Das Ding im See

Erst war es nur ein verschwommenes Objekt unter Wasser. Ich bemerkte es, als ich heute das neue Telezoom ausprobierte, vielleicht einen Meter vom befestigten Ufer entfernt auf dem Grund des Öjendorfer Sees. Das Wasser steht an der Stelle kaum 40 Zentimeter hoch. Ein Telezoom mit einer Brennweite bis 300 mm ist für derlei Aufnahmen denkbar ungeeignet, doch das Ding ließ meine Aufmerksamkeit nicht mehr los. Es hatte seltsam vertraute Konturen, die sofort signalisierten: Solch ein Ding gehört keinesfalls an diesen Ort. Nicht wie ein alter Stiefel oder ein Autoreifen, die streng genommen natürlich auch nicht dorthin gehören, sich aber eben doch häufig in irgendwelchen Gewässern finden. Nein, das Ding strahlte in fahlem Gelb unmissverständlich die Botschaft aus, dass es ein Sakrileg war, hierher geraten zu sein. Ob gefallen oder geworfen, ein Sakrileg in jedem Fall.

Allerdings schien das Ding auch zu sagen: Lass mich hier drin liegen, ist eh längst zu spät jetzt. Lüfte mein Geheimnis nicht auf die billige Weise, indem du mich aus dem Wasser fischst. Schau, was du über mich herausfinden kannst, ohne mich zu bergen – was du ohnehin nicht könntest, ohne ziemlich nass zu werden.

Auch die lange Linse meiner Kamera schien jedes Näherkommen oder gar direkten Kontakt zu verbieten, denn statt mich zwecks Fokussierung zu dem Gegenstand hinunter bücken zu können, musste ich im gestreckten Stand den Apparat höher und höher heben, bis ich kaum noch den Suchermonitor im Blick behalten konnte. So rückte ich an das Objekt heran, indem ich mich von ihm wegstreckte. Es war ohne jeden Zweifel ein Buch.

Ein Tagebuch, den Kalenderdaten am Kopf beider aufgeschlagener Seiten zufolge. 21. und 22. März 2007. Obwohl: gedruckt, nicht handgeschrieben. Kein Tagebuch, eher ein Almanach, ein Jahrbuch mit Texten für jeden Tag. Ich konnte am Fundort so gerade noch einzelne Wörter entziffern. Wieder zuhause, vergrößerte ich die Aufnahmen bis zum maximal möglichen Format. Und da sah ich es.

„Wen dürstet, der komme! … nehme das Wasser des Lebens umsonst! Offenbarung 22,17“ Darunter, fett gedruckt: „Wasser von ganz besonderer Qualität“. Und der Anfang eines vermutlich recht faden Gleichnisses über eine Gebirgswanderung in der Schweiz bei großer Hitze.

Was für eine Ironie. Christliche Gedanken über das Wasser des Lebens, bedeckt von zwei Handbreit norddeutschem Seewasser, darin langsam vermodernd. Saß hier im Vorfrühling des Jahres 2007 jemand auf der Bank am Ufer und scheiterte bei dem Versuch, Trost aus einer Bibelinterpretation zu ziehen? Warf er oder sie den Band wutentbrannt oder in einem Anflug von Verzweiflung im hohen Bogen ins Wasser? Oder kann das Buch unbeabsichtigt verloren gegangen sein? Dazu müsste der Besitzer fast zwangsläufig im See gestanden haben oder darin auf einer Luftmatratze getrieben sein. Aber es nicht zu bemerken? Und warum sind von mehr als hundert ausgerechnet diese beiden Seiten mit diesen Zeilen aufgeschlagen nach fünf Jahren in der gemächlichen, langsam zersetzenden Strömung?

Was muss ich auch am Rand des langweiligsten Sees der Welt auf der Suche nach Bildern und Geschichten sein, die sich bloggen lassen.

 

 

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