Geschmack ist keine Glückssache

Es gibt doofe Dinge, und es gibt schlimme Dinge. Letztere unterscheiden sich von den einfach nur doofen dadurch, dass sie einen Platz im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe verdient haben. „Schlimme Dinge“ ist eine wirklich lohnende kleine Ausstellung (noch bis 15. September), in der ich ruckzuck anderthalb Stunden verbracht habe – mit erstickten Lachanfällen und großem Erkenntnisgewinn. Denn es geht bei schlimmen Dingen nicht nur vulgär darum, dass sie noch etwas hässlicher sind als die anderen Zumutungen. Man kann das Ganze auch wissenschaftlich aufziehen. Die Frage ist dann: Warum sind sie besonders hervorstechend? Und: Gibt es dafür objektive Kategorien?

Eine erste Ahnung vom Unterschied zwischen doof und schlimm bekommt man schon im Eingangsbereich, wo auf einem langen weißen Tisch Dinge liegen, die Besucher der Ausstellung dort hinterlassen haben. Es ist eine Tauschbörse, ähnlich dem gefürchteten Horror-Wichteln in der Vorweihnachtszeit, bei dem man die allerscheußlichsten Staubfänger und Andenken, die man in den hintersten Kellerecken versteckt hatte, mit bösartiger Freude jemand anderem „schenkt“ und nach dem Zufallsprinzip etwas ähnlich Entsetzliches zurück bekommt. Allerdings hängen an den Besuchergaben im MKG nach schönster Museums-Methodik kleine Zettel mit Inventarnummern, auf denen der Spender eine Begründung für die Spende hinterlassen muss.

Das hier ist so ein schlimmes Ding. Mich hat es spontan an den berüchtigten Loriot’schen „Familienbenutzer“ erinnert – vollkommen zweckfrei, insbesondere befreit von dem Zweck, dekorativ zu sein, dafür aber mit maximaler Staubfang-Kapazität:

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Mir fällt nicht mal ein halbwegs deskriptiver Name für dieses Etwas ein. „Schneckenhaufen“? „Muschelbatzen“? Vor Schreck habe ich sogar vergessen, auf dem Begründungszettel des Spenders nachzulesen, aber intuitiv versteht man auch so: Es musste weg, einfach nur weg.

Dann gab es da auf dem Tisch auch noch eines dieser abscheulich gerahmten Riffelbildchen, die beim Dran-Entlanggehen die Perspektive zu wechseln scheinen. Darauf war ein sehr farbenfroher Hahn abgebildet, auf einem Kiefernzweig (!) sitzend vor Sonnenuntergang (!!) am südchinesischen Meer (!!!). Da hatte der Geber drangeschrieben: „Weil es das verdammt noch mal hässlichste 3D-Bild der Welt ist“. Wo er Recht hat … Aber reicht das? Sind Muschelbatzen und Sonnenuntergangs-Hähne nur hässlich oder schon schlimm? Begeben wir uns in die eigentliche, durchaus zeithistorische Ausstellung.

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Diese beiden sind zwei offiziell schlimme Dinge. Und wer jetzt glaubt, sie seien vor einigen Wochen auf dem Open-Air-Polenmarkt in irgend einer Grenzregion der Republik gekauft worden: Sie sind beide um 1900 entstanden, und sie waren damals durchaus funktional gedacht. Der eine als Streichholzhalter, der andere als Tintenfass.

Mit diesen Eigenschaften zählen sie zu den etwa 800 noch erhaltenen Design-Beispielen der so genannten Pazaurek-Sammlung des Landesmuseums Württemberg aus Stuttgart. Gustav Pazaurek, Leiter des Stuttgarter Gewerbemuseums, gehörte dem „Werkbund“ an, einer sehr einflussreichen Vereinigung deutscher Künstler, Designer und Kulturpolitiker. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und noch bis etwa 1960 suchte sie Ethik und Ästhetik von Alltagsgegenständen zu definieren und zu optimieren.

Exponate wie die beiden Totenschädel trug der Werkbund schon damals zu einer Art Schock-Ausstellung zusammen, um die Öffentlichkeit durch besonders abschreckende Beispiele zu einem besseren Gestalt-Empfinden zu erziehen. Das tat er nicht wahllos, sondern er ersann eine ganze Reihe Kategorien des Grauens, in die er seine Horrorshow unterteilte. Und er begründete stets penibel, was mit Materialauswahl, Farbgebung, Musterung, Ergonomie, Verwendungszweck oder Herstellungsmotiv schief gelaufen war.

Die beiden Schädel fallen in die nicht ganz so eingängige Sparte „Konstruktionsattrappen und Künstlerscherze“. Humor im Design war damals offenbar stets etwas Anrüchiges – und vielleicht nicht einmal zu Unrecht, denn in unverrückbare Gestalt gegossen ermüdet er schnell, während das Objekt ja noch jahrelang funktionieren oder erfreuen soll. Konstruktionsattrappen waren sie einfach insofern, als das konstruierte Ding – ein Schädel – nur Trugbild und eben nicht das Original aus Knochen war. Eine interessante Kategorie des Schlimmen stellten Pazaurek und der Werkbund auch hiermit vor:

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Dies ist „Hurra-Kitsch“ der Kaiserzeit. Man wagt nicht sich vorzustellen, wogegen oder wofür diese Creme geholfen haben soll. Ein Gleitmittel für Nationalisten? Sozusagen die Vaseline des Schützen Arsch? Ach, schlimm … Aber eben keineswegs bloß schlimm von gestern. Denn das ist die wortwörtlich andere Seite der Hamburger Ausstellung „Schimme Dinge“: Stets gegenüber den alten Vitrinen gibt es Regale mit Hängungen heutiger Exponate, die zur jeweiligen – offensichtlich zeitlos gültigen – Kategorie des Werkbunds passen. Beweis gefällig, sagen wir für die Kategorie „Unpassende Schmuckmotive“? Bitte sehr:

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Na gut, werden Sie sagen, ein Einzelstück wahrscheinlich, die Handarbeit eines islamistischen Teppichknüpfers. Was belegt das schon? Und die normative Kategorie „unpassend“ ist natürlich auch problematisch, denn diese moralisierende Wertung hält wissenschaftlicher Empirie eher nicht stand. Da müssen schon größere Stückzahlen in die Welt gesetzt werden und zwischen 1 und 1 Million immer dieselbe zerstörerische Wirkung auf unseren Geschmackssinn entfalten. Aber bitte, so geschieht das heute, im Zeitalter der Plastik-Massenproduktion, natürlich auch. Vorreiter auf diesem Gebiet ist japanisches und chinesisches Spielzeug wie das hier:

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Zweck des Spiels „Choke-a-Duck“ ist es, die Plastikente so lange zu würgen, bis sie aufhört, mit den Stummelflügeln zu schlagen („incredible choking sound effect!“). Für Design- und Geschäftsabgründe wie diesen hat das MKG probehalber neue, heutige Kategorien des Schlimmen zu denen des Werkbunds hinzugefügt. Dazu zählen etwa Ressourcenverschwendung, Kinderarbeit oder – wie in diesem Fall – Förderung von Gewaltakzeptanz.

Man kann vom belehrenden Duktus des Werkbunds und der aus allen Vitrinen hervorstechenden Zeigefingerpädagogik halten, was man will. Aber erstens wirken die „abscheulichen Exempel“, die damals statuiert wurden, heute teilweise zum Brüllen komisch. Das wollüstige Schaudern angesichts von purer Scheußlichkeit gehört ja durchaus zu den verdienten Privilegien der sich über schlechten Geschmack erhaben Fühlenden.

Zweitens regen die schlimmen Dinge wirklich zum genauren Hinsehen und Be-Greifen an – möglichst schon vor dem Kauf. Und drittens täte uns etwas mehr Pädagogik, die gut begründet sein müsste und ja auch sein kann, gerade in Geschmacksdingen heute sehr gut. Wo Anything Goes als Dogma gilt, wo jedem Scheiß eine Existenzberechtigung zugebilligt wird, wünscht man sich bisweilen heimlich eine gut bewaffnete Geschmackspolizei herbei.

Nicht nur, weil wir all diese grauenhaften Plastikerzeugnisse samt ihren giftigen Inhaltsstoffen schon bald in den Müllstrudeln von kontinentalen Ausmaßen wiederfinden werden, die auf den Ozeanen treiben.

Anything goes? I don’t think so.

3 Kommentare zu „Geschmack ist keine Glückssache

  1. Immerhin ist die rekursive Muschelmuschel (oder war das schon redundant?) nicht aus Plastik.

    Ich habe die Ausstellung in Berlin gesehen, wo man die gespendeten schlimmen Dinge in einem eigens konstruierten Dingzertrümmerer zerstören konnte. Förderung von Gewaltakzeptanz oder Weltverbesserung oder von beidem ein bißchen …

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