Die Ökonomie der Gefühle (9): Zorn

Eine Serie über die Verwertbarkeit unserer Emotionen – marktwirtschaftlich kühl analysiert

Wiederhole ich mich hier gerade? Habe ich in dieser Reihe nicht schon über Zorn geschrieben? Nein, falsch: Da ging es um Hass. Und das ist nicht dasselbe. Warum nicht? Weil Hass, wie ich versucht habe darzustellen, der als schwarzes Loch verkleidete Bruder der Liebe ist: ihr Zwilling, nur aus Antimaterie. Also was ist dann der Zorn?

Eigentlich alles, was man über den Zorn wissen muss, hat jemand bereits im Jahr 1977 in einer erschütternden (jedenfalls mich als sehr jungen Mann erschütternden) Autobiographie in Romanform beschrieben. Sie trägt einen symbolhaften Titel: Mars.

Mars ist bekanntlich der Gott des Krieges. Der letzte Satz des Ich-Erzählers in diesem Bändchen hat sich mir für immer und Wort für Wort eingebrannt: „Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.“

Wir können hier schon mal festhalten: Zorn ist eine lodernde, aber nicht unkontrolliert verbrennende Kriegserklärung. Er braucht ein Ziel, eine Mission, einen Feind. Die Mission ist die Neutralisierung (nicht zwingend Vernichtung) des Feindes. Sie ist wie dieses großspurige Motto der verdammten Achtundsechziger: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Nur viel persönlicher.

Aber zurück zu dem Büchlein „Mars“. Geschrieben hat es Mitte der Siebzigerjahre ein junger Schweizer, der mit bürgerlichem Namen tatsächlich Fritz Angst hieß. Nomen est omen und so weiter: Er war ein ängstlicher, tief depressiver Kerl, der in einer lieblosen, nur aufs Geld und gesellschaftliches Funktionieren fixierten Züricher Familie aufgewachsen war und am großbürgerlich-gebügelten Leben litt wie ein Hund.

Bis bei ihm zu allem Überfluss auch noch Krebs diagnostiziert wurde. Das legte wohl in seiner Psyche einen Schalter um, und er schrieb diese zornbebende Abrechnung mit seinem „ungelebten Leben“, seiner Familie, seiner sozialen Klasse und seiner Krankheit. Denn jetzt hatte er einen klar definierten Feind, der keine Gnade in Aussicht stellte: den Tod. Zum ersten Mal erlebte er den Zustand, nicht mehr neurotisch, sondern zornig zu sein. Nicht mehr hineinzufressen, sondern auszukotzen. Sich zu spüren. Seinen Boden zu behaupten.

Und er gab sich ein Pseudonym, um dieses Buch zu publizieren: Aus Fritz Angst wurde Fritz Zorn.

Bevor das Bändchen erscheinen konnte, erlag der Autor seinem Krebsleiden, 32 Jahre alt. Sein Roman aber wurde ein Kultbuch, bis heute immer wieder neu aufgelegt.

Warum hat „Mars“ mich – wie viele andere junge Männer – mit Anfang zwanzig so in seinen Bann gezogen? Weil auch ich, noch ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein, ein tief neurotischer junger Mann war, der sich an kein anderes Lebensgefühl erinnern konnte als an Depression (leider ohne Millionen Schweizer Franken im Hintergrund). Und dieses Buch gab mir erstmals Einblick in eine Alchemie, die Depression in Zorn verwandeln konnte, Lethargie in Aktion, Lähmung in Lebendigkeit. Ich weiß noch, dass ich mir damals eine Weile lang insgeheim wünschte, unheilbar an Krebs zu erkranken.

Auf einer grundsätzlicheren Ebene war das Fesselnde dieses Buches, dass es etwas vermeintlich Unrechtes zu Recht erklärte. Das Gefühl Zorn war am Zürichsee streng verboten, und es ist auch in unserer heutigen Gesellschaft tabu. Das gilt natürlich vor allem und beinahe selbstverständlich für (junge) Männer, denn Mädchen, nicht wahr, lernen ja schon von der Wiege an vernünftigere Strategien und sind auch hormonell gar nicht dazu veranlagt, richtig übel destruktiv zornig zu werden. Jedenfalls in der Welt, die uns weisgemacht werden soll.

Wer zornig ist, habe schon verloren, heißt es. Weil er seinen „bösen“ Impulsen nachgebe, sich nicht im Griff habe, keine Argumente habe, nicht auf die Kraft des Dialogs vertraue. Oder, im besten Business-Sprech: weil er ein Anger Management Problem habe. Wenn Sie Kinder haben und ihr Sohn auf der Grundschule mal eine Klotür eingetreten hat, dann haben Sie vermutlich gleich von drei Sozialarbeiterinnen, Schulpsychologen und Lehrkräften Ritalin empfohlen bekommen. Damit aus dem Jungen noch was werden kann im späteren Leben.

Dabei ist das Stigmatisieren und Tabuisieren des Zorns als kreative – und eben nicht nur destrukive – Naturgewalt ein vollkommen un-ökonomisches Denken. Zunächst einmal könnte freigelassener Zorn die Krankenkassen von Milliarden Euro für erfolglose Therapien und Psychopharmaka-Abhängigkeiten entlasten. Was? Was sagen Sie? Aber die Kosten für eingetretene Klotüren! All die Todesopfer, die der Zorn fordern würde! Anarchie! Kulturbruch! Ende der Zivilisation!

Moment, nicht so schnell. Dies ist kein Plädoyer dafür, dass sich die Zornigen bewaffnen und marodierend durch die Straßen ziehen sollten. (Das geschieht allerdings mit historischer Gewissheit immer dann, wenn allzu viele unterdrückt Zornige allzu lange stigmatisiert wurden. Dann gnade Gott den Stigmatisierern.)

Für den Anfang wäre schon viel geholfen, wenn Zornige überhaupt erst einmal Anerkennung fänden: Dein Zorn ist verständlich. Du hast gute Gründe. Nicht du bist krank, die Welt ist ungerecht und verlogen. Man war nicht gut zu dir. Deine Bedürfnisse wurden verkannt, Dinge wurden dir vorenthalten, ein artfremdes Verhalten wurde dir aufgezwungen.

Dem Zornigen müsste man sagen: Lass dieses Gefühl zu. Hör auf das Gefühl, es ist wichtig. Es kann deine stärkste Antriebskraft werden – wenn du sie richtig einzusetzen lernst. Konstruktiv. Auch wenn das zunächst wie ein unlösbarer Widerspruch klingt.

Aber das ist eben das Großartige am Zorn: Diese explosive Energie ist nutzbar. Sie ist keine Splitterbombe, die wahllos in alle Richtungen zugleich explodiert. Man kann sie als Werkzeug einsetzen, man kann sie auf ein Ziel ausrichten. Sie ist stark genug, dieses Ziel zu verformen, sodass es für den Zornigen am Ende besser aussieht als zuvor. Dieses Ziel kann das eigene Erleben sein, die eigene Weltsicht. Es muss deswegen keine Toten und Verletzten geben. Es kann die Gemeinschaft der Zornigen voranbringen, oder einzig und allein dich selbst.

Vielleicht wandelst du den Zorn in Trainingseinheiten um, bis du gut genug bist, den Marathon zu laufen. Und zu gewinnen. Vielleicht schraubst und nagelst du aus Zorn in der nächtlichen Garage die erste Maschine zusammen, die aus dem Genörgel der Massen Strom erzeugt. Vielleicht wird aber auch ein Buch aus all der Zorn-Energie, ein Buch, das die Welt ein klein wenig erschüttert. Ökonomisch gesehen kann Zorn durchaus eine Menge Mehrwert schaffen, indem er für bessere Verhältnisse sorgt.

Aus Depression wird kein Projekt. Aus Zorn schon.

*

Ach, eines noch: das berühmte Gedicht zum Thema.

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Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

3 Kommentare zu „Die Ökonomie der Gefühle (9): Zorn

  1. Denkt man den Furor der Punk-Generation, wird klar, welche Produktivkraft sich aus Zorn nähren kann. Explosionsartige Verpuffung von Energie, zweifelsfrei, angstfrei. So etwas will man sicher auch nicht immer, aber um verfahrene Umstände zu lösen, Änderungen anzuschieben, ist so was nicht falsch.

    Danke für die Erinnerung an Fritz Zorn, also Angst. Habe überlegt, ob er, der ja aus wohlhabender Familie stammte, mit den Nähmaschinen-Clan Angst zu tun hatte, deren Patriarch ja einst das berühmte „Hotel Angst“ bauen ließ.

    1. Interessant, von dem Grandhotel an der Riviera hatte ich noch nie gehört. Allein schon der Name des Hoteliers, Adolf Angst: auf eine morbide Weise großartig! Und als verfallende Ruine passte der Grusel-Kasten perfekt dazu (derzeit geht er wohl den Weg der größtmöglichen Profitmaximierung durch Umbau zu Luxuswohnungen). Dass auch noch einer meiner Lieblingsautoren, John von Düffel, darüber wiederum die Erzählung „Hotel Angst“ geschrieben hat – immer entdeckt man noch Weiterungen…

      1. Das Buch ist auch sehr hübsch von Isabel Kreitz illustriert, ich glaube, im Schabkarton-Stil, also so holzschnittartig. Schöne Vater-Geschichte.

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