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Ünüvar – Ende eines Supermarkts (7)

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Fast genau zwei Jahre. So lange ist es her, dass der kleine EDEKA-Supermarkt der türkischen Familie Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung überraschend dichtmachte. Auch damals war es kurz vor Weihnachten, als unsere Nachbarschaft, vor allem die Legion der alten Leute mit ihren Rollatoren, mit einem Schlag ihren vertrauten Nahversorgungsstützpunkt verlor. Einen Standort, der schon zwei Generationen vor uns diente: als Filiale der längst Historie gewordenen Hamburger Genossenschaft PRODUKTION.

Seither habe ich in diesem Blog immer wieder mal über das vermeintliche Ende dieses Gebäudes berichtet. Doch der alte, zweistöckige Flachbau in seiner weißen, fast mediterranen Leichtigkeit und Eleganz, mit üppiger Dachterrasse, Dekorstreifen in Mittelmeer-Türkis und der Grandezza dieses gewendelten, vollverglasten Treppenhauses; der architektonische Lichtblick, der sich so wohltuend vom roten Backstein-Einerlei ringsum abhob – er wollte sich einfach nicht zum Sterben niederlegen. Natürlich trug er zunehmend Zeichen des Verfalls, Graffiti und eingeschlagene Scheiben verunzierten das Gesamtbild. Doch dann passierte immer wieder erst lange gar nichts, und dann plötzlich etwas völlig Unerwartetes: Ob er für den Filmkrimi „Banklady“ (Kinostart: 27 März 2014) in eine Bad Segeberger Sparkassenfiliale aus dem Jahr 1968 verwandelt wurde und plötzlich ein Hauch von Hollywood samt Platzpatronengeballer durchs trübe Viertel wehte; ob die Hammer ihren alten Laden als Kiez-Kulturzentrum für eine Woche zurückeroberten und darin ein munteres „Hammtrara“ entfachten – immer ging es noch ein paar Schnittchen weiter mit der lebenden Leiche des Ünüvar.

Bis zu diesem Mittwoch, als der Bagger anrückte.

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Das musste natürlich so kommen. Sie nennen es Fortschritt. Schon lange hatte es zunächst Gerüchte gegeben, dann Gerüste. Und Bauzäune. Und Dixiklos. Und schließlich offizielle Werbebanden: Hier entstehen ab Herbst 2013 überteuerte Eigentumswohnungen für bis zu einer halben Million Euro mit Blick auf die allerletzte Saufkneipe (nein, in Wahrheit stand es da anders, irgendwas mit „Hammer Lage“). Aber ätsch, der Herbst ist vergangen, und es ist immer noch kein neuer Wohnwürfel im Bau. Ein letzter Punktsieg für den Ünüvar, den verdammt zähen. Nur ewig konnte er das nicht durchhalten. Am Ende war ihm die Gicht durch die offen stehenden Glastüren so in die alten Knochen gefahren, dass er nur noch angetippt werden musste, um endlich in den Tod zu stürzen … wirklich?

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Nein. Denn der Ünüvar, er kämpfte weiter. Gegen eine unbesiegbare, destruktive Übermacht. Es stellte sich heraus, dass eine Menge an Baustahl-Armierungen, Stahltüren und Eisengittern in ihm steckten, denn schließlich musste er schon als Supermarkt wehrhaft gegen Einbrecher sein. Es gab sogar einen kleinen Panzerschrank im Keller, aus dessen finalem Inhalt (ein paar Rabattmarkenheftchen und anderer wertloser Kaufmannskram) ich den offiziellen Ünüvar-Stempel mit Holzknauf geerbt habe.

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Ja, da musste der 1000-PS-Bagger ganz schön zerren am alten Ünüvar. Man kann ja gar nicht anders, als an den guten alten Tyrannosaurus Rex zu denken, der sich Filetstücke aus seinem Gegenüber, dem gutmütigen Brontosaurus reißt. Allerdings muss dieses Filet schon leicht gemüffelt haben, denn aus dem aufgerissenen Ünüvar wirbelten trotz eifrigen Bespritzens mit dem Wasserschlauch immer wieder feuchte Mörtelstaubwölkchen auf, jener typische Alte-Leute-Kellergeruch, der von ungeheizten, unbelebten Gemäuern ausgeht.

Man sieht hier auch, wie unfair das Reduzieren dieses Gebäudes auf eine Verkaufsstelle war: Es gab hier Wohnungen, geräumige, lichte Wohnungen. Und eine psychiatrische Arztpraxis, so ist es ja nicht, hier war durchaus auch akademischer Geist zuhause. In perfekter Hausgemeinschaft mit dem Einzelhandelsgewerbe. Eines Tages waren alle diese Menschen weg, geräuschlos, über Nacht. Wohin? Man weiß es nicht. Nur die Arztpraxis hat ihre neue Adresse am Bauzaun hinterlassen.

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Doch, es gehört schon einiges Können dazu, sogar Kunst, mit so einem Abrissbagger so elegant umzugehen wie dieser Facharbeiter. Im besten Fall wirkt es wie ein Tanz, er und die nicht zu bremsende Fressmaschine im schwingenden, mehrdimensionalen Gleichtakt. Simultan dreht sich das, hebt und senkt es sich, zieht und zerrt, schwenkt und robbt sich noch einen Meter tiefer in das Fleisch des todgeweihten Wesens hinein. Der Tyrannosaurus Rex – übrigens mit wandelbarer Kauleiste, mal Reißzähne, mal Spitzzange – gehorcht seinem Reiter aufs Wort und grunzt vergnügt.

Würde er einen großen Fehler machen, dann schützte den Baggerführer sein extra verstärkter Metallkäfig und die zusätzliche Stahlplatte als Kabinendach. Doch er macht keine Fehler. Er trägt vorsichtig ab, Stück für Stück, nichts Tragendes, bevor nicht das darauf Lastende abgeräumt ist. Bewundernswertes Zerstörungswerk. Keine zackig aufragende Seitenwand hat auch nur die Chance, unkontrolliert einzustürzen, bevor er seine stählerne Hand anlegt.

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Stück für Stück, Scherbe für Scherbe bricht dem Ünüvar zackig aus der Krone. Aber er lässt sie sich auch nur Stück für Stück herausbrechen. Wenn der Bagger ein besonders schweres Betonteil aus der Ladendecke bricht und es zerbröselnd zu Boden donnert, dann bebt selbst auf dem Bürgersteig noch die Erde. Dann beulen sich die großen Frontscheiben des früheren Schaufensters, wo vor Weihnachten immer die billigen Plastikchristbäumchen auf der Fensterbank standen, nach außen unter der Druckwelle.

Aber noch halten sie, noch geht zumindest nach vorn weg nichts zu Bruch. One face to the customer! Dem Kunden gegenüber mit einer Stimme sprechen, Verbindlichkeit ausstrahlen, gute Miene zum bösen Spiel machen, das hat der alte Ünüvar immer noch drauf. Und gottseidank, auch nebenan fällt keine Scheibe aus den Alurahmen des verglasten Wendeltreppenhauses. Noch ist es nicht an der Reihe. Noch nicht. Noch nicht.

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Es ist Winter, ganz kurz vor der längsten Nacht des Jahres. Die Dunkelheit kommt, bei Nieselregenwetter, gegen 15 Uhr 30. Doch auch danach geht das Ringen um die Kapitulation des Ünüvar weiter. Drei grelle Scheinwerfer hat der Bagger, die Rückbaufirma – das ist politisch korrektes Deutsch für Abrissunternehmen – hat als Slogan: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Und das beweist sie auch: Finsternis? Nicht mit uns!

Vom schwingenden, wippenden, zerrenden Baggerflutlicht werden bizarr tanzende Schatten an die Wände des Verkaufsraums geworfen, als die Mordsmaschine von hinten, wo mal das Lager war, in den durch Säulen gestützten Verkaufsraum eindringt. Ungefähr da, wo über den schon lange Blasen schlagenden Putz das Poster geklebt war: „Hier wird täglich frisch für Sie gebacken.“ Es erinnert an „The Shining“, wenn Jack Nicholson mit dem irren Schlachtruf „Here’s Johnny“ und einer scharfen Axt durch die Hintertür gebrochen kommt. Note to Mr. Kubrick: In dieser Beleuchtung wäre die Szene noch eindrucksvoller gewesen.

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Aber die Männer, die hier ihren Job tun, wirken gar nicht wie Psychopathen, warum auch. Sympathisch sogar. Gelassen, aber bei der Sache. Systematisch vorgehend und den Überblick wahrend im Chaos, das sie minütlich zu vergrößern scheinen. Tun sie aber gar nicht: Zwischendurch wird vom erstaunlichen feinfühligen Baggergreifarm immer mal wieder aufgeräumt, verbogenes Metall herausgefischt, umgeschichtet, weggeschafft. Das Schlachtfeld wird zum Recyclinghof. Und außerdem schaffen sie sich so ihre neue Geschäftsgrundlage, die Arbeiter: Nur auf glattgebügeltem Schutt kann der Bagger sicher weiter vordringen.

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Jetzt werden in den offenen Eingeweiden des Hauses Details sichtbar, die nie für fremde Augen bestimmt waren. Heizkörpergerippe, Badezimmerkacheln, Sechzigerjahre-Dekor. Wo mal die Wohnungen waren, im ersten Stock, haben sich offenbar noch kurz vor dem Abbruch Sprayer Zutritt verschafft. Sie mussten dazu ja auch nur einen lächerlichen Bauzaun überwinden, dann standen alle Türen offen. An eine Wohnzimmerwand hat jemand „Peanuts“ gesprüht. Warum tut einer das? Sind die niedlichen, arglosen Cartoon-Kinder von Charles M. Schulz gemeint? Oder die abfälligen Bemerkungen eines Deutsche-Bank-Chefs über das Geld kleiner Leute?

Und dann steht da noch, an der anderen Wand, wo vielleicht mal ein Esstisch stand: „Invaders must die!“ Kann das wirklich funktionieren? Kann ein Fluch von hier aus auf die Abbruchunternehmer und Immobilienwucherer dieser Welt niedergehen? Muss Baggerfahrer Willibald nun sterben? In den ägyptischen Pyramiden haben Bannflüche in Hieroglyphen Schlimmes angerichtet, wie Grabräuber erfahren mussten.

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Der Bagger geht auch über diese Fragen hinweg, Tyrannosaurus Rex hat es nicht so mit semantischen Diskursen. Zurück bleiben Trümmer, die schon deswegen nicht an die nahe liegenden alliierten Bomberangriffe auf Hamm erinnern („Es sah aus wie im Krieg!“), weil sie ebenfalls mit Graffiti besprüht worden waren, bevor sie sich von einer Hausfassade in Hausfassadenbrocken verwandelten. Street Art, nunmehr dekonstruktiviert. Merkwürdiger Weise ist es mit ihnen wie mit einem Hologramm: Vom Inhalt geht durchs Zerbröseln nichts verloren. Es war schon vorher keine Botschaft da, außer vielleicht: Moribundi te salutant. Wir, die Todgeweihten, grüßen dich. In Geheimschrift.

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Zurück bleibt, für heute, ein beachtlicher Haufen gratigen, verbogenen Metallschutts in der Dezemberdunkelheit. Und eine Nachricht vom alten Haus. Keine weiße Flagge, sondern störrische Standhaftigkeit: Die Schaufensterfront, wo die rot-weiß gestreifte Markise noch im Sommer beim „Hammtrara“ für italienische Gefühle sorgte, sie steht immer noch. Dem Treppenhaus fehlt keine Wendel und keine Scheibe, während ihm der Hinterleib wie ein Furunkel geöffnet wurde. Mit einem Messer im Rücken geh’n wir noch lange nicht nach Haus. Das Haus, dieses Haus, es möchte mit den Füßen voran aus demselben getragen werden.

Und wer weiß: Vielleicht hält es eine allerletzte Pointe bereit. Denn wenn der Bagger hier durch ist, wenn alles eingeebnet ist bis Oberkante Kellerdecke, dann geht es erstmal nicht mehr weiter mit dem „Rückbau“. Dann muss erst der Kampfmittelräumdienst kommen, denn Hamm, wie gesagt, war im Weltkrieg bevorzugtes Bombenabwurfgebiet. Heute liegt es deshalb in der roten Zone: kein Neubau ohne Abklären der Blindgänger-Situation.

Wenn dann was piept bei der Begehung mit Metalldetektoren – dann erhält diese Serie eine weitere Folge. Oder der Herr Zeilensturm eine neue Wohnung.

Boulevard der verblassenden Autoträume

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Jede Großstadt kennt sie, die Ausfallstraßen, wo sich Möbelhaus an Tankstelle an Kentucky Fried Chicken reiht. Meist wirft der Mischmasch unansehnlicher Branchenvertretungen die Frage auf, ob es nicht besser Abfall- oder Anfallstraßen heißen müsste. Die Süderstraße in Hamburg-Hamm, nicht weit vom Hafen, ist wenigstens konsequent auf einen Wirtschaftssektor fokussiert: Sie versammelt auf etwa zwei Kilometern Länge Dutzende Autosalons, Autoteilehänder, Gebrauchtwagenverkäufer und -exporteure, den TÜV, die Zulassungsstelle, Autoschilderhändler und Autovermietungen. Sonntags aber haben die käuflichen Träume vom glanzvollen automobilen Leben Ruhetag – und die Leere dieser Illusion wird greifbar. Eine Fotoreportage in 15 Bildern.

 

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Ein Pappkamerad zeigt mit seinem groben Werkzeug an, was hier geboten wird: Kleinere Reparaturen und Reifenwechsel gibt es in der Süderstraße fast an jeder Ecke – ob bei großen Werkstattketten oder beim iranischen Schrauber in der Eck-Garage.

 

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„Service bis 18 Uhr“ – aber nicht sonntags. Dann sind die Showrooms der Autohändler erstarrt und die Bürgersteige der Süderstraße verwaist. Bis auf wenige Passanten aus der Nachbarschaft kommt niemand hierher, der nicht von Berufs wegen unbeingt muss. Apropos Beruf: Auch ein Autostrich gehört zu den Mobilitäts-Dienstleistungen in der Süderstraße, doch die Damen nehmen sich am Sonntagnachmittag ebenfalls frei.

 

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Am Rande der so genannten City Süd, einer unwirtlichen Ansammlung von Betonklötzen, Vertreterhotels und Bürokomplexen, verströmt die Süderstraße wie kaum eine andere Hauptverkehrsstraße Hamburgs eine Aura von urbaner Tristesse, ästhetisch indifferenter Funktionalität und – gerade am Sonntag – spätkapitalistischer Depression.

 

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Sieht aus wie ein Pit Stop beim Rennen in Monza, ist aber Süderstraße: Ein Reifenhandel nutzt die Abwesenheit von Liefer- und Parksuchverkehr am Wochenende, um seine nicht mehr verkäuflichen Altbestände open air zwischenzulagern – bis am Montag der Truck kommt, der alles dem Recycling zuführt. Oder möchte jemand eine kostenlose Pflanzenschale für den Vorgarten?

 

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Die Schilderhändler der Süderstraße hängen alle am Tropf der Autozulassungsstelle gleich gegenüber. Sie verstehen es durchaus, den Filmplakatmalern früherer Zeiten Konkurrenz zu machen – zumindest was die grellen Farben und großen Formate angeht. Das Ganze gibt es auch auf Kyrillisch und in weiteren Sprachen der Autowelt. Ganz großes Kino aber wird hier eher selten geboten.

 

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Dieser Händler versucht wenigstens, einen Hauch von Hollywood und ein wenig gespannte Erwartung auf seinen neuesten Neuwagen zu produzieren. An diesem Sonntag ist hier sogar bis 17 Uhr geöffnet – jedoch „keine Beratung, kein Verkauf!“. Was das Ganze fast noch ein wenig trauriger macht. Wozu sich herbemühen? Um mit der Hand über das rote Samt-Imitat der Faltgarage zu streichen und dann doch nicht gucken zu dürfen – geschweige denn fahren?

 

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Da mag der Nummernschildverkäufer optisch schreien und mit Discounttarifen um sich werfen, wie er will: Diese beiden in Ehren ergrauten Gesellen geben sich keiner noch so bescheidenen Illusion von Mobilität mehr hin.

 

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Auch wenn die „Light Aufbereitung“ des Blechpflegebetriebs für 39 Euro viel mehr verspricht als eine handelsübliche Autowäsche (Abledern, Türeinstiege säubern, Felgenreinigung inklusive): Sonntags kann die ihrer einzigen Funktion beraubte Architektur entlang des Boulevards nur eines nahelegen: Flucht. Nach links, nach rechts, egal. Nur weg. Doch gerade diesen Instinkt zu bekämpfen, um nur ein einziges Mal genauer hinzusehen, hat seinen besonderen Reiz.

 

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Einst war er der Traum jedes anständigen Deutschen: der Wagen mit dem Stern. Heute scheint es in der Süderstraße, als ob der Zauber der Marke nur noch zu einigen Menschen südländischer Herkunft spräche. Zumindest treiben manche von ihnen einen schwunghaften Handel mit ausgemusterten Wagen dieses Typs, bevorzugt auch nach Übersee. Was für ein exotisches Nummernschild wohl diesen hier als nächstes zieren wird?

 

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Was verband man nicht damals, zu Mercedes-Glanzzeiten, alles mit dem Automobil: Strahlend auf dem Weltmarkt tätige Aktiengesellschaften, die nach Made in Germany dufteten. In der Süderstraße geht es auch eine Nummer bescheidener, als GmbH. Oder noch bescheidener, als offene Handelsgesellschaft. Oder noch, noch bescheidener: als Great Cars GbR. Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts als Nukleus allen Wirtschaftens: als Einmanngesellschaft. Hier kehrt das Automobil zu seinen Anfängen in der Garage zurück – ohne aber deshalb auf das Steve Jobs’sche „Great“ verzichten zu wollen.

 

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Ja, das Klima und das Auto – sie können nicht mit und nicht ohne einander. Wichtig ist aber doch auch ein Vertrauen erweckendes Verkaufsklima. Dieser Wieder-, Wieder-, Wiederverkäufer sorgt jedenfalls für Ordnung auf dem Kontakthof: Plastikstühle auf den Stapel, Autofelgen hübsch ins Hängeregal.

 

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Was zur Sicherheit eigens hinter Gittern gehalten wird, das muss wohl über Mehrwert verfügen. Mehrwert durch Extras. Schade, dass man dieses Nummernschild im egalitären, jeder Extravaganz abholden Deutschland nicht fahren darf – in den USA wäre das gegen einen geringen Aufpreis möglich.

 

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Aber auch andere wilde Tiere werden in der Süderstraße weggesperrt. Ob der Freiheitsdrang dieses Kraftprotzes wohl groß genug wäre, Sonntagnachts zur Geisterstunde den Zaun einfach niederzuwalzen?

 

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Am Ende läuft die automobile Welt der Süderstraße in größtmöglicher Bescheidenheit und Beschaulichkeit aus. Sonnenblumen im Verein mit der sonnengelb getünchten Fassade verleihen diesem Ort im herbstgrauen Hamburg etwas Südfranzösisches, vielleicht auch Toskanisches. Die Liebe zum gärtnerischen Detail taucht die Straßenfront der „Arja Autoverwertung Annahmestelle An- und Verkauf“ in ein milde stimmendes Sonntagabendlicht. Und verrät, dass hier noch andere Werte kultiviert werden als nur automobile Alliterationen. Ein Leben jenseits des Autos? Geht doch!

Arno Schmidt. Sei bereit für den Wahnsinn der Welt.

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Die Lüneburger Heide und ihre Randgebiete sind bei der Generation <47 einigermaßen in Vergessenheit geraten, weil sie als spießig und gestrig gelten. Allerdings hat die Generation <47 keine Ahnung, was ihr ohne Kenntnis dieser Region an literarischer, künstlerischer und ja, auch Herzens-Bildung entgeht. Ich sage mal nur: Kunststätte Bossard. Los, Ihr Thirty- und Fourtysomethings, wikipediat das mal!

Die Lüneburger Heide als eines der extremsten Beispiel norddeutscher Landschafts-Verflachung bietet nämlich verschrobene Künstler-Existenzen aus vergangenen Jahrhunderten zuhauf. Menschen, die einsam sein wollten und Einsamkeit fanden, um ihrer Vorstellung von Kunst zu fröhnen und daraufhin noch wunderlicher zu werden und in Wunderlichkeit zu sterben. Ein beneidenswertes Schicksal! Beneidenswerter jedenfalls als ein langsamer Aufstieg zum Vice President Senior Marketing Communications and Global Customer Relations in einem deutschen Weltkonzern.

Was ich erzählen wollte. Arno Schmidt war einer aus dieser Schublade. Jaja, kann man auch googlen, den Mann. Ein Schriftsteller aus Hamburg-Hamm, meinem Stadtteil. Wenn auch aus Untenhamm. Das ist jenseits der Social Divide, sieben Meter tiefergelegt im Vergleich zu Obenhamm, wo ich wohne, aufgrund einer eiszeitlichen Verschiebungsgeschichte des Urstromtals der Elbe, die man auch Geesthang nennt.

Egal. Arno Schmidt (1914 – 1979), Hamburger Weltliterat aus kleinen Verhältnissen. Opus magnum: „Zettel’s Traum“. Dazu später. Goethepreisträger. Großschriftsteller, der eine Mitgliedschaft in der erlesenen „Gruppe 47“ wegen eigener sozialer Inkompetenz ausschlug. Sowie Autor einer Studie, die im Werk Karl Mays eine latente Homosexualität anprangerte. Nahezu alles, was man im Zusammenhang mit Arno Schmidt erfährt und erlebt, ist mehr oder weniger verrückt, unglaublich, absurd. Das ist mehr, als die meisten von uns jemals zustande bringen werden.

Hochsitze en gros und en détail

Wer sich auf Spurensuche macht, um dem Alterswerk Schmidts nachzuforschen, kann sicher sein, auf bizarre Charaktere zu stoßen und ebenso bizarre Anblicke. Alles echt, alles lebendig, alles real – und alles heute, im 21. Jahrundert. Los geht es am Bahnhof von Eschede (ja, das ICE-Unglück, hat aber nichts zu tun mit A.S.). Das ist der Bahnhof, der Schmidts letztem Wohn- und Arbeitssitz am nächsten liegt: dem etwa zwölf Kilometer entfernten Bargfeld, Gemeinde Eldingen, Landkreis Celle. Von Eschede an gehn wa zu Fuß. Warum? Weil Schmidt im kommenden Januar 100 Jahre alt geworden sein werden gewürdet … wäre. Und deshalb soll es 2014 eine offizielle Arno-Schmidt-Wanderung geben, zu deren Vorbereitungswandergruppe ich zu gehören die Ehre hatte … geworden. Habt.

Schmidt hatte übrigens auch so eine ganz eigene, persönliche Grammatik und Rechtschreibung: „Eine andere NaturNebenstelle waren die KanalEnden, dicht vor’m BahnDamm: weißer Sand, mit sehr kleinen SchneckenGehäusen darin; einzelne Büschel Grases strandhafertn; die RohrPost kam drübm aus der Erde, überquerte als etwa meterdickes Rohr den Kanal, und verschwand wieder im Sande.“ Das war so einer seiner Sätze.

Jedenfalls ist man auf dem Weg zu Schmidt von Eschede aus so etwa zwei Stunden durch den prompt einsetzenden norddeutschen Landregen gewandert, als man unversehens hier vorbeikommt:

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Tja, was ist das? Eine Ausstellung verschiedenartigster Hochsitze für Jägersleute. Vielleicht das offizielle Deutsche Hochsitzmuseum, es steht ja nichts dran. Aber in Deutschland gibt es heutzutage für alles ein Museum, mein bisheriger Favorit war das „Deutsche Zement-Museum“ in Hemmoor, noch so eine norddeutsche Flachheit. Aber jetzt ist es dies hier, das (in-)offizielle Deutsche Hochsitzmuseum.

Futter für die Nachfolgekatzen

Und dann ist man auch schon bald am Ziel. Das Ziel ist diese mausgraue Hütte, die Schmidt im Jahr 1958 für 21.000 Mark erstand.

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Auch, wenn es nicht so aussieht: Das Häuschen war damals erst zehn Jahre alt. Schmidt überlegte lange, ob er aus Darmstadt, wohin ihn einige Lebenswirren verschlagen hatten, hierher ziehen sollte. Er fertige eine Pro- und Contra-Liste an, deren entscheidender Punkt es werden sollte, dass im Dörfchen Bargfeld kein Durchgangsverkehr und kein Kirchengeläut drohte (er war strenger Atheist). Und die Landschaft sollte möglichst flach und unspektakulär sein, damit er während seiner 100-Stunden-Woche als Autor möglichst nicht abgelenkt würde. Gut, er hatte auch noch eine Frau, Alice, aber die war nur mit. Sie durfte allerdings auch ihr Urteil abgeben, ebenso wie die Katze, und alles wurde fein säuberlich notiert. Am Ende gab die Ödnis den Ausschlag. Schmidts zogen samt Katze nach Bargfeld um. (Auf dem Bild links unten stehen übrigens einige Näpfe voll Futter für die Nachfolgekatzen.)

Arnos Schreibtisch dort sah zuletzt (in den Siebzigern) so aus, wie ihn seine langjährige Haushälterin Erika Knop für uns bis heute konserviert hat:

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Man beachte die damalige Brillenmode. Ben Wisch und Heinz Kluncker lassen grüßen. (Ich persönlich glaube, dass Zeiten mit einer solchen Brillenmode die solideren Zeiten waren bzw. hoffentlich sein werden.) Dazu muss man sich eine enge, moosgrüne Lederjacke vorstellen, die immer noch an der Garderobe hängt. Und zeitweise eine rote Adidas-Umhängetasche, die heute von den Twentysomethings in der Hamburger Schanze mit Bravour getragen werden würde.

Im Keller lagern die Einmachgläser

Und dann zeigt Frau Knop den Besuchern die etwa sechs Quadratmeter große Küche – samt einem Souvenir, das jemand mal Frau Schmidt mitbrachte (hoffentlich nach Arnos Tod, aber es hätte ihm, dem ästhetisch Anspruchslosen, wahrscheinlich wenig ausgemacht):

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Von da aus ist es nur noch ein kleiner, aber steiler Abstieg über eine Klapptreppe in den muffig feuchten Keller des Eigenheimchens. Dort stehen noch die Original-Einmachgläser, die Herr Schmidt höchstselbst mit Etiketten beschriftet hat:

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Ob das noch essbar wäre? Frau Knop scheint nicht überzeugt, auch wenn die hohe Luftfeuchtigkeit im Keller die Dichtungsgummis bisher schön stramm gehalten hat. Sagen wir so: Ich würde lieber den Inhalt dieser Gläser essen als den Inhalt der Flaschen zu trinken, die angebrochen noch in der Küche bewahrt werden.

Ein Wackerstein wird zum Welterfolg

Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht um Literatur. Deutsche Literatur. Hohe deutsche Literatur. Jan Philipp Reemtsma persönlich hat dem alten und nahezu verarmten (immer schon mehr oder weniger kärglich bemittelten) Schmidt eines Tages einen Scheck in Höhe eines Literaturnobelpreises vorbeigebracht. Just for fun. Weil er nicht wusste, wohin mit seinem Zigarettenerbe, und Schmidt, der bereits schwer herzkrank war, fand er gut. Denn Schmidt hatte neben vielem anderen „Zettel’s Traum“ veröffentlicht, einen 1300-Seiten-Wälzer im doppelten Lutherbibelformat – und ab-so-lut unlesbar noch dazu. Einen kleinen Eindruck davon, wie unlesbar dieser Jahrhundertroman war und immer noch ist, bekommt man in den Räumen der nahe gelegenen Arno-Schmidt-Stiftung, natürlich auch von Reemtsma maßgeblich finanziert:

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Wir sprachen in Bargfeld auch mit der sehr belesenen und in der Literaturszene exquisit bewanderten Herausgeberin der aktuellsten Neuausgabe von „Zettel’s Traum“. Susanne Fischer, Geschäftsführerin der Stiftung, hat das zweifelhafte Vergnügen gehabt, zwei bis drei Jahre ihres Lebens mit der Edition dieses Werks zuzubringen. „In der Zeit habe ich Schmidt gehasst“, sagte sie uns ungeschützt, nicht wissend, dass dieser Satz geblogt werden würde. Aber jetzt kommt’s: Für den Verlag wurde der Wackerstein mit seiner dreispaltigen Erzähltechnik (Handlungsstrom, Gedankenstrom, noch irgendein Strom in Fantasierechtschreibung und parallel zu konsumieren, auf 1300 Seiten genau 24 Stunden erzählend) ein GROSSER ERFOLG. Fast eine Art BESTSELLER. Wobei jedes Exemplar meiner Erinnerung nach deutlich über 200 Euro kostet.

Ja, man muss bereit sein für den Wahnsinn der Welt. Dann lebt es sich herrlich unbeschwert – und nebenbei wird noch Literaturgeschichte geschrieben. Am Rande des Universums, wo keine Kirchenglocken läuten.

Hamm – Gesichter eines Stadtteils

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Einige Fotos von „Hammtrara“, dem Schauplatz des Filmbeitrags, finden Sie übrigens hier!

Am kommenden Wochenende ist noch einmal „Hammtrara“. Dabei lesen am Sonnabend, dem 15.6., um 15 Uhr Stefan Kraschon und Sindy Heine aus Hammer Geschichten: Es gibt Auszüge aus den Texten „Aschberg“ und ‚Ne Geschichte über Hamm?“, mit denen die beiden den 1. Hammer Literaturwettbewerb der Buchhandlung Seitenweise gewonnen haben. Der Eintritt ist frei. (Ort: Alter EDEKA-Supermarkt, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße.)

Ünüvar – Ende eines Supermarkts (6)

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Regelmäßige Zeilensturm-Leser wissen, dass ich an dieser Stelle seit anderthalb Jahren immer mal wieder das traurige, aber auch bizarre und immer kurioser werdende Ende des EDEKA-Supermarks der türkischen Familie Ünüvar dokumentiere, der (noch) schräg gegenüber meiner Wohnung leersteht. Seit dem Auszug des Supermarkts Ende 2011 hat seine leere bauliche Hülle eine beharrliche Kraft bewiesen, einfach immer weiter zu existieren – zwischenzeitlich auch als Filmkulissen-Bankfiliale aus dem Jahr 1968. Danach verfiel das Gebäude wieder in einen trügerischen Dornröschenschlaf. Und nun tut sich hinter den noch teilweise mit den Sichtblenden der Filmschaffenden verkleideten Schaufensterscheiben erneut etwas Erstaunliches im Ünüvar. In wenigen Tagen wird er sich einmal mehr verwandeln – für zwei Wochenenden in den Schauplatz einer „Sozialen Skulptur“. Sie besteht aus einem Kartonpappen-Labyrinth, das im Groben den Stadtteil darstellt und von den Besuchern mit Bildern und Texten zu Hamm bedeckt werden soll.

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Die Aktion trägt den beinahe schon genialischen Namen Hammtrara. Weil wir ja im Stadtteil Hamm wohnen, einer roten Backsteinsiedlungswohnwüste, der normalerweise jedes hippe Trara abgeht. Gerade das aber macht den Charme des Quartiers aus, wie man merkt, wenn man hier gefühlte 78,5 Jahre gewohnt hat. Nein, im Ernst: Das gar nicht mal so wenige Tolle, das wir hier haben (John Neumeier, Baderanstalt, Stadtveränderer, Buchladen Seitenweise, Café May , Hammer Park und noch ein paar Highlights mehr), das zählt alles doppelt und dreifach so viel wie anderswo. Andererseits droht unserem Kiez auch Gentrifizierung, also rasant steigende Miet- und Immobilienpreise mit allen sozialen Folgen. Familien fehlt eine kindgerechte Verkehrsinfrastruktur und viele Ältere fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Davon und von vielem mehr soll Hammtrara erzählen.

Die Initiatoren von Hammtrara beschreiben sich am besten selbst:

Die Gruppe Raum für Ideen entwickelt Ansätze, die Wahrnehmung und Aneignung von Hamm durch die Bewohner zu fördern, die dem Stadtteil mehr Identität geben, die Lebendigkeit des Stadtteils zu entwickeln, das kreative Potenzial zu aktivieren und Menschen im Stadtteil zusammenzuführen. Im ersten Schritt geht es darum den Blick auf Hamm zu schärfen und den Stadtteil zu entdecken.

Hinter Hammtrara verbirgt sich ein komplettes Kulturprogramm. Am kommenden Freitag, dem 7.6., ist ab 19.30 Uhr Vernissage im Ünüvar, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße. Alle Hammerinnen und Hammer sind eingeladen, ihre Gäste aus Harvestehude und Blankenese vermutlich auch. Es werden auch Hammer Geschichten gelesen.

Und ich bringe eine Videokamera mit für die Aktion: EinSatz in Hamm! Wer mitmachen will, darf sich dann wie Doreen auf dem Bild unten den pinken Bilderrahmen schnappen und vor der Kamera den Satz vollenden:

Hamm … !

 

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Was Hamm ist, wird dann demnächst hintereinander weg auf diesem Sender ausgestrahlt. Kommt alle! Trara!

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Selten schön: Hamburg-Hamm

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Die Urfassung des folgenden Textes steht drüben bei Buddenbohm, der bloß, weil er neuen Wohnraum außerhalb von St.Georg in Betracht zieht, vor einigen Tagen einen leichtsinnigen Aufruf in sein Blog gestellt hat: Wir sollten Notizen über unseren jeweiligen Hamburger Stadtteil schicken oder online stellen. Es folgte ein Feuerwerk von Beiträgen zu Quartieren zwischen Helgoland und München. Dies hier ist die ergänzte und leicht korrigierte Version meines kleinen Essays über Hamburg-Hamm. Ein paar zentrale und schlichtweg vergessene Attraktionen mussten einfach noch mit rein. Und Bilder natürlich.

Architektonische Leichtigkeit im Hammer Park
Ich will nicht angeben, aber ich lebe in Hamm. Hamburg-Hamm. Fragt mich nicht, wie ich es damals, vor zehn Jahren, geschafft habe, diese Genossenschaftswohnung zu bekommen, groß genug für Mann, Frau und – wie sich herausstellen sollte – zwei Kinder. Es gibt eben Menschen, die fallen mit dem Arsch voran ins pralle Glück.

Hamburg-Hamm. Ja, genau der sagenumwobene Glamour-Stadtteil für die Hardcore-Bohème, drei U-Bahn-Stationen östlich vom Hauptbahnhof. Standort der berühmten Ballettschule von John Neumeier. Ein paar Häuser weiter hält sich seit 100 Jahren ein Laden unklarer Kategorie, wahrscheinlich Drogerie, aber eigentlich Kramladen. Man kann ihn kaum betreten vor Zeugs. Vielen anderen dieser bescheidenen Krimskramsläden ist in letzer Zeit der Garaus gemacht worden. Ersatz ist nicht in Sicht.

Hamm, Wiege des allerersten Ur-Café May, und das auch noch in meinem Rotklinkerblock, wo auch der Café-Gründer hauste. Statt in einem der anderen 500 Rotklinkerblocks. Bis er in anderen Ecken Hamburgs so viele weitere Café Mays geklont gegründet hatte, dass er vor Geld nicht mehr laufen konnte und wegziehen musste. Vielleicht in einen von diesen Langweiler-Stadtteilen westlich der Alster, Eppendorf oder Pöseldorf oder Blankenese, was weiß ich, der Ärmste.

Hamm, das man auch das Hollywood des Ostens nennt, seit hier im vergangenen Sommer die blutigsten Teile des wunderbaren Kinofilms „Banklady“ gedreht wurden, weshalb der alte Türken-Supermarkt Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung zur 60er-Jahre-Bankfiliale umdekoriert wurde. Unser dauerhaftes Stadtteil-Design verbilligte die Kulissenbauten.

Der Ünüvar als Film-Sparkasse

Hamm, wo Kristian Bader seine legendäre Baderanstalt unterhält und bizarre Konzerte, Lesungen (auch ein Herr Buddenbohm soll dort schon zu Gast gewesen sein) oder Trinkgelage veranstaltet. Und wo Buchhändlerin Elke Ehlert von „Seitenweise“ den Stadtteil mit Volksbildung überzieht, ob er will oder nicht. Etwa, wer Arno Schmidt war, der sein größtenteils unverständliches, unles- und -verfilmbares Werk bei uns, in Hamm, geschaffen hat. Genauer gesagt, und diese ebenso feine wie sprachlich hölzerne Unterscheidung ist eine bemerkenswerte Parallele zum Gebrauch im Nachbarstadtteil: Er schuf es in Unten-Hamm.

Ich dagegen wohne in Oben-Hamm. Was bei Isa in Borgfelde erst zaghaft anfängt, nämlich dass die eine Wohngegend etwas höher liegt als die andere, das erlebt man erst bei uns, zwei Kilometer weiter, in seiner ganzen sozial brisanten Konsequenz: Oben-Hamm liegt auf dem Geestrücken, an die zehn Meter höher als der Teil, auf den wir herabblicken. Weil wir nämlich die Gewinner der letzten Eiszeit sind: Damals schob sich die Endmoräne nur bis zur Hammer Dreifaltigkeitskirche. So was kommt von so was her, aufgestanden, Platz vergangen.

Reklame auf dem Geestrücken

Ach, die Dreifaltigkeitskirche. Das gibt es ja auch in ganz Hamburg nicht noch mal. Eine Architektur wie Alpha (Turm) und Omega (Kirchenschiff). Sensationell. Muss man gesehen haben. Auf dem Kirchhof ein überwucherter Grabstein mit Totenschädel-Relief, in den eingraviert steht: Lernet Sterben! Und innen – in der Kirche, nicht im Grab – wirkt Diemut Kraatz-Lütke, das Kirchenmusikgenie. Meine Frau singt da auch im Chor, und ich will schon wieder nicht angeben, aber Diemut holt aus allen das Letzte raus. Ihr Chor HAMMonie hat über die Grenzen Volksdorfs und Bahrenfelds hinaus einen Ruf wie Donnerhall, und das meine ich ernst. Gerade erst kürzlich wieder dieses dreistündige Mendelsohn-Oratorium – ich hatte ja leider Rücken und musste raus, schade.

Frohe Botschaft im Schatten der Dreifaltigkeitskirche

Da wäre natürlich noch der Hammer Park, unsere gartenbautechnisch wie historisch interessante grüne Lunge. Sie verfügt über eine 1A-Todespiste für Wintersportler (in den 60ern soll sich dort tatsächlich ein junger Rodler das Genick gebrochen haben), über einen Schachpavillon, wo unzugängliche Russlanddeutsche ihre Figuren in Blechcontainern bunkern, sowie natürlich über das Mehrzweckstadion, das den örtlichen Fußballclub Hamm United FC beherbergt. Der ist ominöserweise erstens anglophon, spielt zweitens entsprechend körperbetont rustikal und hat drittens einen Bogenschützen im Wappen – verstehe das alles, wer will. Ach ja, und dann gibt es da den Minigolfplatz. Wo selbst Hamburger Blogger schon Turniere ausgetragen haben, in grauer Vorzeit.

Hamm verdanke ich die kathartische Erfahrung, dass man Kultur oder Schönheit oder Inspiration viel toller findet, wenn man sie mit der Lupe suchen muss. Für jüngere Leser: Stellt euch vor, jemand verurteilt euch zu drei Wochen Facebook-Entzug – und dann schmuggelt euch einer für fünf Minuten ein Smartphone in die Zelle.

Ich werde aber den Teufel tun und Hamm weiter preisen. Sonst wollt ihr alle hier hin. Und dann ist nix mehr mit bezahlbaren Mieten, das geht ja jetzt schon los. Also bleibt, wo ihr seid! Ihr mögt doch keinen Rotklinker, keine Sozialrentner, keine Rollatoren und Quartalstrinker. Keine muffeligen Änderungsschneidereien und keine Fahrschulen, die „Fahrszination“ heißen. Ihr mögt es auch nicht, auf manchen aufgewühlten Wegen immer noch verkohlte Knochenstückchen zu finden vom Feuersturm, anno 1943.

Ganz toll szenig, habe ich gehört, soll es ja in der Schanze und im Karoviertel sein. Bitte zieht da hin, lärmt und dreckt alles voll und macht einen weiten Bogen um mein Hamm. Danke!

Noch ein Programmhinweis: Ulrike Herrmann

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Wenn etwas im 2. Hinterhof stattfindet, bedeutet das zumeist gerade nicht eine minder interessante Veranstaltung. Sondern, wie Kenner wissen: einen kleinen, aber eingeweihten Kreis.

Einem solchen inner circle können Sie am kommenden Mittwoch, dem 14. November angehören. Um 19.30 Uhr kommt dann nämlich die Wirtschaftskorrespondentin der taz, Ulrike Herrmann, in den Kulturladen Hamburg-Hamm, Carl-Petersen-Straße 76 (2. Hinterhof, da haben Sie’s). Herrmann hat ein wichtiges Buch geschrieben, das kürzlich auch als Paperback erschienen ist und uns Wirtschaftswunderenkelkindern Illusionen nimmt: „Hurra, wir dürfen zahlen“ räumt auf mit dem Selbstbetrug der Mittelschicht, die sich irgendwie immer noch privilegiert und nahe an der „Elite“ wähnt. Die Wahrheit ist laut Herrmann viel schmuckloser: Die Mitte wird langsam ausgeweidet, weil sie sowohl das wachsende Heer der Armen alimentieren muss als auch die Steuerflucht jener immer zahlreicheren Wohlhabenden und Superreichen, die gerade der Mittelschicht aus gutem Grund den Sand der Illusion ins Auge träufeln. Wie der (Selbst-)betrug funktioniert und wie der Spuk zu verscheuchen wäre, das dürfte eine interessante Buchvorstellung und Diskussion ergeben.

Angezettelt hat das ganze mal wieder die Bürgerinitiative „Hamm’se Zivilcourage“. Nie weit entfernt sind dabei die tollen Buchhändlerinnen Elke Ehlert und Bea Holzmann von „Seitenweise“, der Hammer Buchhandlung. Und ich moderiere. Also: Willkommen im 2. Hinterhof!

Ulrike Herrmann