Ünüvar – Ende eines Supermarkts (3)

Der konspirative Lieferwagen

Die vermeintlich nur trostlose Fortsetzungsgeschichte vom Ende des türkischen EDEKA-Markts Ünüvar in meiner Nachbarschaft nimmt eine überraschende Wendung. Denn eines Tages im Juni parkt ein klappriger Transporter vor dem Schaufenster des komplett ausgeräumten und schon arg mit Graffiti verschmierten Sechziger-Jahre-Baus.

Heraus springen Männer und Frauen, die nicht aussehen, als wollten sie hier den nächsten Lebensmittelmarkt eröffnen, aber auch nicht wie Makler oder Abrissunternehmer wirken. Sehr bald stehen da noch weitere Lieferwagen. Alles verspricht viel mehr einen Handwerker-Großeinsatz, und das trifft auch zu, wie sich bald herausstellt. Aber warum stehen da keine Namen von Handwerksfirmen auf ihren Vehikeln?

Illusionen, Irritationen, Reflexionen

Drinnen herrscht bald schon ein erhebliches Gewusel. Malerfolie, Tapeziertische, Bohrmaschinen und vor allem jede Menge Sperrholz. Was wollen die mit so viel Sperrholz? Das ist der Moment, in dem ich in meiner inzwischen erprobten Autorität Eigenschaft als Ünüvar-Dokumentar nicht länger an mich halten kann und den ehemaligen Laden betrete. Was denn hier bitte los sei? Man habe doch gedacht, hier passiere gar nichts mehr? Es sei dies doch das Mausoleum einer rund fünfzigjährigen, stolzen Hammer Handelsgeschichte, die einst mit einer Niederlassung des Konsum-, Bau- und Sparvereins „Produktion“ begonnen habe – und nun werde die Grabesruhe mit reichlich Sperrholz entweiht? Und überhaupt: Was solle denn dieses billige – wenn auch ausgesprochen überzeugend wirkende – Mahagoni-Imitat, das hier in Massen auf die Schnelle angefertigt werde?

Nichts ist, was es scheint

Graffiti werden von den Scheiben und selbst von den grauen Elektro-Schaltkästen auf dem Bürgersteig entfernt. Glaser setzen eine neue Schaufensterscheibe ein, wo die alte vor Tagen von einem Steinwurf durchlöchert worden war. Eine auffällig dünne und funktionslose, geradezu fadenscheinige Zwischenwand wird im Innenraum eingezogen, wo vor einem halben Jahr noch die Milch- und Joghurt-Kühltheke stand. Und dann bringen weitere Arbeiter aus einem weiteren unmarkierten Lastwagen eine Tür für das Loch in dieser Wand, die auch irgendwie nicht ganz ernst gemeint wirkt.

Die Tür ins Nirgendwo

Auch die gediegene Vertäfelung in der Müsli- und Backpulverecke des Ladens und die extrahellen Neonröhren in den Decken machen mich mehr als misstrauisch. Was? Geht? Hier? Vor? Der investigative Journalist, der ich einmal war, ist aufs Äußerste alarmiert.

Woran erinnert diese Deko?

Ich bohre nach – und weil ich mittlerweile drohe, durch meine nicht eingeplante Präsenz & Penetranz den ganzen konspirativen Betrieb aufzuhalten, erfahre ich es schließlich: Nichts ist hier, was es scheint. Das Mahagoni kein Mahagoni, die Handwerkerinnen in Wahrheit Kulissenbauerinnen, und aus dem EDEKA-Markt Ünüvar wird: eine Sparkassenfiliale in Bad Segeberg. Denn der Ünüvar kommt ins Kino. Verfilmt wird die Geschichte der „Banklady“ (Titel) Gisela Werler, Deutschlands erster Bankräuberin. In den sechziger Jahren überfiel sie zusammen mit ihrem Geliebten Hermann Wittorf Banken und Sparkassen im Großraum Hamburg, als die deutschen Bonnie & Clyde. In der prüden deutschen Nachkriegsgesellschaft konnte die Presse sich nur mit Mühe einen Reim auf solch einen antibürgerlichen weiblichen Lebensentwurf machen, wie dieser Ausschnitt aus der Hamburger Morgenpost vom 30. August 1966 zeigt:

Und nun wird’s halt verfilmt – mit nicht einmal geringem Aufwand. Da spielen Bekanntheiten des deutschen Films mit wie etwa die zauberhafte Nadeshda Brennicke in der Titelrolle oder auch Charly Hübner und Heinz Hoenig. Regie: Christian Alvart.

Immerhin: Ein Anruf bei der Produktions-PR-Firma ZOOM in Berlin bringt mir per Mail die offizielle Autorisierung, die unerwartete Metamorphose des Ünüvar-Markts weiter für Zeilensturm dokumentieren zu dürfen. Und so bin ich nun ein winziger Teil der magisch bunten Illusion namens Kino. Gut, ich prostituiere stelle mich im Gegenzug zur Verfügung, ein wenig Viral-Propaganda fürs Filmprojekt zu treiben. Quid pro quo und so weiter, warum auch nicht, klingt schließlich nach einem spannenden Sujet, wie wir Filmfachleute sagen. Und fällt nicht ein wenig vom Kinoruhm der Location auch auf Hamm, auf den Horner Weg, auf mich? Nein? Auch egal. Es passiert weiß Gott wenig genug Aufregendes hier, da darf man nicht wählerisch sein.

Doch was ist das? Einen Tag später komme ich wieder an den einladend großen Fensterfronten des Ünüvar vorbei, und plötzlich sieht es hier so aus:

Tristesse Royale

Alles verblendet, verklebt, verdunkelt – mit alten Bildzeitungs-Doppelseiten und viel Packpapier! Wo ist sie geblieben, die nachbarschaftliche Transparenz? Wo das freundliche Mitmach-Filmstudio? Wo sind die Kulissenschieber, die Illusionisten, die Stars? Es standen doch schon die Halteverbotsschilder, die auf Dreharbeiten am übernächsten Tag hinwiesen – jetzt liegen sie achtlos im Gebüsch! Und einen weiteren Tag später sind sie komplett wieder weg. Auch in der folgenden Woche keine Fortschritte beim Innenausbau, bei der Verwandlung unserer Kaufladen-Leiche in eine prickelnde Überfallfiliale. Was? Ist? Jetzt? Wieder? Los? Hat die Produktionsfirma Pleite gemacht? Ist Nadeshda Brennicke am Ende blinddarmkrank geworden? Das wäre furchtbar! Andererseits: Was darf man noch glauben in dieser Welt des Scheins in Hamburg-Hamm? Vielleicht nur eine weitere perfekte Illusion aus Hollywood. Wir hoffen, wir bangen – und wir berichten weiter!

 

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