1968 oder: Weiten wat ward

Nicht wahr, da möchten jetzt wieder alle ernst und staatstragend nicken. Für viele überraschend dürfte aber sein, dass die gerahmte Weisheit des Volksmunds nicht nur für das geschichtliche Verständnis der Epoche des Nationalsozialismus gilt.

Versuchen Sie doch mal ein kleines Gedankenexperiment: Wenden Sie den plattdeutschen Sinnspruch probeweise auf „1968“ an und versetzen Sie sich in die damalige Situation.

  • Ein gesellschaftliches Klima der intellektuellen Lähmung und des mutlosen Fatalismus.
  • Ein muffiges, verfilztes, seine Pfründe verteidigendes Establishment.
  • Ein überwältigender Konformitätsdruck, vorgegeben von einer fest in Machtapparaten verklammerten Minderheit und eingebläut von willigen Helfershelfern.
  • Eine kollektive Verweigerung moralischer Selbsterforschung.
  • Ein provozierendes Vakuum der Führungslegitimation selbsternannter Eliten.
  • Eine mediale Tabuisierung und Manipulation des Offensichtlichen.
  • Ein unbearbeiteter Problemdruck, der das System an die Belastungsgrenze bringt.
  • Eine unbefriedigte Sehnsucht nach Lebenssinn und Perspektive.
  • Impulse des Umbruchs durch Verfemte von außen und innen.
  • Eine selbstbewusste Subkultur, die diese Impulse aufgreift und vervielfältigt.

Die Liste der Konsequenzen, zu denen diese Zutaten sich verdichten, ist vergleichsweise übersichtlich:

  • Eine Rebellion, die keinen Stein auf dem anderen lässt.

Meine Erfahrung nach einem halben Dutzend wirtschaftshistorischer Bücher ist: Geschichte wiederholt sich erstaunlich regelmäßig. Die Guerilla von gestern ist das Establishment von heute. Was sich ändert, sind Namen und Symbole.

Was die rebellische Subkultur angeht: Ich würde derzeit nicht nach langhaarigen Blumenkindern Ausschau halten. Schon eher nach zornigen Menschen in gelben Westen.

Der Literaturpreis, die Zweifel und ich

Ende vergangener Woche habe ich den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr 2018 erhalten. Der Rausch war kurz, die Fragen melden sich zurück: Wäre ein trostloser Wettbewerbstext nicht manchmal wichtiger – und damit preiswürdiger?
Wir Preisgekrönten und Krönenden 2018 (Foto: Literaturbüro Ruhr)

Vier Tage Zeit. Vier Tage, um meinen ersten Literaturpreis zu verdauen und wieder nüchtern zu werden an der rauen Wirklichkeit.

Da standen wir also auf der Bühne in Bochum und feierten. Wir, die Vertreterinnen und Vertreter der Literatur, der Kultur, der Zivilisiation. Ein schönes Gefühl. Alle finden warme Worte für alle, alle danken allen, alle ergötzen sich an Live-Musik, Häppchen und Socialising. Der Plural von Laudatio lautet Laudationes, lernte ich.

Und doch bleibt vier Tage später ein Schluckauf, ein Sodbrennen, das nicht vom Verschlingen der Preis-Pralinen kommt. Sondern von meinem eigenen Text.

Ich habe der Jury – und mir selbst – eine Wohlfühl-Geschichte geschrieben. Man könnte sie einfach unter „Unterhaltung“ verbuchen, wenn der Text nicht noch eine andere, verführerische Dimension hätte: eine utopische Wunscherfüllung zur Weihnachtszeit. Alles wird gut, wir schaffen das, das mit der Migration als neuer Normalität.

Vorweihnachts-Phantasie und Wirklichkeit

Meine Vorweihnachts-Phantasie vom irakischen Flüchtling und dem polnischen Opa im deutschen Traditionsverein ist in Herne so ideal verortet, dass sie fast wahr sein könnte: War nicht das Ruhrgebiet immer der „Schmelztiegel der Nation“? Hart arbeitende Menschen in einer egalitären Welt unter Tage, die Solidarität und Miteinander am Fließband produzierte? Ungeachtet der Herkunft, der Religion, der mitgebrachten Werte und Sitten?

Richtig ist: Die türkischen Bergleute wurden unter Tage „integriert“, wie vor ihnen bereits andere Landsmannschaften. In tausend Metern Tiefe ging es nicht anders als vorbehaltlos Hand in Hand. Doch in wenigen Tagen schließen die letzten deutschen Zechen. Dann ist der Bergbau im Ruhrgebiet, der einmal 600.000 Menschen Lohn und Arbeit gegeben hat, nur noch Geschichte.

Wer von nun an als Migrant ins Ruhrgebiet kommt, vielfach ohne formale Bildung, oft ohne Lese- und Schreibfähigkeit und ohne jede Kenntnis der deutschen Sprache, dafür mit dem Wertegerüst einer anderen Kultur, wird diese Integrationsmaschine nicht mehr nutzen können. Und auch die Fälle, in denen er plötzlich ins Rampenlicht des großen Fußballgeschäfts gerät wie in „Borowiaks Suppe“, werden selten sein. Meiner Wohlfühl-Geschichte zum Trotz.

Wer jetzt als Migrant ins Ruhrgebiet kommt, wird die alte Integrationsmaschine Bergbau nicht mehr nutzen können.

Es gibt Initiativen und Projekte, die diesem definitiven Schlussstrich des Arbeitsmarktes neue Erwerbschancen für „Förderungsbedürftige“ entgegensetzen wollen. Doch in einem weitgehend automatisierten und ansonsten wissensbasierten Hightech-Deutschland, in das nun Hunderttausende ohne ökonomische Perspektive einreisen, sind sie das Pfeifen im Walde.

Währenddessen steigt der Druck. Die sozialen und kulturellen Spannungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten, selbst zwischen Immigranten früherer und aktueller Einwanderungswellen, spitzen sich zwangsläufig zu, wo die Räder der Produktion stillstehen. Gerade dort, wo es nichts mehr zu erwirtschaften und zu verteilen gibt, die Zahl der Verteilungsbedüftigen aber immer weiter steigt. Das ist Makroökonomie für Anfänger, und sie ergibt den Stoff für eine andere Art von Geschichten.

Was wäre, frage ich mich, wenn ich solch eine Migrations-Geschichte einreichen würde? Eine von Überforderung, von persönlicher Überwältigung. Eine vom gewalttätigen Scheitern des Teilhabe-Traums, wie sie nie den Weg in die Tagesschau findet, weil ihr als „lokalem Ereignis“ kein bundesweiter Nachrichtenwert beigemessen wird. Und die doch überall dort, wo sie sich von Flensburg bis Freiburg lokal ereignet, ein schwarzes Loch öffnet, das Leben und Illusionen verschlingt.

Was, wenn ich solch eine Geschichte einer Jury vorlegen würde: literarisch genauso versiert, genauso scharf beobachtet, genauso pointiert wie „Borowiaks Suppe“. Nur, wie im traurigen Teil der Realität, ohne kauzige Charaktere, denen rechtzeitig der rettende Einfall kommt. Wäre das auch preiswürdig?

Literatur müsste auch bei diesen Opfern sein

Um der ganzen Wahrheit willen müssten ausgezeichnete Autorinnen und Autoren auch diese Geschichten erzählen, denn sie sind mindestens ebenso realitätsprägend für diese Gesellschaft geworden wie die Muster-Narrative der Integration. Solch eine Literatur müsste ganz bei den Opfern sein, von denen sie zu erzählen hätte. Sie müsste Stellung beziehen, nach Verantwortung fragen, die Bruchzonen des gewaltigen sozialen Experiments der Entgrenzung ausloten, dem dieses Land seit drei Jahren unterzogen wird.

Und sie müsste bei Wettbewerben Preise gewinnen: als Seismograph der gesellschaftlichen Belastbarkeit, der vor dem Punkt des endgültigen Zerbrechens warnt. Eine Rolle, die Literatur immer auch hatte, die notwendiger wäre denn je. Die aber immer weniger erwünscht scheint. 

Weil es sehr zu Recht Angst macht, solch eine Geschichte schwarz auf weiß zu lesen und keinen patentierten (Er-)Lösungsweg mitgeliefert zu bekommen, wäre ein Preisgewinn damit – vorsichtig formuliert – weit weniger wahrscheinlich als mit „Borowiaks Suppe“.

Aber selbst eine ausgezeichnete Suppe wärmt nur für begrenzte Zeit.

In Lübeck

Wie er fehlt.
Vierschrötig zärtlicher,
unbeugsam knorriger Pfeifenkopf.

Von den denkfaulsten,
billigsten seiner Feinde mit posthumem Mütchen
als „Arschloch“, „SS-Günni“ selbst- und moraltrunken denunziert
– was von links kommt, natürlich von links,
also dort, wo er selbst stand.
Als ob sie ihm ins Wort fallen dürften.
Vom Reichen des Wassers gar nicht zu reden.

Wie er selbst sich erforschte, geduldig,
mit beinah chirurgischer Neugier auf das,
was die Zwiebel beim Häuten als nächstes
ans Licht bringen würde,
ungeachtet der Tränen, die beißender Saft ja
zwangsläufig und wie nebenbei produziert.

Wie er dann aber wieder allen ins Stammbuch schrieb.
Und wie die Beschriebenen zuckten, sich wanden.
Oh so verletzlich! Nur im Austeilen stark.
So viel dünner besaitet als er.

Der das Deutsche mit seinen Ranken umkränzte
wie einen stämmigen Baum, und zuletzt noch den Grimms
ihr unter Brüdern lang überfälliges Denkmal schnitzte
(wenn auch nur – biografisch bedingt –
für die Buchstaben A bis F).

Der mit Farben, mit Pinseln,
Federkiel, Kreiden, Tonerde, Bronze
– von woher die Zeit ihm bloß zuwuchs? –
auch noch Werke von wortloser Gültigkeit formte,
anrührte, durchwalkte, abschliff und freilegte.

Ja, in erster Linie legte er frei, was ohnehin lauerte.
Welch eine Kunst das ist: eine der schwersten.

Wie er fehlt.
Wie einer von seinem Schlag heute nottäte,
um all das Blech zu zertrommeln,
all die Gläser zerspringen zu lassen,
den Betrieb aufzumischen. Diesen bräsigen, eitlen,
sich selbst nicht und sonst auch nichts mehr hinterfragenden,
mutlos Kassensturz nicht, aber Kasse doch machenden,
ständig in Angst vor dem Shitstorm verflachten Betrieb.

Wie einer fehlt, der noch Halt gibt im Sumpf.
An dessen Borke wir alle uns reiben könnten,
im Wissen: Dieser Baum fällt davon nicht.
Der Willy-Erfinder, Wortspender für das letzte Hurra
der sozialen Demokratie. Wie sein Traum verdorrte.

Wie einer fehlt, der das ganze Gekröse
samt Sehnen und Knochen, Kaldaunen und Schwarte
uns prall gewürzt auftischt.

Doch Ilsebill salzt nicht mehr nach.

© Oliver Driesen. Dieses Gedicht wurde in die Shortlist beim Polly 2019 aufgenommen.

33 Schuljahre später

Im Herbst zurück an der alten Bildungsstätte: Kalender- und Ahornblätter fallen „wie von weit“, das Spiegelbild wirkt seltsam erwachsen. War ich damals schon als Erziehungsberechtigter eingeschult worden? Eine Elegie.

Alles ist anders. Anders als ich, vor meinem Bild in der Glastür, machen Graffiti vor nichts Halt, verschonen die hintersten Winkel nicht. Bei uns, da-da-damals, gab es in meiner Erinnerung einen: „UK Subs“, diesen Tusch auf die grindigen Londoner Punker. Und den auch nur in beinah respektvollem Abstand: an der Mühlenturm-Mauer.

Ach nein, halt, noch einen zweiten, tatsächlich frech an die Schulwand gepinselt: „Great, Günter! Sherlock“. Über Nacht dort erschienen, als mein Deutschlehrer über den Schirm der Nation sich versendet hatte, bei Wim Thoelkes „Der Große Preis“: Fachgebiet Sherlock Holmes.

Die Zuschauer aber schrieben Protestbriefe an ihren Sender, weil er langhaarig und im Norweger-Pulli auftrat: „Haben die Schüler nicht Angst wegen Läusen?“

Die Jahrgänge unter uns trieben zum Abi denselben Unfug wie wir: sich ein Denkmal errichten, monumentum aere perennius, bleibender Nachweis der sauer verdienten Unsterblichkeit. Ich aber stehe nun vor ihren Werken, und sie alle verblassen, verwittern. Wie ich. Irgendwer hat auf eines davon einen Penis gepinselt, der an Ausdauer alle anderen Bildnisse übertrifft.

Nein, ihr wart nicht unsterblich. Das konntet ihr damals nicht wissen. Heute dürftet ihr, so wie ich, klüger sein, aber immer noch jünger. Was man euch auch nicht sagte: dass die Zeit in beide Richtungen fließt. Dass sie umkehrt für Wiedergänger wie mich, die zu spät, immer wieder zu spät, all das Herbstlaub zurück in die Zweige zu hängen versuchen. Es zerfällt in den Fingern.

Wer hier heute – unsterblich! – vorandrängt, dem winken schon Zaunpfähle mit einem Fächer von Zielen. Sie geben den Anschein von Orientierung, das kannte ich nicht. Für mich gab es nur: von hier aus ins Ungefähre. Alle Wegweiser zeigten in einen Nebel, der die Verheißung des Nicht-so-Seins barg. Das genügte. Es würde sich finden. Ihr aber, heute, habt Pläne. Sie bestehen aus Normen und Listen, die abzuarbeiten sind.

Ich habe zwei Kinder. Sie sind heute, was ich war, nur anders. Ihre Schule steht da, wo ich hinging, als habe sie dort schon gewartet. Denn es gibt kein Entkommen. Noch wenige Jahre, und man wird ihnen Zeugnisse ausstellen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden unsterblich.“ Fürs Erste.

Hätte nicht herkommen sollen. Und muss doch, muss es immer mal wieder. Muss um die Häuser ziehn, schnüffeln, beäugen, eine Witterung aufnehmen, die sich verlor. Was mal strahlend war, sind nun Schatten. Was verblasst war, das wurde saniert. Bloß ich finde mich nicht mehr zurecht.

Bis ich, hinter der nächsten Fassade, auf gleichbleibend Gültiges stoße. Doch selbst dieser Bewacher der Burg wird seinen Posten verlassen. Wird vergangen, wird sterblich gewesen sein, später.

Frische Firmenchronik: Aircraft Philipp Group

Da bin ich nun über viele Monate hinweg immer wieder tief im Süden der Republik unterwegs gewesen – dort, wo das Leben, das Wetter, das Essen und die Landschaft auf unfaire Weise majestätischer sind als hier auf der flachen, norddeutschen Seite des Globus. Die hatten eben nicht zufällig einen Kini (König) da unten, während bei uns nur Deichgrafen …

Aber ich will nicht jammern. Der Grund für meine langen Bahnreisen nach Oberbayern war ein erfreulicher und faszinierender, nämlich die soeben druckfrisch erschienene Firmengeschichte der Aircraft Philipp: „Rückenwind & Turbulenzen“. Recherchiert und geschrieben habe ich sie einmal mehr in bewährter Kooperation mit den Spezialisten von Pro Heraldica aus Stuttgart.

Die Story der Aircraft Philipp ist auf den ersten Blick die Chronik eines jungen, international expandierenden Unternehmens der Luftfahrt-Zulieferindustrie, das im Jahr 2018 sein zwanzigjähriges Bestehen feiern konnte.

Doch hinter diesem speziellen Familienunternehmen steckt noch mehr: die bemerkenswerte Geschichte einer Unternehmung, die an deutlich älteren Wurzeln in der Fliegerei anknüpfte – und so die (politisch nicht unproblematische) Tradition eines großen Namens erfolgreich mit der Vision eines ambitionierten Newcomers verschmelzen konnte.

In den Hallen Ernst Heinkels

Denn im Jahr 1954 hatte niemand Geringeres als der Flugpionier Ernst Heinkel den heutigen Karlsruher Standort der Aircraft Philipp gegründet, dort aber zunächst vor allem seine berühmten „Tourist“-Motorroller gebaut. Heinkels Karlsruher Werk hatte 1984 durch einen Konkurs schon vor dem Aus gestanden und war dann in kurzer Folge durch mehrere Hände gegangen.

Anfang 2006 schließlich konnte es der oberbayerische Flugzeug-Zulieferer Rolf Philipp übernehmen. Für seine Verhältnisse war auch Philipp ein Pionier der Luftfahrt: Schon vor der Jahrtausendwende hatte er, erst 29 Jahre alt, in einem umgebauten Schweinestall zusammen mit ein paar Gleichgesinnten seinen eigenen Motorsegler konstruiert – und immerhin acht Stück davon gebaut.

Nach dem Zukauf besaß Philipp damit zwei Werke: ein ganz neu errichtetes am Chiemsee und einen Traditionsbetrieb in Karlsruhe. Aus den beiden ungleichen Unternehmensteilen musste er jetzt nur noch ein funktionierendes Ganzes formen.

Und das Konzept ging auf. Auf ihrer ungewöhnlichen historischen Grundlage hat die Aircraft Philipp inzwischen selbst begonnen, die Geschichte der Luftfahrtindustrie mitzuschreiben. Flugzeugteile aus Oberbayern oder Karlsruhe fliegen in zahllosen Luftfahrzeugen von Airbus bis Boeing mit. Damit es dazu kommen konnte, mussten sämtliche wirtschaftliche Wetterlagen gemeistert werden: von „Rückenwind“ bis „Turbulenzen“.

Mein neues Buch erzählt von diesem abenteuerlichen Aufstieg der Aircraft Philipp – und ihren nicht minder faszinierenden Wurzeln.

Übrigens: Schrieb ich oben, wir im Norden würden keinem Monarchen zu Füßen liegen? Nun, zumindest ein königliches Denkmal haben wir jemandem errichtet.

Es steht ausgerechnet in der Empfangshalle von Airbus in Hamburg, die passend dazu den Glanz einer untergegangenen Ära ausstrahlt. Die besondere Atmosphäre liegt daran, dass an diesem traditionsreichen Ort am Finkenwerder Elbufer schon vor dem Zweiten Weltkrieg die Zentrale des Hamburger Flugzeugbaus stand. Und eben dort hat heute ER seinen Platz:

Ganz richtig: Die Statue ist das Bildnis von Franz Josef Strauß, dem letzten Alpenkönig. Der CSU-Monarch, Ex-Verteidigungsminister (Starfighter-Skandal!) und bayerische Landesfürst gründete fast im Alleingang Airbus und machte von München aus bis zu seinem Tod 1988 europäische Flugzeug-Industriepolitik. Ihm verdankt damit nicht nur die Aircraft Philipp als bedeutender Airbus-Zulieferer einiges, sondern ebenso die ewig sozialdemokratische Hansestadt Hamburg.

Bleibende Verdienste. Schon interessant, wem die Deutschen am Ende die Denkmäler errichten.

Nächste Chance für „Wir sind mehr“

Für Samstag, also übermorgen, planen in Hamburg Anhänger der Furkan-Gemeinschaft einen Aufmarsch. Sie wollen für die Freilassung von Alparslan Kuytul demonstrieren, ihrem organisatorischen und geistlichen Führer. Er sitzt derzeit in der Türkei in Haft.

Die Furkan-Bewegung ist eine extremistische islamistische Organisation. Laut Verfassungsschutz ist ihr Ziel die Errichtung einer sogenannten Islamischen Zivilisation, nämlich eines weltweiten Kalifats, in dem die Scharia gelten soll. Demokatische Werte wie Aufklärung, Trennung von Religion und Staat, Meinungsfreiheit, Frauen- oder beispielsweise Schwulenrechte sind dabei nur im Wege. Juden natürlich ganz besonders. In der Hansestadt haben die religions-faschistoiden Extremisten derzeit angeblich rund 150 Anhänger, vor allem rund um einen Verein mit dem unverdächtigen Namen „Jugend, Bildung und Soziales e.V.“.

Man sollte meinen: ein klassischer Fall für #wirsindmehr, #unteilbar, Rot-Grün, die Linke, Gewerkschaften, christliche Kirchen und insbesondere die Antifa. Neulich erst konnten sie gemeinsam zwischen Jungfernstieg und Gänsemarkt über 10.000 gut gelaunte Menschen gegen etwa 150 Merkel-GegnerInnen mobilisieren. Bei denen – da waren sich alle einig – habe es sich um gefährliche Radikale gehandelt, die unsere Demokratie zerstören wollen. Die Einigung des „breiten Bündnisses“ dürfte also diesmal nicht schwerer fallen. Zumal jetzt noch der Aspekt einer fundamentalistischen, fortschrittsfeindlichen Glaubensideologie hinzukommt, den liberale und linke Demokraten zweifellos erst recht verabscheuen.

Wo die kampferprobten Verbündeten nun schon einmal mit derart vielen DemokratiefeindInnen fertiggeworden sind, bietet sich hier also die nächste Chance. Ein deutliches Signal wären diesmal mindestens 20.000 GegendemonstrantInnen, denn auch auf der anderen Seite ist laut Verfassungsschutz mit wesentlich mehr als den angemeldeten 80 Teilnehmern zu rechnen.

Die Wettervorhersage ist wieder freundlich. Es wird sicher wieder getanzt, gerapt und sonstwie musiziert werden, auch die Transparente vom letzten Mal („Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“) sind wiederverwendbar. Und auch dieses Mal wieder dürften die zahllosen GegendemonstrantInnen aus der Mitte der Gesellschaft in ausgesucht bunter Kleidung erscheinen, um ein Zeichen gegen Dunkeldeutschland zu setzen.

Wie? Das hat doch mit Deutschland nichts zu tun? Meines Wissens liegt Hamburg in Deutschland. Und das hier geschieht mitten in eurer Stadt, mitten unter euch. Gegen eure Rechte, gegen eure Privilegien, gegen euren Lebensstil, wie zum Hohn auf eurer tolerantes Weltbild. Samstag, 15.45 Uhr, Kurt-Schumacher-Allee. Das geht jeden und jede von euch aufgeklärten, engagierten Demokratie-BewahrerInnen ganz direkt etwas an.

Ihr werdet doch bestimmt nicht wegsehen?

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Nachtrag, 21.10.:

Mehr als 200 Islam-Faschisten waren da. Aber wo wart ihr, links-liberale DemokratieschützerInnen, „wir sind mehr“ und Antifa? Das läuft bei euch unter Religions- und Meinungsfreiheit, gell?

Dafür liefen, ebenfalls am Samstag, etwa zeitgleich rund 100 Schwarzgekleidete mit schwarzen Regenschirmen und schwarz verklebten Mündern im Gänsemarsch durch die City: „March for Freedom“ gegen die weltweite Sklaverei.

Wie gut, dass die „Freedom“ bei uns nicht bedroht ist.

Dechiffrierung des Alltags (2)

Aufdröseln, was sonst verschwurbelt bliebe. Diesmal mit Blut-Krieger Bastian und den Saubermännern: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!

Das ist der Bastian. Bastian ist unser „Blut-Krieger“ (BILD). Damals, als wir noch Fußball konnten, wurde er von den bösen Argentiniern im Endspiel gefällt wie eine deutsche Eiche, wieder und wieder und wieder. Jedes Mal stand er wieder auf, jedes Mal hatte er eine blutende Schramme mehr im Gesicht. Nie trat und schlug er zurück, denn tief drin war er ein friedlicher Junge vom Lande. Aber am Ende dann Weltmeister. Näher sind wir dem alten deutschen Ideal „zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, sauber wie die Spielautomatenwirtschaft“ nach dem Krieg selten gekommen, und seit dem Sommer 2014 schon gar nicht.

Blut-Krieger Bastian Schweinsteiger jedenfalls weiß, wie weh unsauberes Spiel tut. Deshalb weiß er auch, wie wichtig ein sauberes ist, logisch. Deshalb wiederum hat ihn die deutsche Spielautomatenwirtschaft jetzt auserkoren, ihr neuer Sympathieträger und Vorzeige-Saubermann zu sein.

Schweini können alle rückhaltlos gut finden. Ihn auf dem Foto erkennen, sich erinnern, schwelgen. Und seine Botschaft verinnerlichen. Denn die gilt ja nicht nur für den Fußballplatz, sondern in Schweinis Worten „egal wo und was du spielst.“ Zum Beispiel an der Börse. Im Kindergarten. In der Politik. Oder eben, wenn du deine letzten Münzen in einer Automatenspielhalle verplemperst. Einsam, perspektivlos und von Hartz IV gezeichnet, in der unbegründeten Hoffnung, den Privatkonkurs doch noch abwenden zu können.

Das sagt uns der Basti: Die wollen nur Sauberkeit. Ach, das ist ja mal schön. Rechtschaffene Leute, die Spielautomatenbranchenleute.

Aber selbst diese Bastian Bastion des Idealismus hat heutzutage schwer zu kämpfen:

 

Sie kämpft den guten, den sauberen Kampf. Steht immer wieder auf. Trotz Fouls. Trotz Blutgrätsche. Für ein legales Spiel. Das ist es ja im Grunde nur, ein Spiel. Hey, bloß Spiel! Nicht existenzvernichtend krankhaftes Unglücks-Gedaddel und Ausbeutung eines industriell induzierten Gierreflexes, sondern fröhliche, entspannende Unterhaltung im zwanglosen Austausch mit einem ausgeklügelten mathematischen Profitabilitätsmodell.

Es ist nichts Geringeres als la légalité, für die sie kämpfen. Legalität – statt illegaler Internet-Spielhöllen, wo unlizensierte und nicht TÜV-geprüfte Casino-Webseiten den arglosen Spielern Stromschläge über die Tastatur verpassen. Wo neben dem Laptop die Flasche lauert. Wo versteckte Trojaner pausenlos ihre Manipulationen an den heimischen Rechner funken: „Überweis mir mehr Geld! Mehr! MEHR! Und jetzt noch das Häuschen, das dir Erbtante Annemarie auf dem Totenbett überschrieben hat!“

Nicht mit der deutschen Automatenwirtschaft! Sie hat die fünf goldenen Regeln, die so etwas verhindern. Also zumindest, dass jemand wirkliche Regeln aufstellt. Verpflichtende Regeln. Gesetzliche Regeln. Strafbewehrte Regeln. Solche, die das Ausbeuten des Spiel- und Gewinntriebs tatsächlich untersagen oder zumindest stark einschränken würden. Regeln zum Schutz der Angreifbaren vor den Angreifern.

Da! Ein Eichhörnchen!

Derartige Regeln würden vielleicht stattdessen heißen: Kein Zutritt ohne Nachweis finanzieller Eigenverantwortung und ausreichender Spielsucht-Resistenz. Keine Geschäfte mit der Sucht. Keine Ausschüttungsquote, die den Spieler gegenüber dem Spielautomatenbetreiber strukturell benachteiligt, dass es die Sau graust. Übernahme der Therapiekosten für Suchtopfer und Ausgleich der ihnen entstandenen materiellen Schäden.

Aber es gibt ja zum Glück schon strenge Normen („geprüfte Qualität“), weshalb sich der Gesetzgeber nicht mehr zu kümmern braucht. Die Arbeit hat ihm die Industrie abgenommen. Er kann beruhigt woanders hinschauen – da, ein Eichhörnchen!

Die deutsche Spielautomatenwirtschaft ist nämlich eigentlich eine Art Social Enterprise, eine Nichtregierungsorganisation mit Verantwortung für, ähm, Verantwortung. Und nicht einfach nur eine weitere Lobby, die durch eine fadenscheinige „Selbstregulierung“ die wirkliche, unerlässliche, längst überfällige Regulierung ein weiteres Mal abzuwenden sucht.

Ohnehin besser, wenn der Staat wegschaut. Allein in Nordrhein-Westfalen sind allein im Jahr 2014 rund 1,5 Milliarden Euro in den Geldschlitzen der Automaten verschwunden. Davon bekommt jetzt nicht nur Basti, der saubere Blut-Krieger, ein kleines Fotohonorar. Es bleibt auch noch was übrig für die darbenden Kommunen am Tropf der Spielautomatensteuer.

Wenn das nicht fair ist.

Happy 70, Hamburger Abendblatt! 80 wirst du kaum noch werden.

Das Hamburger Abendblatt, die einzige „Qualitäts“-Tageszeitung für die zweitgrößte Stadt Deutschlands, ist jetzt 70 Jahre alt. Auf endlosen Seiten feiert sich das Blatt in seiner Wochenendausgabe dementsprechend erst mal selbst, bevor die eigentliche Zeitung losgeht.

Dabei gibt es – jenseits von Nostalgie – nichts zu feiern. Und es bedarf schon viel Phantasie sich vorzustellen, dass im Jahr 2028 der 80. Geburtstag noch erreicht wird.

Man könnte tausend Gründe nennen, warum das Abendblatt den Niedergang der deutschen Mainstream- und insbesondere der tagesaktuellen Newsmedien auf den Punkt bringt wie kaum eine andere Zeitung.

Man könnte über die Kaputtspar-Mentalität schreiben, die in den späten Neunzigerjahren schon in den Ursprungsverlag Axel Springer Einzug hielt (der es heute allerdings schafft, seine „Welt“ wieder ziemlich flottzumachen). Über die Praktikantisierung und Prekarisierung aller originär journalistischen Aufgaben. Über den immergleichen, bräsigen Stiefel, den das Abendblatt seit Jahrzehnten daherschreibt über die immergleichen Themen, die immer weniger Abonnenten ausschließlich in den wohlhabenden Hamburger Stadtteilen interessieren. Über das Buckeln vor der Macht in Senat, Werbewirtschaft und Hafen. Über die Denk- und Schreibverbote, die bleischwer und unausgesprochen auf der Redaktion lasten.

Man könnte über den 2014 vollzogenen Verkauf an die Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe) sprechen, wodurch dem zombiehaften Nachrichtenmedium indes nicht ein Funke neuen Lebens eingehaucht wurde. Sondern im Gegenteil: Das Blatt dümpelte strategielos weiter dahin – bis auf die Strategie, insgeheim noch mehr am Journalismus zu sparen (was eigentlich gar nicht mehr möglich war). Während sich Geschäftsführer und Executives in Essen die Taschen füllten und bis heute füllen.

Man könnte über die Abendblatt-App schreiben, die immer noch wirkt wie ein Produkt von 1998, oder über die 2018 geplante „Online-Offensive“, die nur eines ans Licht bringen wird: dass man bei Funke keinen Schimmer hat, wie „Online“ im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert aussieht (keinesfalls so wie die furchtbare WAZ-Homepage). Oder wie man es erfolgreich „monetarisieren“ könnte. Nämlich in Form, Vielfalt und Funkion mindestens ein wenig angelehnt an Zeitungen wie den britischen Guardian oder die New York Times.

Apropos Times: Dort, 5000 Kilometer weit weg, berichtet man informativer über den Hamburger Osten als im Zentrum des hansestädtischen Qualtitätsmedienbetriebs. Der Schritt über die Alster scheint vom Hudson aus nicht ganz so mühsam zu sein.

Aber all das ist oft genug beschrieben worden, teilweise mit bitterem Galgenhumor, nicht zuletzt in diesem Blog.

Daher zum runden Geburtstag des Frühvergreisten stattdessen an dieser Stelle nur noch ein kurzer Blick auf das, was laut Hamburger Abendblatt von heute außer dem Hamburger Abendblatt sonst noch in aller Welt stattgefunden hat.

Auf Seite 48 nämlich, unter „Aus aller Welt“, berichtet die Printausgabe der Zeitung an diesem 13. Oktober 2018 über ein Feuer im ICE auf der Strecke Köln-Frankfurt (die verläuft bekanntlich in aller Welt). Ein vierspaltiger Artikel mit zwei Bildern und einer Grafik.

Und nicht ein Wort über die Brandursache. Nicht nur, dass man sie nicht nennt (das wäre verständlich, weil sie noch nicht endgültig feststand). Nein, man wirft nicht einmal die Frage nach der Ursache auf. Was die Leser dieses Beitrags selbstverständlich tun, noch bevor sie ein Wort gelesen haben. Ein ICE ist ausgebrannt, hey, das kann passieren, aber alle sind wohlauf. Die Journalisten stellen die Warum-Frage im Artikel einfach nicht, das kommt ihnen nicht in den Sinn.

Qualitätsjournalismus Ende 2018: Sie sagen höchstens noch, was ist (respektive im Politikteil, was sein sollte). Warum es ist, wie es ist, wollen sie nicht mehr wissen. Sie recherchieren und analysieren nichts mehr bezüglich irgendwelcher Ursachen. Aber die Gefühle, die das, was ist, bei den davon Betroffenen auslöst, die werden immerhin ausgiebig abgefragt und niedergeschrieben. Denn Gefühle, hat der Praktikant gelernt, erzählen die Geschichte so schön „am Menschen entlang“.

Solch ein Hilfsschuljournalismus genügt Ihnen nicht? Dann schreiben Sie dem Abendblatt doch einen Leserbrief! So mit Briefmarke vorn drauf und ab zum Postamt. Vielleicht wird er dann sogar in einer der nächsten Print-Ausgaben veröffentlicht.

Denn mal eben online kommentieren können Sie beim Abendblatt leider nichts. Keinen Bericht, keine Glosse, keinen Leitartikel. Das würde alle viel zu nervös machen. Es würde die Welterklärer-Weisheit der Redakteure auf den Prüfstand des common sense stellen. Am Ende würden gar Debatten entstehen. Und Ihre unbotmäßige Meinung müsste man dann immer kostenaufwändig durch 450-Euro-Kräfte wegmoderieren lassen. Die letzte bürgerliche Großzeitung der zweitgrößten Stadt Deutschlands bittet daher um Verständnis. Und möchte jetzt nicht mehr beim Feiern gestört werden.