Gestern in meinem Schrank

In meinem Büro-Billy-Bücherschrank tut sich ein Abgrund auf. Hinter normalerweise aus gutem Grund verschlossenen Türen gibt es ein Fach, das direkt in eine andere Dimension führt: in die Sphäre der Elektronikdinger von gestern. Auf den Friedhof des Computer- und Handyschrotts. In die Hölle des nicht mehr Updatebaren. Das Problem ist: Ich bekomme Billys Türen bald nicht mehr zu.

Da tummeln sich:

17 verschiedene Ladegeräte, von denen ich 15 nicht mehr zuordnen kann.

Drei alte Notebooks mit längst in den Zustand abgelaufener Chemiewaffen übergegangenen Akkus. Der Versuch, einen davon aus sentimentalen Gründen noch einmal zum Leben zu erwecken (Windows 95), scheiterte schon vor Jahren an einer besorgniserregenden Rauchentwicklung.

Mein erstes Handy von 1997 (Siemens), das ungefähr die Maße und das Design eines Brachiosaurus-Hüftknochens aufweist.

Eine lückenlose Reihe der fünf nachfolgenden Handys, erst bei meinem ersten Smartphone jäh abbrechend, das mir ins Klo gefallen war.

Merkwürdige Adapter und Anschlusskabel, deren einstiger Sinn sich mir nur noch schemenhaft erschließt und deren Buchsen an beiden Enden, wie ausgefeilt genoppt und verchincht auch immer, direkt ins Land Nitschewo münden.

Ein Diktiergerät mit Dampfbetrieb, oder jedenfalls kurz nach der Geburt James Watts auf den Markt gekommen.

Musikboxen für iPods, die es heute nur noch im Industriemuseum von Cupertino gibt.

Ein Minidisc-Recorder, wunderbarer Meilenstein auf dem schmalsten Irrweg der Evolution.

Und natürlich mein gutes, altes Sony-Aufnahmegerät mit Dolby B und C aus den guten, alten Hörfunkzeiten beim guten, alten WDR. Nie war analoges Interview-Gestammel so kristallklar.

Tief, ganz tief im Innern dieses überfüllten Faches raunt eine Stimme pausenlos: DAS KÖNNTEST DU JA ALLES NOCH MAL GEBRAUCHEN. Und die Stimme hat Recht! Denn eines Tages werde ich sie alle, alle miteinander verbinden: die Notebooks, Adapter, Kabel, Ladegeräte, Diktaphone, Netzteile, Musikboxen und Minidisc-Rekorder. Und dann werde ich einschalten. Und dieses unglaublich helle, goldene Licht sehen, diesen strahlenden Ring aus reiner Relativität …