Wie ich einmal die Deutsche Bahn rettete (1)

Dass ich mal für die Deutsche Bahn arbeiten würde, ward mir auch nicht an der Wiege gesungen. Am Anfang stand ein Inserat im Abendblatt: Zugtester für den Regionalverkehr gesucht. Und weil ich viel und im Grunde tatsächlich sehr gerne Bahn fahre und noch lieber einige dringend notwendige Verbesserungen sehen würde, Pünktlichkeit und Kundenorientiertheit zum Beispiel, dacht ich mir: Da helf ich doch gern.

Zumal an einem Samstag eine Freifahrt erster Klasse im ICE nach Frankfurt winkt, nebst Gratisübernachtung in einem Spitzenhotel und einem Abendessen mit anderen Bahnfreunden und Zugtestern. Am folgenden Sonntagmorgen dann der eigentliche Test im „Zuglabor“. Drei Stunden lang. Danach Freizeit und touristische Vergüngungen nach Wahl in der Mainmetropole, schließlich erster Klasse zurück nach Hamburg. Also bewerbe ich mich mit drei bis fünf Zeilen und dem Verweis darauf, dass ich schon einige Male über das Bahnwesen im Allgemeinen und meine Bahn-Abenteuer im Besonderen gebloggt habe. Es soll niemand sagen, er sei nicht vor mir gewarnt worden.

Tage später eine Mail der fürs Organisatorische verantwortlichen PR-Agentur: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ausgewählt! Aber, Überraschung: Der von uns zu testende Regionalzug wird bei alledem keinen Meter zurücklegen. Sondern die ganze Zeit unbewegt im Frankfurter Hauptbahnhof stehen. Es geht nämlich um das „Reiseerlebnis“. In einem Labor, in dem die Marktforscher optimale Versuchsbedingungen vorfinden – statt einer notorisch unzuverlässigen Landschaft, durch die man sich bewegen muss. Landschaft wird ohnehin grob überbewertet. Stattdessen wird man uns Testern u. a. Szenen vorführen, wie man sie auf Reisen erlebt. Aha. Heißt das, jemand torkelt mit einer offenen Bierflasche durch den Waggon, simuliert auf Höhe meines Sitzplatzes die Fliehkräfte einer scharfen Kurvenfahrt und kippt mir das Gesöff in den Schoß?

La-Lüüü-La!

Aber die verschärftesten Versuchsbedingungen diktiert immer noch das richtige Leben, in dem sich Landschaften und Situationen verändern, während man in ihnen unterwegs ist. Auf der Hinfahrt im ICE nach Frankfurt, ich bin noch gar nicht im Tester-Modus programmiert, ertönt schon kurz vor Hannover aus dem Bordlautsprecher das berüchtigte „La-Lüüü-La“. Mit Betonung auf „Lüüüü“. Bahn-Veteranen wie ich erkennen daran, dass wir auf ein ernsthaftes Problem zurauschen. Und richtig: Wir werden langsamer und langsamer, dann pendeln wir uns auf mäßig ambitioniertes Radfahrer-Tempo ein. Schließlich Durchsage: „Es sollen sich Personen im Gleis befinden“. Herrliches Bahndeutsch: im Gleis. Das ist so wie der Zug, der den Bahnhof „aus Gleis 15 verlässt“. Oder der berühmte Wagen „mit der Ordnungsnummer 8“.

Jedenfalls werden uns die Personen im Gleis „etwa fünf Kilometer“ lang schleichen lassen, so dass wir „möglicherweise etwas später in Hannover eintreffen“. Da wird eine komplexe Kausalität kundenfreundlich transparent gemacht: langsamer fahren = später ankommen. Möglicherweise. „Aber der Zug in Gegenrichtung ist doch gerade ganz normal schnell gefahren“, merkt eine aufmerksame Passagierin an. Wahrscheinlich ist die Erklärung einfach: Betrunkene dürfen hier nur einspurig über die Gleise torkeln.

Ankunft in Hannover: 20 Minuten Verspätung. Die Liste der Anschlusszüge, die alle „leider nicht warten konnten“, ist ellenlang. Eigentlich hat überhaupt keiner gewartet. Der tättowierte Berliner mit dem durchdringenden Ballina-Organ zwei Plätze hinter mir, der das Bahnperson jovial duzt, erklärt einem Menschen am anderen Ende seiner Telefonverbindung dennoch unverdrossen zum zweiten Mal, Bahnreisen seien „dreimal besser wie Fliegen. Hat man Beinfreiheit und so. Ick mach ja da immer 1. Klasse, wa!“ Doof ist aus seiner Sicht nur, dass das Internet nicht kostenlos ist. Da muss die Schaffnerin aushelfen. Atze haut sie gleich mal an: „Kannste mir die Bundesliga durchsagen, wa!“

Lauwarm wie die Republik

Im Wagen sind übrigens ausnahmslos alle freien Plätze mit „ggf. freigeben“ gekennzeichnet. Darin drückt sich die ganze lauwarme Unentschiedenheit der Berliner Republik aus: Seit wann ist ein Platz nicht mehr schlicht entweder „vergeben“ oder „frei“? Seit wann gibt es selbst hier ein „sowohl als auch, wenn und aber, möglicherweise vielleicht oder eher doch nicht, aber ohne Gewähr? Versicherungsrechtliche Gründe, bestimmt. Auch so ein schönes Wort.

Göttingen. „Hier besteht Anschluss …“, ruft der Schaffner exaltiert, nahezu euphorisch. Kleine Wiedergutmachung für vorhin, was? Verspätungsstatus dennoch: nicht spürbar reduziert. Mache mir Sorgen um das Bahnfreunde-Abendessen nachher im Hotel. Der Ballina macht sich weiterhin nur Sorgen um die Fußball-Zwischenstände.

In Göttingen gibt es überdies eine Premiere: nicht nur Anschluss, sondern Anschluss an eine „Regiotram“ nach Kassel. Regiotram? Ich bin schon viel Bahn gefahren in meinem Leben, ich habe sogar das Schild „Osnabrück, Zentrum des Osnabrücker Landes“ am dortigen Hauptbahnhof bestaunt, aber im Leben noch keine Regiotram. Was kommt als nächstes? Der „Regiokopter“ nach Fulda?

Frankfurt sollen wir jetzt um 18.12 Uhr erreichen – das wäre ja, das wäre ja … fast undenkbar nah an pünktlich! Müssen, werden wir uns dazu selbst überholen?

Es wird leider immer schwieriger, die rotbackige badische Mutter schräg gegenüber zu überhören, die ihre beiden kleinen niedlichen Mädchen im Vorschulalter zutextet, fast ununterbrochen. Aber wie so viele Eltern, die mit Kleinkindern reisen, redet sie eigentlich gar nicht mit ihrem Nachwuchs, sondern meint in Wirklichkeit alle Umsitzenden: Schaut her, ich kümmere mich um meine Kinder, um meine tollen, hochbegabten Kinder, ich bin nicht so eine Mutter, die einfach ein Buch liest und die Kleinen ihrem Spiel oder um Gotteswillen sich selbst überlässt. Dann würden sie ja nichts lernen, nicht vorankommen im Leben, und vor allem könnten sie möglicherweise für die Sitznachbarn lästig werden.

Mutti wird penetrant

Also wird Mutti lieber selbst sehr, sehr penetrant und lästig: „Lisa, jetzt schreib den Buchstaben dahin! Gib dir mal Mühe! Dieser Strich da ist nicht dick genug! Victoria, ich will von dir gar nichts hören! Du weißt gar nichts! Nicht vorsagen! Denkst du, ich hör das nicht?“ Noch eine knappe Stunde. Noch eine knappe Stunde.

Noch eine halbe Stunde. Es geht nicht mehr. Ich kann das pädagogische Trommelfeuer der badischen Übermutter in einem ansonsten längst apathisch schweigenden Großraumwagen, dessen gesamte Belegschaft sie allein terrorisiert, nicht mehr ertragen. Da suche ich mir doch einfach einen anderen Platz im beinahe voll besetzten Zug. Und noch bevor ich damit Erfolg habe, ist es wieder da: „La-Lüüü-La“! Ladies and Gentlemen: The shit has hit the fan. Bremsen, Kriechfahrt, Stillstand. „Meine Damen und Herren, aufgrund einer Weichenstörung ….“ Man kann kann ja über die längst verstorbene Deutsche Bundesbahn sagen, was man will: Den Begriff Weichenstörung kannte damals kein Normalsterblicher. Heute ist er so vertraut wie der Wagen mit der Ordnungsnummer acht. Neue Verspätung: 32 Minuten. Bahnfreunde-Abendessen um 19 Uhr, quo vadis?

Wird unser Tester aus der Mitte der Bevölkerung das geheime Bahnlabor just in time erreichen? Wird er noch die Kraft haben, Simulation von Realität zu unterscheiden? Wird er in einen abschließbaren Waggon voller Fahrgäste aus der Hölle gesteckt? Oder wird am Ende alles gut?

Schalten Sie auch nächstes Mal ein, wenn es wieder heißt: „La-Lüüü-La!“

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2 Kommentare zu „Wie ich einmal die Deutsche Bahn rettete (1)

  1. Oha. Das hört sich verheißungsvoll an. Darauf einen wohligen Gruselschauder den Rücken runter.

    Und so ein toller Cliffhanger …La-Lüüü-La … ich bleibe höchst gespannt auf die Fortsetzung!

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