Zweitausendsiebzehn. Über das Schreiben in den Zeiten von Trump.

Schreibend habe ich den US-Präsidenten Donald Trump kommen sehen.
Vor einem Jahr um diese Zeit, bevor er der offiziell nominierte Kandidat der Republikaner war.
Doch mit einem Wort habe ich damals falsch gelegen: „hirntot“.

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Warum überhaupt schreiben? Ich meine nicht Einkaufslisten, Twitterkram und Facebookflimmern, Dienstanweisungen, Gebrauchsanleitungen, Zahlenkolonnen, Verordnungsparagraphen, Schul- oder Schlagernoten, Maschinencode, Wetterberichte und Vereinsversammlungprotokolle – was der Mensch so schreibt, wenn er seinen Alltagsgeschäften nachgeht. Nein, die Frage zielt auf mich allein: Warum beschreibe ich all diese Seiten hier? Und diese Welt.

Die Antwort muss am Ende dieses Jahres 2016 anders ausfallen als vor einem Jahrzehnt, als ich mich in diesem Blog schon einmal vor den Spiegel setzte, um mein eigenes Schreiben zu ergründen. Denn auch die Frage stellt sich heute anders als 2006: Warum schreibe ich in den anbrechenden Zeiten von Donald Trump? Und die Antwort wird mir nicht gefallen.

Zehn Jahre sind vergangen. Hello darkness my old friend.

Um es kurz zu machen: Vor einem Jahrzehnt habe ich meinem literarischen Spiegelbild, das ich nach Jahren der stetigen Abnutzung von Neuem „zum Schreiben ermutigen“ wollte, die Antwort gegeben: „Du schreibst, weil du der Welt eine Geschichte erzählen musst.“ Auf diese Formel lief alles hinaus. Schreiben als sozialer Ausdruck, als Anerkenntnis, unter Menschen zu leben. Menschen, die seit Jahrtausenden um ein Lagerfeuer sitzen und das ewig drohende Dunkel durch Erzählen in Schach halten.

Damals sollte Schreiben vor allem ein Abenteuer sein, eine Zeit- und Flugmaschine, waghalsig konstruiert, immer in Gefahr abzustürzen, aber immer auch kühn und grandios in den weiten Sätzen und Sprüngen, die das Konstrukt vollführte, den Newtonschen Naturgesetzen mutig die Stirn bietend. Gefährlich, ja. Über seelischen Kriegsgebieten und Zonen des Wahnsinns kreisend, bisweilen. Schaudernd aus der Vogelperspektive. Aber doch immer in die sicheren Auenländer zurückkehrend, dorthin, wo der sanfte Feuerschein wärmt. Um sich dann in diesem Schein zu aalen.

Zehn Jahre sind vergangen. Hello darkness my old friend.

Schreibend haben ich Trump kommen sehen. Vor einem Jahr um diese Zeit, als er noch nicht einmal der offiziell nominierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner war. Doch mit einem Wort habe ich damals daneben gelegen: „hirntot“. Der Mann, dem sie am 20. Januar die Codes für rund 7000 nukleare Sprengköpfe aushändigen werden, ist alles andere als das. Er ist hellwach, blitzgescheit, bauernschlau, gerissen, raffiniert, clever. Allen anderen oft einen Winkelzug voraus. Hirnstromaktivitäten in Hülle und Fülle.

Man wird nicht US-Präsident aus Zufall oder Langweile. Man wird US-Präsident, weil man ein planvoller Stratege ist und die Zeit reif. Trump (ebenso wie Clinton) ist das Zeichen seiner Zeit. Wie es sich für den „mächtigsten Mann“ im „mächtigsten Land der Welt“ gebührt, ist er auch das Zeichen meiner Zeit. Sein Arm reicht so weit. Seiner, und die Millionen Tentakel des Monsters, das auch meine Welt erobert hat, seit mit dem Neoliberalismus der Reagens, Thatchers, Clintons, Blairs und Schröders die Büchse der Pandora geöffnet wurde.

Trump und seinesgleichen, die Milliardäre und Multimillionäre, ihre Legionen aus Wasserträgern, Speichelleckern und Hofschranzen, die Aufsteiger und Arschkriecher, die Pfeffersäcke und Halsabschneider, die, die immer ihren Schnitt machen, die, die über Leichen gehen, die, die den Preis von allem und den Wert von nichts kennen, haben gewonnen. Viel mehr als eine US-Präsidentenwahl, als Kongress- und Richterposten. Auf breiter Front, auf ganzer Linie.

Hirntot? Trump ist hellwach, blitzgescheit, bauernschlau, gerissen, raffiniert, clever. Allen anderen oft einen Winkelzug voraus. Hirnstromaktivitäten in Hülle und Fülle.

Sie haben Wege gefunden, die Menschen erst zu vereinzeln, dann zu entkräften, dann zuzurichten und dann zu formieren. Sie haben dazu ökonomische Gewalt eingesetzt – und Medien, die vor zehn Jahren kaum existierten oder ihre Möglichkeiten, missbraucht zu werden, noch lange nicht voll entfaltet hatten: die Eignung zu kanalisieren, bloßzustellen, niederzumachen, abzuwerten und abzulenken. Asoziale Medien, genannt „soziale“. Sie haben 50 Schattierungen der Lüge angerührt und vermutlich selbst am erstauntesten festgestellt, dass ihnen jede einzelne davon als meisterhaftes Gemälde des Realismus abgekauft wurde.

Trump und sein Kabinett der Milliardäre, das sich die Besitz- und Perspektivlosen Amerikas zu Rettern erkoren haben. Typen wie Trump haben die Menschen dazu gebracht, billiger zu werden und immer noch billiger. Nicht das, was sie produzieren oder leisten, das sowieso. Nein, sie selbst. Damit die Trumps mehr und mehr von ihnen sich raffen können. Mehr von ihren Produkten und Leistungen, aber inzwischen auch mehr von ihrer Substanz. Haut und Haar. Leib und Seele.

Sie, die schon alles haben, reizt es längst nicht mehr, nur immer noch mehr Dinge zu bekommen. Das müssen sie dennoch, kein Vertun. Das hält die Welt eines Donald Trump am laufen, ist aber nur Grundrauschen, nur noch wahrnehmbar, wenn der Grad der Überversorgung mit Dingen einmal kurz zu fallen droht. Nein, was sie wollen, sind wir. Das sind die derzeit noch verbotenen Früchte. Der ultimative Kick.

Sie haben 50 Schattierungen der Lüge angerührt und festgestellt, dass ihnen jede einzelne davon als meisterhaftes Gemälde des Realismus abgekauft wurde.

Als und wo ich aufwuchs, war die Leibeigenschaft abgeschafft. Und es wäre – in Ermangelung eines offiziellen Marktes – gar nicht so einfach gewesen, sich ganz und gar zu verkaufen. Trump als Zeichen seiner Zeit, als Darth Vader seiner Stormtroopers, wird das ultimativ ändern (Clinton hätte es auch getan). Die in Konzerndivisionen organisierten Armeen des Neoliberalismus haben Leibeigenschaft nicht nur bereits durchgerechnet, sondern flächendeckend eingepreist.

Googeln Sie „Zero Hour Contracts“. Ein englischer Begriff, denn aus Trumps Sprach- und Wirtschaftsraum kommt er her. Sie finden ihn aber auch bereits, fix und fertig übersetzt, in der deutschen Wikipedia: Arbeitsverhältnisse ohne jeden Schutz oder Verpflichtung durch den Dienstgeber, staatlich und vertraglich in Form gegossen, gerichtsfest. Selbstverständlich nicht im Ansatz existenzsichernd oder tragfähig, um darauf ein selbstbestimmtes neues Lebensgebäude zu errichten. Für Hartz-IV-Empfänger ist das seit Schröders Agenda 2010 Realität. Doch auch für Sie bestehen alle Chancen, noch Teil dieser neuen Welt zu werden.

Einer Welt, die dies zu bieten hat: Es gibt in London oder in New York, der Stadt des originären Trump Towers, heute poor doors. In der Welt von Charles Dickens waren das Dienstboteneingänge. Damit zwingen die Reichen ihre ärmeren Nachbarn, andere Türen und Aufzüge zu benutzen als sie selbst, um nicht mit dem von ihnen geschaffenen Elend konfrontiert zu werden. Dieses Elend riecht ja nicht angenehm, hat schadhafte Zähne, eine fahle Haut. Alles Provokationen des Pöbels, die man nicht mehr geneigt ist zu tolerieren.

Dumm nur, dass man den Pöbel zeitweilig im eigenen Heim mit seinen erlesenen Designstandards dulden muss, weil gewisse Tätigkeiten eben leider unerlässlich und noch nicht automatisierbar sind. Aber dafür gehört einem nun der Leib und die Seele. Das kickt, das tröstet. Ein Wort, ein gesenkter Daumen, und nicht nur dieses personifizierte Elend da ist existenziell vernichtet, sondern nach demselben Muster auch die weiter oben auf der Leiter des Abhängigkeits-Rankings.

Man kann sich weiden an dieser Macht, im engsten Kreis. Und man tut es. Das bekommen Sie nur nicht mit. Weil Sie nicht den Zugangscode zu ihren Gated Communities haben.

Man kann sich weiden an dieser Macht. Und man tut es. Das bekommen Sie nur nicht mit. Weil Sie nicht den Zugangscode zu ihren Gated Communities haben.

Warum also schreiben in den Zeiten von Trump? In den Zeiten, in denen Superreiche schamlos Symbolpolitik betreiben und ungebremst Fakten schaffen, Klimaverträge kündigen, unwiederbringliche Ressourcen vernichten, das Treibhaus Welt final anheizen, Waffen jeder Gattung proliferieren, sich mit Despoten jeder Couleur verbrüdern und Andersdenkende in Kerker werfen wollen. In Zeiten, in denen sie all dies erstmals seit Generationen oder gar Jahrhunderten wieder können. In Zeiten, in denen Millionen und Abermillionen von Existenzen vernichtet und Träume zerstört, Tausende und Abertausende von Rückschlägen erlitten werden.

Warum schreiben? Natürlich nicht, weil all das auch nur im entferntesten aufzuhalten wäre. Aber auch nicht mehr nur, um der Welt eine Geschichte zu erzählen. Nicht mehr bloß, um das Abenteuer der Existenz zu würdigen. Nicht weil es Spaß macht.

Sondern weil es wehtut. Weil der Schmerz sich Bahn brechen muss, weil der Zorn raus muss, raus aus der Seele. Weil es nur so funktionieren wird, bei Verstand zu bleiben. Den Wahnsinn des noch weiter entfesselten Kapitalismus nicht das letzte Wort im eigenen Kopf haben zu lassen. Nur so, wenn überhaupt.

Ein früherer US-Präsident hat’s vorgemacht: himmelhohe Ziele setzen, die man nur unter Aufbietung aller Kräfte erreicht. Not because they’re easy, but because they’re hard. Es waren visionäre, schwerelose, optimistische Zeiten. Aber die Methode Kennedy taugt auch für Zeiten des Aushaltens, des Einigelns. Because they’re hard. Darum werde ich schreiben in den Zeiten von Trump.

Ein Kommentar zu „Zweitausendsiebzehn. Über das Schreiben in den Zeiten von Trump.

  1. ich weiss noch, wie neil young 1988 „keep on rockin‘ in the free world“ veröffentlichte, und mir der song zwar gefiel, doch die textzeile fand ich so altmodisch, ich konnte nichts damit anfangen. würde der titel 2017 veröffentlicht, die hälfte der bevölkerung würde vor begeisterung kopf stehen. mich eingeschlossen.

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