Hamburgs Straßen (3): Eine andere Stadt

Jeder kennt sie: Große Freiheit und Reeperbahn, Mönckebergstraße und Jungfernstieg. Doch es sind die wenig glamourösen unter Hamburgs 7846 Straßen, die wirklich überraschende Einblicke bieten. In dieser Serie flanieren wir abseits der Reiseführerrouten mit der Kamera über den Asphalt der Hansestadt.

Die Wandsbeker Chaussee beginnt im östlichen, aber immer noch recht zentralen Hamburger Stadtteil Eilbek. Den meisten Menschen dient sie nur zu einem Zweck: ab durch die Mitte und weg. Sie ist eine der meistbefahrenen Ausfallstraßen der Metropole. Mindestens vierspurig wälzt sich hier Tag und Nacht der Durchgangsverkehr durch dicht besiedeltes Gebiet Richtung City oder umgekehrt Richtung Sibirien (Fernziel, erst kommt noch Polen).

Für Hamburger „Magistralen“ wie diese visionierte vergangenes Jahr, noch vor der alles lähmenden Coronakrise, eine internationale Stadtplanerkonferenz große Veränderungen: Zum Verweilen soll die Wandsbeker Chaussee nach sensiblen Infrastruktur-Maßnahmen einmal einladen, auch zum weltoffenen Wohnen auf hohem Niveau, in zweiter oder dritter Reihe. Statt, wie bisher, nur zum kreativen Parken dortselbst, oder zu illegalen Autorennen. Zur Diskussion gestellt wurden schöne Dinge, gute Dinge: E-Mobilität, Vorrang fürs Fahrrad, Lifestyle und Kulturgenuss.

Nun, vielleicht hat Corona den Blick für die Realität geschärft. Die Realität heißt statt Ausfall- eher Einfallstraße. Und sie heißt grenzenlose Globalisierung. Wo sich etwas globalisiert, geht das Alte und kommt das Neue, Billigere. Zusammengenommen zeichnet sich die Realität dadurch aus, dass Wohn- und Gewerbeimmobilien entlang dieser nach dem Krieg durch den wilden Osten geprügelten Verkehrsschneise noch vergleichsweise günstig zu haben sind. Weil sie sonst nämlich leer stünden und verfallen würden. Das mit dem Verfall schaffen viele davon auch so, nebenbei, aber immer noch rentabler als im Leerzustand.

Wegen der relativ niedrigen Mieten sind hiesige Verkaufsflächen bei erst kürzlich eingewanderten Geschäftsleuten begehrt – besonders an der unteren Wandsbeker Chaussee zwischen Wartenau und Ritterstraße, einem nur gut 700 Meter langen Teilstück dieses grauen Bandwurms. So begehrt, dass sich das Straßenbild des Stadtbezirks hier in den vergangenen Jahren drastisch verändert hat.

Nachdem die sozioökonomische Basis – Wechselstuben, International Money Transfer, Kulturvereine, Unterstützer-Initiativen für das Ankommen im Aufnahmeland – einmal installiert war, ging der Wandel schnell voran. Die Wandsbeker Chaussee spiegelt jetzt wider, was die Ersetzung alteingesessener, aber mangels Kundschaft oder Geschäftsnachfolger aufgegebener Verkaufsläden durch migrantische Wirtschaft mit sich bringt: arabische Schriftzeichen, exotische Moden, schrille Farben, Plastik-Ramsch und vergilbende Traumbilder.

Das ist weniger ein Werturteil als eine Beobachtung. Natürlich können die Business-Betreiber und Dienstleister aus dem Irak, Syrien, den Philippinen, Thailand, Ghana oder der Elfenbeinküste nicht mit ästhetischen und qualitativen Standards aufwarten, die Apple, Prada oder Feinkost Fritzenkötter bieten würden. In diesem Umfeld? Ich bitte Sie! Wollen sie aber auch gar nicht. Wollen auch ihre Kunden nicht, die aus denselben oder benachbarten Einwanderungsländern kommen. Sie alle wollen sich nur durchwurschteln, möglichst billig, unbehelligt und unter ihresgleichen. Legal, halblegal, auch egal. An- und Zurechtkommen zählt.

Gewährleistet wird auf diese Weise eine Grundversorgung mit Dingen, die aus der alten Heimat vertraut sind. Formelle Beschäftigungsverhältnisse werden geboten, bei Bedarf auch für ein Dutzend Mitglieder desselben Familienclans. Bisweilen wird eine Fassade bereitgestellt, hinter der bestimmte Dinge unbeachtet bleiben (wie übrigens in der einheimischen Wirtschaft auch). Das ethnische Zusammenrücken im eigenen ökonomisch-sozialen Geflecht sichert die Neuankömmlinge ab und gibt weiteren die Möglichkeit, nachzurücken.

So sehen die Prioritäten aus, und alle wissen es. Es geht nicht um hanseatischen Kaufmannsstolz, schon lange nicht mehr. Warum auch, wo es hier bald keine Hanseaten mehr gibt. Wo hier noch Stolz ist, speist er sich aus anderen Identitäten. Dies hier, entlang der unteren Wandsbeker Chaussee, ist jetzt eine andere Stadt, die nur aus Trägheit immer noch Hamburg heißt.

.

Zum Archiv bereits begangener Hamburger Straßen geht es hier.

Ein Kommentar zu „Hamburgs Straßen (3): Eine andere Stadt

  1. Ich habe in der Nähe mal gewohnt, und es ist schon erstaunlich, wie rasch sich der Wandel dort vollzieht. Hier jetzt in meiner weiteren Ecke aber auch. Der erst vor drei Monaten mit Freuden in der weiteren Nähe entdeckte Schuhmacher hat seinen Laden auch schon geschlossen, wie ich heute feststellte. Da bin ich auf die Weiterverwendung gespannt. Das wird wegen Corona ja sicher etwas dauern. Die Chaussee oben hat eben insgesamt wenig Reize. Ein Stück weiter, am Markt, kippeln die Anziehungspunkte großer Warenhäuser ja sicher auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.