Short Stories (5): Der Riss

Es knirscht in der Stadt. Aufgestaute Spannungen und neue Lasten stellen ihre soziale Statik auf die Probe. Gegensätzliche Kräfte lassen die Grundfesten der Stadt auseinander driften, während ihre Herren sie noch für unerschütterlich halten. Als zuletzt klar wird, dass sie auf Sand gebaut haben und alles von Grund auf neu errichtet werden muss, ist die Frage: Wird sich etwas ändern?

Die Stadt war lange gut zu ihm gewesen. Erst hatte sie ihm seinen Job beschert, einen schönen Posten als Redakteur bei einer angesehenen Zeitschrift. Damals, als Mittdreißiger ohne feste Beziehung, war er für diese Stelle aus einem weit entfernten Bundesland hierher gezogen.

Auch die erste Wohnung in der Stadt hatte er, mit diesem Festgehalt in der Tasche, schnell gefunden. Sie lag im Dachgeschoss eines genossenschaftlichen Rotklinkerblocks, und er hatte vom ersten Moment an den schönen Schiffsplanken-Fußboden in der Mansarde geliebt, der eine zugleich edle und warme Atmosphäre erzeugte. So etwas kannte er nicht, wo er herkam. Als der Verwalter ihm noch bei der Besichtigung zusagte und ihm statt eines Formularblocks nur die Hand entgegenstreckte, hatte er sich gewundert: Ob man denn nun nicht einen Mietvertrag unterschreiben müsse? Nein, hatte der Verwalter gesagt, man sei hier in einer Kaufmannsstadt, hier gelte das Kaufmannsehrenwort. Den Papierkram könne man später erledigen. Er hatte dann eingeschlagen in die Hand, und den Papierkram hatte man später erledigt.

Prompt hatte die Stadt ihn mit seiner zukünftigen Frau zusammengeführt. Am Tag, als das erste Date im Café geplant war, rasten anderswo zwei Flugzeuge in zwei Türme, und das Date musste wegen Überstunden in der Redaktion verschoben werden. Aber etwas später dann saßen sie sich doch gegenüber. Auch die Frau war im Journalismus, da gab es Anknüpfungspunkte, der Rest ergab sich ganz von allein. Zum Beispiel die Schwangerschaft, die sogar besonders schnell. Und so hatte man eine neue, größere Wohnung finden müssen, was aber, mit schon hochschwangerem Bauch, auch wie von selbst gegangen war. Zwar gab es keine Schiffsplanken diesmal, aber dafür viereinhalb Zimmer, von denen zwei als geräumige Kinderzimmer taugten. Die Wohnung war bezahlbar, sie lag im Ostteil der Stadt, aber als Zugereister dachte er sich nichts dabei.

Und als ob sie das mit den beiden Kinderzimmern wusste, hatte die Stadt ihm dann innerhalb weniger Jahre das zweite Kind beschert, einen Jungen nach dem Mädchen. Nun waren sie zu viert gewesen, und die Stadt weiterhin gut zu ihnen.

Irgendwann aber bemerkte er, dass die Stadt ihn langsam, aber sicher beiseite zu schieben begann. Das Leben war rauer geworden, er selbst älter, vielleicht träger im Denken, vielleicht auch langsamer in der Bewegung. Unaufhaltsam verdichtete sich die Stadt, sie erfuhr einen ungeahnten Zustrom von außen. Aber ihre östliche Hälfte schien sich dabei, wie auf auseinander driftenden Kontinentalplatten, von der westlichen Zentimeter um Zentimeter zu entfernen. Je weiter der Weg hin und her über das Wasser in der Mitte wurde, desto mehr blieb man auf beiden Seiten unter sich. Und auf beiden Seiten wurde es kälter. Besonders aber auf seiner, im Osten.

Die Medien der Stadt, in deren Uhrwerk er ein Rädchen darstellte, schienen das zu ignorieren. Sie verleugneten auch, dass der Reichtum der Stadt immer mehr auf die eine, die westliche Seite wanderte, während sie auf den Osten ihre Probleme, ihren Zuwachs und ihre Armut abzuwälzen suchte. Mehr und mehr wandten sich die Augen der lokalen Zeitungen nur noch den wohlhabenden Gegenden im Westen und Nordwesten zu, denn nur hier gab es Abonnenten und Inserenten und das Wohlwollen der Mächtigen zu gewinnen. Er aber wollte die Anbiederung und die Einäugigkeit nicht mitmachen, er wollte, dass die Stadt ein Ganzes blieb, während sie unaufhaltsam weiter nach Westen und Osten driftete, hier ärmer und heimatloser, dort reicher und verschlossener werdend.

Als die Zeiten noch rauer wurden, verlor er seine Stelle. Eine Rationalisierungsmaßnahme. Eine wie Tausende, nichts Persönliches, hatte der Geschäftsführer auf der geschäftigen Seite der Stadt ihm zum Abschied gesagt. Man müsse sparen. Die Eingesparten, zu denen er nun zählte, drängten sich in den Rotklinker-Zonen des Stadtplans mit all den Hinzugekommenen, die erst gar nicht die Chance gehabt hatten, eingespart zu werden. Im beschäftigungslosen Gedränge brodelte und gärte es, Zorn und Zwietracht sickerten in die Fugen und Fundamente.

Er war jetzt sicher, dass die zerrissene Stadt, die ihn aufgenommen und so lange gut zu ihm gewesen war, nicht wieder eins werden würde. Längst waren die Risse, Brüche und Spannungen zu groß geworden, um die auseinander driftenden Teile noch einmal umzulenken und zusammenzuführen. Das, was die Stadt einst verbunden hatte, war aufgebraucht, neu aufgeteilt worden. Das soziale Tuch war zerrissen.

Und dann kam, aus dem Nichts, das Beben. Es warf ihn vom Stuhl am Abendbrottisch, abends um kurz nach sieben. Eine solche Erschütterung hatte die Stadt noch nie erlebt. Dass sich hier überhaupt eine derartige Gewalt entladen könnte, hatte keiner vermutet. Diese Gegend war von keinem Bergbau untergraben, lag fernab aller Risse und Gräben in der Erdkruste, weit weg von den Spannungszonen, wo Kontinentalplatten sich aneinander rieben. Und doch traf der große Schlag gerade sie am gewaltigsten.

 Gerade noch schaffte er es, an schwankenden Wänden entlang zur Wohnungstür zu kommen, während im Esszimmer das Bücherregal umstürzte und das Licht erlosch. Im Treppenhaus sah er aus dem Augenwinkel die Risse im Putz, nahm das Bersten des Geländers wahr, während er zwei Etagen abwärts taumelte. Jeder war sich selbst der Nächste in diesen endlosen Sekunden. Er glaubte zwar, allein gewesen zu sein in der Wohnung, die Frau noch im Umland unterwegs, die Kinder – ja, wo eigentlich?

Doch es war keine Zeit für Gewissheit. Jemand lag auf dem untersten Treppenabsatz, blutüberströmt, erschlagen von einstürzenden Mauerteilen. Ein Nachbar, aber welcher? Keine Sicht. Weißes Licht zuckte in Blitzen, abgelöst durch staubige Dunkelheit. Er stolperte über den Toten hinweg, während ein tiefes Grollen direkt aus der Hölle aufzusteigen schien.

Die Straße. Immer dichtere, erstickende Staub- und Mörtelwolken trafen ihn nun im Rücken, als hinter ihm das vierstöckige Mietshaus endgültig in sich zusammenbrach. Sie trieben ihn weiter hinaus in die unwirklich dunkle Welt, in der immer noch alles schwankte und schüttelte, untermalt vom Grollen der Erde und vom Donner der einstürzenden Altbauten.

Das also war das Ende, fuhr es ihm durch den Kopf. Die Spannung, aufgestaut seit Jahren, entlud sich. Ausgerechnet seine Stadt hatte es getroffen, diese stolze Handelsmetropole, die geglaubt hatte, die Lage am Strom der Waren und an der Quelle der Profite mache sie unerschütterlich und unerreichbar für Katastrophen, wie sie anderswo zuschlugen. Immer nur anderswo.

Wie er die Nacht überlebt hatte, wusste er nicht. Als durch gelbliche Wolkenschleier ein wenig Tageslicht zurückkehrte, kroch er unter der kargen Deckung eines Betonträgers hervor und schüttelte sich den weißen Staub aus Kleidern und Haaren. Er sah sich um. Da war keine Stadt mehr. Einige alte Bäume, ebenfalls in Staub und Asche gehüllt, stellten nun die höchsten Orientierungspunkte dar. Höher als die Trümmerhügel, aus denen hier und da bis zum Horizont Rauchwolken aufstiegen, wo noch Brände flackerten. Wie in Trance begann er, ziellos durch die stille Steinlandschaft zu wandern.

Wo der Ursprungsfluss der Stadt zu einem zentralen See aufgestaut worden war, wagte er sich so weit wie möglich auf die mittendurch gebrochene Brücke vor, die einmal beide Ufer verbunden hatte. Er blickte zurück nach Osten, dann hinüber nach Westen: kein Unterschied. Die weißen Villen lagen zerbrochen und still wie die roten Klinkerkasernen, die er zurückgelassen hatte. Im Unglück schien die Stadt wieder eins geworden zu sein.

Mühsam wechselte er, am zerstörten Ufer entlangwandernd, auf die Seite der Villen. Er erklomm das schräg auf der Seite liegende, eingesackte Dach eines der Prachtbauten, die das westliche Seeufer gesäumt hatten. Ein einziges Mal wollte er dieselbe Perspektive einnehmen, die der Bewohner hier jeden Tag hatte genießen können: alte Bäume, Wiesen, Wasser. Weite. Fast musste er lächeln. So entspannt wie jetzt war die Stadt ihm nie erschienen.

Lärm riss ihn aus seiner Versunkenheit in tiefen Gedanken. Von ihm unbemerkt waren schwere Bergungs- und Baufahrzeuge zu seiner Ruine vorgedrungen, ihre Warnlampen blinkten gelb um die Wette. Schon brüllten ihm behelmte Männer zu, er solle von dem Dach verschwinden. Man sei hier im Auftrag des Besitzers. Der Wiederaufbau sei vordringlich und sein Betreten des Grundstücks verletze geltendes Recht.

Aber all die Menschen dort drüben, jenseits des Wassers, rief er zurück. Was denn mit denen sei? Dort, wo er herkomme, sei kilometerweit ebenfalls alles eingeebnet. Wolle denn dort niemand die Trümmer durchkämmen? Gewiss komme schnelle und zupackende Hilfe drüben mehr Menschen zugute? Alles zu seiner Zeit, gab der Anführer die Bergungskräfte über sein Megaphon zurück. Der Herr Konsul bezahlt uns hier aus seinem beträchtlichen Privatvermögen. Und die Stadt, das werden Sie doch einsehen, ist zunächst mal gut zu denen, die gut zu ihr sind.

(c) Oliver Driesen 2019, kein Reproduktion ohne schriftliche Genehmigung

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