Die Masken fallen

Angesichts erlaubter und verbotener Corona-Demonstrationen: Ein politisch gelähmtes Land kommt langsam auf die Beine. Und was sich sonst meist bedeckt hält, entlarvt sich bisweilen.

Interessante Zeiten sind das. Ich persönlich lebte lieber in langweiligen, aber man kann es sich nicht aussuchen. Das Interessante ist die immer schärfere Zuspitzung der bislang mit viel Mühe unter dem Deckel gehaltenen gesellschaftlichen Konflikte im Zeichen von Corona. Dabei fallen vor lauter Aufregung die Masken, die Regierende und ihre Apologeten sonst immer so gewissenhaft tragen, und die wahren Gesichter treten zutage.

Schönes Bild, nicht? Die Masken fallen. In Corona-Zeiten. Merken Sie sich das Motiv. Das wird sich durch diesen Beitrag ziehen. Wenn ich bloß alles sortiert bekomme, denn auch das haben interessante Zeiten so an sich: dass sich die Ereignisse zu überschlagen beginnen.

Hier, gerade heute erst: Der rotrotgrüne Senat von Berlin verbietet die für Samstag geplante Großdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern. Verbietet die rundweg, einfach so. Natürlich aus Besorgnis um unser aller Gesundheit, denn „es könnte zu Verstößen gegen die Maskenpflicht kommen“.

Abertausende aus ganz Deutschland wollten anreisen, um das System Merkel mit den ökonomischen und sozialen Folgen seiner Politik zu konfrontieren. Es sollte „zu Wasser, zu Land und in der Luft“ protestiert werden, mit Unterstützung durch eine Boots-Flottille auf der Spree und Kleinflugzeuge am Himmel. Doch in ihrer allumfassenden Gesundheitsfürsorge hat die Politik beschlossen, all diese Menschen vor sich selbst zu schützen. Gerade noch rechtzeitig.

Indes: die Masken fallen. Andreas Geisel, Berlins SPD-Innensenator und ehemals SED-Mitglied in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, legt die seine zur Begründung des Eingriffs in die Versammlungsfreiheit nach Artikel 8 des Grundgesetzes ab:

Ich bin nicht bereit ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird. Ich erwarte eine klare Abgrenzung aller Demokratinnen und Demokraten gegenüber denjenigen, die unter dem Deckmantel der Versammlungs- und Meinungsfreiheit unser System verächtlich machen.

Quelle: WWW.Berlin.DE

Das sind im Vergleich zum angeblichen Gesundheitsschutzmotiv schon ganz andere Töne, wenn auch immer noch nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist Angst vor dem Volk. Aus jedem dieser Sätze schwitzt Angst. Aber „unser System verächtlich machen“ – da kommen wir der Sache schon näher.

Denn diese Großdemonstration zu verbieten, hat einen einzigen Grund: dass sie zu groß zu werden drohte. Die Menschen auf Berlins Straßen – diejenigen, von denen ich weiß, kommen aus der demokratischen und bürgerlichen Mitte der Gesellschaft – hätten sich ja ein Bild davon machen können, dass sie trotz aller staatlichen Vereinzelungsmaßnahmen eben nicht vereinzelt und allein dastehen. Sondern dass sie viele sind, sehr viele. Versteckt hinter dem Verbot durch den Berliner Senat ist die Angst der seit 15 Jahren im Bund Regierenden mit Händen zu greifen.

Der 29. August könnte aber trotz oder gerade wegen des politisch motivierten Versammlungsverbots zu einem Wendepunkt werden. Denn die Infektion mit dem Virus der politischen Bewusstwerdung befördert so ein Verbot auf geradezu fahrlässige Art und Weise. Vielleicht erweist sich der Innensenator noch als Superspreader.

Fallende Masken: Oft kommt dahinter etwas zum Vorschein, das zunächst grotesk wirkt, bei Licht besehen aber geradezu zwangsläufig. Zum Beispiel vorvergangenes Wochenende in Hamburg, bei einer regionalen Vorläuferdemonstration der nun verbotenen. Da trafen sich rund 1000 Gegner der Coronamaßnahmen unter ihrem „Querdenker“-Banner auf dem Jungfernstieg; angemeldet gewesen waren gut die Hälfte.

Ich wollte wissen, was das für Leute sind, habe ein wenig ihren Rednern zugehört und fotografiert. So sah diese Versammlung der „Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten“ aus:

Diese Leute wirkten auf mich weder politisch bedrohlich noch allzu weltfremd. Keine Reichskriegsflaggen, nur zwei selbstironische Aluhüte. Ein paarmal Schwarzrotgold am Rande. Weit und breit nichts Umstürzlerisches. Das galt auch für die Redebeiträge, die zum Teil selbst von den samstäglichen Shopping-Passanten beklatscht wurden.

Aber ich hätte mich trotzdem gewundert, wenn sie nicht aufgetaucht wären, versammelt unter einem „Antifa“-Fähnchen:

Eher schon erstaunlich in Hamburg: dass es so wenige waren, höchstens drei Dutzend. Vielleicht lag es an der großen Hitze dieses Hochsommertages, die allerdings die Corona-Demonstranten genauso ins Schwitzen brachte. Was fällt auf an diesem Bild, außer, dass sie alle sehr jung sind und für jede Kamera in der Nähe, sogar meine, bereitwillig performen?

Sie tragen alle Masken. Also nicht die genretypischen Hasskappen mit den Sehschlitzen, sondern den amtlich verordneten „Mund-Nasen-Schutz“. Ganz brav. Draußen. An der frischen Luft. Zwar bauten sie sich neben der Bühne der Redner auf und hätten diese sicher gern gestürmt. Aber weil ein paar Einsatzpolizisten im Weg standen, ging das eben nicht. Also versuchten sie es reflexhaft mit „Nazis raus!“-Sprechchören. Was die Menge auf kongenial freundliche Art beantwortete, indem sie ihrerseits enthusiastisch einstimmte: „Nazis raus!“

Als nächster Redner sprach dann ein junger Arzt, der nachvollziehbare Gründe gegen die allgemeine Virus-Panik aufzählte (wobei er durchaus für die besondere Schutzbedürftigkeit von Risikogruppen und alten Menschen plädierte). Von einer allgemeinen Maskenplicht hielt er, wenig überraschend, jedoch nichts.

Da geschah zweierlei. Die „Antifa“-Jugend versuchte zur Abwechslung einen neuen Choral, um den Redner zu übertönen: „Masken auf! Masken auf!“ Und einer von ihnen schüttelte noch die Faust Richtung Bühne, dazu brüllend: „Ich zeig dich an!“

Das sind tatsächlich die O-Töne gewesen, ohne jede Ironie. Ich musste mich kurz kneifen: Waren die hier nicht die autonomen Hardcore-Systemgegner? Die anarchosyndikalistische Putztruppe? Diejenigen, die ganz vorn dabei sind, wenn es gegen die autoritätsstrammen Obrigkeits-Fanatiker von Nazis geht?

Nein, das hätten selbst die verbittertsten Rechtslagenbelehrer unter Deutschlands Rentnern nicht besser hinkriegen können. Jene, die im Fensterrahmen hängen und Leute aufschreiben, die falsch parken. Jene, die einen darauf hinweisen, dass es nicht ohne Grund Mund-Nasen-Schutz heiße, das Riechorgan aber nicht über die ganze Länge des Nasenbeins bedeckt sei.

Das hier war eine kleine, aber eifernde Demonstration vollumfänglicher System-Affirmation. Anpassung zum Quadrat. Antifaschistische Kämpfer für Jens Spahn. Die hygienepolizeiliche Ordnungsmacht gegen – die Anarchie? Und es fiel ihnen selbst nicht auf, nicht eine Sekunde: wie furchtbar, wie unglaublich spießbürgerlich und alt sie klangen. Im Zeichen des topmodernen Antifaschismus. Verkehrte Welt. Interessante Zeiten.

Aber die Masken fallen, gerade wenn sie mit Stolz getragen werden. Hier entpuppte sich eine Jugend, die sich für revolutionär hielt und doch die Reaktion sowie eine in 15 bleiernen Regierungsjahren verschlissene Geronto-Koalition samt Alternativlos-Kanzlerin verteidigte. Eine Jugend, die – wie ihre Eltern aus den besseren Wohngebieten – den Mundnasenschutz als Ausweis der amtlich gültigen Gesinnung aggressiv einforderte. Eine „Antifa“, deren Strukturen zum Dank für ihren unermüdlichen Einsatz im Dienste des Systems sogar auf vielfältige Weise mit Staatsgeldern gefördert werden. Fast wie der deutsche Beamtenapparat.

Es war … erschreckend. Auf seine Weise fast noch erschreckender als der linksextremistische und wohlstandsverwahrloste G20-Terror, der damals zumindest dem Erwartbaren entsprach. Hätte nur noch gefehlt, dass diese Nachwuchs-Aktivisten nach der Demo kurz feucht durchgefeudelt hätten, um den Jungfernstieg zu desinfizieren.

Die Zorngesänge der ehrenamtlichen jungen Staatsdiener auf die im Vergleich wie tausend Che Guevaras wirkenden Demonstranten da auf dem Jungfernstieg hatten eine Vorgeschichte. Die da brüllten und zu stören versuchten, waren zuvor angeheizt worden. Angeheizt nicht zuletzt durch das Medium, das sich in der Hansestadt am besten damit auskennt: die Hamburger Morgenpost, ein akut vom Untergang bedrohtes Revolverblatt, das früher einmal einen respektablen Politikteil hatte.

Den Großteil der letzten zehn Jahre gehörte die 1949 gegründete MoPo der DuMont-Mediengruppe, die das siechende Organ aber 2019 an einen Unternehmer namens Arist von Harpe verkaufte. Ihre Printauflage dümpelt nun noch bei etwa 40.000 Exemplaren, doch ihr Sendungsbewusstsein liegt umgekehrt proportional dazu mindestens auf dem Spiegel-Niveau der Siebzigerjahre. Tendenz steigend.

Umso wichtiger ist die Kunst des Einpeitschens, vor allem für die Online-Ausgabe der MoPo. Auf der Suche nach Klicks und Relevanz engagiert sie sich besonders bei der Nazi-Bekämpfung. Die ist in der linksgrün-neoliberalen Hansestadt absolut gefahrlos und rennt weit offene Flugzeughangar-Tore ein, schmückt aber zugleich als Ausweis von Haltungsjournalismus. Eine klassische Win-Win-Situation also.

Wenn sich dann „Querdenker“ ankündigen, löst die MoPo eben wieder mal „Rechts“-Alarm aus, wie zuvor schon jahrelang bei diversen Häuflein von Merkel-Gegenern. Denn schließlich sind die Querdenker ja … nun, erstens eine bürgerliche Gruppierung, die sich schon nicht wehren wird, und zweitens eben gegen die Regierung, also sicher irgendwie rechts. Quod erat demonstrandum. In der Vorberichterstattung zur kleinen Hamburger Querdenker-Demo zog die MoPo alle Register, ohne das Wort „Nazi“ auch nur einmal justiziabel und beweispflichtig auf reale Corona-Prostestierer münzen zu müssen.

Die Balkenüberschriften lasen sich unter anderem so (7. August):

„Querdenker“-Bewegung Ableger auch in Hamburg: Darum sind sie so gefährlich

Und zwar warum? Nun: „Das ‚Hamburger Bündnis gegen Rechts‘ hat herausgearbeitet, dass viele der Verschwörungstheorien Anknüpfungspunkte für die rechte Szene bieten.“ Die „Verschwörungstheorien“ können den „Querdenker“-Protagonisten zwar nicht wörtlich zugeordnet werden, aber sie „finden bei den Querdenkern Anklang“. Das darf man so behaupten, das muss man nicht beweisen können. Ebenso wieselweich ist die Wortwahl „Anknüpfungspunkte“. Wenn jemand auf der Demo rufen würde: „Alte Menschen sollen nicht wegen Corona-Besuchsverboten allein sterben müssen!“, dann könnte die „rechte Szene“ sicher auch daran anknüpfen.

Oder hier, 14. August:

„Querdenker“ treffen sich – was plant die Anitifa?

Als ob es zwingend oder selbstverständlich oder jedenfalls wünschenswert sei, dass die „Antifa“ etwas dazu plane. Es klingt fast, als hoffe die MoPo, sie plane etwas. Im Bild, groß, ein „Antifa“-Plakat: „Ihr könnt einpacken!“, wenn auch von einer anderen Demo.

Schließlich das hier, besonders perfide:

„Querdenker“-Bewegung Arbeitgeber distanziert sich von Hamburger Demo-Organisatorin

Und zwar auf Druck einer obskuren Gruppe namens „Antira Info Hamburg“, die sich „Antirassismus“ auf die Fahne geschrieben hat. Die denunzierte die Organisatorin (praktischerweise mit Hashtag „MoPo“) per Tweet bei ihrem Arbeitgeber, der Handwerkskammer Hamburg: Die junge Frau toleriere „das Abfeiern von Bombendrohungen an Gesundheitsämter“. Was immer das heißen soll. Und womit auch immer das „Tolerieren“ eines „Abfeierns“ zu belegen sein soll.

Die Handwerkskammer, statt sich hinter ihre Schutzbefohlene zu stellen oder die Vorwürfe erst mal in Ruhe zu prüfen, beeilte sich innerhalb kürzester Frist per Twitter zu dienern: „Wir distanzieren uns entschieden von den Positionen & Aktionen von (Vor- und Nachname, hier gelöscht, Anm. OD) in Sachen Covid-19. Im Rahmen des Arbeitsrechts können wir ihr diese allerdings nicht untersagen.“

Was die MoPo sicherlich bedauerte. Sonst hätte sie sich im Verein mit „Antira“ den Skalp einer brandgefährlichen Auszubildenden am Beginn ihrer beruflichen Existenz an den Gürtel stecken können.

So aber fand die Demonstration der Systemgefährder schließlich trotzdem statt, sogar ohne größere Zwischenfälle und – meinen Eindrücken nach – in verboten guter Stimmung. Immer wieder war die Rede davon, dass man sich am 28. in Berlin in viel größerer Zahl wiedersehen werde. Der MoPo blieb am Abend nach Ende des Protests nur die zähneknirschende Vollzugsmeldung. Herrje, war denn da nicht wenigstens noch irgendwas mit rechter Gewalt gewesen? Irgendetwas, egal? Aber ja:

„Am Rande der Demonstration kam es laut Informationen der MOPO zu einem Angriff auf einen Kameramann. So soll er von einer Person ins Gesicht geschlagen worden sein. Laut Polizei handelte es sich jedoch nicht um einen Demoteilnehmer, viel eher störte sich eine unbeteiligte Person daran gefilmt zu werden.“

Wie gesagt: Die Masken fallen. Wer sich für Demokratie, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie Rechtsstaat im Allgemeinen einsetzt und wer eher nicht, wird offensichtlich. Dass viele Gesichter ohne „Alltagsschutz“ anders aussehen, auch. Das zumindest ist das Gute an diesen interessanten Zeiten, in denen wir leben.

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