Accidit in puncto quod non speratur in anno

Wie ich einmal auf dem Hintern sitzend und Tiefkühlpizza aus dem Karton in mich hineinstopfend meinen Horizont erweiterte und dabei meinen Glauben an das Internet wiederfand.

Ich studiere ja seit zwei Wochen Archäologie. Spezialgebiet: Architektur und Stadtgesellschaft Roms in der Antike.

Und zwar an der University of Reading (auf halber Strecke zwischen London und Oxford; Aussprache nicht wie in „to read“, es ist ja keine „Lese-Universität“, sondern wie in „ready“, bitte, danke).

Ich bin da bis heute nie gewesen. Ich zahle keine Studiengebühren. Es gibt kein Hörsaalgedränge. Kein muffiges Studentenwohnheim. Kein fish and chips. Dafür jede Menge sehr aufgeschlossene, belesene und kommunikative Mitstreiter sowie ein positiv verrückter Tutor, über den noch zu reden sein wird. Perfekt also, wenn man seine spätpubertäre Studentenzeit hinter sich gelassen hat und diesmal wirklich was lernen will.

Und was ich da in der kurzen Zeit alles gelernt habe, Wahnsinn! Aber ich wollte erzählen, wie es überhaupt dazu kam.

Wie jeden Morgen las ich auch an jenem Tag vor gut zwei Wochen genüsslich den Guardian, also die Online-Version. Denn – wie gesagt – ich lebe ja nicht dort, auf dieser ebenso merk- wie liebenswürdig renitenten Insel. Da stolperte ich über diesen Artikel: Ein irrer Engländer, natürlich Archäologe wie Indy Jones, hat ein virtuelles Stadtmodell der kompletten antiken Metropole Rom ins Netz gestellt, in dem man nun wahlweise spazieren gehen oder das man aus allen möglichen Perspektiven überfliegen kann.

Fünf Jahre Arbeit, 608.000 einzeln gerenderte dreidimensionale Objekte inklusive jedes einzelnen Olivenbaums und jeder verdammten Zypresse. Das alles nach neuesten Forschungsergebnissen historisch weitestgehend akkurat (außer, dass einige Bauwerke möglicherweise nicht ganz zeitgleich gestanden haben). Einen Eindruck dieser Pracht liefert YouTube:

Und der, den man da durch (das echte, heutige) Rom spazieren sieht und hört, das ist Dr. Matthew Nicholls, mein Tutor. Der Mann mit dem Modell. Das können sie, die Briten: sich als Forscher und Dozenten so richtig in eine monumentale und leicht schräge Aufgabe reinbohren, sich dabei gegen alle Widerstände durchsetzen – und dann nach Jahren triumphal wieder aus dem Chaos auftauchen, mission accomplished.

Um es kurz zu machen: Die University of Reading und Dr. Nicholls haben aus dem fertigen Modell einen Online-Fernlehrgang der treffend betitelten Reihe FutureLearn gezaubert – vom Feinsten, vom Allerfeinsten. Sie haben einfach mal alle multimedialen Mittel sinnvoll angewandt und kombiniert, die heute so zur Verfügung stehen, und daraus eine Bildungserfahrung ersten Ranges entwickelt. Zum Nulltarif. Professionell geschnittene Videoreportagen, virtuelle Rundgänge durchs Stadtmodell, Quellen von Ovid bis Cicero, Münzen und Gedichte, Stadtpläne und Zeitreisen, Debatten und Feedback im Online-Kommentarbereich – ach: anmelden, einloggen, miterleben!

Senatus Populusque Romanum – Das Hoheitszeichen der antiken Stadtverwaltung, bis heute in Gebrauch

Für mich eine Offenbarung: was das Internet vermag, wenn es mal kurz genug hat von Kinderpornos, Hasstiraden und Cybercrime. Wieder gehe ich mit großen, staunenden Augen durch die Geisteswelt der angelsächsischen Hochschulen – wie damals, 1993, als ich für meine wirtschaftshistorische Diplomarbeit ein Trimester an der London School of Economics verbringen durfte.

Von der anonymen, seelenlosen und hirnerweichend verstaubten Massenuniversität Köln kommend, stand mir plötzlich nicht nur der Lesesaal der British Library zur Verfügung, in dem Karl Marx Teile des „Kapitals“ geschrieben hat. Sondern auch mein persönlicher Professor. Der sich nur mit meiner Arbeit auseinandersetzte, „one on one“, wie der Engländer sagt. Unfassbar, bis heute. Danach musste ich immer lachen, wenn ich daheim in Köln wieder mal einen akademischen Lehrer erst während der mündlichen Diplomprüfung persönlich kennenlernte.

Geschichte ist immer das, was am Ende rauskommt. Und bei Dr. Nicholls kommt eine Menge raus.

Briten und ihre Universitäten. Zwei Begriffe, die Sie auch im 21. Jahruhundert unbesehen zusammen kaufen dürfen, so wie diesen Lehrgang, für den Sie nicht mal was zahlen müssen. Aber warum überhaupt das antike Rom? Warum habe ich nicht „Forensische Psychologie“ belegt oder „Einführung in quantitatives Investieren“?

Weil ich ein begeisterter Wirtschaftshistoriker bin. Weil Geschichte, diese heute leider zunehmend für völlig überflüssig gehaltene Disziplin, uns immer wieder etwas darüber sagen kann, wie wir Menschen quer durch alle Jahrhunderte ticken und warum wir nie aus Fehlern lernen. Und weil das alte Rom, diese ewige Stadt, schon vor 2000 Jahren Dinge durchgespielt hat, von denen wir heute glauben, sie gerade erfunden zu haben.

Nicht wirklich aus der Zeit Julius Cäsars: Graffiti am Tiberufer, made in the 21th century

Vielleicht kennen Sie den Film „Gladiator“ mit Russell Crowe. Der ist zum Teil im Rom jener Zeit angesiedelt. Regisseur Ridley Scott war besessen davon, historisch möglichst genau zu arbeiten, aber eine von ihm schon abgesegnete Szene flog dann doch raus: wie die Gladiatoren im Circus Maximus vor Beginn der Kämpfe ausgewählte Produkte in die Höhe halten, um sie der Masse anzupreisen. Denn diese antike Reklameshow, so ergab die Marktforschung, hätten die US-Kinogänger für allzu dreist erfunden und unrealistisch gehalten.

Dabei entsprach sie genau den historischen Tatsachen.

Sie sehen: Geschichte ist immer das, was am Ende rauskommt. Und bei Dr. Nicholls kommt eine Menge raus. Jetzt aber entschuldigen Sie mich bitte. Bis am Montag das dritte von fünf Kursmodulen anfängt, muss ich noch die restlichen Programmpunkte des zweiten absolvieren.

Next step: „Poetic tours of Rome“. Oh yeah, Baby, warte auf mich!

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