In Hamburg eher lästig: der Fall Doğan Akhanlı

Gestern berichtete nun auch „Titel, Thesen, Temperamente“ – einer der letzten Kultur-Flugzeugträger im TV – über sein Schicksal. Doğan Akhanlı, Kölner Schriftsteller und deutscher Staatsbürger mit türkischen Wurzeln, sitzt seit August in der Türkei im Hochsicherheitsgefängnis. Er wurde bei der Einreise aus Deutschland verhaftet. Der immer noch sakrosankte Apparat aus Justiz und Militär wirft ihm ein Verbrechen von vor über 20 Jahren vor, das er allen unabhängigen Prozessbeobachtern zufolge nicht begangen hat. In Wahrheit haben die Hardliner in der türkischen Machtelite dem Autor nicht verziehen, dass er sich als erster türkischer Romanschriftsteller mit dem Völkermord der Türken an den Armeniern zu befassen wagte. Näheres zum ttt-Beitrag, zum Fall und zu weiterführenden Websites findet sich hier.

Da ich Doğan in Kölner Zeiten während seiner Arbeit an dem fraglichen Roman „Die Richter des jüngsten Gerichts“ kennenlernte, konnte ich mir selbst ein Bild von ihm machen – es versteht sich von selbst, dass es alles andere als das Bild eines Verbrechers ist. In Köln ist inzwischen die halbe Stadt samt Prominenz von Günter Wallraf bis zum Oberbürgermeister für Doğan auf die Barrikaden gegangen. Hier in Hamburg ist es mir nicht gelungen, irgendeine der vermeintlich zuständigen Institutionen vom Kulturforum über das Literaturhaus bis hin zur Hamburger Stiftung für politsche Verfolgte für seinen Fall zu interessieren. Man winkt hanseatisch gediegen ab, hat andere Sorgen, keine Zeit oder lässt unter der Hand durchblicken, womöglich könne ja doch was dran sein an den Vorwürfen. Da geht man lieber kein Risiko ein.

Der Prozess in der Türkei beginnt im Dezember. Die Chancen für Gerechtigkeit stehen nicht gut, für Lebenslänglich dagegen außerordentlich hoch. Wer sich an der Kampagne für Doğan Akhanlı beteiligen möchte, findet die notwendigen Links.

Update, 8.12.10

Doğan ist auf freiem Fuß! Am ersten Prozesstag freigekommen, da „kein dringender Tatverdacht“ bestehe. Der Prozess wird zwar im März fortgesetzt, aber er kann die Türkei verlassen. Nein, kein Fall von plötzlicher Einsicht der alten Machtkader. Ein Fall von internationalem Druck – unter Beteiligung von viel intellektueller Prominenz aus Deutschland mit Ausnahme Hamburgs. Dank jedem einzelnen! Und welcome back, Doğan!

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