Misshandelte Wörter (2): schubsen

Damian! Damian, hasse wieder die Naomi geschubst? Dat sollze doch nich! Getz gehsse mir aber nich mehr bei die bei!

So klingt es auf der Straße in Castrop-Rauxel. Vermutlich meint der Duden das, wenn er das Verb schubsen „umgangssprachlich“ nennt: Schubsen ist etwas, das Kinder im Sandkasten tun. Oder auf der Schaukel (dann im Sinne von anschubsen). Vielleicht noch klarer macht diese Kinderei das vom Duden empfohlene Synonym: „stupsen“. Heiti-teiti! Schlimm genug, dass es ausdrücklich für Erwachsene das Facebook-Instrument des „Anstupsers“ zur Kontaktaufnahme gibt (im engl. Original: „poke“). Aber das ist ein anderes Thema.

Schubsen jedenfalls tun nur Kinder, bzw. sie tun es in den Worten ihrer möglicherweise bildungsfernen Mutterschiffe, die sich am Rande des Spielplatzes darüber streiten, wessen Blag wohl angefangen hat mit Sand zu schmeißen: „Ihrer hat aber meinen zuerst geschubst!“ Merke hier außerdem: Erwachsense streiten, Kinder zanken.

Nun ist die deutsche Medienlandschaft leider ebenso wie die Politik von einer grauenhaften Infantilisierung befallen. Mit „Gorbi“ ging es meines Wissens in den Achtzigerjahren los. In der Welt dieser nie über die Pubertät hinausgewachsenen Leute gibt es offensichtlich keine ernsthaft handgreiflichen Konflikte unter Erwachsenen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wenn es sie aber doch gibt, müssen sie verniedlicht werden, um das eigene Harmoniebedürfnis wieder ins Lot zu bringen. Anders ist das krasse Missverhältnis zwischen der Brutalität vieler Vorgänge und der Wahl des Verbs „schubsen“ zur Beschreibung derselben nicht zu erklären. Nehmen wir folgende Schlagzeile:

Geschubst, geschlagen, getreten: Männer-Trio greift Familie in Gütersloh an

Ich verkneife mir hier die Frage, welche (zutreffenden) Assoziationen Ihnen beim Lesen des verdrucksten Begriffs „Männer-Trio“ durch den Kopf gingen. Hier soll uns interessieren, was die als seriös bzw. Qualitätsmedium angesehene Neue Westfälische über den Vorgang des „Schubsens“ konkret ausführt:

Die Männer hätten sofort angefangen, die Familie zu beleidigen, heißt es von der Polizei. Anschließend sei einer der Männer auf eine 55-jährige Frau zugegangen, die derzeit auf Gehhilfen angewiesen ist. Nachdem er sich provokativ vor der Frau aufgebaut hatte, schubste er sie noch.

Wenn Kinder schubsen, ist das zwar eine Übertretung, aber meist affektgeleitet und nicht weiter folgenschwer. Wenn „Männer“ etwas tun, das von Medien genauso bezeichnet wird, dann kann man sicher sein: Sie verletzen alle zivilisatorischen Grenzen, bewusst, provokativ und unter Inkaufnahme schwerster gesundheitlicher wie psychischer Traumatisierung beim Opfer. Eine alte Dame auf Krücken „schubsen“? Samt vorangegangenem Gorilla-Gehabe und Einschüchterungsgetue?

Die Verniedlichungsvokabel möge der NW-Redakteur doch bitte der alten Dame auseinandersetzen, ich könnte das nicht. Ich hätte die dafür vorgesehenen deutschen Wednungen „gerempelt“, „gestoßen“ oder „bedrängt“ benutzt. Vokabeln, die das Asoziale der Aktion und der Täter treffend benennen.

Oder hier, diese gefühlt alle drei Wochen an wechselnden Schauplätzen in austauschbaren Großstädten wiederkehrende DPA-Meldung:

Ein Mann ist in einem U-Bahnhof in Berlin-Neukölln von einem Betrunkenen geschubst worden und in ein Gleisbett gestürzt. Der 34-Jährige wurde mit einem gebrochenen Halswirbel in ein Krankenhaus gebracht. Ein Unbekannter habe ihn am Samstagmorgen in der Station Boddinstraße erst angerempelt und dann geschubst, teilte die Polizei mit.

Ich weiß ja nicht, aber ein Polizist, der das Wort „geschubst“ für den obigen Vorgang benutzt, hat für mich den Anspruch verwirkt, als Respektsperson zu gelten. Ebenso wie ein Journalist, dem derart gedankenlose Sätze aus der Tastatur klimpern. Wobei mir hier auffällt, dass ein Unterschied zwischen „erst angerempelt“ und „dann geschubst“ gemacht wird, als ob es sich hierbei um eine Deeskalation der Gewalt handele. Das Gegenteil war der Fall.

Wir sind eine Ellbogen- und Krawallgesellschaft geworden. Da ist es normal, dass die dazu passenden Krawallmedien wie Tag24 körperliche Gewalt besonders saft- und kraftvoll auswalzen möchten. Doch die Headline

WILDE MORDGERÜCHTE: HAT LADY GAGA IHRE KONKURRENTIN EISKALT VOM DACH GESCHUBST?

bricht gültige Rekorde der Unverhältnismäßigkeit – zwischen der Kriminalität einer (angeblichen) Tat einerseits und ihrer sprachlichen Verkindlichung andererseits.

Je blutrünstiger, desto geschubster. Das scheint beinahe die neue Faustformel der Medienberichterstattung zu sein, wie RTL.de am Beispiel eines Zwischenfalls auf einem Kreuzfahrtschiff demonstriert:

Augenzeugen berichteten der aus Aruba kommenden Zeitung „Diario“, dass sich die Frau am Abend vor ihrem Tod noch mit einem „muskulösen Mann“ gestritten hätte. Dieser soll sie anschließend gewürgt und von Bord geschubst haben. Die Frau fiel ganze neun Stockwerke tief, landete direkt auf einem Rettungsboot. Verstörte Passagiere berichteten später, alles sei voller Blut und Glas gewesen – außerdem sei das Bein der Frau bei dem Sturz abgetrennt worden.

Nebenbei: Sie fiel also „ganze“ neun Stockwerke tief, demnach ausdrücklich überhaupt nicht tief. Gemeint war „volle“ neun Stockwerke tief. Denn nur das ist so tief, wie es sich anhört. Der doofe Schubser hat ihr bestimmt hinterher als Entschuldigung einen Lolli geschenkt.

Kommen wir abschließend zum Ernst des Lebens, zum Bundesliga-Fußball. Da gibt es Fouls, böse Fouls, knochenbrechende Fouls – und Schubser. Letztere heißen auf Neudeutsch nur dann so, wenn der Geschubste auf einer Bahre, künstlich beatmet, vom Platz in den OP getragen wird. Fast folgerichtig in unserem Medienkindergarten, dass das Allerschlimmste, was einem Verein wie dem ruhmreichen HSV passieren kann, nämlich der Absturz in die Zweitklassigkeit, reflexartig mit der ultimativen Dutzi-Vokabel belegt wird:

Hamburger SV von Augsburg in Richtung Abstieg geschubst

überschreibt die Rheinische Post einen Beitrag im Sportteil. Na, dann wollen wir mal hoffen, dass die lieben Kleinen sich mit vereinten Kräften wieder herauswühlen aus dem Sandkasten Höllenschlund der 2. Liga.

P.S.
Artikel wie diesen können Sie bald schon nicht mehr lesen. Wenn nämlich die jüngst durch die von Ihnen gewählte Partei mitbeschlossene Urheberrechtsreform in Kraft tritt, darf ich ohne Erwerb einer „Lizenz“ (???) keine Zitate aus Presseerzeugnissen mehr wiedergeben. Nicht mal einen einzigen Satz, denn das ist alles wertvolles geistiges Eigentum. Ja, auch Sie haben das gewählt.

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