Das Winterwunder vom 2. Stock

„Subsistenzwirtschaft“ bezeichnet eine autonome, von anderen Personen, Gemeinschaften, Institutionen oder Staaten unabhängige Lebensführung oder Wirtschaftsweise. Danke, Wikipedia.

Für den Fall, dass wir demnächst ohne Währung (oder auch nur ohne Geld) dastehen, müssen wir dank der Subsistenzwirtschaft unseres Sohns jedenfalls schon mal nicht auf gesunde Vitamine verzichten. Denn irgendwann im Sommer hat er die Kerne von Cocktailtomaten vorausschauend in zwei Blumentöpfe mit Erde gesteckt und auf den Balkon gestellt.

Hachja, niedlich, der Kleine, dachte ich. Kinder halt. Wollen was wachsen sehen, auch wenn es nur zehn Zentimeter groß und dann von Blattläusen, mangelnder Bewässerung oder kindlichen Grausamkeiten zur Strecke gebracht wird. War natürlich auch ohne jede Rücksicht auf die Jahreszeiten, die Aktion. Wo doch, wie jeder weiß, der Landwirt im Märzen die Felder bestellt.

Doch im Herbst sahen die Pflanzen, inzwischen vor drohendem Frost in das Zimmer des Sohnes verfrachtet, so aus:

Und im Detail so:

Schön, schön, sagte ich in Abwesenheit des Sohns zu meiner Frau, schade nur, dass er niemals in der Lage sein wird zu ernten, was ihm diese entzückenden Blüten hier vorgaukeln. Weiß doch jeder, dass diese Pflanzen demnächst unter ihrer eigenen Last zusammenbrechen werden, weil die Fruchtstände viel zu schwer für die zarten Stängel sein werden und nun außerdem die lichtlose Hamburger Winterzeit bevorsteht (wir leben mitten in der Stadt im zweiten Stock, da dauert der Winter gefühlt sechs Monate, wobei die maximale Tageslichtstärke zur Mittagszeit einem vollständig gedimmten Handydisplay gleicht).

Und außerdem fuhren wir ja noch in den Winterurlaub, direkt nach Heiligabend. Der Sohn hatte sich von seinen Pflanzen verabschiedet wie von einem todgeweihten Großvater, auf unseren guten Rat hin. Eine Nachbarin erklärte sich allerdings bereit, sämtliche Zimmerpflanzen zu gießen, bis wir im neuen Jahr wiederkehren würden. Sie sahen schon recht traurig vergilbt aus, die Tomatenpflanzen, wie mir schien.

Gestern nun sind wir zurückgekommen. Was wir fanden, war das hier:

Noch am selben Abend schritt unser Sohn zur Test-Ernte, dem Tschibo-Onkel gleich, der einige Kaffeebohnen prüfend über die Plantage schreitet.

Und so kann ich heute sagen: Tolle Sache, diese Subsistenzwirtschaft. Wir haben bereits herrliche Cocktailtomatengerichte auf dem Teller gehabt. Unser Sohn neigt da zu puristischen Arrangements. Sie mögen vielleicht die Vielfalt einer Ernährung auf Euro-Basis nicht völlig ersetzen. Aber hey: Es sind autonome Hamburger Tomaten aus dem zweiten Stock. Im Winter.

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