Taub

Das neue Jahr beginnt mit einer neuen Erfahrung: Taubheit. Meine Damen und Herren, unsere Sinnesorgane. Jeder hat sie, jeder verlässt sich auf sie – but don’t take it for granted! Am Tag vor Silvester geht es los mit Ohrenschmerzen, die folgende Nacht ist fürchterlich: die rechte Kopfseite wie im Schraubstock, Hirn, Backenzahn und Ohr pochen um die Wette. Am letzten Mittag des alten Jahres ist es nicht mehr auszuhalten. Pünktlich, wie immer bei mir, zum Wochenende, wenn alle Arztpraxen geschlossen haben.

Also wieder ins gute alte Bundeswehrkrankenhaus Wandsbek, den Geheimtipp und letzten Verteidigungsring unter den Notaufnahmen. Kaum bekannt bei den einschlägigen Schnupfenpatienten, die mittlerweile alle anderen Notaufnahmen zuverlässig verstopfen. Begrüßenswert hohe Schwellenangst auch bei Klinik-Hoppern wegen des zackigen Kasernenambientes, das viele wahrscheinlich an ihren Grundwehrdienst erinnert. Und die Militär-Mediziner mit den schmucken Schulterklappen enttäuschen auch diesmal nicht: 32 Minuten Wartezeit am Nachmittag vor dem Feuerwerk, dann zackige Ansprache und Durchmarsch direkt zum HNO-Spezialisten vom Dienst.

Unterwegs im zügigen, aber nicht hektischen Paradeschritt eine kurze Aufklärung darüber, dass man hier im Unterschied zum zugrunde privatisierten Asklepios-Konzern (früher das Tafelsilber der Stadt Hamburg) keinen Stress und keine Kapazitätsengpässe kenne: „Wir werden ja von Ihren Steuergeldern durchfinanziert, Gewinne sind hier nicht nötig, also müssen wir auch nicht bei der Pflege sparen.“ Konzentrierte, aber entspannte Gesichter in allen Stuben, an denen wir vorbeiparadieren. Hier stellt sich das Gesundheitswesen so da, wie es sein könnte, wenn es dürfte. Auch Sprach-Engpässe gibt es keine. Dass ich Kassenpatient bin, wissen sie von meiner Karte. Ich binde keinem auf die Nase, dass ich Zivi war.

Als Musterpatient mit vorbildlich ausgeprägtem Krankheitsbild werde ich bald schon unter den jüngeren Kollegen des behandelnden Stabsarztes herumgereicht  („So sieht eine klassische Mittelohrentzündung aus, Kameraden, wollen Sie auch mal reinschauen?“), wobei als letzte noch die ausgesprochen attraktive junge Unterstabsärztin ganz nah an meinem Trommelfell ihr medizinisches Repertoire erweitern darf. „Hier, schön gerötet, klassische Vorwölbung, vergleichen Sie links, etwas weniger betroffen.“ Oh ja, vergleichen Sie bitte auch noch mal hinten rechts unten, wir haben Zeit. Meine Frau darf dann aber auch noch mal, das Untersuchungsgerät wird ihr dabei mit sicherer Hand vom Stabsarzt geführt.

„So sieht eine klassische Mittelohrentzündung aus, Kameraden, wollen Sie auch mal reinschauen?“

So, das war nun also die Fleischbeschau. Das kleine Problem, das die Laune trotz eines Lebens im Mittelpunkt der professionellen Aufmerksamkeit stört: Ich hör nix mehr. Links ziemlich wenig, aber schon absolut nichts rechts. Außer einem hübschen, hochfrequeten Pfeifton. Aber ich bekomme ja mit auf den Weg, was immer hilft. Bachblüten versagen, Globoli helfen zwar gläubigen Pferden, aber nicht mir Ungläubigem. Mir helfen gute deutsche Antibiotika. Schöne, fette 1000-mg-Torpedos, dreimal täglich. Und die Interkontinentalraketen unter den Schmerztropfen („Kameraden, bei einem Mann dieser Größe hilft kein Ibuprofen!“) Klare Sache, und damit hopp.

Denke ich. Nur nach fünf Tagen und zwei inzwischen wieder möglichen Facharzt-Besuchen in der heimischen Nachbarschaft bin ich nicht mehr so sicher. Beim ersten Besuch piekst der Doc das Trommelfell mit seiner etwa 50 Zentimeter langen Nadel nur an. Immer noch besser als einer dieser Schraubenzieher aus diversen Splatterfilmen, denke ich noch, als die Nadel auch schon mein Stammhirn durchbohrt und aus dem anderen Trommelfell wieder austritt (Hinweis: realer Ablauf kann vom gefühlten abweichend sein). Daraufhin ergießt sich eine Suppe in sein schönes Behandlungszimmer, die den erfahrenen Mediziner staunen lässt und seine Reinigungskraft auch. Eine Suppe, von der ich gar nicht wusste, dass ich so etwas fabrizieren kann. Da ist schon ein wenig Körperstolz im Spiel.

Gut, der Druck im Ohr, der zuletzt wieder auf Marianengraben-Tauchmission-Niveau lag, ist erstmal weg. Nur besser hören tue ich nicht. Keine Spur. Was sagten Sie gerade so richtig, Doc?

Beim zweiten Besuch, zwei Tage später, ist das Löchlein wieder zugeschmoddert, das Ohr damit auch, der ganze Kopf versiegelt wie ein Bergwerksschacht nach Einstellung des Förderbetriebs. Unter dem Betonpfropfen aber brodeln mollig warm die Keime und Sekrete. Ich höre rechts konsequenterweise: nix. Außer Pfeifen im Walde. Und meine eigenen Nerven, die allmählich auf Panikbetrieb umschalten.

Damit ist klar: Hier reicht der Schraubenzieher nicht mehr. Hier muss das Messerchen her. Größerer Schnitt hält länger offen, ganz klar. Und mehr Kubikmeter Flüssigkeit pro Sekunde passen durch den Spalt. Diesmal hat der Doc seine Praxis schon vorab mit Plastikfolie auskleiden lassen, der Reinigungskraft waren das die Überstunden wert, statt hinterher die Sauerei vom Boden aufzuwischen (Hinweis: Realer … nein, zu durchsichtig.) Ich erspare Ihnen weitere Einzelheiten, aber die Vorbereitung hat sich gelohnt.

Abbildung unähnlich

Nur hinterher höre ich: nix als Pfeifen. Auch nicht beim obligatorischen Hörtest in einer Testkabine, in der man normalerweise die dumpfen Techno-Bässe aus der Nachbarwohnung und das Gezicke der Praxishelferinnen vorn am Tresen eher hört als die verschiedenen Frequenzen, die sie mir im Kopfhörer einspielen. „Fangen wir an, Schwester?“ – „Nein, wir sind fertig!“ Zum Abschied gibt’s Cortison, vier Tabletten bitte gleich am ersten Tag. Boooom!

Das ist nun der Stand von heute. Ich bin von Messern, Nadeln, Schraubenziehern und Pfeilen durchbohrt wie in Winnetou XIV, in mir kämpfen Antibiotikum und Cortison, aber mein Kopf hält schon wieder sagenhaft dicht. Rechts kommt nix raus. Rechts geht aber auch nix rein. Und wenn ich mich auf den Kopf stelle. Das heißt, doch: Heute gelang mir beim alle paar Minuten versuchten Druckausgleich (googeln Sie: Tuba Eustachii) kurz ein fröhlich trötendes Geräusch aus dem noch soeben perforierten Trommelfell. In etwa so, wie wenn man bei einem prall gefüllten Luftballon das unverknotete Mundstück auseinanderzieht und damit quälend furzende Jammertöne produziert. Nur im Fall meines Ohres kam noch diese grünliche Fontäne dazu.

Heute drang mir beim Druckausgleich kurz ein fröhlich trötendes Geräusch aus dem soeben noch perforierten Trommelfell.

Das war aber auch alles. Ansonsten zieht derzeit der Berufsverkehr auf sechsspurigen Ausfallstraßen still und majestätisch an mir vorbei wie Schlittenhunde durch die sibirische Tiefschnee-Taiga. Ich muss nur aufpassen, dass mich ein solcher Schlitten nicht überfährt. Sie kommen aus überraschenden Richtungen außerhalb meines Blickfeldes, gar nicht mal so leicht auszurechnen. Von erstaunlich vielen gutmeinenden und gut hörenden Menschen wird mir dieser Tage Geduld empfohlen („halten Sie die Ohren steif!“).

Ich glaube ja doch, wenn auch nicht an Bachblüten, aber an Psychosomatik: Die Seele nutzt den Körper, um zu zeigen, wo es sie schmerzt. Was heißt glauben, das ist Fakt. Kann sie ja gar nicht anders, die Seele, wesenlos, wie sie ist. Braucht sie also ein Medium: den Rest von mir. Meinen 50 Jahre alten Sack von Körper. Und da hat sie sich diesmal wohl gesagt: Hm, waren doch eine Menge schlechte Nachrichten in letzter Zeit, eigentlich mehr als verträglich. Schalten wir dem jungen Mann doch einfach mal das Gehör ab. Dann hört der nichts mehr von Terror, nichts mehr von Klimawandel, nichts mehr von Trump und nichts mehr von Merkel. Dann hat die liebe Seele ruh. Und das stimmt ja auch irgendwie. Ich muss das nicht hören. Ich bin akustisch draußen. Lärmt mal kurz ohne mich weiter.

Nur: Die Sehkraft, liebe Seele, die brauchst du jetzt nicht auch noch abzuschalten, gründlich, wie du bist. Aus Fürsorge, weil man ja schlechte Nachrichten sonst auch lesen könnte. Das wäre aber ein wenig viel des Guten. Lieber schau ich mir sogar freiwillig Kim Kardashian an. Ich hör sie ja nicht, hihi.

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