Komplett Impressionen Exotische Energie

Written By: Oliver Driesen - Apr• 25•12

Guten Tag, ich hätte gern die blend-a-med complete impressions Exotic Energy, haben Sie die?

Mein Herr, wir sind ein Starbucks Coffee Shop, bei uns können Sie einen Starbucks Java Chip Choclate Cream Frappuccino bekommen!

Mag sein, doch ich möchte gerne bei der Dame meines Herzens complete impressions hinterlassen mit meiner Exotic Energy. Kann Ihr … Dings das?

Da empfehle ich Ihnen eher den Starbucks Discovery Qandi Latte Caramel. Wegen Latte, zwinker!

 

Zurückzwinker! Aber hat der auch den aufregenden tropischen Geschmack von Ananas, Mango, Pfirsich und Cupuaçu für ein prickelndes, frisches Gefühl in ihrem beziehungsweise meinem Mund?

Cupu … was?

Cupuaçu. Eine Pflanzenart aus der Gattung Theobroma in der Familie der Malvengewächse. Reife Früchte verströmen einen starken, angenehmen Duft. Sie sind braun und dicht mit einem Flaum kurzer Haare bedeckt.

Ähm. Wie gesagt: Wir sind ein Starbucks Coffee Shop und unser Starbucks Discovery Qandi …

Ohne U?

Wie bitte?

Qandi ohne U nach dem Q! Das verstößt gegen die deutsche Rechtschreibnormung. Was ist das überhaupt?

Ein Ready To Drink Take Away Easy To Use Full Flavor Low Fat Milchmischgetränk.

Gut, o.k., packen Sie’s ein. Und einen Kaffee zum Mitnehmen.

Ham wa nich. Das wär’s dann? Nächster!

Ein Wochenende auf Zollfrei

Written By: Oliver Driesen - Apr• 16•12

Preisfrage: Welche deutsche Insel zeigt dieses Foto? Antwort: natürlich Helgoland. Deutschlands einzige Hochseeinsel ist aus Gründen, die kein Mensch nachvollziehen kann, zoll- und mehrwertsteuerbefreit. Sie gehört somit steuerrechtlich nicht nur nicht zu Deutschland, sondern nicht einmal zur EU. Das hat für eine einzigartige Wirtschaftsstruktur gesorgt. Es ist ein wenig wie mit dem Kleinen Gallischen Dorf (TM), in dem die eine Hälfte der Bevölkerung Hinkelsteine haut und die andere Hälfte Wildschweine fängt, um die Hinkelsteinhauer zu ernähren, die wiederum mit Hinkelsteinen für diesen Service bezahlen. Auf Helgoland bauen die Menschen Parfum, Schnaps und Zigaretten an. Jedes Geschäft bietet eine vollkommen identische Palette dieser Güter feil, der Abwechslung halber zusätzlich auch Schneekugeln sowie Plüschrobben.

Bringt der linke Nachbar dem rechten Plüschrobben auf den Teller, entlohnt der rechte den linken dafür mit Seife, wahlweise Bommerlunder, und zum Nachtisch gibt’s Schneekugeln. Beliebt ist auch der Austausch von drei Tosca-Fläschchen gegen eine Pulle Stroh-Rum. Alkoholtechnisch ist man dann in etwa auf dem gleichen Level und kann dem nationalen Lieblingshobby nachgehen, dem Rumgröhlen in nächtlicher Stille. Denn Helgoland ist auch die stillste deutsche Insel. Man hat dort nicht nur Autos verboten, sondern sogar Fahrräder, so dass das geräuscharme nächtliche Funkeln der Sterne nicht einmal vom Quietschen schlecht geölter Tretlager unterbrochen wird. Sondern eben vom Rumgröhlen, das aber auf der Insel ein Anbetungsritual der allgegenwärtigen Schöpfung darstellt. Schon das Wort Helgoland kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet “Heiliges Land”. Die Wallfahrten dorthin hießen früher Butterfahrten, aber bei manchen Pilgern stellte sich trotzdem keine Erleuchtung ein:

 

Über so viel Unglaube können die Einheimischen natürlich nur lachen. Sie halten sich an die feste Regel: Wo eine (Plüsch-)Robbe drauf ist, gibt es was zu essen. Wo eine Flasche drin ist, gibt es was zu trinken – oder Parfum. Damit sollst du Handel treiben! Alles dazwischen ist von Übel (Festland).

So spielt sich denn das wirtschaftliche Leben auf Helgoland zwischen Ober- und Unterland ab. Die Warenströme werden dabei zum großen Teil über eine Freitreppe zwischen beiden Insel-Niveaus abgewickelt. Auf halbem Weg steht ein Fahnenmast. Um die merkwürdigen Gäste aus dem fernen Europa zu begrüßen, hisst die Bevölkerung hier jeden Morgen die fremdartige Flagge. Das heißt, eine kräftige ältere Dame vom Balkan in einer Kittelschürze tut das für sie. Ich weiß das, weil ich dabei war, als sie abends aufmarschierte, die Flagge wieder einholte und in eine EDEKA-Plastiktüte stopfte, mit der sie treppab nach Hause schlurfte. “Jeden Tag zweimal”, steufzte sie mir in den nicht vorhandenen Notizblock. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben auf Helgoland. Man kann nur hoffen, dass zuhause eine Plüschrobbe auf die Dame wartete.

P.S.

Nun besteht aber Helgoland auch noch aus viel Rot, Grün und vor allem Blau – mit anderen Worten: aus ebenso unverkäuflicher wie entzückender Natur. Ein empfehlenswertes Hotel, um das herauszufinden, ist dieses. Dort gibt es zum Frühstück weder Robbe noch Tosca, sondern durchaus schmackhafte kontinentale Esswaren. Es müssen also versteckte Handelsströme mit diesem “Europa” existieren, von dem man jetzt immer so viel hört.

Kein Flausch

Written By: Oliver Driesen - Apr• 16•12

Dies ist kein Blog, das für Katzen- und andere Flauschfotos bekannt wäre. Es geht hier eigentlich um den größtmöglichen Kontrast zu Flaum und Kulleraugen: um Wirtschaft und deren Einfluss auf unser aller Leben. Warum also diese Bilder schnäbelnder Basstölpel auf den berühmten Vogelfelsen von Helgoland?

Vordergründig, weil ich am Wochenende mit einem ganzen Rudel Hamburger und anderer Blogger dort war. Was es für das arglose Eiland in Deutschlands hohem Nordwesten bedeutet, wenn Anhänger des Online-Kults über seine Felsen hereinbrechen, darüber haben Berufenere aus der Reisegruppe schon geschrieben, zum Beispiel hier und hier. Es ist überwiegend kurios, meistens unschädlich, gründlich bewusstseinserweiternd und daher durchaus nachahmenswert. Doch bei diesen Fotos hier geht es um etwas anderes. Im folgenden zum Beispiel um ein rötliches bzw. gräuliches Gewölle, das aussieht wie ein Knäuel aus Nähgarn und auf dem die Basstölpel sitzen.

Es sind teils haarfeine, aber kaum zerreißbare Nylonfäden von Fischernetzen. Und sie bringen die Vögel um. Denn die picken die todbringenden Maschen, die für uns nur Plastikmüll sind, an den Stränden als Nistmaterial auf und erhängen oder erwürgen sich dann damit, wenn sie in den roten Felsen von Helgoland zu Tausenden ihre Nester bauen. Mit einem guten Fernglas kann man zwischen den nistenden und brütenden Seevögeln hunderte tote Tiere in unterschiedlichen Stadien der Verwesung entdecken.

Es ist dies hier eben ein Blog über Wirtschaft: Wie sie uns immer wieder einholt, selbst im vermeintlichen Natur-Idyll, das Helgoland ja andererseits durchaus auch ist. Wie wir eingreifen und an uns raffen und vereinnahmen und später ohne Rücksicht auf Verluste wegwerfen, was uns wertlos oder lästig geworden ist, und wie wir uns damit am Ende selbst am gründlichsten berauben. Das ist der Teufel, der im Detail lauert – nicht nur in Fotos von den Klippen von Helgoland.

Titanic: Trau keinem Eisberg über 100

Written By: Oliver Driesen - Apr• 14•12

Dies ist angeblich der Eisberg, den heute um 23.40 Uhr vor genau 100 Jahren die Titanic gerammt haben soll (Quelle: Wikipedia). Das Foto machte nach Angaben der Online-Enyklopädie am folgenden Morgen der Chefsteward des Dampfers Prinz Adalbert wenige Kilometer südlich der Unglücksstelle. Er hatte am Eisberg nahe der Wasserlinie rote Farbspuren entdeckt, die er für Lacksplitter der Titanic hielt.

Doch das kann nicht sein. Denn wie wir alle wissen, ist das Schiff damals wohlbehalten in New York angekommen und erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem es zum alliierten Truppentransporter umfunktioniert wurde, so zerschossen gewesen, dass es 1946 im Hafen von Hong Kong abgewrackt wurde. Zumindest erinnert sich der 104-jährige Ex-Passagier Billy Sloman, der in der Eisberg-Nacht als Kleinkind an Bord war, an keine Kollision. Dafür sehr deutlich daran, vom Deck der Titanic aus die Freiheitsstatue bewundert zu haben.

Da sieht man mal wieder, welch unvorhersehbaren Verlauf die Weltgeschichte bisweilen nimmt.

Wirtschaftswunderbilder (15)

Written By: Oliver Driesen - Apr• 11•12

Wenn ich ein Tattoo-Studio hätt’, wüsst’ ich nicht, ob diese Nadel mein ideales Aushängeschild wär’ …

Andererseits: Dit is Ballin (Friedrichshain). Da muss dit so, weeßte …

Mein Leben als Geist

Written By: Oliver Driesen - Apr• 10•12

Es gibt diese Szene aus einem älteren Woody-Allen-Film, in dem Allen als Familienvater an dem Problem leidet, sich zunehmend in einen Schemen zu verwandeln: Er wird im wörtlichen Sinne immer unschärfer und transparenter, bis er nur noch vage vor sich hin flimmert. Seine Kinder finden das gar nicht schockierend, sondern lustig und aufregend, sie rufen angesichts ihres blässlich-verwischten Vaters begeistert im Chor: “Daddy’s out of focus! Daddy’s out of focus!” Dasselbe passiert mir gerade – im noch weiter fortgeschrittenen Stadium.

Ich bin zum Geist geworden. Zum Ghostwriter eines Buches. Das bedeutet: Mich gibt es gar nicht. Es gibt die bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, in deren Namen ich das Buch verfasse. Es ist das Buch dieser Persönlichkeit, ihr Name wird auf dem Cover stehen. Ihre Gedanken werden darin zum Ausdruck kommen. Es sind gute, wichtige Gedanken, es ist ein wichtiges Buch. Aber wer spricht dort eigentlich? Das ist verwirrend, selbst für einen Geist.

Dass es mich nicht gibt, daran bin ich gewöhnt. Bevor ich zum Geist wurde, war ich ja schon 18 Jahre lang ein Medium. Nicht Medium im Sinne von Schamane, der mit Geistern Verstorbener spricht, sondern Medium im Sinne von Nachrichten-Mittler. Auch der Journalist ist ja persönlich total uninteressant (auch wenn er sich meist für umso interessanter hält). Er soll nur transportieren, was die wirklichen Nachrichtenmacher oder wahlweise seine Verlagsherren zu sagen haben. Man lernt, während man auf diesen Werkzeug-Status reduziert ist, eine Menge Interessantes über die Nachrichtenmacher im wirklichen Leben und im vermittelten Leben, zu dem man beiträgt. Man lernt zunächst genau hinzusehen und zuzuhören, und dann vor allem zwischen den Zeilen zu lesen. Ein Medium ist der perfekte Beobachter und Analytiker. Keine schlechte Voraussetzung für mein Leben als Geist.

Die zweite gute Grundlage: Ich habe schon drei eigene Bücher veröffentlicht. Da wird man dann plötzlich selbst zur Person, man liest öffentlich, man wird interviewt und um seine Einschätzung gefragt, Menschen hören und sehen einem dabei zu, man schreibt für sie sogar seinen Namen mit Füllfederhalter ins Buch, obwohl er schon außen auf dem Cover steht. Seht, da ist ein Autor! Der Mann hat ein Buch verfasst, der muss etwas zu sagen haben! Seltsam – aber so steht es geschrieben. Und gut zu wissen, wie es sich anfühlt.

Doch nun habe ich mich, nach der Evolution vom Werkzeug zur Person, vollständig in meine geistigen Partikel aufgelöst. Puff! Dies ist kein Rückschritt, meine Damen und Herren! Wenn Sie jemals Tucholsky gelesen haben, wissen Sie, dass es sich um das Hinaufschreiten einer Treppe gehandelt hat. Nämlich einer ähnlichen wie der von T. selbst skizzierten:

Wobei: Ich schweige ja gar nicht. Im Gegenteil: Mit der real existierenden Persönlichkeit, in deren Kopf ich seit kurzem wohne, habe ich mir tagelange Wortgefechte geliefert, wie es denn da oben richtig zu ticken habe. Also in meinem Geisterkopf, nicht in ihrem echten. In dem tickt es schon hoch präzise, sonst käme da ja kein interessantes Buchmaterial raus. Aber ich, als vergeistigter Untermieter ihres Kopfes, muss ja erst mal synchron ticken lernen. Darum ging es bei unseren Scharmützeln. Währenddessen genoss ich die wirklich spektakuläre Aussicht aus ihren Bürofenstern und viele Espressi. Am Ende war ein ungefährer Gleichtakt sichergestellt. Jedenfalls glaube ich das. Wie gesagt, der Prozess dauert an.

Aber wer spricht denn dann am Ende aus dem fertigen Buch? Ich würde sagen: 90 Prozent Person X und elf Prozent ich, der Ghost. “Das sind ja zusammen mindestens 121 Prozent!”, rufen jetzt die Skeptiker. Falsch, rufe ich zurück, das eine überschüssige Prozent ist reine Magie! Geister-Mathematik: Die 90 Prozent sind der Gedankenstrom, den Person X sozusagen in mich, ihr Gefäß, hat hineinströmen lassen. Woraufhin es in diesem Gefäß angefangen hat zu reagieren wie in einem Kessel mit Zaubertrank. Zehn Prozent sind meine hartnäckigen Nachfragen, um zu verstehen, welche Essenz da mit welcher Substanz reagiert. Und dieses eine Zusatz-Prozent entsteht, wenn der Ghost sich mit dem Werk der Person, deren Namen auf dem Cover stehen wird, zu identifizieren beginnt, als ob es sein eigenes wäre: Kongruenz. Eine übrigens wunderbare Erfahrung.

Ich könnte jetzt sagen: Kauft das Buch und seht selbst, ob die Rechnung aufgeht! Aber mich gibt es gar nicht. Gäbe es mich, hätte ich ein umfassendes Schweigegelübde abgelegt. Der Agentenfilmsatz “I’m afraid I’m not authorized to discuss this” gehört jetzt zu meinem Berufsethos. Noch beeindruckender fand ich im Kino immer nur “That noise? Oh, that’s just my chopper coming!” und “We’ve got to get out of here!” Das allerdings sind Sätze für Autoren aus Fleisch und Blut. Nicht für mein Leben als Geist.

“Verschanzt euch nicht hinter Paragrafen!”

Written By: Oliver Driesen - Apr• 01•12

(Foto: Christian Grund)

Stuttgart 21 lässt grüßen: Die neue Ausgabe von concepts, dem Kundenmagazin des Essener Baudienstleisters HOCHTIEF, widmet sich unter anderem den “Wutbürgern”. Über dieses sehr deutsche Phänomen, das aus mangelnder Beteiligung der Bürger bei der Planung von Infrastrukturprojekten resultiert, sprach ich mit einem, der es besser macht. Dr. Renzo Simoni ist Bauherr des Gotthard-Basistunnels in der Schweiz – mit 57 Kilometern demnächst der längste Eisenbahntunnel der Welt. Eigentlich müsste es hier längst Wut und Krawall gegeben haben: Wie bei fast jedem Großprojekt verzögert sich auch hier die Fertigstellung um Jahre (von 2012 auf 2016), wird alles sehr viel teurer (von 8 auf über 13 Milliarden Franken mit hohem Steuergeldanteil) – und dann sind seit Baubeginn 1999 auch noch acht Menschen im oder am Berg gestorben.

Doch die Schweizer rebellieren nicht, im Gegeteil: Die Eidgenossen betrachten den Gotthard-Basistunnel als “Volksbaustelle”, zu deren Infozentren an Wochenenden die Ausflügler in Scharen strömen. Sie wurden ja auch von Anfang an gefragt: Bei einer Volksabstimmung 1992 stimmten fast 64 Prozent für das Mega-Vorhaben. Auch später bestätigten sie per Referendum das neue, an die gestiegenen Kosten angepasste Finanzierungsmodell. Und laufend gibt es Ausgleichsverfahren mit den Anwohnern einzelner Streckenabschnitte außerhalb des Bergs.

Es lässt sich halt über alles reden – wenn man es ernst meint und dem Volk reinen Wein einschenkt. Aber Vorsicht: Das könnte in Deutschland als revolutionär gelten.

Das ganze Interview können Sie hier lesen.

 

Neues aus der Dienstleistungsgesellschaft

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 26•12

 

City-Marketing: Nieselregen von seiner sonnigsten Seite

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 23•12

Aus einer großen Provinzstadt kommend (Hamburg, Bild oben: Straßenlaterne in St. Georg), führt mich mein mittelmäßig aufregendes Leben häufiger in kleine Provinzstädte. Und was soll ich sagen: Die wollen auch leben. Dazu leisten sie sich immer häufiger ein so genanntes City-Marketing, weil man das in den großen Provinzstädten schließlich auch hat.

In den kleinen wird es dann häufig beim örtlichen Amt für Fremdenverkehr und Gartenzwergwesen angesiedelt, und zwar in Form von Herrn Kolschewsky. Herr Kolschewsky ist der Cousin des besten Freundes des stellvertretenden Kreisverwaltungsdezernenten für Grünflächen und Bahnhofs-Erotik, also quasi von Natur aus zuständig für: alles. Und ganz besonders für Bahnhofsverschönerungsmaßnahmen, die ja auch zur Kernkompetenz von City-Marketing-Experten gehören. So wie beim Bahnhof von Viersen.

Viersen liegt nicht bei Verona und auch nicht bei Valencia, sondern in En-Er-We, am Niederrhein. Wo meist, außer zum Zeitpunkt dieser Aufnahme, ein kräftiger Wind einen extrem kühlen Nieselregen vor sich hertreibt. Die einheimische Fauna ist deshalb geprägt von schräg stehenden Kopfweiden, die von der westlichen Seite alle dick bemoost sind (Wind und Regen kommen hier traditionell von Holland rüber).

Aber das ist ja auf Dauer kein Zustand, wenn man internationale Besucher schon am Bahnhof  in Hochstimmung und Investierlaune versetzen will. Also hat Herr Kolschewsky viel Geld in die Hand genommen und den Bahnhof in ein Klein-Verona bzw. Klein-Valencia verwandelt. Es handelt sich hier übrigens um das Hauptportal des Gebäudes und, äh, einen vollständigen Überblick über die gesamte Palmengartenanlage.

Gut, es gab da diesen Wintereinbruch, kurz nachdem Herr Kolschewsky die Palmenplastikpötte von ihrem ursprünglichen Standort in der düsteren Eingangshalle nach draußen befördert hatte. Aber inzwischen erholen sie sich prächtig und haben auch noch überhaupt kein Moos angesetzt (Foto: Blick aus Richtung Westen).

Und dank der Palmenwanderung können die Herren aus Valencia und Verona den Gipfel freudiger Erregung nun beim Verlassen von Viersen erklimmen statt bei der Ankunft in finsterer Halle. Das Verlassen von Viersen – ich spreche aus Erfahrung – ist sowieso das Beste, was das Stadtmarketing an Attraktionen zu bieten hat.

In Gütersloh hingegen – einer weiteren NRW-Kreisstadt, die Zeilensturm-Lesern in zahlreichen Beiträgen unter anderem wegen des garantiert hässlichsten Rathauses der Welt ans Herz gewachsen sein dürfte – in Gütersloh also widmet sich der örtliche Herr Kolschewsky  sich lieber denjenigen, die sich schon hoffnungslos im Herzen der City verfranst haben. Ihnen wird sogar der Thron des regierenden Konsumenten angeboten – ja, in Gütersloh ist der Hmmm-hmm noch Hmmm-hmm (siehe erklärendes Schild)!

Wie? Natürlich ist das ein Thron! Er ist nur gerade etwas nass, weil es auch in Gütersloh gerne kaltnieselregnet. Aber er ist nicht bemoost! Und zu weich sitzen ist ja auch gar nicht gesund. Und noch nie was von Bettelkönigen gehört?

Wenn der Regen nachlässt, wird es in Gütersloh Zeit, den Rasen zu mähen. Und da hat sich das City-Marketing eine große Leistungsschau vor der örtlichen Hauptkirche ausgedacht. Frühlingszeit ist Gartenzeit! Auf dem Bock des größten Modells können Sie danach direkt in die Kirche brummen und einen Dankespsalm auf die Kreativität der Provinz schmettern.

Denn hier treibt der Wahnsinn nach wie vor die buntesten Blüten.

 

Wenn Welten kollidieren: Die Reichen und die Ethik

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 22•12

Vor einem halben Jahr konnten Zeilensturm-Leser hier über ein erstaunliches und ermutigendes Phänomen lesen: Immer mehr Reiche in den USA fordern, höher besteuert zu werden, um die extreme Schere zwischen dem privaten Wohlstand weniger und der öffentlichen Verarmung zu schließen. Leider ergeben diese Pioniere zusammen natürlich trotzdem nur ein gefühltes Promille des einen Prozent der US-Bürger, in deren Händen sich der Großteil des nationalen Vermögens befindet.

Nun hat sich Tony Shin von der Illustratoren-Vereinigung d.scriber bei mir gemeldet und einige visualisierte Daten zur Ethik der übrigen 99,999% dieses einen Prozents nachgelegt. Die daraus resultierende Grafik sehen Sie unten. Alle Erklärungen sind auf Englisch, deshalb übersetze ich hier wenigstens kurz die Quintessenz:

“Untersuchungen (die Quellen sind ganz unten aufgeschlüsselt, OD) legen den Schluss nahe, dass sozial und finanziell besser Gestellte mit höherer Wahrscheinlichkeit lügen, betrügen und sich sonstwie unethisch verhalten als diejenigen, die weiter unten auf der sozialen Leiter stehen.”

Das scheint keine sensationell neue Erkenntnis. Aber im Detail liegt die Würze: Wussten Sie zum Beispiel, dass in den USA Haushalte mit einem Jahreseinkommen über 100.000 Dollar 2,7% davon für wohltätige Zwecke spenden, Haushalte mit weniger als 25.000 Dollar jedoch 4,2%?  Oder dass 32% der reichen Männer ihre Frauen betrügen, aber nur 21% der ärmeren?

Behalten Sie all das im Gedächtnis, wenn Sie den nächsten republikanischen Präsidentschaftskandidaten Sonntagsreden über “amerikanische Werte” halten hören. Oder wenn – in hoffentlich mehr als 100 Jahren – die nächste Bundespräsidentenwahl ansteht.