Das weiße Gold des Nordens

Ich wusste ja bis zum vergangenen Wochenende nicht, wie man Læsø buchstabiert – und ehrlich gesagt nicht einmal, dass diese Insel ganz oben im Nordosten Dänemarks existiert. Nun war ich dort, und wie das mit dem Reisen so ist: Es bildet. Es bildet Salzkrusten an den Fingern – wenn man sich in Hütten wie die unten abgebildete begibt, in denen über Jahrhunderte Salz gesiedet wurde. Wegen seiner Knappheit und daraus folgenden Kostbarkeit hieß dieses Mineral auch das weiße Gold des Nordens. Derlei Hütten gab es früher hunderte, in jeder loderten Holzfeuer, so dass die einst waldreiche Insel im Mittelalter schließlich komplett baumlos war. Daraufhin verschütteten Sandstürme ganze Dörfer (Partywissen für Klimatologen: Læsø gehört zum „dänischen Wüstengürtel“), bis das Salzsieden 1652 von der UNO-Klimakonferenz verboten wurde. In unserer Zeit, in der wir alle total klima-sensibel sind, qualmen die Schlote wieder, denn Tourismus ist das neue Gold des Nordens. Auch meine Kinder haben sich an der alten Kunst und Öko-Sauerei versucht und ein Säckchen Salz nach Hause exportiert. Das Læsø-Salz wird heute wieder in ganz Dänemark vertrieben, begehrt weniger in der Küche als vielmehr in der Therapie gegen Schuppenflechte.

Der Grund für den Salzrausch liegt im Grundwasser: Auf Læsø sprudelt eine Solequelle, Wasser mit 15 Prozent Salzgehalt – das ist ungefähr halb so viel wie der des Toten Meeres. Mit windgetriebenen Pumpen wurde es zutage gefördert, über Verdunstungsgestelle geleitet (Bild unten) und anschließend als bereits stark angereichertes Salzwasser in die Siedebecken gefüllt.

Im Innern der Hütten, bei den Siedebecken, bieten sich Fotografen die spektakulärsten Dampf-, Licht- und Schattenspiele. Alles ist mit dicken Salzkrusten überzogen, es suppt, brodelt, zischt, prasselt, schwallt und funkelt kristallin im Halbdunkel, während draußen das unvergleichliche Sommerlicht des Nordens gleißt.

Die Ausbeute der Siedereien ist beachtlich: Aus den mit gelblicher Sole gefüllten Becken wird körbeweise Salz gewonnen, das seine flockige Struktur allerdings erst nach längeren Trocknungsprozessen erhält.

Und wenn man genau hinsieht und das Nachmittagslicht, scharfkantig wie Laserstrahlen, im richtigen Winkel durch die Ritzen der Bretterbuden fällt, dann trifft es in den Körben auf einzelne Salzkristalle. Für Sekundenbruchteile flammt dabei das weiße Gold des Nordens tatsächlich golden auf, als ob es im Innern der gehäuften Hügel brennen würde. Es ist dann nicht mehr schwer, den über Jahrhunderte beinahe magischen Wert des heutigen 29-Cent-Massenprodukts nachzufühlen. Es sollen ja Menschen getötet haben für Salz. Fragen Sie die Lüneburger.

Notiz am Rande: Ab 1920 wurde Læsø wieder aufgeforstet. Das war allerdings nicht unumstritten: Mangels Salz-Einkünften hatten sich die Bewohner auf Strandpiraterie verlegt, und die neuen Bäume verstellten das Sichtfeld auf gestrandete Schiffe. So eine Volkswirtschaft ist doch ein ziemlich komplexes System.

2 Kommentare zu „Das weiße Gold des Nordens

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  2. Locker-flockiger Beitrag zu Salzgewinnung auf Læsø. Hat mir gefallen. Dass das kleine Dach im Becken als Gradierwerk dient, habe ich bis jetzt nicht gewusst. Leider weiß ich bis jetzt immer noch nicht, welche Faktoren für den Begriff „Wüstenklima“ im allgemeinen und speziell „Dänisches Wüstenklima“ speziell, bestimmend sind. Hatte gehofft, hier schlauer zu werden. Könnten Sie mir evtl. helfen?

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