Im Dorf der absoluten Zeit

Zu Besuch in Garding, wo die Uhren anders gehen und die Schaufenster reine Antimaterie feilbieten – im günstigsten Fall. Schlimmstenfalls hingegen trifft einen hier der Urknall, wenn man zu weit die Enge Straße hinunterwandert.

Regelmäßige Zeilensturm-Leser (und wer wäre das nicht?) wissen, dass es mich immer wieder in bemerkenswerte Ortschaften abseits der ausgetretenen Pfade verschlägt, etwa nach Dillingen, Viersen oder Büchsenschinken.

So kam ich zuletzt auch in das schleswig-holsteinische Dorf Garding (2600 Einwohner). Es nennt sich vermutlich unter Ausnutzung irgendwelcher mittelalterlicher Stadtrechte stolz die „Mommsen-Stadt“, weil hier Theodor Mommsen geboren wurde, der einzige Historiker, der jemals einen Literaturnobelpreis erhielt (1902). Mommsen sah aus wie eine verfrühte Ausgabe des verrückten Zeitreise-Wissenschaftlers Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“, und das muss wohl ein Omen gewesen sein.

Denn ich schwöre, mit Garding stimmt etwas nicht. Ich vermute einen Riss im Raumzeit-Kontinuum, eine durchaus ernste Sache. Der Riss, der normalerweise ein Wurmloch in eine andere Dimension bzw. ein Paralleluniversum öffnet, scheint rund um den zentralen Kirchplatz und weiter entlang der Engen Straße  zu verlaufen. Auf diesen wenigen hundert Metern ballt sich die Merkwürdigkeitendichte derart, dass das zugehörige Antimaterie-Gravitationsfeld vermutlich bereits seinen eigenen Masseschwerpunkt in Dunkle Energie verwandelt hat oder was weiß ich.

Auf jeden Fall gehen in Garding die Uhren anders. Hier bitte, das altansässige Uhrenfachgeschäft Schulz:

Und jetzt gehen wir nur fünf Schritte weiter, das dauert vielleicht acht Sekunden, drehen uns um und blicken wieder hinauf:

Gemerkt? Herr Schulz löst übrigens gerade seinen Laden auf, so scheint es, vielleicht sogar in Antimaterie, womit er den Weg vieler früherer Fachgeschäfte in diesem wirtschaftlich nicht unbedingt prosperierenden Ort geht. Jedenfalls gibt es auf Armbanduhren und Eheringe und Krawattennadeln mit maritimen Motiven und Zinnteller für die Wohnzimmerwand gerade 50 Prozent Rabatt. Herr Schulz ist dem Vernehmen nach schon sehr betagt und DER Experte für das Reaparieren alter Uhren, sodass ihm ein Ruf wie Donnerhall bis ins 12 km entfernte Touristen-Eldorado Sankt Peter-Ording  vorauseilt.

Allerdings, so meine Quelle, lagere er die kaputten alten Uhren auch gerne erst mal ein Jahr lang in seiner Werkstatt, um zu beobachten, was ihnen fehlt. So viel Zeit muss sein. Unterdessen kann man sich ja mal für seine Neuware in der Auslage interessieren. Für Neuware von ca. 1979:

Man beachte aber die Auspreisung in Euro, den es erst seit 2002 gibt! Ein Quanten-Paradoxon erster Güte! Ich sag ja, hier gehen die Uhren anders. Bei Herrn Schulz gilt nicht Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, sondern die berüchtigte „absolute Zeit“. Und zwar dank einer Technologie, die meines Wissens erst nach dem Warp-Antrieb entwickelt wurde bzw. entwickelt werden wird:

Von dieser kosmischen Zeit-Verabsolutierungsstation im Singularitäten-Fachgeschäft Schulz aus strahlt das Unwahrscheinlicheitsfeld nun also mitten durch die alte Backsteinkirche hindurch, und dann immer die Enge Straße runter. Gleich an deren Beginn trifft es auf dieses Schaufenster:

Was mag das für ein Laden sein? Ein Klempnereibetrieb? Eine Rohreinigerbedarfshandlung? Das Labyrinth des Dr. Mabuse? Nun, der „Dr.“ ist schon gar nicht so verkehrt. Denn es handelt sich – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort – um eine allgemeinärztliche Praxis. Vielleicht kuriert man hier besonders erfolgreich Darmverschlüsse.

Garding und seine Schaufenster. Ich weiß nicht, was sie hier für einen bizarren Wettbewerb am Laufen haben – „Unser Dorf soll irrer werden“? Kaum zwei Häuser weiter nämlich äußert der Besitzer dieser vollkommen zweckfreien, aber immerhin prilblumengeschmückten Scheibe eine freundliche Bitte:

Diesen Aufkleber gibt es gleich zweimal. Es scheint also ein wirklich lästiges Problem zu sein. Wohlgemerkt: Hinter der Scheibe wird nichts ausgestellt. Irgendwann stößt der Blick an eine Store-Gardine, das war’s. Und die Klebeblumen. Kein Schild, kein Name, kein garnix. Trotzdem gehen hier die Menschen vorbei und klopfen. Ob sie die Blumen für Mimosen halten, die auf Berührung hin ihre Blätter schließen? Aber irgendwann muss es doch auffallen, dass nichts geschieht. In dem Schaufenster, in dem nichts zur Schau steht.

Vielleicht sollte man mal an einer der benachbarten Türen klingeln, wenn man schon nicht ans Fenster klopfen darf? Am Klingelschild wird doch sicher ein Name stehen, und dann könnte man Herrn oder Frau Schmidt mit den inzwischen aufgelaufenen Fragen über Garding bestürmen. Aber nein, natürlich nicht:

„Jo, bidde?“

„Driesen mein Name, Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Klingeltaster ohne Beleuchtung, aber was stimmt mit Ihrem Dorf nicht, wenn ich fragen darf?“

„Moment mol! Wie ham’se mech denn geefundn, ohne Beleuchtung? Do stimmtoch wat nech! Sie sinn sicha een vun deese Trickbetrügers, die rechtschoffene Menschn überfolln!“

„Nein, nein, ich möchte nur mit Ihnen über Antimaterie und Unwahrscheinlichkeitsfelder sprechen, bzw. über Gott, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Wat? Achsoo, nee, da müssen Sie schon wartn, bisdat mine Fruu weer tohuus is. Die is bij uns für dat Karitative zustännig!“

„Dafür habe ich absolut keine Zeit bzw. keine absolute Zeit! Können Sie mir wenigestens sagen, ob man der Gastronomie bei Ihnen im Ort noch trauen kann?“

„Ich sech goarnix mehr. Außer: Gehn Sie man vor zur Gaststätte, do wer’n Sie Ihr blaues Wunner erlehm!“

Gesagt, getan. Und natürlich: Das Zeichen des Teufels. Gleich unterhalb der beiden jungen Birken, die aus dem Speise- und Schankbetrieb herauswachsen.

Dann doch lieber auf die andere Seite der Engen Straße, wo der örtliche Migrationshintergrundbetrieb seine Köstlichkeiten auf einer witterungs- und UV-beständigen Hartfaserplatte an der Fassade bewirbt. Denn mittlerweile habe ich schrecklichen Hunger.

Nein, doch nicht.

Ich bin am Ende. Es gibt hier nichts für mich, und schon gar keine Antworten. Nur Schaufenster und Werbeflächen ohne erkennbaren Bezug zur Wirklichkeit. Vor dem letzten dieser Vexierbilder in der Engen Straße stehe ich und starre stumpf durch eine weitere Scheibe. Ein ausgestopfter Vogel mit einem für eine Spottdrossel zu langen Schnabel starrt teilnahmslos an mir vorbei statt zurück. Aber er verspottet mich trotzdem. Ganz zu schweigen von der hässlichsten Hexenfigur, die ich außerhalb des Harzer Mittelgebirges jemals zu Gesicht bekommen habe.

Was, Garding, stimmt nicht mit dir?

Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (2): Bonschenladen

Der Laden hat kein Schild. Braucht er auch nicht. Die Kinder des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg kommen seit 40 Jahren zu Pfeifer: Sie wissen, wo sie ihn finden. Pfeifer war der erste Ladenmieter in dem heute heruntergekommenen Hochhaus der Wohnungsbaugesellschaft SAGA. Im Jahr 1970 legte Erwin Pfeifer los, „da war hier ringsum nur Sandwüste“. Und heute, mit 87, ist er der letzte Ladeninhaber, der noch immer hier ist. Jedenfalls zweimal die Woche, eine Couch für das Mittagsschläfchen im Laden steht parat. Ansonsten ist mittlerweile Sohn Manfred (61) hier der Chef.

Süßwaren Pfeifer, das ist eine Institution. Eltern kommen heute, die schon kamen, als sie selbst noch klein waren. Sie kommen in ein 66 Quadratmeter großes Wunderland: 170 blaue Plastikdosen, aus denen die Kids ihre Bonschen – so sagt man in Hamburg – mit der Zange oder in unbeobachteten Momenten mit kleinen Grabbelfingern einzeln auf Pappteller legen und dann zur Kasse bringen. Wenn Pfeifer Glück hat. Denn immer mal wieder versuchen Kinder, die noch nicht hier waren, in dem verwinkelten Laden zu klauen. „Die kriegen dann Hausverbot“, sagt Pfeifer junior. Die Polizei holt er nicht, das wäre ja geschäftsschädigend. „Aber nach einer Woche kommen die Kinder und entschuldigen sich bei mir, denn sonst müssen sie die Bonschen viel teurer anderswo kaufen, und das wäre die Höchststrafe.“

Inzwischen sind die meisten seiner kleinen Kunden muslimisch. Deshalb hat Pfeifer eine Ecke, wo in den blauen Boxen nur Süßigkeiten ohne Gelatine sind – Gelatine wird ja aus Teilen vom Schwein gemacht. Als Pfeifer senior hier anfing, hatte er schon fast drei Jahrzehnte lang einen Laden in St.Pauli gehabt: „Pfeifers Buchantiquariat“. Noch heute steht sein Geschäft so im Telefonbuch eingetragen. Das Geschäftsmodell: Aus Kisten und Kartons heraus verkaufte er Groschenromane, die gelesenen brachten die Kunden zurück und tauschen sie zu einem Aufpreis gegen neue um. So geht das bis heute. Ein ganzer Raum des Ladenlokals in Wilhelmsburg ist voll mit den Heftchen. „Und wir haben nochmal die fünffache Menge zuhause“, sagt Manfred Pfeifer. Kein Wunder, bei diesem Recyclingsystem fällt wenig aus dem Kreislauf heraus.

Doch bald schon riet ein Vertreter dem alten Pfeifer, doch Spielwaren dazuzunehmen – und Süßigkeiten. So wurde der Grundstein zur Legende gelegt. Die Spielwaren sind billiger Plastikkram aus Fernost, die wird der Junior nun nicht mehr los. Ringsum in den Ramschwarenketten wird auch so ein Kram verscherbelt. Dafür brummt das Geschäft mit Batterien für Armbanduhren, seit der einzige Juwelier der Gegend dichtmachte. Pfeifer setzt den Kunden die Batterien auch gleich in ihre Uhren ein – macht dann insgesamt 3,50 Euro. Billiger gibt es das nirgendwo. Und die Rentner, die sich deshalb die Klinke seiner Ladentür in die Hand geben, bekommen kostenlos noch einen Schnack mit auf den Weg, bevor sie in die Einsamkeit ihrer vier Wände zurückkehren müssen.

Im Spätsommer muss Pfeifer raus. Dann wird die SAGA hier alles renovieren, den ganzen Block. Ist auch nötig, der Schimmel schlägt schon große Blasen an der Decke. Aber alle waren sich einig: „Der Pfeifer muss weitermachen“. Also darf er danach zurückkehren, aber dann nur noch in eine 18-Quadratmeter-Ecke seines heutigen, eh schon winzigen Ladens. Das ist jetzt die Abteilung, wo die Groschenromane lagern. Mehr Miete könnte er nach der Sanierung gar nicht aufbringen. Pfeifer macht sich nichts draus: „Ohne die Spielsachen brauch ich viel weniger Platz. Wir sind genügsam. Es hat immer zum Leben gereicht.“ Und es wird immer noch reichen, um in Wilhelmburg ein paar Menschen glücklich zu machen.