Kugel zu vergeben

 

Foto

Gesehen in Hamburg Str.Georg. Ich klammere mich jetzt mal an die Hoffnung, dass dieses Gesuch ein Fake ist, eine subversive Aktion gegen den in dieser Stadt grassierenden Wohnungsmarkt-Wahnsinn. Denn es passt ja offensichtlich gar nichts zusammen: Jemand, der mit „Dringlichkeitsschein“ eine Sozialwohnung sucht, weil er eben gerade nur ein sehr begrenztes Budget hat, soll bereit sein, 15.000 Euro „Vermieterprovision“ locker zu machen? Notfalls für eine 1,5-Zimmer-Wohnung in irgendeinem Hamburger Außenstadtteil, sofern er nur U- oder S-Bahn-Anschluss hat?

Andererseits.

Könnte es wahr sein? Könnte diese neue Stufe des gesamtgesellschaftlichen Irrsinns in unserer Stadt schon erreicht sein? In St.Georg werden für unspektakuläre Altbauwohnungen inzwischen Mieten gefordert, für die die Bezeichnung „unanständig“ noch geschönt erscheint. Es entstehen in Hamburg Neubauwohnungen in „Bestlage“, die für 3.000.000 Euro verkauft sind, bevor noch eine Kelle Mörtel verstrichen wurde. Und für den Schmuddelstadtteil Wilhelmsburg auf der Elbinsel hat ein Vertreter der Handelskammer folgende Vision, wo doch jetzt durch die Neubauprojekte der IBA vor allem auch Besserverdienende dort hinziehen werden: „Die Zusammensetzung der Bevölkerung wird höherwertiger sein, als die Segmente, die sich in der bisherigen Bevölkerungsstruktur abgebildet haben.“ Diesen Satz bitte ausschneiden, vertonen und mehrmals täglich im Chor vor dem Haupteingang der Handelskammer absingen.

Sagen wir, es sei kein Fake. Sagen wir, dass da tatsächlich alle Zettelchen mit der Telefonnummer von potenziellen Vermietern abgerissen wurden, die ihr Glück kaum fassen konnten. Und stellen wir uns eine alleinerziehende Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter vor, die auf diese Weise ihre Traumwohnung unterm Dach in einem Rahlstedter Rotklinkerbau findet. Und stellen wir uns vor, wie der Vermieter an ihre Tür klopft und freundlich sagt: „Übrigens, die Treppe muss noch geputzt werden – und hier auf diesem Zettel steht meine Kontonommer für die 15 Mille, aber bitte noch diese Woche, ja? Schönen Tag noch!“

Stellen wir uns das alles vor und geben wir uns – oder noch besser dem Vermieter – die Kugel.

 

2 Kommentare zu „Kugel zu vergeben

  1. Ich finde auch, dass es eine Protestaktion ist. Es wird ja, wie du sagst, immer härter mit den Mieten und die Bevölkerung wird dazu gezwungen immer weiter nach Außerhalb zu ziehen, weil es in der Stadtmitte oder in ihrer Nähe keine bezahlbaren Wohnungen mehr gibt.

    Wenn das so weitergeht, leben wir bald alle auf dem Dorf.

  2. Ah, ein „höherwertiger“ Mix. Die haben wohl nicht die Tödliche Doris gehört, die Anfang der 80er mit „in einer Demokratie haben auch die Untermenschen eine wertvolle Aufgabe“ provozierten. Der Investor, der das Kanalufer mir gegenüber zubaut, wirbt übrigens damit, daß in diesem Stadtteil „Gentrifizierung noch keine Rolle“ spiele. Quadratmeterpreis bei ihm jetzt ab 3.000 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.