Wir Wirtschaftsökonomen

Mein Leben mit dem aus der Zeit gefallenen Berufsabschluss „Volkswirt“, den ich eigentlich nur im Spaß umbenennen wollte. Dann aber war die Wirklichkeit schon wieder schneller.

Ich bin Diplom-Volkswirt. Ein einfacher Satz, der mir lange Zeit einen Teil meiner beruflichen Identität verliehen hat. Das hat sich, wie soll ich sagen: gründlich geändert.

Erstens wissen Menschen unter 30 heute gar nicht mehr, was ein Diplom ist oder war. Man hat jetzt den Bachelor oder den Master, im letzteren Fall gern den „Master of Business Administration“. Aber vor allem, zweitens: Was soll denn bitte ein Volkswirt sein? Fragen Sie einen Hamburger Zehntklässler, wird er vermutlich zurückfragen: Volk? Wirt? Ist das ein Pegida-Lokal in Dresden? Falls der Zehntklässler je von Pegida gehört hat. Oder von Dresden. Sonst wird er, wie auf manche andere Wissensfrage auch, nur mit den Schultern zucken.

Das Volkswirt-Diplom „sozialwissenschaftlicher Richtung“ habe ich 1994 von der Kölner Universität erhalten, im vorigen Jahrhundert also, als ich noch nicht einmal ein Handy besaß. Heute hingegen gibt es bekanntlich Milliarden Smartphones, aber keine Volkswirtschaften mehr. Denn wir sind nun alle miteinander Elementarteilchen des frei flottierenden Humankapitals, das günstigenfalls miteinander im grenzenlosen Warenaustausch steht. Ungünstigenfalls in wurzelloser Konkurrenz um Ressourcen.

Wir hier, wo ich lebe, haben unsere Kinderarbeit nach Bangladesch ausgelagert, unsere Daimlers werden in Uusikaupunki montiert, unsere Stellvertreterkriege lassen wir in Syrien führen, im Gegenzug erhalten wir von dort Menschen, und zwischendurch checken wir mit unseren iPhones die Kurse an der New York Stock Exchange.

Völker, die jahrtausendealte Kalkulationsgrundlage für Volkswirtschaften, scheint es in diesem globalen Strömungsbecken auch keine mehr zu geben. Genauso wenig wie Nationen, zumindest hierzulande. Als der „Spiegel“ neulich den Rechtsaußen-Verleger Götz Kubitschek porträtierte, staunte das Magazin: „In seiner Welt gibt es Völker. Und Staaten.“ Will sagen: Nur in seiner Phantasiewelt, jener surrealen Sphäre der Gestrigen.

In der richtigen Welt von heute hingegen ist kein Platz mehr für einen Kanzler Helmut Schmidt, der 1977 den RAF-Mördern per Fernsehbotschaft den Zorn des Kollektivs entgegenschleuderte: „Gegen den Terrorismus steht der Wille des gesamten Volkes!“ Denn letzteres ist für Regierende nicht nur als Objekt politischer Rhetorik unaussprechlich geworden; es hat als Sinn-Einheit aufgehört, gültig zu sein. Und mein schönes Diplom dann also auch?

Diese Logik auf ein anderes Spielfeld ausweitend, hat auch den Begriff der Nationalmannschaft die Axt getroffen. Stattdessen gibt es „Die Mannschaft“ (offizieller Zweitname: DFB-Team), jene laut „Bild“ von der aktuellen Kanzlerin inspirierte  Global-Marketingstrategie der ehemaligen „deutschen Fußballnationalmannschaft“.

Die neue Mannschaft ohne Nation hat, wenn überhaupt, einen Wirtschaftsstandort. In einem regionalen Wirtschaftsraum. Irgendwo in der Mitte Europas – ohne mit dieser geographischen Eingrenzung die Merchandising-Märkte in Singapur ausgrenzen und vom Kauf schwarzweißer Fan-Trikots abhalten zu wollen.

Das mag ja alles eine fortschrittliche Entwicklung sein, aber: Schon wieder bin ich als Volkswirt (eine andere veraltete Bezeichnung lautet „Nationalökonom“) offensichtlich fehl am Fußball-Platz. Völkerball fällt übrigens auch weg. Die Volkshochschule, die Volks- und Raiffeisenbanken. Was machen wir bloß mit Volkswagen? Haben die nicht schon genug Probleme?

Da würde es mir konsequent vorkommen, wenn demnächst aus der uralten Inschrift im Giebel des landläufig immer noch Reichstag genannten Gebäudes alles weggemeißelt würde bis auf das eine, unanfechtbare Wörtchen: DEM. Das könnte dann ein Kürzel für Demokratie sein. Oder für Demontage.

Völkerball fällt auch weg, die Volkshochschule, die Volks- und Raiffeisenbanken. Was machen wir bloß mit Volkswagen?

Als Diplom-Volkswirt sollte ich mir also lieber einen neuen Hut aufsetzen. Hier im Büro mache ich deshalb manchmal das absurde Witzchen, ich sei von Beruf „Wirtschaftsökonom“. Um es mal so richtig pseudokompetent, vollverschwurbelt und zukunftsweisend klingen zu lassen. Und um folgendem Werbefernsehspot den Boden zu bereiten: „Ich als Wirtschaftsökonom gebe meiner Familie täglich Blend-a-med.“

Dabei sind wir Wirtschaftsökonomen gar keine Witzfiguren. Wir sind die Volkswirte 2.0. Wir, die Expertenexperten für Wirtschaftwirtschaft. Wir sind doppelt so gut, und das über alle obsoleten Volkswirtschaftsgrenzen hinweg, aus denen wir innovative Gesamtkunstwerke basteln.

Wir haben zum Beispiel den Brexit konzipiert, bei dem ein Land der EU den Stinkefinger zeigt und dafür zum Dank von der EU bessere Handelskonditionen bekommt. Wir haben das Quantitative Easing erfunden, durch das wertlose Wertpapiere weltweit zu kerngesundem Finanzkapital recycelt werden. Und wir haben die Trumponomics entwickelt, eine Wirtschaftspolitik, mit deren Hilfe Mexiko den Bau der US-amerikanischen Mauer gegen Mexikaner finanziert. Das waren alles wir Wirtschaftsökonomen.

Die es nur leider gar nicht gibt. Was ja wohl – Schluss mit lustig! – eigentlich selbsterklärend sein sollte: Pleonasmus, weißer Schimmel, zweimal dasselbe in einem Wort, ohne jeden Erklärungsgehalt. Wirtschaft und Ökonomie: Wirtschaftsökonom. Hallo, wie beknackt ist das denn? Niemand würde beides seriöserweise zu einem Begriff verbacken, der auch noch eine anerkennenswerte akademische Berufsbezeichnung sein soll. So dachte ich – bis heute.

Denn heute fand ich im Vorwort zu einer Publikation, die in diesem Zusammenhang ansonsten keine Rolle spielt, das hier:

Auszug aus einem Text, der auch insgesamt so klingt, als habe sich jemand um 16.48 Uhr zum Schreiben hingesetzt, der um fünf zum Tennis wollte. Und der ganz sicher nicht Wirtschaftsökonomie studiert hat, obwohl im Mittelpunkt seines Vorworts Alfred Herrhausen steht. (Nein, nicht Hirschhausen! Geh nach Hause, Hamburger Zehntklässler!)

„Lieber eine Sache zu Ende denken und dabei Zeit sparen, als andersherum. Und dabei über die eigenen Grenzen hinwegsehen.“ Angehende Wirtschaftsökonomen werden wissen, was gemeint ist. Ich weiß es nicht. Ich bin Diplom-Volkswirt. Helfen Sie mir bitte über die Straße.

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Update:

Es wird immer wunderbarer: Man kann an einer ganz bestimmten „Fachakademie“ tatsächlich den „Fernlehrgang Wirtschaftsökonomie“ belegen. Dauert zwei Semester und kostet schlappe 2.100 Euro. Der Abschluss ist „institutsintern“. Ich bin sicher, Dr. Alfred Herrhausen hätte sich da ganz zuhause gefühlt.

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