Als die Drogistin tot war

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Ohne es zu beachten oder auch nur zu bemerken, hatte die alte Drogistin ihr Leben ins Schaufenster gestellt. Hatte sich gläsern gemacht, durchsichtig, ihr Dasein inventarisiert und zu kleinen Preisen feilgeboten. Für alle zur öffentlichen Beschau.

Das Schaufenster war wie der ganze Laden, die Fassade wie die Eingeweide, das Gesicht wie die Seele: zum Bersten angefüllt mit den kleinen Bedürfnissen des Alltags, mit Einwegfeuerzeugen für 79 Cent, Spülbürsten aus buntem Plastik, Grillkohle-Papiersäcken, Kerzen, billigen Parfums und Rasierwassern, Seifenstücken in von der Sonne verblichenen Schachteln. All der Ballast, den niemand will, aber jeder braucht.

Dazwischen aber war immer noch Raum für Schönheit: künstliche Sonnenblumen, ein sich räkelnder Gipsfrosch made in Taiwan, ein spöttisch dreinschauender Harlekin im Rüschengewand.  Denn ein leichter Gedanke, ein nettes Wort musste immer drin sein in der großen bunten Mischung, die das Angebot der Drogistin an die Welt war.

Natürlich ging es ums Verkaufen, ja. Eigentlich musste abends die Kasse stimmen. Aber mit jedem Monat, jedem Jahr, die vergingen, trat dies mehr und mehr in den Hintergrund. Die große Zeit, als sie noch die Filiale im Nachbarstadtteil gehabt hatte und bis zu 20 Angestellte, war längst zu Ende gegangen. Es war nicht mehr rentabel gewesen, und all die alltagsnotwendigen Dinge aus zwei Geschäften stapelten sich jetzt in nur noch einem verbliebenen.  Die Drogistin war nun allein mit zu vielen Dingen.

Zu den Öffnungszeiten quoll ihr die Ware auf den Bürgersteig, hinaus aus diesem düsteren Labyrinth der Nahversorgung, hinaus ans Licht, hinaus ins verbliebene Leben. Zum Ladenschluss presste die Drogistin sie mühsam wieder hinein, wie Zahnpasta, die zurück sollte in die Tube, weil niemand die Zahnpasta gewollt hatte.

Eines Tages war das Schaufenster und der Bürgersteig davor auffällig leerer als sonst. Dafür hing hinter Glas ein Zettel: „vorübergehend geschlossen“.

Aus einem vorübergehenden kann leicht ein endgültiger Stillstand werden. Bei der nächsten oder übernächsten Vorbeifahrt drängten sich vor der geschlossenen Ladentür Blumengebinde, echte Sonnenblumen darunter, auch brennende Grablichter. Die Drogistin war gestorben.

Die Kondolenzgaben der Nachbarn und letzten Stammkunden bildeten das, was hier üblich gewesen war: ein buntes, planloses, von Herzen kommendes Gedränge.

Noch ein letztes Mal war so die verglaste Front ihrer Drogerie ein Spiegel ihres Lebens geworden. Sie hatte das finale öffentliche Siegel erhalten: Entgegen dem Zeitgeist und gegen alle ökonomische Vernunft war das Geschäftsmodell der Drogistin – Buntheit im Überfluss und Herzlichkeit im Kleinen – bis zum letzten Herzschlag aufgegangen.

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