Sei du mir der Schäfermond

Gott,
karger Begriff meiner ruhelos suchenden Begriffslosigkeit,
All-Maß des gebärenden, verzehrenden Universums,
energetischer Ausdruck des reinen Willens zum Sein
und ebenso ungemilderten Urteils zum Nichtsein,
von mir nicht zu deuten noch zu bewerten,
wenn ich auch tausendmal lebte als Klügster der Klugen.

Ultima ratio ludens, Schöpfung spielender Welt-Ingenieur,
der meine gläubige, zweifelnde, ungläubig schutzlose Spezies
an die Schwelle nicht mehr erschütterbarer, doch erdbebengleicher Erkenntnis geführt hat,
dass wir Staub sind unter Stäuben,
einzigartig unter Einzigartigen,
dass wir uns spiegeln in Spiegelbildern
und nichts vernehmen als Echos von Echos:
Steh mir bei in den schwarzen Hallen des Nichts,
in den gleißenden Sälen der Leere,
den schäumenden Meeren der Permutation.

Lass staunend mich standhalten
den vermessenen, überbordenden Dimensionen
und lass ihre Grenzenlosigkeit durch mich hindurchgehen wie durch ein Geweb,
dass sie mich nicht blenden mit ihrem Glanz,
dass ihre Größe mir den Atem nicht raubt
noch die Neugier auf immer fernere Wunder
hinter immer noch weiteren Wolken aus Gas und Gestirn.

Sei in den Weiten und Tiefen du mir der Schäfermond,
die hütende, bergende, heimwärts lenkende Gravitas,
in der Ursprung und Ausklang sich aneinander schmiegen,
der du Licht, Raum und Zeit beugst wie Halme im Wind,
und in dir vereinigst, kosmische Brutstatt,
Abrahams Schoß.

Mach mich bereit und gelassen zu sehen,
dass Planeten und Sonnen, Systeme und Galaxien,
Quasare, Pulsare, helle und dunkle Materie
Hologramme sind vom Tanz des Lebens mit dem Tod:
beides in sich und in jedem Partikel als Ganzes enthaltend,
in jedem Botschafter endlos vervielfachte Botschaft
immerwährender Expansion und Implosion.

Da die Bahnen der Giganten fortlaufen müssen
unverrückbar vom Bellen der Hunde,
von meinem lautesten Wollen und Tun,
lass mich Ruhe finden und geben,
dass die Weltenmusik der von feinsten Antennen erfassten Engel ungestört fortklingt
als dein eines, alleiniges opus magnum
von mathematisch unendlicher Majestät.

Und dass ich schließlich mit allem und allen
vom Ende zum Anfang zurückkehren soll,
zu dir, wesenlos ur-weiser Fixpunkt vor Raumzeitbeginn,
zur Singularität: lass mich endlich auch wollen,
du, dessen Name sich immer noch tausend Mal ändern wird,
Gott.