Als die Zeloten gewonnen hatten

Vielleicht muss man die Dinge von ihrem Ende her denken, um es unter all den Wahnsinnstexten, Wahnsinnsgesten und Wahnsinnsforderungen dieser Zeit nicht aus dem Auge zu verlieren: das Ziel, auf das alles hinausläuft – wenn wir die neuen Eiferer und Einpeitscher gewinnen lassen.

Heute feiern wir den ersten Jahrestag der zelotischen Revolution! Das ganze Land beging den Tag um 4.30 Uhr bei Sonnenaufgang mit einem gemeinsamen Kniefall als Ausdruck seiner aufrechten Haltung. Der weitere Tagesverlauf ist nun eine Zeit der Besinnung, Zeit für eine erste Zwischenbilanz: Was für eine Gesellschaft ist das, in die der Zelotismius mich, meine Frau, meine Kinder und alle, die mir lieb sind, überführt hat?

Es ist eine friedliche Gesellschaft. Niemand, der noch kritische Fragen stellte, außer an sich selbst. Niemand, der Streit über das Grundsätzliche anfinge. Kaum jemand, jedenfalls niemand bei klarem Verstand, der überhaupt den Kopf aus der Masse herausreckte.

Denn vor allem ist es eine egalitäre Gesellschaft. Alle sind gleichberechtigt, und das in jedem Bereich (bis auf die vollkommen Rechtlosen und einige wenige andere, dazu später), alle gleich arm (bis auf die einigen wenigen anderen), alle gleich kreativ, unabhängig von ihrer wirklichen Anstrengung (Arbeit zum Zwecke der Existenzsicherung war irgendwann kein Thema mehr, im Unterschied zu erzieherischer Arbeit für die Entrechteten). Alle sind auch gleich schön, gleich klug (wer etwas anderes behauptet, bekommt Arbeit), gleich wertvoll für die Gesellschaft. Auch Straftäter, solange sie über bestimmte Qualitäten verfügen, auf die ich noch komme. Alle sind gleich. Alle sind auch frei, nämlich von gesellschaftsschädlichen Haltungen.

Dafür sorgt das reformierte Grundgesetz. Es hat die 13 zelotischen Gebote zur Staatsdoktrin erhoben: Antirassismus, Antifaschismus, Antinationalismus, Antitrumpismus, Anti-Antifeminismus, Anti-Antigenderismus, Anti-Antiveganismus, Antimilitarismus, Anti-Xenophobismus, Anti-Homophobismus, Anti-Antiislamismus, Antichauvinismus sowie, last but not least, Anti-Klimaleugnerismus.

Auch wurde ein allumfassendes Diskriminierungsverbot festgeschrieben – außer in Bezug auf Individuen, welche die 13 Anti-Ismen bzw. Anti-Anti-Ismen mit Hass und Hetze bekämpfen und sich damit außerhalb der Gesellschaft positionieren. In diesen Fällen herrscht ein erstmals eingeführtes Diskriminierungsgebot. Die Folge: Nie war so viel Gleichheit so umfassend geschützt.

Dennoch gibt es eine Elite: die noch Gleicheren. Zur Abwicklung der Regierungsgeschäfte existierte immer eine Elite, seit die Menschheit begonnen hat, Geschichte zu schreiben. Die Geschichte ist allerdings umgeschrieben worden: Frühere Eliten waren auf Unrecht, Diskriminierung und Sklaverei gegründet, die noch Gleicheren von heute stützen ihre Macht erstmals auf ihren gesellschaftliche Weitblick und auf das Progressionskapital (altdeutsch „Geld“), das ihre Mit- und Ohneglieder so vorausschauend angesammelt haben. Dass diese Oberschicht aufgrund ihrer enormen Verantwortung für den gesellschaftlichen Fortschritt einige Privilegien genießt, neidet ihr niemand.

Für die anderen gilt: nicht den Kopf aus der Masse hervorrecken! Denn das würde mehrere Gefahren auf einmal mit sich bringen. Erstens lenkte man so Aufmerksamkeit auf sich, was grundsätzlich schlecht ist. Anderssein, und zwar nicht im Sinne eines der staatlich geschützten Andersseins, sondern im Sinne von Bessersein, steht unter intensivem Rechtfertigungsdruck. Es bedingt zuallererst die Fähigkeit zur Selbstkritik, insbesondere der öffentlichen. Bessersein ist außerordentlich begründungsintensiv.

Zweitens bringt anders Anderssein die Gefahr mit sich, in der Öffentlichkeit falsche Fakten (fake facts) zu äußern. Wer dabei ertappt wird, aufgrund seines retardierten Bewusstseinszustands unerwünschte (sprich: wissenschaftlich nicht fundierte) Meinungen zu publizieren, ist dafür vollinhaltlich haftbar und der sozialen Ächtung ausgesetzt. Alle diejenigen, die sich dieses Tatbestands schuldig gemacht haben, sind bereits aus ihren beruflichen Position entfernt und gesellschaftlich nützlicher Arbeit zugeführt worden. Wenn sie Glück hatten. Die weniger Glücklichen überließ man auf unbegrenzte Dauer der Mildtätigkeit der Zivilgesellschaft.

Dass solche Elemente insbesondere nicht in der Sphäre der Kulturschaffenden tätig sein dürfen (und daher auch nicht als Anspruchsberechtigte im Sinne des bedingungslosen Kreativgehalts anzusehen sind), versteht sich von selbst. Gerade die Kultur ist der siegreichen Zelotenbewegung immer ein zentrales Anliegen gewesen, der neue Staat steht daher fest auf den Pfeilern einer haltungsstarken und werteorientierten Massenkultur.

Natürlich stehen die in diesem Bereich Schaffenden unter besonders kritischer Beobachtung der staatlichen Kulturorgane sowie der Intellektuellen Selbstkontrolle. Eine Infizierung der kulturellen Sphäre mit anti-antiistischem bzw. anti-anti-antiistischem Gedankengut muss um jeden Preis verhindert werden, soll die Gesellschaft als Ganzes nicht ins Wanken geraten.

Doch glücklicherweise verlief die Entwicklung wie im benachbarten Bereich der Medien: Nachdem der Sumpf erst einmal trockengelegt war und die Apologeten der Unkultur aus den Theatern und Kinos, Buchhandlungen und -messen, Konzert- und Ausstellungssälen restlos verbannt worden waren, stand einer Hingabe an die Mannigfaltigkeit der verbleibenden kreativen Ausdrucksformen nichts mehr im Wege. Seit alle Kunst (sowie die gesamte Publizistik) vollumfänglich aus der neuen Wahrhaftigkeitssteuer finanziert wird, ist sie für alle Bürger*innen*ums vollkommen kostenlos. Der Zugang zur Kunst kann somit nicht mehr als soziales Distinktionsmerkmal missbraucht werden.

Um die Kunst vollends diskriminierungsfrei zu machen, wurde die Verwendung von Texten in deutscher Sprache insgesamt abgeschafft. Die Notwendigkeit einer lückenlosen Inhaltskontrolle sowie der Übersetzung in alle anderen auf dem Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik gesprochenen Sprachen hatte sich nicht nur als zu teuer, sondern als Quelle der Entwürdigung und Ausgrenzung erwiesen. Musik, so stellte sich schnell heraus, ist ohne Text ohnehin emotional eindringlicher, ebenso wie auch der neue Stummfilm dem früheren Tonfilm ästhetisch überlegen ist.

Die wenigen klassischen Bücher, die einer kritischen antirassistischen und allgemein antidiskriminatorischen Analyse durch die reformierte Duden-Redaktion standhielten, wurden in genderneutrale und gewaltfreie Bildergeschichten ohne Textanteil übertragen. Diese dienen zugleich als Drehbücher für begleitende Stummfilmproduktionen und als Regieanweisungen für die Theaterversion. Sozialverträglich eingespart wurden im selben multimedialen Abwasch zahlreiche Gebärdendolmetscher*innen*ums.

Die Abschaffung der deutschen Sprache gilt selbstverständlich nicht für politische Publikationen, die Gesamtheit der öffentlich-rechtlich bereitgestellten Aufklärungsmedien und die Werbung. Diese Bereiche dienen der weiteren gesellschaftlichen Bewusstseinsentwicklung und Bedürfnislenkung. Sie bleiben deshalb sprachbasiert, wobei der diskriminierungsfreie Einsatz der Sprache gewährleistet wird: Als Verben sind „erleben“, „entdecken“, „genießen“ und „tolerieren“ erlaubt; als genehmigungsfähiges Adjektiv gilt „woke“.

Kultur geht untrennbar mit Bildung einher. Für eine weitgehend sprachlose Kultur sowie für Gender-Wissenschaften ist deutlich weniger Bildung erforderlich. Die Schulen und Universtitäten wurden diesem Bedarf angepasst: Die im Kulturbereich eingesparten Gebärdendolmetscher*innen*ums arbeiten nun an den neuen Exzellenz-Schulen und -universitäten als Dozent*inn*en*ums: Sie referieren die Inhalte der Bildtafeln des jeweiligen Curriculums auf kulturneutrale Weise.

Die ersten Erfahrungen haben gezeigt, dass das Bildungs-Upgrade durch Bildungs-Downsizing genau die richtige Reform der Zelotenregierung war: Unterricht ist nun vollständig diskriminierungsfrei, seit in den Klassen und Seminaren keine Informationen mehr vermittelt werden, die auf der ehemaligen Herrschaftssprache oder überhaupt irgendeinem gesprochenen Idiom basieren.

Nachdem die christlichen Kirchen beider Konfessionen mutig zum Sieg der zelotischen Revolution beigetragen hatten, sind sie heute als offizielle Vorfeldorganisationen des neuen Systems anerkannt und entsprechend alimentiert. Ihr erster Dankesakt bestand in der gemeinsamen Herausgabe des Politreligiösen Katechismus, der heute in keinem Haushalt fehlt. Hingegen wurde eine andere Stütze der alten, verrotteten Gesellschaft vollständig abgeschafft: die Polizei. Mehrere Hunderttausend Polizisten gingen aus kurzen, aber intensiven Umerziehungsmaßnahmen neugeboren als Zelotist*innen*ums hervor. Die Zelotei hat seither mit starker Hand die gewaltfreie Kontrolle über den Frieden im Land übernommen.

Auch die Wirtschaft ist in der neuen Zeit angekommen. Der erste Fünfjahresplan wurde von den weiterhin bestehenden, privaten Kapitalgesellschaften deutlich übererfüllt, insbesondere im Bereich der Produktion windkraftgegriebener Traktoren. Seit die großen Aktiengesellschaften dem Zentralkommitee berichten, ist die Symbiose aus dem gelenkten Schaffenswillen des Kollektivs und der Produktivkraft des Privatkapitals zum allseitigen Nutzen verwirklicht.

Dabei hilft, dass die meisten Mitglieder der neuen zelotischen Elite ihr Privatkapital genau in diejenigen Unternehmungen gelenkt haben, welche zum Nutzen der neuen Zivilgesellschaft die größten Margen erwirtschaften. Hierdurch wird auch gerechtfertigt, dass diese Spitzenkader in abgeriegelten Wohnanlagen rund um die Hautstadt residieren, die aufgrund der hohen Arbeitsbelastung ihrer Bewohner dem Blick der Masse mithilfe von aufgeforsteten Waldgebieten entzogen bleiben.

Seit die Bereitstellung finanzieller Mittel für gesellschaftsdienliche Zwecke vollständig von der Realwirtschaft abgekoppelt wurde, sind selbst bei größten Infrastukturprojekten keinerlei Finanzierungslücken mehr aufgetreten. Die digitale Mittelbereitstellung arbeitet vollautomatisiert und umweltschonend – ein Armutszeugnis für das frühere System, das mit Kampfbegriffen wie „Sparsamkeit“ oder „Erwirtschaftung“ in Wahrheit nur die Spaltung der Gesellschaft bezweckte. Auch die alte nationalistische Parole vom „Ausbluten der Sozialsysteme“ wurde damit ad absurdum geführt: Solidarische Hilfeleistungen für sozial Benachteiligte in und aus aller Welt in unbegrenzter Höhe sind seither Normalität.

Doch auch die Wermutstropfen im Wein der zelotischen Revolution dürfen nicht verschwiegen werden, da das oberste Gut unserer egalitären Gesellschaft die schonungslose Selbstkritik ist. Zum einen musste zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung der neuen Errungenschaften ein großer Teil der Bevölkerung als informelle Mitarbeiter*innen*ums rekrutiert werden. Die Sensibilisierung der Massen für das Erkennen und Anzeigen feindlich-negativer Elemente in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz erforderte gewaltige Ressourcen und eine straffe Führung durch die Organisationen der zelotischen Einheitspartei.

In diesem Zusammenhang bekenne ich mich persönlich schuldig und bereue aufrichtig, nicht jederzeit ein wachsames Auge auf meinen wiederholt auffällig gewordenen Geschäftskollegen Herrn Wolfgang Göte, Anthony-Johnson-Straße 25c, geworfen zu haben. Ich bitte darum, mich einem öffentlichen Shitstorm unterziehen zu dürfen, während ich sieben Tage lang an Twitter angekettet bin.

Von meinem persönlichen Versagen abgesehen hat sich allerdings erfreulich schnell ein ausgereiftes Denunziationswesen entwickelt, wobei vielfach auf frühere Erfahrungen zurückgegriffen werden konnte. Hierbei hat sich insbesondere die Bewährungsmöglichkeit für Straftäter*innen*ums aus dem kleinkriminellen Bereich und für selbstkritische ehemalige Kulturschaffende als populär herausgestellt. Auf Schwert und Schild des zelotischen Staates, seine unbarmherzig zuschlagende antifaschstische Exekutive, ist zum Glück Verlass.

Zum anderen sind die jüngsten Säuberungswellen, so notwendig sie selbstverständlich waren, leider nicht spurlos am zivilgesellschaftlichen Humankapital vorbeigegangen. Eine gewisse Verunsicherung der Massen bezüglich der jeweils gültigen zelotischen Handlungsmaximen und Sprachregelungen ist zu beobachten, seit die Elite der demokratischen Einheitsliste in Ermangelung der längst eliminierten Faschisten immer häufiger über sich selbst herfällt.

Die als Folge dieser Richtungskämpfe in Kauf zu nehmenden großen Verluste in der Zivilgesellschaft sind sicherlich bedauernswert; allerdings hat, wer einmal als Anhänger der Renegatenfraktion gebrandmarkt ist, seine Ehre verwirkt und darf nicht auf Verschonung hoffen. Die Frage, wer der zelotischste Zelot sei, ist bis heute nicht letztgültig beantwortet. Es wird indes, so viel ist sicher, die einzig wahre Spielart des Zelotentums den endgültigen Sieg davontragen. Ich für meinen Teil begrüße unsere neuen, maximal zelotischen Herren! Und Damen! Und anderen!

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