachgeschichtlich ungemein befriedigenden Erkenntnisse müssen Sie heute mit ins Museum für Hamburgische Geschichte. Sondern hierfür:


Wir sind jetzt schon beim illustrierten Teil, von hier an geht es schnell, versprochen. Es ist Wochenende, Sie haben Verpflichtungen, ich weiß. Das hier ist die Modelleisenbahnanlage, für die im Museum ein ganzer Saal reserviert ist. Und nein, ich rede nicht vom hippen Miniaturwunderland in der Speicherstadt, dem Pflichtprogramm für alle See-Hamburg-in-three-hours-Touristen. Dort ist die Spielzeugwelt computergesteuert, super-miniaturisiert, multilingual, digital vollbeweglich, mit ständigen Anbauten und Erweiterungen alle Rekorde sprengend. Mit anderen Worten: ein Event.

Hier hingegen ist die Welt auf Hamburg begrenzt. Auf ein sehr rechteckiges Hamburg, um dessen Kulissen die Schienenovale herumführen. Immer rundherum. Auf der einen Längsseite des Rechtecks der Bahnhof von Harburg, lange Zeit einer der wichtigsten weit und breit, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Hauptbahnhof kam. Und auf der anderen eine Anmutung des Hafens samt Ozeandampfer und Schuppen. Drumherum dampft die Eisenbahn, wobei echter Dampf aus den Schornsteinchen pufft, tuuuuuut-tschatta-tschatta-tuuut! Die Kulissen sind teilweise schon in den Vierzigerjahren gemalt worden, der Rest dünstet Sechzigerjahre aus. Original. Unverändert. Unabänderlich.

Aber das Bemerkenswerteste ist er. Er ist immer jemand anderes, aber immer ein Mann. Er steht, kaum wahrnehmbar, in dem grauen Aufbau mit der Deckenleuchte, hier links oben im Bild:

Dieser Mann ist ein Eisenbahnfreund. Vom Verein der Eisenbahnfreunde oder so ähnlich. Einem Bruderbund begeisterter Amateure, die anderswo in Hamburg auch echte Lokschuppen mit echten Dampfloks in Schuss halten. Ein paar Mal am Tag macht jemand von denen hier im Museum den Eisenbahn-DJ.

Er steht dann da (und hätte sicherlich Interesse, falls ich ihm meinen grob gewürfelten Pullunder verkaufen wollte), bedient mechanische Schalter und kontrolliert elektrische Lämpchen. Und hält vor allem den Vortrag. Erläutert, warum er gerade welchen Zug fahren lässt. Was dessen Besonderheiten waren, als er da draußen wirklich noch fuhr. Man versteht kein leider Wort davon. Nicht ein Wort.

Denn er und seine Freunde haben den Vortrag seit 1962 schon so oft gehalten, dass jede Sinn stiftende Betonung längst herausgespült und weggeschwemmt wurde. Das klingt wie: „Aufgleisdreifährtjetztabderdampfzugderbaureihejx95k7zwo6bvon1937miteinemtriebwagenkrrzzquietschweswegenerimvolksmundauchderkrrrsquietschxzygenanntwurde…“ Ich habe versucht, das Knarzen und Quietschen der Verstärkeranlage von 1962 mit einzubauen.

Was ich nicht einbauen konnte, war das Schreien und Schrillen der unvermeidlichen Kleinkinder, die jedesmal rund um den Parcours rennen, hin und zurück, zurück und wieder hin. Es ist jedenfalls die undankbarste Aufgabe auf Erden, die er da oben erfüllt. Aber er erfüllt sie. Damit die Zeit so lange, wenigstens so lange stillsteht.

Und ich muss Ihnen sagen: Das rührt mich an. Mächtig. Melancholie-Emissionen dritten Grades. Was dieser Mann da macht, ist Sich-gegen-die-Zeit-Stemmen. Gegen das verdammte Ticken der Uhr. Dieser großen, gnadenlosen Uhr, die gegen uns alle tickt. Die Geschichten schreibt, die zu Geschichte werden. Die dafür sorgt, das Lok-Baureihen enden und neue konstruiert werden. Die alte Backstein-Bahnhöfe abreißt und neue Hochgeschwindigkeitstrassen durchs Land prügelt. Die eines Tages auch Eberhard, den Stellwerker des Stillstands, dahinrafft.

Während der Mann da oben seinen Vortrag hält und Knöpfe drückt, ausdruckslos, unbewegt, erdverwachsen, tickt leise die Uhr. Staub legt sich langsam auf Spielzeuggleise, wie jeden Tag seit 1962. Risse ziehen sich unmerklich durch die Mauern des Museums für Hamburgische Geschichte, verbreitern sich, vereinen sich mit anderen Rissen und führen schließlich, am 8. Juni 2097 um 16.12 Uhr, zum Einsturz. Sie und ich werden das nicht mehr erleben. Aber es wird passieren. Und ein neues Haus wird gebaut werden.

2 Kommentare zu „Der Stellwerker des Stillstands

  1. Was für ein epischer Ausflug. Wollen wir hoffen, dass dem Stadtmuseeum wirklich noch so viel Zeit beschieden ist wie du ihm zumisst. Mit Stadtarchiven kann es ja ganz schnell bergab gehen, wie wir aus Köln wissen.

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