„Das war ein Eigentor für die PR des Papstes“

Gabriele  Rittig, Anwältin von „Titanic“ im Kampf gegen den Vatikan

Die Dame mit den sizilianisch anmutenden Sonnengläsern ist seit drei Jahrzehnten die Consigliera des Satiremagazins „Titanic“: Gabriele Rittig. Die Frankfurter Rechtsanwältin hat alle Prozesse für das Magazin bestritten, in denen A- bis C-Prominente Schadensersatz, Unterlassung oder Schmerzensgeld forderten, weil sie sich von den Satirikern beleidigt oder zur Kenntlichkeit verzerrt fühlten.

Rittigs größter Fall sollte jetzt der Papst als Verfahrensgegner werden. Der Vatikanchef hatte von einem Anwalt eine Einstweilige Verfügung gegen den Vertrieb der Juli-Ausgabe durchsetzen lassen, die ihn mit vorne gelb und hinten braun besudelter Soutane zeigte und vermeldete, die „undichte Stelle“ im Fall Vatileaks sei gefunden. Damit war erstmals in der 2000-jährigen Kirchengeschichte ein Papst gegen ein – noch dazu sehr viel jüngeres – Satiremagazin in den weltlichen Ring herabgestiegen.

Heute nun hätte es vor dem Hamburger Landgericht zum Verfahren über das Vertriebsverbot kommen sollen. Doch der Papst ließ Rittig im (nur metaphorischen) Regen stehen: Einen Tag vor dem Termin zog er die Rechtsmittel zurück. Die Gerichtskosten von bislang rund 9000 Euro gehen nun zu Lasten der Kirche. Anlass genug für ein Interview mit der bestellten und nicht abgeholten Juristin.

 

Fühlen Sie sich persönlich gekränkt, weil der Papst Ihnen den Wind aus den Segeln genommen hat?

Nein, gekränkt nicht.

Aber Sie wären hier heute zu Hochform aufgelaufen?

Ich glaube schon, ja (lacht).

Kennen Sie die Gründe für den Rückzieher?

Nein. Ich vermute, dass ein Moment der Rationalität eingedrungen ist in das eher irrationale Kirchenwesen (lacht).

Hätten Sie sich beim heutigen Aufeinandertreffen gute Chancen ausgerechnet?

Wenn es nach der reinen Rechtslage gegangen wäre, dann ja. Aber wenn der Papst der Antragsteller ist, kann ich mir schwer vorstellen, dass es rein danach geht – obwohl wir hier ja ein einer protestantisch geprägten Gegend sind. Ich denke, es war nicht so aussichtslos, wie es uns einige Kommentatoren und auch Juristen vorausgesagt haben.

Die Kirche hat sich aber weitere rechtliche Schritte vorbehalten …

… ja, das ist interessant: Ich weiß nicht, wie die aussehen könnten! Das ist eher so ein Rückzugsgefecht, so ein Satz, den sie dranhängen, damit es nicht so aussieht, als hätten sie gekniffen. Die einzigen denkbaren Schritte wären, durch ihre Lobby die ohnehin momentan fröhliche Urständ feiernde Blasphemie-Diskussion anzuheizen und zu sagen, wir schaffen einen Extra-Tatbestand: Der Papst darf nicht kritisiert werden (Rittig muss laut lachen). Wie das verfassungsrechtlich oder sonstwie funktionieren sollte, erschließt sich mir nicht, aber ich bin gespannt.

Was wäre Ihre Argumentation im Verfahren gewesen?

Erstens, dass ja nicht der Papst die Vollmacht unterschrieben hat, sondern ein Parlamentarischer Staatssekretär des Vatikan. So dass es hier nicht um den Papst als Privatperson ging, sondern als Staatsoberhaupt. Und in dem Moment muss er sich natürlich wesentlich mehr Kritik gefallen lassen als ein Joseph Ratzinger als Privatmensch. Und ansonsten hat sich ja die Gegenseite bis heute nicht wirklich geäußert, wie sie die Sache sieht. Ich hätte mir also erst einmal von seinem Anwalt erklären lassen, worin denn unser Verstoß überhaupt bestanden haben soll.

Gab es diese Begründung bis heute gar nicht?

Nix! Es gab einen Dreizeiler in dem Sinne: Eine unerträgliche, misslungene Satire, übelste Persönlichkeitsrechtsverletzung. Punkt. Auch im Beschluss des Gerichts stand keine Begründung außer: Es ist verboten.

Hätte es dramatische materielle Konsequenzen für „Titanic“ gehabt, wenn hier und heute die Einstweilige Verfügung bestätigt worden wäre?

Na ja, die Anwaltskosten. Aber da der Streitwert jetzt nicht so exorbitant hoch war, waren die übersichtlich. Und von Schmerzensgeld war sowieso nie die Rede. Diese Blöße hätten sie sich nicht gegeben, um des schnöden Mammons willen aktiv zu werden. Es ging ihnen nur um das Verbot und den Richterspruch: Das darf man nicht!

Was, glauben Sie, steckte hinter dieser Reaktion des Vatikans auf das Heft?

Wir wissen ja nicht einmal, ob der Papst selbst dieses Heft überhaupt zur Kenntnis genommen hat. Oder ob das hauptsächlich von der Deutschen Bischofskonferenz ausgegangen ist, was ich mir vorstellen könnte. Oder gar, ob das irgendwelche Kreise im Vatikan angezettelt haben, die dem Papst ohnehin nicht besonders wohl gesonnen sind – denn im Ergebnis war es ja eher ein Eigentor für die Public Relations. Der Papst soll ja jetzt einen neuen PR-Mann aus Amerika haben. Vielleicht wurde das zurückgezogen, weil der sich das Desaster angesehen und gefragt hat: Seid ihr denn alle wahnsinnig? Jetzt nehmen wir das zurück, zeigen die Milde der Kirche und halten die andere Wange hin (lacht).

Nun hat „Titanic“ ja durchaus auch Niederlagen im Kampf gegen beleidigte Prominente erlitten …

… mehr Niederlagen als Siege!

Was haben die besser gemacht als die Kirche?

Sie haben durchgehalten! (lacht) Durch die freie Wahlmöglichkeit des „fliegenden Gerichtsstands“ kann sich jeder Kleinprominente seinen Heimatort als Schauplatz des Verfahrens aussuchen. Da gibt es in der Regel keine Pressekammer und dann macht das irgendein Richter dort. In vielen Fällen gehst du dann, schon unter Kostengesichtspunkten, nicht bis in die höchsten Instanzen. Nur die Fälle, die eher politischer Natur waren, die haben wir dann weiter vorangetrieben – und dann hat es ja manchmal auch geklappt.

Wäre das heute aber nicht doch ein schöner Karrierehöhepunkt für Sie gewesen: Sie gegen den Papst, und Sie gewinnen?

Ja! In der Tat! Es wäre schon eine hübsche Verhandlung geworden …

 

„Mittelaltermarkt“ vor dem Hamburger Landgericht: „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer grüßt von hinten im Papst-Ornat (unbesudelt), ein Tanzbär steppt, rechts bereitet ein Kleriker die obligatorische Hexenverbrennung vor. Auch vom Prozess-Rückzieher des Vatikan ließen sich die Satiriker nicht von ihren „Einblicken in die Lebenswelt des Papstes“ abhalten.

Zündeln für die reine Lehre: Zum Äußersten trieben die Laiendarsteller ihre Show dann aber doch nicht.
 
Titanic-Chefredakteur Leo Fischer stellte sich mit sichtlichem Vergnügen den Journalistenfragen zum nunmehr geplatzten Prozess.
 
 

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