Jahrmarkt ohne Eitelkeiten

In den Katakomben der Haupttribüne an der Horner Rennbahn öffnet sich jede Woche eine verborgene Welt. Doch die Hoffnungen, die hier zu Markte getragen werden, erfüllen sich immer seltener.

Das Theater spielt nur einen guten Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt. Jeden Samstag (muss es in Hamburg nicht „Sonnabend“ heißen?) werden kleine Dramen gegeben, manchmal auch Tragödien, manchmal Komödien, immer seltener ein Stück vom Glück. Stets handelt das Stück vom Feilschen, vom zähen Ringen um den besten Preis. Aber selbst im Glücksfall, wenn ein Schnäppchen lacht, ist es ein Lachen ohne Show, ohne Glamour. Eitelkeit ist hier fehl am Platz. Was es hier gibt:

Wir sind in Hamburgs armem Osten. Dort, wo die bessere Gesellschaft allerhöchstens einmal im Jahr vorbeischaut, nämlich zum Deutschen Derby der Galopper auf der Horner Rennbahn. „Hamm und Horn schuf Gott im Zorn“ wissen die Hamburger aus Eppendorf oder Othmarschen über die theoretisch auch zu ihrer Stadt gehörenden Viertel rechts der Alster. Da sind keine Szene-Cafés, keine sanierten Gründerzeit-Lofts. Da sind „bildungsferne Schichten“. Deshalb meiden Eppendorfer Horn normalerweise wie die Pest.

Aber da ist unerklärlicherweise halt auch – an einem Sonntag im Sommer – diese Pferderennbahn. Mit dieser riesigen Haupttribüne. Was die westlichen, kaufkräftigen, stilvollen Hamburger nicht wissen können: „Aus Freude am Leben“ steht da nicht nur am Derby-Tag dran, sondern das ganze Jahr über. Und dieses Bauwerk muss bewirtschaftet werden, ganzjährig. Wird es auch. Immer Samstags.

Dann füllen sich seine Katakomben mit mehr Leben als beim spannendsten Derby. Denn was könnte lebendiger sein als Handel? Geld gegen Ware – das ist der Stoff, aus dem hier jede Woche neue Geschichten geschrieben werden. Für ein paar Stunden wird aus der geräumigen Haupttribüne ein überdachter Basar. Auf mehreren Ebenen, um sieben Ecken herum, in Winkeln, Treppenhäusern und Hinterzimmern. Man glaubt nicht, wie viel Wirtschaft in eine Tribüne passt.

Der Wirtschaftsraum, in den man sonst nie Einblick erhält, ist voller Menschen, die Geschichten schreiben. Ohne es zu merken, weil sie ganz beim Geld sind, bei der Ware, bei den lausigen paar Euro, den muffigen Second-Hand-Klamotten. Für ein paar Stunden haben sie ihren großen Auftritt, die kleinen Leute. Und die Gesichter, sie sprechen nicht nur hundert Sprachen. Sie sprechen Bände.

Wer etwas über Weltwirtschaft erfahren will, muss keine Seminare besuchen. Er braucht nur über das innere Treppenhaus auf eine Zwischenebene der Horner Rennbahn-Tribüne klettern, dann landet er in einem eigenen Reich, einem Separee. Dort gibt es Porzellantassen, Chippendale-Sessel, Kristallgläser – und Bernstein.

In diesem Bernsteinzimmer haben ein paar alteingesessene Trödler ihren gut bewachten Stammsitz. Es wäre auch eine mörderische Arbeit, all diese Kostbarkeiten jedes Wochenende auf- und wieder abzubauen, zu verpacken, abzutransportieren bis nächste Woche. Bei ihnen findet man also jeden Samstag alles auf seinem angestammten Platz. Auch das Bernsteinbäumchen.

Das Bernsteinbäumchen ist für 15 Euro zu haben. Und warum so billig, obwohl sich da jemand ganz, ganz viel Handarbeit gemacht hat? Na wegen Weltwirtschaft! Es ist nämlich so, erfährt man im Gespräch: Eine Zeitlang war Bernstein sagenhaft teuer, noch gar nicht so lange her. Da hatten die plötzlich Chinesen ihre Lust an dem versteinerten Harz entdeckt, das man ihren Küsten nicht findet. Und die Weltbestände aufgekauft, wie sie so sind, diese aufstrebenden 1,2 Milliarden Menschen.

Aber dann haben sie ebenso plötzlich das Interesse wieder verloren – und weil Bernstein hierzulande schon länger als altmodisch gilt, ist seither ist der Preis im freien Fall. Sehen Sie? Das lernen Sie nicht an der Uni, sondern in Horn unter der Haupttribüne.

Aber hier lernt man auch, dass nicht alle Händlerträume von der Gewinnnexplosion aufgehen. Nicht einmal für die Dauer eines kurzen chinesischen Frühlings. Viel häufiger ist es nämlich in letzter Zeit so, dass man gar nichts mehr verkauft. Dass man samstagmorgens 30 Euro Standgebühr zahlt, dann zum Beispiel „5 €“ auf ein Schild schreibt, und dann schieben sich die Besucher am Stand vorbei und murmeln ohne einen Blick auf den Preis monoton: „50 Cent? 50 Cent? 50 Cent mein letztes Angebot!“

Da kommt dann kein Deal mehr zustande, oder vielleicht noch für den einen Euro, den hier am Ende doch fast alles kostet. Warum das neuerdings so ist? Weil keiner mehr Geld hat, vielleicht. Oder weil ganz neue Sitten einziehen. Oder ein neues Publikum. Die Theorien darüber gehen auseinander, unter Händlern kursiert das Wort „Penner“.

Und so ist oft schon auf halber Treppe Schluss mit lustig an der Horner Rennbahn. Ein Schneemann wacht eiskalt darüber, dass es nicht höher hinauf geht auf der nach oben offenen Glücksskala. Aber dennoch suchen sie es weiter, das Glück. Wer hier eintritt, versteht sich auf Geduld, hält seine Hoffnungen im Zaum. Das Konsumglück kann man nicht zwingen, wenn man kein Geld hat. Man muss klaglos warten können, bis sich die eine, die unwiederbringliche Chance bietet, zuzuschlagen.

Es könnte sich ja doch noch etwas finden, zwischen Koffer und Computerbildschirm im Regal der freundlichen Fachhandlung für nichts Bestimmtes. Und solange diese Möglichkeit besteht, solange wird die Suche nicht aufgegeben. Sie wird höchstens unterbrochen, um einen Abstecher in den hintersten Winkel dieses verwinkelten Labyrinths zu machen. Dorthin, wo die Schwellenangst für Expeditionen aus Eppendorf am größten wäre. Wo geraucht wird, dass die Augen tränen, Tabak und anderes, man will es nicht wissen. Wo das Bier vom Zapfhahn einen Euro und der Glühwein 2,50 Euro kostet. Und wo hinter dem Tresen ein Wesen mit sehr spitzen Ohren das Kommando hat.

All dies im Bauch einer Haupttribüne, an jedem verdammten Samstag. Ich finde das beeindruckend. Viel beeindruckender jedenfalls als irgendwelche Pferde, die vor diesem Fenster für einen einzigen Sommersonntag im Oval galoppieren. Als ich mich aus dem Labyrinth – durch Gänge voll unverkäuflicher Hoffnungen – nach draußen winde, bleibt mir ein Ruf im Ohr, denn es geht gegen Ladenschluss: „Jetzt alles ein Euro! Jetzt alles ein Euro!“ Wieso erst jetzt? Das war doch schon die ganze Zeit so! Aber jetzt ist sie offiziell, die Happy Hour unter der Haupttribüne. Und der Kleine hier, der darf sie einläuten: „Jetzt alles ein Euro! Jetzt alles …!“

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