Neues Zeitmaß dank Mediamarkt: Seitenumschläge

Früher™, als alles noch einfach statt multimedial war, so dass auch ich meinen Alltag meistern konnte, gab es Umschläge. Die Älteren erinnern sich: Sie waren aus Papier, man tat Briefe hinein oder Schulbücher, Akten oder Schwarzgeldscheine. Zeit und Dauer maß man damals™ mit so genannten Uhren, das waren mechanische Wunderwerke, die tickten, und wenn sie nicht tickten, war die Zeit kaputt. Aber ach, heute ist es so simpel nicht mehr.

Heute gibt es Mediamärkte, die hysterisch rote Prospekte in die Tageszeitung schmuggeln, um für Digitalkameras, Computermonitore, Flachbildfernseher zu werben – und neuerdings für „E-Reader“. Die sollen der neue Knüller im Weihnachtsgeschäft werden, obwohl sie mit ihren Schwarzweißdisplays zu nichts gut sind außer zum – Achtung – Lesen. Ein Brüller: Lesen! Nur und ausschließlich Lesen. Auf einem Digitalgerät! Mit dem man doch vor allem swipen und scrollen, dudeln und daddeln, zocken und zappen könnte, wenn ihm nicht diese grauenhafte Beschränkung auf ausgerechnet das Lesen von Büchern eingebaut wäre.

Daraus ergibt sich nun ein schöpferischer Culture Clash: Die Mediamärkte müssen plötzlich für etwas werben, das die Fortsetzung des Buches mit anderen Mitteln ist. Also quasi für Literaturbehälter. Sie, die immer bloß blinkende und piepende Technikkisten für Game und Chat und Schnick und Schnack im Angebot hatten, sie, die immer nur Megabyte und Megapixel und USB und CPU huldigten, müssen sich in jemanden hineindenken, der von Haus aus Bücher liest. In denen als Prozessor nur das ABC tickt. Mediamarktmarketingfuzzis müssen heute zwecks Umsatz so tun, als wüssten sie, was Leser interessiert. Lachhaft, aber so fügt es der technische Fortschritt.

Was also macht der Marketingfuzzi? Er sucht ein technologisches Highlight des E-Readers, das dieses surreale Wesen namens „Leser“ emotional umhaut. Auf dass er es herausbrüllen kann. Auf dass der Leser einen E-Reader kauft. Und da dieses Highlight ja wohl nicht das eingebaute ABC sein kann, entdeckt der Marketingfuzzi die Akkulaufzeit. Die ist sehr lang. Das ist toll, denn das bedeutet eine lange … äh … was jetzt … Lesibility? Jedenfalls: Die muss als Killer-Argument in den Prospekt. Aber wieviel liest so ein Leser im Zeitraum X, den der Akku hält? Davon hat der Marketingfuzzi naturgemäß keinen Blassen.

Halt, Moment! Leser, sind das nicht die, die dauernd so Seiten umblättern? Neulich erst wieder im Intercity gesehen. Wenn man denen jetzt sagen würde: Du kannt mit einer Akkuladung an die 8000 Seiten umblättern, dann wäre das doch schon fast die perfekte Zielgruppenansprache, oder? Bis zu 8000 Seitenumblätterungen! Nee, klingt irgendwie doof. Wie heißt denn da das Dingwort zu dem Tuwort, verdammt? Umblättern, umhauen, umschlagen … oh, ich hab’s: Seitenumschläge!

Und so wurden uns die Seitenumschläge als neues Zeitmaß geschenkt. Was an Schöpferkraft noch deutlich den Werbe-Flyer meines örtlichen Pizza-Lieferdienstes übertrifft, bei dem man die Zutaten gegen Aufpreis selbst bestimmen kann: „Alle Beläge 1 Euro.“ Mahlzeit! Beziehungsweise frohes Fest!