Land der Stämme

Vor zweitausend Jahren war Germanien ein Flickenteppich konkurrierender Stammesgebiete. Heute, in Zeiten der grenzenlosen Multimigration, kämpfen neue „Tribes“ um Identität und Deutungsmacht. Sie haben ein Labyrinth von Symbolen der Abgrenzung und der Hoheitsansprüche geschaffen.

Deutschland 2020: Eine Hyperinflation der Embleme und Zeichen dominiert den öffentlichen Raum. Sie bedecken Mauern und Laternenpfähle, neben- und übereinander, eines das andere überschreibend. Wovon sprechen all diese Logos und Fettstift-Schnörkel: Vielfalt? Verwahrlosung? Buntheit? Delirium? Wer genauer hinsieht, liest aus den Worten und neo-archaischen Runen noch etwas anderes heraus: die Sehnsucht nach kollektiver Identität in einer Welt ohne Halt. „Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft“, befand die 1943 verstorbene Philosophin und Sozialrevolutionärin Simone Weil. Die Zeichen, heute, sollen die Krankheit heilen.

Im Land der grenzenlosen Multimigration arbeiten sich die Crews und Tribes mit Stickern und Tags daran ab, Raum zu greifen und diesen Boden dann zu behaupten. Seht, sagen die bunten Zeichen, dies sind wir. Dies sind unsere Namen, unsere Mysterien, unsere Credos. Dies sind unsere Straßen. Hier regieren wir. Hier habt ihr uns Tribut zu zollen, mindestens Respekt. Hier gilt unser Weltbild, nicht das der Feinde von nebenan. Wir sind die Besseren, unsere Krieger sind furchterregender, unser Wert ist höher, unser Zusammenhalt stärker, unser Auftritt frecher, unser Sex aufregender. Wir. Waren. Hier. Als Bruderschaft von Elementarteilchen für einen Wimpernschlag der Zeit, zwischen der Entstehung des Sonnensystems und dem Kältetod des Weltalls.

Kleine Gruppen und größere Verbände, wie Nomaden auf ewiger Durchreise. Schlaflose Stadtguerilleros, unterwegs im Schutz der Nacht oder der Menschenmasse einer Demonstration. Oder, mit Selbstverständlichkeit und System, am hellen Tag, vor aller Augen. Rudel junger Hunde, die der Welt ans Bein pissen, um eine Duftmarke ihrer kollektiven Unvergänglichkeit zu hinterlassen.

Wir. Waren. Hier. Als Bruderschaft von Elementarteilchen für einen Wimpernschlag der Zeit.

Sowas kommt von sowas her: Da draußen ist viel Buntes jetzt, viel Ich auch, aber kaum noch Wir. Jedenfalls kaum noch ein Wir, das eine Critical Mass als Grundlage für seine dauerhafte Verfestigung erreichen könnte. Identität ist Stabilität, aber Stabilität ist Vergangenheit. Und wer keine Herkunft hat, hat keine Zukunft. Gäbe es diese gewachsene Stabilität noch, diesen alten Baum, der sich sturmfest mit tiefen Wurzeln in die Erde krallt und den es nicht juckt, wenn ein Schwein sich an seiner Borke kratzt – unsere Hauswände wären wahrscheinlich grau und unbeklebt.

Doch die Zeiten sind nicht so. Es herrscht Nervosität in den Straßen, Durchzug sozusagen. Millionenheere sind auf Wanderung, Gesellschaftstrukturen lösen sich auf, Familienbande reißen, und die vom Blitz gefällten Stammbäume haben eine ganze Generation abgeworfen, die der Welt nun eine klebt und Striche durch die Rechnung macht. Denn alle Verträge wurden ungültig gemacht. Jedes Refugium, jede noch so kleine Nische ist bedroht. Andere kommen und wollen streitig machen. Müssen gebändigt, überwältigt werden. Mit Meinungen, mit Weltbildern, mit Übermacht. Auf sie mit Gebrüll, brüllen die Tribes.

Und ihr denkt, das sei originell, was ihr hier macht? Denkt noch einmal. Dieser Boden, auf dem ihr eure Reviere abzustecken sucht, ist so alt wie der Drang der Neandertaler zum Zusammenrotten. Hier haben dasselbe wie ihr schon Generationen vor Generationen vor Generationen getan. Meist in Zeiten wie diesen, Zeiten der Durchreise, des Abbruchs und der Umschichtung, und wann waren die eigentlich nicht. Soll Opa mal vom Krieg erzählen? Hier, komm: Aufgesattelt zum wilden Ritt durch 2000 Jahre Geschichte unseres Fleckchens auf Erden.

Deutschland war immer schon Stammesgebiet. Mit zwei, drei eher kurzen Zwischenzeiten formaler Bündelung der Landsmannschaften und trügerischer Befriedung der Warlords, die immerfort auszuscheren drohten. Schon die antiken Germanen, diese Ansammlung heidnischer Stämme nördlich der Alpen, waren als berechenbare Ganzheit kaum mehr als eine Schimäre. Eingekeilt zwischen den westlichen Kelten und den östlichen Skythen, zerfielen sie schon zu Julius Cäsars Zeiten in kleinere und kleinste Völkchen und Clans, von den Cheruskern bis zu den Langobarden, von den Jüten bis zu den Sueben.

Als Transitraum Europas war das spätere Deutschland außerdem der Verschiebebahnhof der Völker. Die Heer- und Handelswege der Antike wurden fortwährend ausgebaut und prägten weiter die Wanderungsbewegungen. Auch die Karolinger konnten den überhitzten Siedlungsraum mit dessen Erklärung zum „Reich“ nicht dauerhaft abkühlen. Zur Ruhe kommen, Einigkeit, gar Einheit blieb über Jahrhunderte hinweg ein frommer Wunsch.

Dafür sorgte nicht zuletzt der Dreißigjährige Krieg, der große Rührbesen im Völkerbrei Europas. Von außen strömten entlang der gut eingefahrenen Routen aber nicht nur fremde Heere, sondern an- und abschwellende Wogen von Glücksrittern und Hungerleidern ins Getümmel, dazu verfolgte Ethnien wie Hugenotten oder Böhmen. Alle mussten verteilt und angesiedelt werden, was die Eifersüchteleien nur noch wachsen ließ.

Bis zur Einfassung der Deutschen in Wilhelms Kaiserreich 1871 stellten sich auf dem Flickenteppich unserer Kleinstaaterei die Bayern, Franken, Schwaben, Pfälzer, Preußen, Sachsen, Friesen und Oldenburger immer mal wieder auf die eigenartigen Hinterbeine – und erhoben Speere, Mistgabeln, Flinten oder wenigstens Zölle gegen einen oder mehrere ihrer Grenznachbarn. Zum Allermindesten bewarf man sich mit den Wörterbüchern der jeweiligen Idiome.

Während der zähen Anfänge der Industrialisierung – Deutschland war noch nicht durchnormiert – galten die Eisenbahn-Spurbreite, die Stromspannung oder die gängigen Maßeinheiten oft genug schon im Nachbarstädtchen nicht mehr, das jenseits einer auf Landkarten verzeichneten Linie lag. Das verzögerte den Fortschritt und erzürnte die ersten Kapitalisten, die Urgroßväter der späteren Globalisierer. Still für sich schrieben sie schon mal ein mentales Memo: Grenzen haben keine Zukunft, Auflösung von Blockaden hat Priorität, Humankapital soll freizügig fließen.

Vorerst aber musste Reichskanzler Bismarck den stolzen Hamburgern als Gegenleistung für ihren Verzicht auf eigene Zollhoheit und andere Stadtstaats-Privilegien noch 1888 einen Freihafen samt Speicherstadt gewähren. Dieses Reservat, dieser Souveränitäts-Erlebnispark blieb ihnen immerhin noch über hundert Jahre lang erhalten.

Still für sich schrieben die ersten Kapitalisten schon mal ein mentales Memo: Grenzen haben keine Zukunft

Von Adolf wollen wir schweigen. Aus den tausend Jahren seines großmäulig monströsen Einigungswerks wurden nur zwölf, dann war schon wieder Scherbenhaufen und die Pracht der deutschen Gaue in Ost und West zerschlagen. Die Restdeutschen, viele von ihnen zwangseingewandert ins Restgebiet und fasziniert von der neuen Erfahrung, dass sie sich erstmals in nur zwei Blöcken feindlich gegenüberstanden, kamen sich über Mauer und Stacheldraht hinweg innerlich näher denn je: Sie schickten nun sogar Weihnachtspakete nach drüben und Dissidenten zurück. Und am 9. November 1989 lagen sie sich inmitten von Zweitakter-Schwaden in den Armen.

Doch selbst in den schwarz-rot-goldensten Zeiten – sagen wir: zwischen der Wiedervereinigung von 1990 und Merkels „Wir schaffen das“ von 2015 – gab es immer noch den Föderalismus. Mit seiner Hilfe trieben die modernisierten deutschen Stammesfürsten Bundespolitiker und Unionisten zuverlässig in den Wahnsinn. War in der dünnen Kruste des Ausgleichs zwischen 16 Bundesländern irgendwo ein glutflüssig brodelnder Riss geflickt, brachen in anderen Provinzhauptstädten umgehend zwei neue Gräben auf.

Die auseinanderdriftenden Schollen und Parzellen in diesem Land konnten es an knirschender Friktion seit je mit der San-Andreas-Verwerfung aufnehmen. Wobei jene Spannungszone entlang der US-Westküste historisch betrachtet vergleichsweise sogar ruhiger erscheint – trotz des großen Bebens von San Francisco 1906.

Während sich die Deutschen innerlich schon wieder enteinigten und in die neuen Stammesverbände der Jammer-Ossis und Besser-Wessis zerfielen, hatte längst ein ungleich größeres Projekt Fahrt aufgenommen, die bis dato schillerndste Fata Morgana multiethnischer Befriedung: Europa. Von der Montanunion der Nachkriegsjahre über die EWG und die EG bis zu den Maastrichter Verträgen der Europäischen Union schien der Traum respektive die Drohung der „immer unwiderruflicheren Integration“ insbesondere Deutschlands Stufe für Stufe Wirklichkeit zu werden. „In varietate concordia“ – zu deutsch: „in Vielfalt geeint“. So heißt das offizielle Motto der EU.

„In Vielfalt aufgelöst“ lautet es nicht. Die beschleunigte Dissolution der Völker, Stämme und Eigenarten aber, von der die Proto-Kapitalisten nur hatten träumen können, zersetzte dann in Windeseile den mühsam angerührten europäischen Einheitsbeton. Der entgrenzte Stamm der globalisierten Anywheres hatte zu hoch gepokert. Denn nahezu alles schien die EU mit Deutschland in ihrer Mitte ausgehalten zu haben: die Pleite ganzer Mitgliedsstaaten, die Krisen um Euro und Schuldenspiralen, das soziale Gefälle und die Weltwirtschaftskrise von 2007, das Verschwinden der Zinsen und sogar den Streit um die Frage, was genau einen Nürnberger Lebkuchen ausmacht. Dann jedoch öffnete Merkel nahezu im Alleingang die Schleusen, und die Vielfalt, die nun nach Europa strömte, änderte alles.

Die auseinanderdriftenden Parzellen und Schollen in diesem Land konnten es schon immer mit der San-Andreas-Verwerfung aufnehmen

Jetzt kamen Dinge ins Rollen, die noch größer waren als das Angestrebte. Die neue Eigendynamik ließ die Stammesgebiete erbeben. Das Brexit-Votum der Briten etwa kam maßgeblich auch unter dem Eindruck der Bilder von Migrantenkarawanen zustande, die am Ende der Balkanroute oder in den Mittelmeer-Fährhäfen unter hoch aufragenden Schlagbäumen hindurch EU-Boden betraten – auf dem weiteren Weg nach Norden, wo Europa kälter, aber auch wohlhabender ist.

Und nicht nur in Britannien gingen die „populistischen“ Bewegungen in der Folge auf wie der sprichwörtliche Hefeteig. Seitdem, fünf Jahre sind vergangen, ist der Zustrom nicht in geregelte Bahnen gelenkt, kein Problem gelöst, kein Konflikt um die Neuankömmlinge befriedet, dafür Europa und in seinem Zentrum Deutschland tief gespalten, gelähmt und politisch polarisiert. Was die Globalisierer kaum irritiert; mit Kollateralschäden auf dem Weg zu grenzenlosen Wirtschaftsräumen und unlimitiertem Menschenmaterial war zu rechnen.

Dabei hätte das Verbindende innerhalb der kulturellen und ethnischen Vielfalt Europas womöglich gewonnen. Dann aber wurde dieses kühne Projekt plötzlich von einer tollkühnen Agenda überlagert: Zulassen und sogar Fördern einer ungesteuerten Massen-Armutseinwanderung aus politisch und kulturell antagonistischen Weltregionen. Sie spülte alles Einigende fort, sogar den „europäischen Gedanken“ selbst, und hinterließ nur Chaos und Überforderung auf allen Ebenen. Dies ist die eigentlich verheerende Bilanz gegen Ende des Seuchenjahres 2020, dauerhafter und von größerer Tragweite als der Flurschaden durch Corona.

Hier enden vorerst die Geschichten aus der Geschichte eines wanderungsintensiven Stammesgebiets. Die fluiden Tribes und Crews in den Straßen Hamburgs, Berlins oder Münchens hätten sie aber ohnehin nie zu Ende gehört, schon allein der heute üblichen Aufmerksamkeitsspanne wegen. Aber auch wegen Schlagwörtern wie „Massenmigration“, oder weil ein vergleichsweise alter, weißer Mann sie erzählt.

Schon morgen früh, wenn das Tageslicht zurückkehrt, werden wieder neue Tags und Stickers an Mauern und Laternenpfählen prangen. Denn immer neue Forderungen sind zu stellen, neue Demos anzukündigen, auch neue Koalitionen gegen alte Feinde zu schmieden. Indes haben diese Bündnisse auch immer kürzere Halbwertzeiten und Verweildauern im Spotlight ihrer Szenen, je mehr und je exotischere neue Clans auf der Bildfläche erscheinen. Umgekehrt muss sich pausenlos abgegrenzt werden, wo es keine Grenzen mehr gibt. Und je mehr sich abgegrenzt wird, in umso kleinere Flügel und Fraktionen zerfallen die neuen Stämme auf ihrer Suche nach Identität.

Wo es keine Grenzen mehr gibt, muss sich pausenlos abgegrenzt werden

Es bleibt beim ewiggleichen Muster: All diese Gruppen, die Sinn und Zusammenhalt versprechen, machen sich beides untereinander umso mehr abspenstig, je näher sie sich kommen. Cheruskern und Langobarden wäre es vor 2000 Jahren ähnlich gegangen. Heute würde die Antifaschistische Aktion Kreis Pinneberg vermutlich erbittert mit der Antira aus Hamburg und beide ebenso hitzig mit der Coronifa streiten, welch letztere sie womöglich der ironischen Verächtlichmachung ihres todernsten Anliegens bezichtigen würden. Oder die Hamburg-Women hätten ein Problem mit den allzu vorlauten Hurray-I’m-gay-Rufen, weil ihnen ein antifeministischer Unterton mitzuschwingen schiene. Oder das Cyclepunks Collective geriete mit dem Segeberger Abschaum wegen der Verwendung des Anarchie-Symbols aneinander.

Es ist nicht einfacher geworden, das Wir zu definieren, dieses flüchtige Treibgut im Meer der Unübersichtlichkeit. Und es ist kein Wunder, dass der einzige Tribe, der offen von Identität auf der Basis eines gemeinsamen und gewachsenen Eigenen spricht, von einer Einheitsfront aller anderen zum Teufel gewünscht wird. Die Sticker der Identitären Bewegung werden am schnellsten weggekratzt, ihre Plakate überklebt, ihre Symbole durchkreuzt. Niemand will sich von den Identitären überflügeln lassen, wenn es um das Erfolgsgeheimnis dauerhaften Wir-Seins geht.

Denn die Formel für eine gemeinsame Identität zu finden, ist im Land der neuen Stämme ein heißerer Scheiß als alles andere, das die Crews und Tribes, die Clans und Collectives in Bewegung hält.

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