Diss is a special Zug! Protokoll einer langen Reise im ICE

Der ICE 1181 Hamburg – München, ab Hauptbahnhof 14:53 Uhr, ist einer wie Hunderte andere. Folglich bietet er die gesamte Themenfülle des Feldversuchs „Niedergang des deutschen Eisenbahnwesens“. Versuchsaufbau: Die Bahn erforscht, wie viel Betriebs- und Wartungspersonal man einsparen kann, bis auch der letzte Zug auf offener Strecke liegenbleibt oder mit Radreifenbruch aus den Gleisen springt. Ist das geschafft, kann sie endlich an die Börse gehen, denn dann ist der Shareholder Value optimiert. Und wir machen alle mit!

Am Ausgangspunkt in Hamburg ist ICE 1181 noch pünktlich, das halten wir gleich mal im Protokoll fest, unter „außergewöhnliche Vorkommnisse“. Hatten die weißen Züge nicht früher Namen? Stolz klingende Städtenamen wie „Freie Reichsstadt Danzig“ oder „Osnabrück, Hauptstadt des Osnabrücker Landes“? Oder verwechsle ich das mit Lufthansa-Maschinen? Steht jedenfalls nichts dran, wahrscheinlich eingespart. In meinen Wagen „mit der Ordnungsnummer 37“, wie man es im bizarren Durchsagendeutsch dieser Institution so gerne hört, kann ich erst mal nicht einsteigen: „Tür unbenutzbar“ verkündet der Sticker mit dem schrägen roten Balken auf der Scheibe. Durch das gesamte Erste-Klasse-Abteil staut sich die Schlange der zur nächsten Tür umgeleiteten Zusteigenden.

Wir sind noch nicht losgefahren, da kommt auch schon die erste Störungsdurchsage: „Meine Damen und Herren, in diesem Zug können heute leider keine Reservierungen angezeigt werden. Wir bitten die Plätze für Reisende mit Reservierung freizugeben.“ Macht nichts, um meinen reservierten Platz muss ich mich mit niemandem streiten. Es ist ja nicht Berufsverkehrszeit.

Als wir seit fünf Minuten unterwegs sind, kann ich nicht mehr umhin zu bemerken, dass die zwei Meter entfernte Abteiltür zur Ersten Klasse fortwährend auf- und zufährt. Auf. Zu. Auf. Zu. Zisch, puff, zisch, puff, sagt die Hydraulik. Einerseits stört das beim Schreiben. Und es zieht in rhythmischen Abständen. Aber ist Eisenbahnfahren nicht andererseits seit den Anfängen ein Zischen und Puffen? Also: alles im Takt. Außerdem habe ich bei IKEA mal die Schiebetüren eines Kleiderschranks im maschinellen Dauer-Belastungstest gesehen: Auf. Zu. Auf. Zu. Vielleicht muss das ja so. Vielleicht ist das ganze Leben ein Belastungstest. Die Klimaanlage steht auf Hochsommerbetrieb, das heißt: Tiefkühlschrank. Und sie will und will nicht ausfallen, weil draußen kein Hochsommer ist. Nur dann würde sie, weil sie darauf programmiert ist.

Was wir zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend noch nicht gehört haben, ist die Durchsage, das Bordbistro könne „heute aus technischen Gründen leider keine warmen Speisen“ anbieten, aber es gebe ja noch den „mobilen Brezelverkäufer, der Sie an Ihrem Platz gerne …“. Der hingegen könnte jetzt gar nicht einspringen, denn er muss ja erst noch an einem geheimen Ort aufspringen, pardon zusteigen. Hoffentlich funktioniert seine ebenso geheime Brezelverkäuferzustiegstür. Logbuch-Notiz: „Bordbistro funktoniert. Grund???“

Der Schaffner, der meine sebst ausgedruckte Fahrkarte im Miniposterformat kontrolliert, sagt zum von mir beklagten Tür-auf-und-zu-Phänomen erst mal vielsagend gar nichts. Dann, dass die vollkommen still sitzende alte Dame mir gegenüber das wohl „mit ihren Armbewegungen“ auslöse (sie nimmt diesen Vorwurf unbewegt hin), und dann, dass das Tür-Dings wohl zu fein eingestellt sei und er daran nichts ändern könne. Dann sagt er halblaut was von „Scheißdreck“, aber das gilt jetzt schon den jungen Männern jenseits des Ganges, die ein ihm unbekanntes „vorläufiges Jobticket“ präsentieren. Lässt er noch mal durchgehen, „aber beim nächsten Schaffner kann das schon ganz anders aussehen“. Die Dame gegenüber hat ihre Bewegungslosigkeit eingestellt und ist in eine ungleich dramatischere Totenstarre verfallen. Zisch. Puff. Wir haben es bis Harburg geschafft, 15 Minuten seit Versuchsbeginn.

Hinter Lüneburg schlägt laut das Bord-Sonar an: Ping! Ping! Ping! Ping! Natürlich, denke ich, ein russisches Atom-U-Boot kreuzt unseren Kurs. Das passiert oft in diesen Gewässern. Der Angreifer peilt sich auf uns ein: Ping! Ping! Ping! Wann feuert unser Käpt’n endlich die ICE-Torpedos ab? Doch dann realisiere ich: Es war nur der schwerhörige Passagier fünf Reihen hinter mir, der mit dem Mut zum „etwas anderen“ Handy-Klingelton. Wenn man das aber auch so schnell nicht findet im Kriegsgetümmel.

Stimme vom Gang, wieder hinter mir: „Guten Tag, Bordbistro. Haben Sie vielleicht einen Wunsch?“ Wie jetzt, ich? Ich bin 2. Klasse. Man hat mir keine Wünsche zu erfüllen. Das denke ich, aus kleinen Verhältnissen stammend, in Echtzeit, und dabei verstreichen vielleicht zwei Sekunden, während ich den Kopf in Richtung von Frl. Bordbistro wende. Komischer Name. Gerade noch sehe ich den blonden Pferdeschwanz von Frl. Bordbistro Richtung Bordbistro-Heimatbasis zurückwippen. Vier Sekunden hätte ich schon gebraucht, um das Wort „Bier“ zu artikulieren. Muss an mir arbeiten, flexibler werden.

„Läjdies änd Dschennemomm, senext Schtopp: Sselle.“ Also Celle, sprich auf Deutsch: Zelle.

Der diensthabende Bahn-Durchsager hat da übrigens was Neues für unsere englischen With-Reisenden auf der Pfanne: „Running Time“. Das ist die Abfahrzeit des Zuges X am Bahnhof Y. Can this really be so said?

Oha. „Bitte beachten Sie: Dieser Zug wird in Hannover mit einem anderen Zugteil gekuppelt. Die Türen werden erst geöffnet, wenn beide Zugteile gekuppelt sind.“ Ich will nicht gekuppelt werden, ich bin schon verheiratet. Aber danach fragt mich keiner, auch kein Frl. Bordbistro. Da ist schon der Bahnhof Hannover, wir halten, aber nur zum Irreführen der Öffentlichkeit. Draußen stehen sich hundert Leute die Füße platt, deshalb fahren wir wieder an. Dann krachen wir ordnungsgemäß in etwas, von dem ich nur vermuten kann, dass es der andere Zugteil ist. Die Außentüren, außer der einen, öffnen sich. Die Abteiltür, zisch, puff, öffnet und schließt abwechselnd. Eissturm im Abteil, wie ein Blizzard, nur ohne Schnee. Draußen scheint die Sonne.

In Hannover ist zwar kein mobiler Brezelverkäufer, aber ein extrem dicker Schaffner zugestiegen, der die Breite des Ganges vor eine Herausforderung stellt. Das wird spaßig! Sicher führt dieser Gemütsmensch keine Wörter wie „Scheißdreck“ mit sich. Die vorläufigen Jobticketbenutzer sind noch an Bord. Versuchsaufbau abgeschlossen! Ob ich ihm das mit der Abteiltür …?

Durchsage, beiläufig: von Hamburg bis Hannover 15 Minuten Verspätung eingesammelt. Das braucht natürlich keine Begründug, Kinderkacke. Wer will, kann’s auf den blassen Sonnenschein draußen schieben. Photonen stellen sich uns massenweise in den Weg, das bremst.

Der erste der dicht aufeinander folgenden Tunnel zwischen Hannover und Göttingen! Dunkle Bedrohung, Platzangst. Werden wir auf die traditionelle Schafherde stoßen oder die traditionelle Schafherde auf uns?

Nö. Aber grad ist die Abteiltür mal wieder auf – zisch! –, da höre ich nebenan in der 1. Klasse den sehr dicken Schaffner zu einem nicht glücklich dreinblickenden Fahrgast sagen: „ … habe die gerade auf die höchste Stufe gestellt, also höher geht die jetzt wirklich nicht mehr …“ Puff, ist die Tür wieder zu. Aber ich weiß, worum es ging. Wir alle wissen das, wir fahren ja alle Bahn. Oh Genosse Klassenfeind, wie gut ich dich verstehe!

Jetzt in meiner Nähe Disput anderer Fahrgast / sehr dicker Schaffner: Warum man sich nun schon wieder kontrollieren lassen müsse, und seine Bahncard auch noch, wo man doch heute und in diesem Zug schon mal kontrolliert worden sei. Das ist der hysterische Beschwerdeklassiker 18 B 5-III aus dem Bahn-Handbuch für Kotzbrocken. Mein beleibter Held bleibt erwartungsgemäß souverän. Kein böser Blick, keine überflüssige Rage. Nur das absolut unangreifbar Argument: „Persenoolwäxl“. Dieses Wort sagt mehr als tausend Bilder. Sogar auf Thüringisch.

Der sehr dicke Schaffner nimmt in der 1. Klasse – zisch! – Getränkewünsche entgegen: „… vom Fass oder aus der Flasche?“ Ich möchte jetzt ganz schnell „Egal! Bier!“ schreien, aber die Tür – Puff! – ist schon wieder zu und ich bin 2. Klasse und die Welt ist so verdammt ungerecht.

Wie zum Hohn kommt die mobile Eisverkäuferin – nicht verwandt oder verschwägert mit Mr. Brezel – durch und nötigt uns ihre Ware auf, und ich hätte mehr als genügend Zeit zum Ja-Sagen, aber ich will und will und will kein Eis. Ich will Bier. Der sehr dicke Schaffner hat es plötzlich eilig, aus dem Tiefkühlschrank der 1. Klasse durch den Tiefkühlschrank der 2. Klasse ins warme Bordbistro zu entkommen, und bricht fast durch die noch nicht ganz wieder offene Abteiltür. Dengel! Gut klang das nicht. Knappe Sache.

Was ist das denn? In Göttingen nur noch fünf Minuten Verspätung! Trotz Photonenbeschuss, U-Boot-Attacken und Schafstunneln! Das kann nur ein Bruch im Raum-Zeit-Kontinuum sein. Wir haben uns selbst überholt. Das wird alle Fahrpläne, vielleicht sogar die Menschheitsgeschichte durcheinanderwirbeln. Da muss jemand einschreiten! Auf den Schreck flüchte ich jetzt auch ins Bordbistro, das immer noch nicht defekt ist. Ist denn auf nichts mehr Verlass.

Auf dem Weg kommt mir der sehr dicke Schaffner entgegengeschwankt, ein Tablett mit zwei vollen Weizenbiergläsern und mehreren Capucchini für die 1. Klasse in der Hand. Der Mann weicht nicht aus. Er bremst nicht ab. Er wendet mir im Moment des Aufeinandertreffens nicht seine Schmalseite zu, denn er hat keine. Reflexhaft ducke ich mich in eine Nische weg. Ah, die unaufhaltsame Autorität einer Amtsperson in göttlicher Mission! Erinnerungen an das goldene Zeitalter der Deutschen Bundesbahn werden wach.

Im Bistro hocke ich auf einer gepolsterten Vogelstange, in Wahrheit ein Pranger für Menschen zweiter Klasse, die sich nicht ordnungsgemäß an Tischen niederlassen und Trinkgeld geben wollen. Bier und Currywurst, für 5 Euro 70 ein so genanntes Spar-Angebot. Das stimmt, denn man erspart sich damit das Schlimmste: Alles andere ist vollkommen ungenießbar und nicht nur teilweise wie meine Soße. Currywurst füllt den Magen; wichtig, wenn man hier überleben will.

Ein weiterer Schaffner kommt des Wegs, Typ missmutiger Kriminalhilfskommissar, und mustert mich: „Sie waren noch zugestiegen?“ – „Nein, nein, war if nift!“, mampfe ich, weit davon entfernt und auch nicht in der Lage, mich über zu häufige Fahrkartenkontrollen beschweren zu wollen. Aufs Stichwort entspinnt sich das Bahn-Ritual 2b 19-IV: Der Mann wirft mir einen weiteren Blick voll tiefer, Leid erprobter Skepsis zu – und zieht von dannen. Warum? Er müsste mich jetzt erst recht kontrollieren! Ich bin verdächtig. Ich bin obstruktiv. Ich bin der, vor dem ihn seine Vorgesetzen immer gewarnt haben. Und doch lässt er von mir ab. Ja Herrschaftszeiten, bin ich so leicht als ehrliche Haut zu durchschauen?

Tunnel-Durchsage: Fulda naht. Und, meiner Treu: „Es werden alle vorgesehenen Anschlusszüge erreicht.“ Wo soll das alles enden? Niemand wird mir Glauben schenken.

Ein neu zugestiegener Fahrgast, der sich arglos zu mir an den Vogelstangen-Tisch hocken will, muss dem Fußraum unter sich zunächst mal einen störenden Pappkarton mit Bistro-Müll entnehmen, aus dem eine träge Flüssigkeit leckt, und reicht ihn dem Bistro-Bediensteten tropfend über dessen Verkaufstresen. Der, nicht auf den Mund gefallen: „Ja, was zaubern Sie denn da hervor?“ – „Das lag da“, sagt der Mann, sein Handy-Telefonat kaum unterbrechend. Passt schon. Ist eh klar. So geht’s halt zu in der Spitzengastronomie à la Deutsche Bahn.

Gottseidank, endlich kommt eine dieser vertrauten Durchsagen vom Kaliber „vollkommen hoffnungslos unverständlich, aber wahrscheinlich eminent wichtig“. Ich glaube übrigens nicht, dass das an der Ton-Übertragungstechnik der Bahn liegt. Die sprechen da schon so rein.

Es gibt ja auch noch diese durchdringenden Tonsignale, die in etwa wie „La-Lüüüüü-La!“ klingen. Immer, wenn im Zug grell „La-Lüüüüü-La“ ertönt, liegt eine Situation vor, die der Engländer „The shit has hit the fan“ nennen würde. Meistens ein „Triebkopfschaden“ kombiniert mit „Einschlag eines Zehn-Millionen-Tonnen-Meteoriten“. In jedem Fall ein mobilitätsbeendendes Ereignis, wie die Verkehrsexperten sagen. Wann wird unser La-Lüüüü-La-Moment kommen?

Sitze wieder am Platz, fast schon schicksalsergeben. Ein Tunnel jagt den nächsten, Würzburg ist nicht mehr weit, und immer noch keine Katastrophe, nicht mal Schafe. Und immer noch, Schock schwere Not, Pünktlichkeit. Eine Mitreisende liest ihrem Gegenüber aus lauter Verzweiflung die Wettervorhersage vor: Regen, Schauer, stark bewölkt. Ja Kruzifix, soll ich mich jetzt übers Wetter aufregen, wenn ich Bahn fahre? Das Wetter?

Der sehr dicke Schaffner schwankt mit den schmutzigen Gläsern aus der 1. Klasse zurück ins Bordbistro und wartet diesmal klug ab, bis die Tür – zisch! – auf ist. Lernfähig, der Mann! Einen Schritt später stürzt er allerdigs fast über den abscheulich fliederfarbenen Koffer des dazu passend sehr bunt gekleideten afrikanischen Fahrgasts, was ihn aber auch nicht wirklich aus der Bahn wirft. Bravo, diesen Kerl hält nichts und niemand auf! Ich weiß, auf wen ich mein Geld setzen muss. Verblüffenderweise reißt diese Szene die alte Dame mir gegenüber zum ersten Mal aus ihrer Totenstarre und zu einem regelrechten Gelächter hin, das sie mit der Hand nur mühsam verbirgt. Sie hat sich bewegt. Und die Tür ist nicht aufgegangen! Versteh das, wer will.

Hilfe, was ist denn in Würzburg los? Hier stehen Heerscharen am Bahnsteig, ohne dass wir einfach noch mal aus Spaß ohne Türaufmachen losfahren würden wie in Hannover. Ach so, Feierabendheimkehrer! In Bayern herrscht ja bekanntlich ein extrem hoher Beschäftigungsstand. Warum bleiben die dann nicht gleich über Nacht im Büro? Wir könnten uns einen Halt sparen, und alle würden profitieren.

Immer noch stehen wir am Bahnsteig. Über die Anzeigetafel läuft endlich wieder das vertraute Schriftband „++ Verspätung ca. 5 Minuten ++“ Man ist ja inzwischen für alles dankbar. Aber fünf Minuten. In Wirklichkeit also zehn. Trotzdem ein Witz auf Schienen.

Es tutet im Durchsagensystem! Das ist gut. Unbeabsichtigtes öffentliches Tuten aus dem Privathandy eines Durchsagenden bedeutet Annäherung an den normalen Katastrophenzustand. Und tatsächlich scheppert gleich eine bayerisch eingefärbte Frauenstimme: „Meine Damen und Herren, aufgrund von brbldmpfpflrbrmpf verzögert sich unsere Abfahrt noch um weitere Minuten.“ Ja-ha, brbldmpfpflrbrmpf! Das ist mal ein ernst zu nehmendes Hindernis! Wie die pawlow’schen Hunde tauschen alle Umsitzenden zugleich ihre neuesten Verspätungsgeschichten aus. Und schon rollen wir wieder. Heute ist der Teufel drin.

Yes! Yesss! Die neue Schaffnerin sagt durch, dass wir jetzt ordnungsgemäße 16 Minuten zu spät dran sind. Nämlich: Triebkopfschaden. Aber bizarrerweise an dem Zug vom Gleis gegenüber. Schau an, so geht’s also auch. Wenn Not am Mann ist, helfen die Kollegen gerne aus. Frau Zombie, meine ehemals totenstarre Tür-Manipulatorin, scheint davon endgültig aufgetaut worden zu sein: Sie murmelt etwas von einem Streik der Nord-Ostsee-Bahn, mit der sie heute morgen von Sylt aus hätte losfahren wollen. „Die verarschen uns doch alle!“ Richtig. Immerzu. Sowas von.

Mr. Dickmann ist auch immer noch mit uns. In der 1. Klasse sieht man ihn bei kurzfristig geschlossener Abteiltür hilfreiche Hinweise zu wahrscheinlich verpassten Anschlusszügen verteilen, während sich draußen dunkle Gewitterwolken ebenso breit machen. Da zischt die Tür auf, schon steht er bei uns in der Sklavenklasse und lässt sich in ein fruchtloses Ticket-nix-gut-Gespräch mit Mr. Africa verwickeln, dem mit dem Fliederkoffer. Schaffner nix Englisch, Fahrgast auch nix Englisch. „No for diss train, 41 Euro 25 kriegen wir noch.“ – „No entiendo!“ – Sehr, sehr laut, damit der Ausländer auch versteht: „Nürnberg aussteigen!“ Noch lauter: „Diss is a Ticket for Redschionaltrain. And diss is a special Zug, koste mehr!“ Wachsende Heiterkeit im Umfeld. „Is a special Zug“, echot das halbe Abteil feixend.

Frau Zombie kehrt unterdessen von der Toilette der 1. Klasse zurück mit der Nachricht: „Da stinkt’s ja fürchterlich.“ Ja nun, wir sind alle nur Menschen, unabhängig von unserer sozialen Stellung. Es riecht, das muss man sagen, jetzt allerdings auch hier deutlich nach Pups. Mr. Africa, nach dem gandenlosen Verweis wieder sich selbst überlassen, bricht derweil den Weltrekord im Laut-mit-den-Fingerknöcheln-Knacken. Dieser Mensch steht unter Stress.

Information für Anschlussreisende nach Italien: Vergesst es. Vergesst es einfach. Schön aber der fürsorgliche Hinweis: „Bitte steigen Sie in Nürnberg aus und bleiben Sie auf dem Bahnsteig stehen, um zu sehen, ob Ihr Zug fährt.“ Zum Abschluss der Durchsage tutet es zweimal. Steht Armageddon bevor?

Nein, nur Nürnberg. 19:40 Uhr, unaufgeregte 13 Minuten Verspätung. Ich bin am Ziel. Frau Zombie hat sich, wie jeder gute Deutsche, etwa 25 Minuten zuvor von ihrem Platz erhoben, ihren Koffer genommen und sich im Gang an der Tür postiert, um dort den Weiterreisenden den Weg zu den Toiletten zu verstellen. Nein, natürlich nur um rechtzeitig alternative Ausstiegsrouten planen zu können. Man weiß ja nie, ob die sich die Tür auch öffnen lassen wird. Der einzige, der bis zum Schluss keine Anstalten gemacht hat aufzustehen, ist: Mr. Africa. Ach, Bahnfahren ist gar nicht so übel.

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