1968 oder: Weiten wat ward

Nicht wahr, da möchten jetzt wieder alle ernst und staatstragend nicken. Für viele überraschend dürfte aber sein, dass die gerahmte Weisheit des Volksmunds nicht nur für das geschichtliche Verständnis der Epoche des Nationalsozialismus gilt.

Versuchen Sie doch mal ein kleines Gedankenexperiment: Wenden Sie den plattdeutschen Sinnspruch probeweise auf „1968“ an und versetzen Sie sich in die damalige Situation.

  • Ein gesellschaftliches Klima der intellektuellen Lähmung und des mutlosen Fatalismus.
  • Ein muffiges, verfilztes, seine Pfründe verteidigendes Establishment.
  • Ein überwältigender Konformitätsdruck, vorgegeben von einer fest in Machtapparaten verklammerten Minderheit und eingebläut von willigen Helfershelfern.
  • Eine kollektive Verweigerung moralischer Selbsterforschung.
  • Ein provozierendes Vakuum der Führungslegitimation selbsternannter Eliten.
  • Eine mediale Tabuisierung und Manipulation des Offensichtlichen.
  • Ein unbearbeiteter Problemdruck, der das System an die Belastungsgrenze bringt.
  • Eine unbefriedigte Sehnsucht nach Lebenssinn und Perspektive.
  • Impulse des Umbruchs durch Verfemte von außen und innen.
  • Eine selbstbewusste Subkultur, die diese Impulse aufgreift und vervielfältigt.

Die Liste der Konsequenzen, zu denen diese Zutaten sich verdichten, ist vergleichsweise übersichtlich:

  • Eine Rebellion, die keinen Stein auf dem anderen lässt.

Meine Erfahrung nach einem halben Dutzend wirtschaftshistorischer Bücher ist: Geschichte wiederholt sich erstaunlich regelmäßig. Die Guerilla von gestern ist das Establishment von heute. Was sich ändert, sind Namen und Symbole.

Was die rebellische Subkultur angeht: Ich würde derzeit nicht nach langhaarigen Blumenkindern Ausschau halten. Schon eher nach zornigen Menschen in gelben Westen.