„Man hatte uns völlig vergessen“

Vor drei Jahren verschlug es mich ins mysteriöse Hundert-Seelen-Dorf Büchsenschinken. Auf meinen damaligen Expeditionsbericht meldete sich jetzt der Büchsenschinkener Carsten Knak (58). Im Zeilensturm-Interview lüftet er unter anderem das Geheimnis des Ortsnamens.

Herr Knak, wie oft werden Sie auf den Namen Ihres Wohnorts angesprochen?

Wenn ich irgendwo meinen Ausweis mit der Wohnanschrift „Büchsenschinken“ vorzeige, werde ich jedes Mal belächelt: Was soll das denn sein? Wo liegt das denn? Dann muss ich das lang und breit erklären: östlich von Hamburg in Schleswig-Holstein. Einmal, als ich im Hamburger Hafen an Bord eines Kreuzfahrtschiffs gehen wollte, haben sich die beiden Wachleute dort halb totgelacht.

Kürzlich haben Sie eine Website veröffentlicht, die sich mit der Büchsenschinkener Ortsgeschichte befasst. Wie kam es dazu?

Die Idee entstand am Anfang der Corona-Krise. Als Datenbankentwickler bei der Hamburger Hochbahn wurde ich für acht Wochen ins Home-Office geschickt. Da hatte ich Zeit, nebenbei ein wenig im Internet zu forschen und gab einfach mal „Büchsenschinken“ ein, weil ich mich für meinen Wohnort und seine Umgebung interessiere. Dabei stellte ich fest, dass alle Orte im Umland Internetseiten hatten – nur wir nicht. Und so kam mir der Gedanke, diese Lücke zu schließen.

Mir fiel dann ein, dass ich ja eine Dame aus der Gründerfamilie des Dorfes Büchsenschinken kenne, die seit 63 Jahren dort lebt, nämlich Irma Witten. Sie war verheiratet mit dem längst verstorbenen Otto IV., also dem vierten Otto namens Witten. Der erste Otto war der Sohn des Ortsgründers Johan Daniel Witten gewesen. Frau Witten zeigte mir dann die unglaublichsten Originaldokumente: uralte Briefe und Fotos, die sich in ihrem Familienbesitz angesammelt hatten. Das beginnt mit der Geburtsurkunde des Ortsgründers aus dem Jahr 1791.

Woher kommt denn nun der Name Büchsenschinken?

Ältere Leute aus dem Ort erzählten mir verschiedene Legenden. Da gab es die Story, dass ein Schreinermeister seinen Lehrling faul im Heu herumlümmelnd gefunden und ihn angebrüllt hätte: „Komm in die Büchs (= Hose), sonst gibt’s was auf den Schinken!“ Aber meines Wissens gab es nie einen Schreiner im Ort. Frau Witten erzählte mir dann die wahrscheinlichste Geschichte. Die Kate, die Johan Daniel Witten aus Witzhave kurz nach 1825 auf einem Stück Ödland gebaut hatte, existierte ja wirklich. Er hatte dort wohl ursprünglich Landwirtschaft betrieben und zu diesem Zweck Pferde angeschafft. Aber bald schenke er nebenbei Branntwein an Fuhrleute aus, die auf dem sandigen alten Handelsweg nach Hamburg unterwegs waren.

Wenn die Fuhrleute sich dort im Sand oder Schlamm festfuhren, weckten sie den Hausherren auch schon mal nachts aus dem Schlaf, damit er mit seinen Pferden den Karren aus dem Dreck zog. Er war wohl etwas langsam beim Ankleiden und rief dann aus dem Schlafzimmer: „Ogenblick, ick hev min Schinken noch nich in‘ne Büchs!“ Die Fuhrleute machten daraus die Adresse „Büchsenschinken“. Spätestens 1865 etwa tauchte sie auch in offiziellen Papieren auf, etwa in einer Zollbescheinigung über Branntwein-Handel, die ich eingesehen habe.

Und aus dieser Bauernkate entwickelte sich kurz nach 1900 das Gasthaus „Zum Büchsenschinken“?

Ja, die ursprünglich reetgedeckte Kate wurde zum Gasthaus ausgebaut, weil sie ein beliebter Treffpunkt für die Fuhrleute und für Menschen aus den Nachbarorten geworden war. Inzwischen waren Verwandte des Ortsgründers zugezogen und hatten weitere Bauernhöfe gegründet, es gab auch eine Poststation, also ein richtiges Dorfleben. Das Gasthaus wurde über Generationen von der Familie Witten betrieben – von den Ottos I bis IV.

Als ich Anfang der Achtzigerjahre bei der Bundeswehr war, gab es im benachbarten Glinde ein Depot. Auf dem Weg dorthin kam man durch Büchsenschinken und fuhr auch an der Gaststätte vorbei. Da hielt ich dann mit meinen Jungs immer an, und es gab Bauernfrühstück für alle. Die Betreiber schlachteten damals noch selbst. Das war eine ganz rustikale Dorfwirtschaft, es gab zwei uralte Spielautomaten in der Ecke, in die man Groschen hineinwarf. Und als ich 2004 aus Hamburg nach Büchsenschinken zog, weil meiner Frau und mir die Großstadt zu eng geworden war, existierte der Laden immer noch. Dort hielt man damals noch Klönschnack.

Die Wachleute im Hamburger Hafen lachten sich halb tot über meine Anschrift im Ausweis

Carsten Knak

Was wurde aus dieser Institution?

Als Otto IV 1982 starb, gab es in der Familie Witten keinen Nachfolger mehr für das Gasthaus. Es wurde also verpachtet, was am Anfang auch gut funktionierte. In der Gegend gibt es den Sachsenwald und den Europawanderweg, also kamen auch viele Wanderer und Radwanderer als Gäste. Aber im Lauf der Zeit ging das Geschäft immer schlechter, der Pächter wanderte ab und ein neuer war nicht in Sicht. Da entschied sich Frau Witten 2008, die sanierungsbedürftige alte Kate abreißen zu lassen. Heute gibt es keine Überreste mehr davon, aber Frau Witten lebt weiterin auf diesem Ursprungsgrundstück des Ortes, in einem neu erbauten Haus.

Wann verlor Büchsenschinken seine Unabhängigkeit?

Seit der Gebietsreform 1974 gehören wir zusammen mit dem zwei Kilometer entfernten Ort Ohe offiziell zu Reinbek, aber für die Büchsenschinkener änderte sich dadurch nicht viel. Man hatte uns völlig vergessen – so sehr, dass wir erst 2015 unser gelbes Ortsschild „Reinbek, Stadtteil Büchsenschinken“ bekamen. Selbst, als die Telekom in der Gegend Glasfaserleitungen für schnelles Internet verlegte, zog sie die Leitungen nicht durch Büchsenschinken, sondern am Ort vorbei. Es gab wohl zu wenige Kunden, die den Anschluss bezahlt hätten, da war der Telekom die Investition zu teuer. Bis heute haben wir also ein langsames Internet, aber es hat sich kaum jemand darüber beschwert.

Was würden Sie als die Attraktionen von Büchsenschinken bezeichnen?

Wir sind ein optimaler Startpunkt für Fahrradtouren in die Umgebung: Es gibt die Oher Tannen, die Bille fließt nur 500 Meter am Ort vorbei, wir haben den Sachsenwald direkt vor der Haustür, Großensee und Lütjensee sind auch nicht weit. Man kann also sehr schöne Tagesausflüge von uns aus machen. Da gibt es auch für mich noch viel zu entdecken. Dann gibt es natürlich unseren „Hof Büchsenschinken“, den Reiterhof, der ist schon ein Ort des Spitzen-Reitsports. Da werden nur wirklich gute Pferde aufgenommen.

Sie haben sich die Web-Adresse buechsenschinken.de gesichert. Was haben Sie damit vor?

Der Reinbeker Bürgermeister war ganz begeistert, dass ich eine Büchsenschinken-Website aufziehen will. Mich interessiert dabei hauptsächlich die Ortsgeschichte, aber ich möchte auch Informationen über unser Umland mit Ausflugszielen wie den Oher Tannen und den alten Hünengräbern zusammenstellen. Es gab früher mal regelmäßig alle vierzehn Tage das Büchsenschinkener Dorftreffen, wo sich die Nachbarschaft austauschte. Das schlief dann leider irgendwann ein, aber ich würde es gerne zusammen mit der neuen Büchsenschinkener Generation wiederbeleben. Dazu habe ich auch schon eine Facebook-Gruppe gegründet. Und was ich unbedingt auch noch rausfinden will: warum es im 30 Kilometer entfernten Lauenburg diese Straße namens „Büchsenschinken“ gibt. Das können Sie dann hoffentlich irgendwann auf buechsenschinken.de lesen.

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