Der unsichere Gehilfe

Written By: Oliver Driesen - Dez• 14•14

flattr this!

 

Ein Vorweihnachtsmärchen aus dem Qualitätspressesektor

WP_20141212_21_15_00_Pro

Es war einmal ein Herr, der hatte einen Gehilfen. Der Gehilfe aber war sich selbst und seiner Sache alles andere als sicher, ja er war ein äußerst unsicherer Gehilfe und als solcher ein Taugenichts und Tunichtgut.

Schickte sein Herr ihn fort, damit er ihm etwa mit einem Botengang hülfe, so ließ der unsichere Gehilfe oft nicht nur das auszutragende Paket liegen, nein, er vergaß geradewegs seinen Kopf. Darauf musste der Herr ihn dann zurückrufen, so laut er eben konnte, denn meist war der Gehilfe schon fast am Horizont verschwunden, eh er’s bemerkte, so unsicher war er.

Doch eines Tages ward es dem Herrn zu bunt, und er rief ihn zum letzten Mal zurück: “Du unsicherer Gehilfe und Lumpensack! Nie wieder sollst du für mich Botengänge erledigen, die ich selbst noch eher fertigbringen würde als du!” Da ward der Gehilfe sehr betroffen. Doch wie’s der Herr gesagt hatte, so geschah’s. Der nämlich hatte sich wohl überlegt, wo er ihn abgeben könnte. Und so fand der unsichere Gehilfe sich, kaum dass ein Klick vergangen war, in der Online-Redaktion des Hamburger Abendblattes wieder.

Hier nun sollte er sich wenigstens als Redakteur noch nützlich machen. Doch gleich in seinem ersten Artikel schrieb er über Gehstänge und Behnutzer – worauf er selbst hier hinausgeworfen wurde. Dies sei nicht das Niveau eines weltoffenen hanseatischen Qualitätsblattes.

Und die Moral: Sei als Gehilfe besser sicher, sonst reicht es nicht einmal zum Online-Redakteur.

Wie die Medien den “Hools” kräftig Zulauf verschaffen

Written By: Oliver Driesen - Nov• 04•14

flattr this!

Das Phänomen “HoGeSa” (Hooligans Gegen Salafisten) erschüttert die ohnehin fragile Selbstsicherheit des deutschen Bürgertums. Die gewalttätige Kölner Demonstration von rund 4000 Fußball-Schlägern im Schulterschluss mit Neonazis (aber wohl auch einigen kurdischen Gruppierungen und sogar manchen “Normalbürgern”)  hat denn auch die meinungsführenden Medien aufgeschreckt: “Hohl, Gemein und Saugefährlich” deutete etwa Spiegel-TV die Abkürzung der ins abrupte Rollen gekommenen Bewegung um.

Selbstverständlich gibt es mehr als genug Belege dafür, dass diese These auch zutrifft – die triumphale Anwesenheit des führenden Neonazis “SS-Siggi” und der Hass-Band “Kategorie C” auf der Krawalldemo waren vielleicht nur die plakativsten. Doch mit einer solchen Kurz-Analyse machen es sich die pflichtschuldigst besorgt dreinblickenden Moderatoren und Redakteure etwas einfach. Sie selbst nämlich erreichen die marginalisierten Unterschichten mit ihren Botschaften vom akzeptablen staatsbürgerlichen Verhalten schon lange nicht mehr – wenn sie es denn je getan haben.

“Man macht sich so seine Gedanken”

Man muss nur die einschlägigen Blogs, Web- und Facebookseiten der Szene studieren, um festzustellen, dass die “System-” oder “Mainstreammedien” heute mit zum Feindbild Nummer 1 dieser anschwellenden Gruppen und Netzwerke geworden sind – auf demselben Hass-Level etwa wie Salafisten (in Wahrheit Moslems, in noch wahrerer Wahrheit dunkelhaarige Ausländer sowie Asylbewerber und Flüchtlinge ganz allgemein). Und “Bullen”. Und “System-Politiker”.

Aber eben auch die bürgerlichen Polit-Journalisten, gleich ob von FAZ, taz oder Zeit. Ein paar Kostproben (inklusive aller Rechtschreibfehler und Formulierungsschwächen, die aber hier nicht vom Thema ablenken sollten):

Sau gefährlich ist für die Mainstreammedien die Situation, dass ihnen die Deutungshoheit entgleitet. Weil sich die Bevölkerung zunehmend aus den Onlinemedien im Internet informieren. Sau gefährlich für Mendienschaffenden und Redaktionen ist die zunehmend sinkende Glaubwürdigkeit der der Leitmedien wie Spiegel, ARD, ZDF, u.a. Da ist ihnen wohl die Deutungshoheit entglitten und da haben sich freie Bürger doch glatt organisiert, ohne, dass es die Mainstream-Redaktionen mitbekommen haben.

(User “media-watch” im antimuslimischen Blog PI-News)

Man versucht mit allen Mitteln die normalen Bürger von Ho.Ge.Sa zu verschrecken. Wir sind es leid diese schlechten Berichte zu sehen nur weil ihr keine Informationen bzw. Interviews von uns bekommt. Wir sagen noch einmal, gemeinsam sind wir stark!Ps.(allgemeine Presse) solange ihr weiter nur Lügen & Müll verbreitet, braucht ihr uns keine Medienanfragen senden.

(Das HoGeSa-Organisationsteam auf seiner Website über den Bericht in Spiegel TV)

Nicht nur der Spiegel,sondern Alle Zeitungen,zensieren und sagen nicht die Wahrheit.Jeder,der 1+1 zusammen zählen kann,macht sich so seine Gedanken.

(User “Kalle” auf derselben Seite)

Kein Zweifel: ein unappetitliches, rohes und undifferenziertes Meinungsgebräu, an dem sich bürgerliche Journalisten ungern die Hände schmutzig machen. Sie könnten sich zudem dem Vorwurf ihrer Kollegen aussetzen, “Verständnis” zu haben. Und doch ist genau dies ein hässlicher, aber virulenter und bedeutungsvoller Teil des so oft geforderten “demokratischen Diskurses”. Und die Leitmedien, aber in ihrem Gefolge natürlich auch die immer weniger werdenden Titel der Provinzpresse, ignorieren ihn, blenden ihn aus, so lange sie glauben zu können. Es ist ja nicht ihre Klientel, diese Menschen zahlen ohnehin nicht ihre Abos. Allein: Lange wird das vielleicht nicht mehr gutgehen.

Gucci statt Großdeutschland

Die Frage ist zunächst: Warum greifen “die” Medien offenbar zunehmend kürzer in ihrer Berichterstattung und Ursachenforschung zu einem sich dramatisch zuspitzenden sozialen Phänomen – so dass oft schon mit dem Stempel “Nazi” vermeintlich genüge getan ist? (Wobei es interessant ist, auf den Facebook-Seiten mit glühenden HoGeSa-Supportern zahlreiche Klarnamen und Profilbilder junger Frauen zu finden, die durchaus eher zum Lebensziel “Gucci” als “Großdeutschland” zu passen scheinen.)

Die Gründe für diese Ignoranz dürften zahlreich sein und untrennbar verwoben mit der allgemeinen Medienkrise, die jetzt schon weit in ihr zweites Jahrzehnt und damit wirklich an die Substanz der Demokratie geht. Die Praktikantisierung der Redaktionen zum Aufpäppeln der Margen bringt eine drastische Verkürzung des historischen und sozialen Gedächtnisses mit sich, ebenso wie des analytischen Radars, das nur durch Erfahrung und Einsichten aus erster Hand statt aus Agenturmeldungen gezielt eingesetzt werden könnte.

Da ist die (teils sogar ins Unbewusste verdrängte) vorauseilende Hörigkeit vieler (Chef-)Redaktionen gegenüber Werbekunden, Lokal- und Bundeswürdenträgern, Verlegern und Controllern, aber auch einflussreichen Interessensgruppen ausschließlich des “bürgerlich-liberalen” oder maximal “liberal-konservativen” Bereichs eines viel größeren Prismas. Seit Jahrzehnten ist sie vielen Kritikern auffällig gewesen,  die sie durchaus eleganter zu belegen und zu formulieren wussten als die “Hools” ohne Bildungsabschluss oder Dr. rer. pol. Insofern sind diese Zustände oft beklagt gewesen, nur noch nicht von allen.

Neu hingegen ist die zunehmend besinnungslose  – und von stigmatisierten Gruppen wie Islam-Phobikern oder Deutschtümlern sehr genau wahrgenommene – Abfertigung und Brandmarkung mit Begriffen wie “Nazi”, “deutsche Dumpfmichel”, “braune Horden”. Igitt, mit denen kann man nicht diskutieren, man kann sie nur verbieten. Problem gelöst. Ja, aber für immer kürzere Zeiträume, bis zur nächsten, immer größeren Krawalldemo.

Die Antwort der Ungefragten

Warum darf dieser Teil des Meinungsspektrums nicht eine Minute länger missachtet und gar bemitleidet werden? Es liegt eigentlich auf der Hand: Hier bricht sich nur in zweiter Linie die Stimme der Gewalt Bahn, in erster Linie jedoch die eines immer weiter anwachsenden, komplizierten Mosaiks aus Menschen, die sich durch Massen-Zuwanderung “Fremdartiger” einerseits und Verdrängung aus ihrem ehemals “deutschen” (will sagen Heimat gebenden) Mikrokosmos bedroht sehen. Es ist – ohne dass dies pathetisch-sentimental klingen soll, dafür ist das Bedrohungspotenzial zu real – die im Reflex einstimmige Antwort der Ungefragten, der bildungs- und arbeitsfern Sitzengelassenen, aber auch und ganz besonders der sozial heimatlos gewordenen Schichten.

Ihnen stellt sich der “Staat” und damit der Medienbetrieb als eine korrumpierte, die eigenen “Peers” immer wieder befördernder und recycelnder, sie selbst hingegen nur mit Verboten und der “Nazi-Keule” bearbeitende Black Box dar. Ein unzugänglicher, unverständlicher Apparat, der es ihnen gerade dadurch leicht macht, sich an Verschwörungstheorien zu berauschen und gegenseitig zu bestärken. Es sind dabei bezeichnender Weise immer mehr ursprünglich wohl “bürgerlich” zu nennende Menschen, die indes inzwischen ohne Perspektiven dastehen und/oder sich von der weiter verschärfenden Dynamik durch Turbokapitalismus einerseits und Flüchtlingszustrom andererseits eingekesselt fühlen.

Wer im (metaphorischen) Kessel hockt, schlägt um sich. Oder er sympathisiert, längst nicht mehr nur klammheimlich, mit einer heraufdämmernden neuen “Ordnungsmacht” wie der HoGeSa. Denn sie setzt in seinen Augen denen da oben (Staat, Medien) ebenso wie denen da unten (Flüchtlinge, Migranten, Salafisten) endlich Taten statt Worthülsen entgegegen. Dass die Taten aus perspektivloser Gewalttätigkeit und Brutalität bestehen, fällt ihnen im Verschwörer-Rausch nicht länger auf oder sie akzeptieren es sogar mit dem Schauer des Keybord-Revolutionärs.

Das Keyboard gibt ihnen Macht

Denn das Keyboard, in Verbindung mit sozialen Medien, gibt ihnen Macht. Heute haben es eben nicht mehr nur die “System-Journalisten” zur Hand, sondern jeder, egal wie unappetitlich seine Meinung oder Haltung ist. Das spielt Extremisten jeder Couleur in die Karten, der IS ist nur das drastischste Beispiel dafür. Diese Macht sich zu vernetzen und aus Worten schließlich (ziellose oder zerstörerische) Taten werden zu lassen, wird von den behäbigen Meinungsmedien des Bürgertums nach wie vor sträflich unterschätzt.

Die einhellige Meinung unter den zigtausenden Stigmatisierten, nach denen diese Gesellschaft inzwischen zählt, ist, egal ob “links”, “rechts”, “islamistisch”, “doitsch” oder “christlich-fundamentalistisch”: Die da oben reden schon lange nicht mehr mit uns, also reden wir jetzt auch nicht mehr mit denen. Letzte Konsequenz: politische und Zirkel- und Kurzschlüsse bis hin zu wirklich bürgerkriegsartigen Szenarien.

Es liegt nun an den “bürgerlichen” Medien, in vielleicht vorletzter Stunde einen aufrichtigen, geduldigen und systematischen Versuch zu wagen, sich in die Gedanken- und Lebenswelt dieser Stigmatisierten oder Sinnversehrten zu begeben und danach zu fragen, was sie benötigen würden in dieser Gesellschaft, die ansonsten schon bald auf der Kippe stehen könnte.

 

Flüchtlingsheim im reichen Viertel: die Masken fallen

Written By: Oliver Driesen - Okt• 22•14

flattr this!

Immerhin lassen sie jetzt die Maske fallen. Bislang wehrten sich Bewohner von Hamburgs weißer Villen-Idylle Harvestehude mit vorgeschobenen Gutmenschen-Argumenten gegen das in ihrer Nachbarschaft geplante Flüchtlingsheim an den Sophienterrassen (“Die armen Menschen finden hier ja gar keine günstigen Einkaufsgelegenheiten.” “Anderswo könnte man fürs selbe Geld viel mehr unterbringen.”) Ansonsten setzten sie auf die bewährte Taktik, das deutsche Planungsrecht und damit den Faktor Zeit für sich bzw. gegen die Flüchtlinge arbeiten zu lassen.

Doch inzwischen hat sich herumgesprochen, dass bislang etwa drei Viertel der nach Hamburg strömenden Flüchtlinge im ohnehin “kaufkraftschwächeren” Osten bzw. Süden der Stadt einquartiert wurden, aber nur etwa ein Viertel in den besser betuchten Vierteln westlich der Alster – und bislang noch immer überhaupt keiner im Superreichen-Quartier Harvesthude. Zugleich müssen weiterhin immer mehr Menschen in der Hansestadt untergebracht werden, denn die Verhältnisse im Rest der Welt sind nun einmal nicht ganz so friedvoll wie im Auenland am künstlichen Seeufer.

Da wirken solche pseudo-besorgten Äußerungen nicht mehr ganz so uneigennützig und überzeugend, wenn drei Viertel des übrigen Stadtgebiets mehr oder weniger zähneknirschend ihren Teil der sozialen Lasten schultern, als die massenhafte Armutsunterkünfte natürlich in der Tat begriffen werden können. Und so gingen die Vorbereitungen für die erste Notunterkunft in Alsternähe aus Sicht mancher Harvestehuder denn auch beunruhigend konkret weiter. Bis zu 250 überwiegend nichtweiße und nichtblonde Menschen sollen hier konkret eine provisorische Heimat finden.

Deshalb haben einige Bewohner des kleinen gallischen Wehrdorfs  jetzt die nächste Stufe ihres Widerstands-Feuerwerks gezündet: die juristische. Und da gibt es keinen Grund mehr, sich weiterhin als Menschenfreunde zu tarnen; im Schutz von Anwälten wird Tacheles geredet. Im Eilantrag an das Hamburger Verwaltungsgericht stellen die drei Initiatoren laut Hamburger Abendblatt gleich mal fest, die Flüchlingsunterkunft sei

“mit einem erheblichen Störungspotenzial verbunden, das einem geschützten Wohngebiet fremd und unverträglich ist.

Das Wort “geschützt” ist hier besonders delikat: geschützt wodurch? Durch Stacheldraht und Minenfelder? Bislang schien dies ein Stadtteil mit legalem Zugang auch für Normalsterbliche zu sein; durch den Bau der weitgehend “eingefriedeten” Superluxuswohnanlage an den Sophienterrassen (Eigentumswohnungen ab ca. 1 Mio. Euro) mag sich das im Rechtsempfinden der Immobilienbesitzer geändert haben.

Und geschützt wovor? Vor dem Elend jener Weltregionen, durch deren strukturelle Ausplünderung so mancher Hanseat erst in die Lage versetzt wurde, am Alsterufer zu wohnen? All diese Fragen und Antworten stecken semantisch in einem einzigen Wort eines deutschen Eilantrags.

Und das ist nicht etwa eine an den Haaren herbeigezogene Interpretation. Die Autoren konkretisieren nämlich ihr Schutzbedürfnis vor einer Unterkunft für Wirtschafts-, Kriegs- und Klimaopfer im folgenden auch noch ganz explizit:

“Da die Bewohner zum größten Teil ohne Beschäftigung sind, muss damit gerechnet werden, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Für beträchtliche Zeiträume werden sie sich außerhalb des Gebäudes und in der näheren Umgebung aufhalten.

Das Grauen,  das Grauen. Möglicherweise halten sie sich dann nicht nur auf und atmen den rechtmäßigen Quartiersbewohnern die gute Luft weg; vielleicht kommen sie vor lauter Langeweile auch noch auf die Idee, sich die umstehenden Gebäude genauer anzusehen und sich Gedanken über deren Inhalt zu machen. Zumal dieser Inhalt, sofern er annähernd lebendig ist, sich die meiste Zeit ebenfalls außerhalb seines Gebäudes aufhält und es nicht einmal bewohnt, sondern im Büro oder auf Barbados seinen Geschäften nachgeht.

Einen besonderen Eintrag in das Wörterbuch des Unmenschen sollte in diesem Kontext die Formulierung “dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt” finden. Tiefenpsychologisch ließe sich geheimes Wunschdenken herauslesen.

Aber jeder Horror – sogar die Aussicht auf Arbeitslose, die sich außerhalb eines Gebäudes aufhalten – lässt sich noch steigern:

“Insbesondere Kinder mit ihrem Bewegungsdrang werden zu einer erheblichen Unruhe führen.

Und das, wo man selbst reindeutsche Gören in Harvestehude doch seit geraumer Zeit erfolgreich ausgemerzt hatte. Wie hier von Kindern gesprochen wird, entlarvt das scheinbar bedrohte Paradies am Alsterufer als das, was es in Wahrheit ist: eine geschlossene gerontologische Station für Besserverdienende.

Wenn dieser Eilantrag vor Gericht durchkommt, wird das de facto einen Baustopp und das Ende einer zumindest symbolhaft sozial gerechteren Unterbringung von Flüchtlingen bedeuten. Dann heißt es sozialgeographisch in Hamburg weiterhin konsequent: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. In dem Fall müsste man an dieser “weltoffenen Handelsstadt” und ihren dann offiziell legitimierten Apartheidsstrukturen verzweifeln.

Bild 1

Der Menschenmaler

Written By: Oliver Driesen - Okt• 04•14

flattr this!

Sein Name ist Glumm, einfach nur Glumm. Natürlich hat er auch noch einen Vornamen, Andreas, aber der tut wenig zur Sache, wenn einer schon so heißt. Und wenn einer dann noch so schreiben kann, dann geht man hin, zumal er in Hamburg auftritt, man wäre ja schön blöd. Es war eine seiner ganz seltenen Lesungen in der Öffentlichkeit, und das – durchaus angemessen – gleich neben der graffitiverschmierten und putzbröckelnden Roten Flora im “Gebäude 73″ am Schulterblatt. Dort, in einem Ambiente aus Tresen, Bars und Alkohol, feiernder Crowd, Widerspenstigkeit, Einsamkeit, halbgaren Gefühlen, spätem Punk und politischer Rebellion, las heute abend Andreas Glumm aus Solingen. Nach glaubwürdigen Statistiken einer der meistgelesenen literarischen Blogger Deutschlands. Er las nur etwa 30 Minuten lang einige Texte aus seinen beiden Blogs. Doch das genügte, um wieder sicher zu wissen: Hier gibt es eine Stimme, die anders klingt als das glatt gehobelte, marketingkonforme Einheitsgeplapper einer “unangepassten” Befindlichkeitsliteratur.

PA030040

Glumm war nicht allein an diesem Abend. Es lasen auch noch seine Blogger-Kolleginnen Sabine Wirschling aus Berlin und Candy Bukowski aus Hamburg. Die beiden kannte ich vorher nicht. Es war aber hilfreich, sie im selben Rahmen zu erleben. Denn das machte noch einmal die Unterschiede klar zwischen einer “Entdeckt mich, bitte!” heischenden Form des Selbstmarketings und der eher schüchternen, im besten Sinne unprofessionellen Menschenmalerei eines Glumm.

Jenseits von Selbstmarketing

Kein Zweifel, die beiden Damen hatten den Vortrag ihrer Texte gründlicher geprobt und gekonnter inszeniert als Glumm, der Blogger aus kleinen Verhältnissen im Bergischen Land. Das flüsterte, miaute, dröhnte und kokettierte, wie es sonst nur ausgebildete Bühnen-Profis hinbekommen. Anders bei Glumms Auftritt: Da sitzt ein großer Junge von über 50 Jahren mit rheinisch-bergischem Zungenschlag, der nie von seinen Textblättern aufblickt, weil die Scheinwerfer ihn blenden und jeden Kontakt zu seinem Publikum unterbinden, was er sicher nicht für ein Unglück hält.

Dafür aber besticht er in seinen Geschichten mit einem ebenso röntgenscharfen wie unerschütterlich gutwilligen Blick auf die kleinen Leute, die diese Welt nun einmal mehrheitlich bevölkern. Wie er den schweifen lässt, das muss man am besten selbst mit- oder nachlesen. Bei Glumm zählt nur der Text, und das ist, frei nach Wowereit, auch gut so. Denn darum geht es doch: die Texte selbst zum Sprechen zu bringen, aus Buchstaben Welten zu erschaffen. Alles weitere ergibt sich im Kopf des Publikums.

Was liest man da also? Wenn man wie ich vier, fünf Jahre dabei ist, dann hat man sich unrettbar in einer Welt festgelesen, die anfangs fremd und doch irgendwann schon erschreckend vertraut erscheint. In ein Solinger Kleinstadt-Universum voller Typen, die Heinrich Zille im Berlin um das Jahr 1900 porträtiert oder vielleicht noch Kurt Tucholsky ebendort um 1930 belauscht hätte. Es ist bevölkert von  Taugenichtsen, Tresenkönigen, Quartalssäufern, Heroinjunkies,  Dauerpubertierenden, Kleingeistern, Dummschwätzern, Glücksrittern, Aushilfsjobbern und Nachteulen, von reinblütigen Spinnern und Querulanten, Lottospielern, Tagträumern und schon längst vom Leben Abgehängten. Sie alle zeichnet Glumm mit ganz feiner Feder, denn er kennt sie alle und hat alles erlebt, was auch sie erlebt haben.

Zerbrechlich wie Glas

Und dann gibt es die Familie, den inneren Kreis. Für ihn schreibt Glumm sich die Seele aus dem Leib. Für die “Gräfin”, seine blaublütige Lebenspartnerin Susanne Eggert, die sich als Bildhauerin und Malerin durchschlägt und dabei immer für überraschende, warmherzige, zutiefst lebenskluge Aphorismen und Erkenntnisse über das Dasein als solches gut ist. Für die Hündin Frau Moll, die zum Haushalt gehört und Glumm und Gräfin täglich zu weiträumigen Spaziergängen durchs Bergische, Kleinbürgerliche nötigt. Für die bescheidenen, anspruchslosen, nichtsdestoweniger geliebten Eltern, die irgendwann beide ans Ende ihrer Tage gelangen, was wir in allen menschlichen Facetten bis zum allerletzten Schluss und darüber hinaus miterleben (wer dabei nicht weint, wie beide am Ende ganz gläsern werden und dank Glumm doch ihre Würde behalten, der ist wahrscheinlich selbst schon tot). Nicht zu vergessen die engen, stets wiederkehrenden Freunde und Saufkumpane – alle schon vom Leben gezeichnet, aber warum sollte Glumm das nicht auch noch einmal tun.

Seine Erzählungen sind Geschichten vom Rand des sozialen Geschehens, aber mit einer solchen Fokussiertheit, dass wir stets vor dreidimensionalen, unvergleichlich präsenten Figuren stehen, deren Glaubwürdigkeit durch nichts zu erschüttern ist und mit denen man sofort bedingungslos fraternisiert. Dass all dies nicht selten auch zu Lachtränen hinreißt, liegt an der schamlosen, aber eben nie würdelosen Art, wie Glumm diese Figuren durchs Leben stolpern lässt. Da muss dann bisweilen selbst der eigene Vater dran glauben, dessen Sackfalte im Urlaub am Gardasee während des Nickerchens sehr irritierend unter dem Badehosensaum hervorlugt – es sind alles nur Menschen wie du und ich.

“Wir sind Kriechtiere”

Das atmet eine Weisheit und Gewitztheit, aber auch einen gutmütigen Witz, wie sie vielleicht nur eine Existenz an der Grenze des Erträglichen hervorbringen kann. Der Autor selbst hat eine Menge durchgemacht mit halluzinogenen Substanzen, viel länger und kompromissloser als vertretbar, aber da fängt es schon an: nach welcher Norm eigentlich vertretbar? Glumm hat sein Lebtag nie dem Anspruch stattgegeben, nach bürgerlich-profitablem Maßstab verwertbar zu sein. Er hat sich diesem Verwertungsinteresse stets so konsequent verweigert, dass daraus nur Literatur werden konnte – mit der traurigen Pointe, dass bis heute kein Verlag den Mut oder das Können aufbrachte, Glumms antibürgerliche Lebensskizzen endlich zum überfälligen Kurzgeschichtenband oder, was gleichviel wäre, zum philosophischen Standardwerk zu verdichten und auf den Markt zu bringen.

Aber nicht nur an der Verlagsindustrie, auch am Autor kann die Fangemeinde in dieser Hinsicht bisweilen verzweifeln. Wenn man Glumm fragt, wann die Gräfin und er denn mit ihren kreativen Potenzialen endlich aus dem Schatten ins mediale Rampenlicht zu treten gedenken, dann sagt er typischerweise etwas wie: “Wir sind Kriechtiere, so was dauert bei uns unendlich lang.”

Dabei wäre es verdammt noch mal höchste Zeit, dass genau dies passiert. Dann würde einer noch größeren Kundschaft vor Augen geführt, dass es eben doch ein richtiges Leben im falschen gibt: eines, das allen Zumutungen der Außenwelt zum Trotz mit Gebrüll und Melancholie bis zur Neige gelebt wird. Ganz ohne Bausparvertrag.

PA030052

Wo bleibt das Flüchtlingsheim in Harvestehude?

Written By: Oliver Driesen - Sep• 14•14

flattr this!

Wie in Hamburg die Unterbringung der immer weiter anschwellenden Zahl von Flüchtlingen behandelt – und örtlich behindert – wird, legt einen tiefen Graben offen: In nur leicht abgewandelter Marx’scher Begrifflichkeit ist es der Graben zwischen Elend und Kapital.

Hier wirkt offensichtlich, nein, eben nicht offensichtlich, eine perfide Abschottungs-Effizienz einiger der wohlhabendsten Bürger dieser Stadt, die wie keine andere in Deutschland soziales Gefälle in mentale Landkarten mit No-Go-Areas übersetzt. Oder welcher Eppendorfer Reeder-Sohn, welcher Othmarscher Architekt würde schon in normalen Zeiten je freiwillig einen Fuß nach Wilhelmsburg oder Allermöhe setzen? Es gibt dort ja nur arme Menschen. Die gibt es zwar auf Kölns “schääl Sick”, der sozial “schiefen Seite” östlich des Rheins, auch. Dort aber lässt sich mancher Bauunternehmer und manche Ratsfrau auch noch nach Feierabend blicken, wenn in irgendeinem Off-Theater ein angesagtes Stück läuft.

In Hamburg hingegen muss die soziale Frage angesichts der im idyllischen Auenland der Hansestadt anklopfenden Krisenherde aus aller Welt offenbar noch zugespitzt werden: Welcher Harvestehuder Immobilienmakler lässt zu, dass Flüchtlinge einen Fuß ins Reich der weißen Villen an der Alster setzen?

Planvoll ins Dickicht

Hamburg ist wie viele deutsche Metropolen, allen voran Berlin, und kaum anders als Mittelstädte und Landgemeinden an der Grenze seiner Kapazitäten beim Wohnraum für neu ankommende Flüchlinge angelangt. Der Großteil von ihnen wurde bislang in den sozial ohnehin schwächeren Osten und Südosten der Stadt verfrachet. Schon die Zentrale Erstaufnahme am Neuländer Platz in Harburg ist überfüllt; selbst die notdürftig errichteten Zelte für weitere 100 Menschen reichen nicht mehr hin.

Ein Funke genügt, um daraus resulstierende Spannungen explodieren zu lassen. Als in Harburg vergangene Woche nach Beobachtungen von Anwohnern Krankenwagen mit Experten in Seuchenschutzkleindung vorfuhren, lag sofort ein schrecklicher Verdacht in der Luft: Ebola im Flüchtlingslager? Es war offenbar ein Fehlalarm, aber selbst der mit Sicherheit wiederkehrende Verdacht lässt schon Massenhysterie und Kurzschlussreaktionen in drangvoller Enge befürchten.

Derzeit fehlen rund 4000 Plätze für Flüchtlinge in Hamburg. Nicht nur Containerdörfer und Zeltstädte, sondern auch Wohnschiffe mit festen Liegeplätzen werden derzeit als Notmaßnahmen ventiliert – die Neunzigerjahre mit ihren negativen sozialen Folgen solcher schwimmenden Elendsquartiere ohne Ausweichzonen scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. In dieser Situation wirkt es wie ein Hohn, wenn das noch vor sechs Monaten intensiv disktutierte Flüchtlingsheim an den Sophienterrassen von Harvestehude keinen Meter im Planungsdickicht voranzukommen scheint. Es ist aber kein anarchistischer Hohn. Es ist planvolles Vorgehen.

Kein adäquates Flüchtlings-Shopping

Zur Erinnerung: 220 Flüchtlinge und Asylsuchende sollten in einer eigens für 5 Millionen Euro umgebauten ehemaligen Bundesimmobilie nahe dem Alsterufer, in einer Nachbarschaft edler Villen und teurer Boutiquen, unterkommen. Sehr begrüßenswert, damit auch diese Quartiere ihr Scherflein an Solidarität beitragen und die neue soziale Gemengelage einüben können, die ärmere Stadtteile seit längerem mehr oder weniger stoisch absorbiert haben. Doch in Harvestehude, einem der bei weitem einkommensstärksten Gebiete der Hansestadt, organisierte sich im April wenig überraschend der Widerstand. Flüchtlingselend, bei uns? Absurd!

Nur die dafür ins Feld geführten Argumente waren dort beim Bürgerabend sehr viel subtiler als auf schwarzbraunen Versammlungen in Arbeiter- und Sozialrentnerquartieren. Ein Anwohner etwa gab zu bedenken, es sei doch nicht sozial, wenn man Flüchtlinge hier unterbringe, wo man doch “im Osten” für dasselbe Geld die fünffache Menge stationieren könne. Und außerdem: Diese armen Menschen würden doch an der Alster nicht recht glücklich werden – denn es gebe hier doch überhaupt keine günstigen Einkaufsläden. Ein Blick auf Google Maps indes hätte genügt, um in zehn Fahrradminuten Entfernung gleich mehrere Lidl-, Aldi- und Pennymärkte zu entdecken. Aber, um fair zu sein: Solche Orte hat ein gängiges SUV-Spitzenmodell für die Dentistengattin ja auch gar nicht auf dem Navi.

Ende des Erinnerungs-Exkurses. Nach diesem Ausdruck große Sorge wurde es erst einmal still in Harvestehude, verdächtig lange still. Es ist inzwischen klar, was in dieser sechsmonatigen Stille passierte: sehr, sehr wenig. Denn die Flüchtlinge, sie werden nicht wie vorgesehen in diesen Wochen einziehen. Zunächst einmal musste die Planung nämlich europaweit ausgeschrieben werden. Ganz recht, europaweit. Schließlich sollten auch isländische Architekten die Chance haben, an dieser dringlichen humanitären Aktion der Unterbringung Benachteiligter mitzuwirken.

Haben alle Staaten der EU ihre Vertreter ins Rennen geschickt, dann muss der Bezirk Eimsbüttel die Baugenehmigung erteilen, und dann – nein, dann können immer noch keine Notleidenden aus aller Welt ans Alsterufer. Denn dann werden die Bauleistungen ausgeschrieben, wenn auch nur bundesweit. Wie lange das dauert? Nach Informationen des Hamburger Abendblattes ist diese Frage “völlig offen”.

Gute Gespräche mit gutem Gewinn?

Wenn ich aufgrund meiner Verdienste um die Hamburger Wirtschaft in der gesegneten und – sichtbar wie unsichtbar – vielfältig eingefriedeten Quadratmeile von Harvestehude lebte und ein Flüchtlingsheim in meinem Hinterhof verhindern wollte, wie würde ich vorgehen? Ich würde wahrscheinlich ein paar wohlgezielte Anrufe in die Staatskanzlei tätigen. Ich würde ein paar Namen fallen lassen, ein paar sehr gute Rotweine in ebenso guten Restaurants trinken und dabei noch einmal so gute Gespräche führen. Und dann würde ich Gewissheit haben, dass deutsches Planungsrecht Weile braucht, um zu reifen.

Oder um den irgendwann glücklicherweise wieder veränderten Umständen, dereinst im Jahr 2024, durch Fallenlassen eines nun nicht mehr benötigten Projekts Rechnung tragen zu können.

Höllentrip auf Kassenkosten

Written By: Oliver Driesen - Aug• 26•14

flattr this!

Oliver D., Zivildienstleistender in einem Düsseldorfer Altersheim von 1985 bis 1987, ist jetzt bei der Bundeswehr. Diese überraschende Wendung ging passender Weise mit einem Abschuss los. Abgeschossen hat mich eine Hamburger Rettungswagenbesatzung – mit einem Cocktail aus 25 mg Ketanest, intravenös, 4 mg Dormicum und 15 µg Sufentanil. Zuhause, während ich bewegungsunfähig auf dem neuen Parkettboden im Wohnzimmer lag. Zu dem Zeitpunkt allerdings wusste ich weder Namen noch Dosierungen. Der Einfachheit halber stellte man mir alle zusammen als “das Medikament” vor.

C. hatte die Maschinerie in Gang gesetzt, den Notruf 112 gewählt, nachdem ich es aus dem Bad – beim Duschen war noch alles prima gewesen – mit ihr als Stütze gerade noch ins Wohnzimmer geschafft hatte und dort bei ansonsten vollem Bewusstsein verkrümmt zusammengesackt war. Akute Iliosakralgelenk-Blockade heißt der Fachbegriff wohl. Für den medizinischen Laien: schneidende Schmerzen im Lendenwirbelbereich, die man keinem wünscht. Die einen in drei Sekunden von 100 auf 0 reduzieren, auf ein Bündel Mensch, das sich nicht mal mehr auf die Seite drehen kann und merkwürdig fremdartige Jammerlaute ausstößt.

Auch C’s massierende Hände helfen diesmal nicht, ebenso wenig der wärmende, mit Getreidekörnern gefüllte Stoffsack aus der Mikrowelle, sonst bewährt gegen kalte Füße und sonstige Zipperlein, nichts, gar nichts hilft. Also Notruf. Ich kann ja nicht ewig so daliegen. Irgendwann werde ich aufs Klo müssen. Und ins Büro.

Jetzt sind sie absurderweise zu sechst, hoch über meinem Kopf, nahe der Zimmerdecke: zwei von der Feuerwehr, first responders, von der 112-Zentrale in Marsch gesetzt, und gleich vier Mann/Frau hoch die RTW-Besatzung, wiederum von den Wehrleuten zwecks Abtransport herantelefoniert. Vor unserem Haus muss es aussehen wie der Wagenpark des Hamburger Katastrophenschutzes zur Sturmflut 1962, schön was zum Gucken für die Nachbarn. Zwölf schwere Arbeitsstiefel auf dem neuen Parkett, auf dem auch eine interessante Menge Schokokrümel der Kinder zu studieren ist.

Nur ein ICE schmerzt mehr

Der jüngere der beiden Feuerwehrmänner hatte schon versucht, mir einen Infusionszugang in die Vene des Handrückens zu legen, war aber an meiner Vene abgerutscht und hatte beim Versuch, ein Blutbad zu verhindern, seinen Daumen gefühlte zehn Minuten mit Nachdruck auf die Einstichstelle gepresst. Den zweiten Versuch hatte ich mit der Bitte abgelehnt, das doch einfach den Notarzt machen zu lassen, der kenne sich doch sicher aus. „Zweiten Versuch hat er verweigert“, fasst der junge Mann es jetzt für die Notärztin noch mal mit etwas anderem Zungenschlag zusammen. Die hat inzwischen selbst – erfolgreich – die Braunüle in die Ellenbeuge meines linken Arms installiert. “Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie stark sind Ihre Schmerzen?” Neun, lüge ich, um nicht zehn zu sagen. Zehn bleibt Menschen vorbehalten, die vom ICE überrollt werden.

Gut, da wird also was in mich reintropfen, aber was ist nun mit Büro? „Wenn wir Ihnen dieses Schmerzmittel geben, müssen wir Sie auch mitnehmen“, sagt eine Stimme, vermutlich die Notärztin. Erst finde ich das zuviel der Fürsorge, aber kaum fließt das Zeug aus dem Tropf in die Vene, beginnt auch schon die Zimmerdecke, sich zu drehen. „Das ist normal, das ist das Medikament“, sagt ein Kopf über mir. „Ist wie ein LSD-Trip, genießen Sie’s!“

Es ist aber nicht, wie ich mir einen LSD-Trip zum Genießen vorstelle. Es ist ein einziger, vollkommen unerwarteter, ansatzloser, beispielloser Höllentrip: einmal Nahtod – und dann doch noch mal zurück. Dabei lag ich gerade noch morgens um halb zehn auf meinem Parkettboden und dachte bloß, verdammt, du kommst zu spät ins Büro wegen dem Scheiß. Sie werden dir eine Spritze in den Hintern geben, wie früher schon einmal der kassenärztliche Bereitschaftsdienst, und dann werden die Schmerzen langsam nachlassen, du wirst dich langsam rochrappeln, noch eine Proberunde zu Fuß durch den Park drehen und dann aufs Fahrrad steigen.

Aber die Decke dreht sich immer schneller. „Kann sein, dass Ihnen übel wird“, sagt eine andere Stimme bestätigend, weshalb nun auch noch der potenzielle Brechreiz ausgeschaltet werden muss. Und dann bekomme ich noch mit, dass sie ernsthaft darüber diskutieren, ob sie mich mit der Drehleiter der Feuerwehr über den Balkon aus dem zweiten Stock runterhieven. Da sei aber die Birke im Weg. Aber die starre Rettungstrage macht im engen Treppenhaus Probleme. Also dann das „Rettungstuch“, das dann auch gleich unter meiner stabilen Seitenlage hindurchgezwängt wird. Ah, noch mehr Schokokrümel, interessant! Meine Hände und Füße sind schweißig und eisig zugleich. „Sie fühlen sich ziemlich kalt an, junger Mann!“ Ja, aber es dreht sich ja auch alles, dreht sich alles, dreht sich, dreht.

Eyes wide shut

Und dann höre ich mich nur noch selber reden, weil um mich herum alles ganz eng wird, immer enger, wie in einem Strudel, aus dem es kein Entkommen gibt. Ob meine Augen geöffnet oder geschlossen sind, kann ich nicht mehr unterscheiden, obwohl es gar nicht finster ist, sondern – verwirrend gemustert, würde ich sagen. Eine Art Brausen hebt an und droht alle Kommunikation unmöglich zu machen, weshalb ich mich laut und ungefragt Bericht erstatten höre über meinen Zustand, immer dasselbe wiederholend, in etwa dies: Ich kann nichts fühlen, kann nichts fühlen, nichts fühlen. Da ist auch gar nichts mehr, kein Parkett, kein Boden, kein Unten, kein Oben. Keine C., keine Kinder, keine Rettungssanitäter.

Meine Sätze werden immer kürzer, die Wörter dafür immer länger, wie ins Gravitationsfeld eines Schwarzen Lochs gesprochen: Mir ist kalt – kaaaalt – kaaaaaaaaaaaaaaaaaalt! Für einen Sekundenbruchteil wird das undefinierbare Muster ersetzt durch etwas anderes, eine massive Struktur aus identischen weißen Kacheln. Das Treppenhaus? Etwas vibriert ganz heftig, aber was, ist unklar. Wo bin ich – woo – wooooo? „Sie sind in einem Rettungswagen!“ Und aus unerklärlichen Gründen: „Bundeswehr“. Ein paar Stimmen lachen über irgend etwas, das wohl ich bin. Aber ich sehe mit offenen Augen nichts Bestimmtes.

Dann kippt wieder alles weg, ist wieder Brausen und Tunnel, ein weißer, gleißender Tunnel. Oh je, der sprichwörtliche weiße, gleißende Tunnel. Etwas Enormes, Endgültiges ist nicht mehr weit entfernt, mutmaßt mein geschundener Orientierungssinn. Zugleich ist mir kalt – kaaaaalt – kaaaaaaaaaaaalt. Eine unsichtbare Mehrzahl von Stimmen diskutiert nun über mich: dass man dringend dies und das mit mir machen müsse, jenes geben, dieses messen, auch das noch spritzen. Es klingt nicht entspannt. Ein Gedankenrest nistet sich ein: Die haben das nicht mehr im Griff, da läuft gewaltig was aus dem Ruder. Das ist also mein Ende, so unangemeldet, so banal. Und keine Zeit für Verabschiedungen. Aus dem Leben gerissen, sagt man wohl. Aber der Morgen hatte doch so friedlich angefangen, aufstehen, duschen … Es kommt mir alles so unangemessen vor. Ich höre noch einmal meine fragende Stimme: Bin ich tot – tooot – tooooot? „Nein, sind Sie nicht“, sagt eine Stimme, die keineswegs erleuchtet klingt, sondern nun wieder aufs Neue amüsiert.

Dann ist nichts, und das bleibt eine unbestimmte Zeit so. Dann komme ich zu mir in einem Zimmer voller Krankenbetten, von denen nur meines belegt ist. Und jemand kommt und erklärt mir, dass es das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg-Wandsbek ist. Dort, in der Notaufnahme, war man von meinem derangierten Zustand wenig begeistert. „Wir konnten drei bis vier Stunden nichts mit Ihnen anfangen, so weggetreten waren Sie.“ Mit Kanonen auf Spatzen schießen, nennt man das wohl. Nur war das kein Spatz, der da aufgescheucht wurde, eher das Flügelwesen aus dem alten Meat-Loaf-Song Bat out of Hell: eine Fledermaus aus der Hölle.

Foto

Aber, Überraschung: Das Bundeswehrkrankenhaus selbst entpuppt sich als ausgesprochen guter Ort zum Auskurieren einer ISG-Blockade und eines traumatischen Trips. Tag 2, und ich laufe schon wie ein junger Gott am Rollator über die Flure. Außerdem klärt eine der ausgesprochen kompetent wirkenden Ärztinnen für mich geduldig das Mysterium des Alptraum-Cocktails auf. Kurz gefasst: eine übliche präklinische Narkose-Rezeptur im Notarztgepäck, mit dem opioidhaltigen Sufentanil als stärkstem in Deutschland zugelassenem Schmerzkiller.

Dem Ketanest fällt dabei die Aufgabe zu, nicht nur zu betäuben, sondern zugleich einen – wie in meinem Fall – schwächelnden Kreislauf in Schwung zu halten. Allerdings ist es auch dafür aktenkundig, “schlechte Träume” zu produzieren (ein hübscher Euphemismus aus der Wirkstoff-Datenbank). Die sollen deshalb wiederum durch das Dormicum aus dem Gedächtnis getilgt werden – nur dass es in meinem Fall offenbar nicht angeschlagen hat. Vielleicht letztlich besser so, denn laut Wikipedia kann sein Wirkstoff Midazolam “bereits nach kurzer Anwendung zu psychischer Abhängigkeit führen”. Danke, das genügt.

Schwein gehabt. Walzwerk gebaut. 125 Jahre geworden.

Written By: Oliver Driesen - Aug• 02•14

flattr this!

Stellen Sie sich vor, Sie heißen Hermann Böllinghaus und sind Schweinemetzger. Es geht Ihnen gut, Sie haben moderne Maschinen, einen florierenden Betrieb, eine junge Frau und viele fette Schweine. Schlachten macht Ihnen Spaß … und dann passiert etwas, das Ihren ganzen Lebensentwurf über den Haufen wirft. Die Lösung? Donald-Duck-Leser wissen Bescheid: sich in etwas hineinstürzen, was leider als komplett größenwahnsinnig abgelehnt werden muss! Na, da bauen Sie doch einfach ein Profilstahlwalzwerk auf die grüne Wiese – und markieren damit den Anfang eines Unternehmens, das sich im Jahr 2014 bester Geschäfte erfreuen wird. Also etwa vier Generationen nach Ihrem allzu frühen Tod.

Das klingt nach einem unglaubwürdigen Romanentwurf? Ist ja auch keiner, sondern vielmehr die Wirklichkeit. So geschehen in Remscheid im Bergischen Land, 1889. Und dann, über zwei Jahrhundertgrenzen hinweg, mehr oder weniger im Verborgenen weitergegangen: Krisen überwunden, fast zusammengebrochen, Abenteuer bestanden, Probleme gemeistert, Schreckliches überlebt und mitverschuldet, an Klippen gestanden, in Abgründe geschaut, immer wieder Mut gefasst, floriert und aufgestiegen, immer neue Ideen verwirklicht, wilde Pläne geschmiedet, wilde Pläne verworfen, gelebt, gewachsen und gestorben – und in nächster Generation wieder neu angetreten.

Schließlich recherchiert, aufgeschrieben und jetzt durch Pro Heraldica in Stuttgart zum Buch komprimiert:

P8020003

Wenn Sie pars pro toto verstehen wollen, wie die deutsche Industrie zu jenem unverwüstlichen Gerüst aus mittelständischen Familienbetrieben kam, um das sie in aller Welt so beneidet wird, dann lesen Sie diese Unternehmenschronik. Darin spielen Menschen die Hauptrolle – nun, ich will nicht sagen: wie Sie und ich –, aber eben doch Menschen, die nicht als CEOs auf der Brücke übermächtiger Weltkonzerne standen, sondern mit beiden Beinen fest im (bergischen) Leben. Die arbeiten, aber auch feiern können. Die nicht das 1000-Fache Ihrer Angestellten “verdienen”, aber trotzdem bisweilen genauso aussehen wie der Schauspieler Mario Adorf als Kaufhauskönig in “Der große Bellheim”. Und die so sympathisch unvollkommen sind, dass ihre kühnsten Ideen einfach wahr werden mussten.

P8020004

Es ist andererseits auch die offen aufgearbeitete Geschichte einer großen Schuld, die ebenfalls typisch ist für die gesamte deutsche Industrie: das Ausnutzen von Zwangsarbeit während der NS-Diktatur. Und eine Erklärung, wie es dazu – aber auch zum großen Schweigen darüber nach Kriegsende – kommen konnte.

Insgesamt, ohne das jetzt zu hoch hängen zu wollen, ist es das Drama der Existenz im sich entwickelnden Kapitalismus: das Abenteuer, sich immer wieder neu erfinden zu müssen, Gevatter Tod immer noch einmal ein Schnippchen zu schlagen, auf Grenzen zu stoßen, Grenzen zu übertreten, dabei nicht immer sauber zu bleiben, selbst auch Narben davonzutragen, aber einige Träume doch zu verwirklichen, letztlich dem Leben so viele Glücksmomente wie möglich abzutrotzen. Und am Ende den Stab weiterzureichen. Ach, genauso würden Sie auch Ihren eigenen Lebensweg auf den Punkt bringen?

Dann schreibe ich Ihnen den ebenfalls gerne auf.

P8020005

Loch im Urlaub

Written By: Oliver Driesen - Jul• 23•14

flattr this!

Doch, Borkum ist eine Reise wert. Die Stände, die Sonne, die Nordsee. Temperaturen bis zu 34 Grad in diesem Juli, eine frisch renovierte Strandpromenade, Dünen, Seehunde, kleine Läden, lauschige Cafés, alte Leuchttürme – Urlauberherz, was willst du mehr?

image

Vielleicht ein wenig weniger. Ein wenig weniger Geschichte. Oder eine andere, bitte. Eine, aus der die sauber geweißelten, stuckverzierten wilhelminischen Hotel-Paläste an der Seeseite wegradiert wären, die dem Ganzen doch so viel altertümlichen Charme verleihen, die doch des Deutschen romantisierender Gegenentwurf zu seelenlosen Hotelfabriken à la Benidorm sind.  Also warum wäre gerade hier weniger mehr?

Weil sie eine Geschichte erzählen, eine böse und leider auch wahre Geschichte. Nicht Haus für Haus, nicht eines wie das andere, denn was weiß ich schon, welches von ihnen “damals” schon dabei war. Aber als Gesamtheit, als Borkumer Hotellerie, da waren sie dabei.

Es ist dieses schwarze Loch, in das man als Deutscher immer wieder unerwartet zu fallen droht, das schwarze Loch unserer jüngeren Geschichte. Hier tat es sich plötzlich an einem schwülwarmen Vormittag auf, als ich vom Strandcafé aus faul der Band im Kur-Pavillon lauschte. Jemand wünschte sich einen Titel, aber die Band wollte ihn nicht spielen. Es war das “Borkum-Lied”.

Man habe das nicht eingeübt, sagte der Sänger entschuldigend, und es gäbe sicher andere Bands, die das draufhätten. Sie spielten dann als Nächstes irgend eine softe Jazz-Nummer. Aber in der Begründung hatte ein Unterton mitgeschwungen, der im Ohr blieb. Abends schlug ich das Borkum-Lied bei Wikipedia nach.

Ich wurde auf den Eintrag “Bäder-Antisemitismus” verwiesen. Eine politische Strömung, die sich vor allem auf Borkum schon geraume Zeit vor der Machtergreifung der Nazis entwickelte und darauf abzielte, der aufblühenden Tourismuswirtschaft eine Art Wettbewerbsvorteil gegenüber kokurrierenden Nordseebädern wie Spiekeroog zu verschaffen. Man war hier stolz darauf, der überwiegend betuchten Kundschaft allen Ernstes eine “judenfreie” Insel anbieten zu können. Das Borkum-Lied diente deswegen vor allem der antisemitischen Hetze. Eine Text-Passage:

Es herrscht im grünen Inselland
ein echter deutscher Sinn
drum alle, die uns stammverwandt
zieh´n freudig zu dir hin
An Borkums Strand nur Deutschtum gilt
nur deutsch ist das Panier
Wir halten rein den Ehrenschild
Germanias für und für

Doch wer dir naht mit platten Füßen
mit Nasen krumm und Haaren kraus
der soll nicht deinen Strand genießen
der muß hinaus! der muß hinaus! hinaus!

In diesem, von den damals angepeilten Touristen dankbar quittierten Un-Geist warben also die prachtvollen Hotels schon vor 1933 mit zunehmend dreisteren Hass-Parolen wie „Juden und Hunde dürfen hier nicht herein!“ oder einem „Fahrplan zwischen Borkum und Jerusalem (Retourkarten werden nicht ausgegeben)“. Ein Reiseführer warnte gar vor Lynch-Justiz der Borkumer bzw. der nicht-jüdischen Touristen im Falle des Auftauchens von “Israeliten”.

image

Ob wohl heute Juden auf Borkum Urlaub machen? Das wüsste man gerne, aber man erkennt sie ja entgegen dem früheren Inselmarketing gar nicht an krummen Nasen, platten Füßen und krausen Haaren. Und ob sich diese Juden wohlfühlen zwischen all den Ariern, in diesem heute noch bemerkenswert blondschöpfigen Urlauberquerschnitt aus allen deutschen Gauen? Und ob sie sich, falls aus Nahost angereist, arglos mit israelischem Pass in die Hotellisten eintragen?

Die Frage ist, ob sich ein Gespenst, das sich einmal so brutal bequem eingerichtet hatte, innerhalb von knapp 70 Jahren wieder vollständig und rückstandsfrei verflüchtigt. Eine Insel ist allseitig von Wasser umgeben, das auf solcherart abgeschiedene Landmassen einen konservierenden Einfluss auszuüben pflegt …

Da ist nun also dieses Loch in meinem Urlaub. Ein kleiner Abgrund, der sich mitten im geübten Routinebetrieb aufgetan hat. Vermutlich trägt niemand, der hier und heute noch lebt, sich erholt oder Dienst tut, qua Geburtsdatum auch nur einen Hauch Verantwortung für dieses Loch. Aber dennoch lastet das, was vor 70, 80, 90 Jahren hier Normalität war, weit schwerer auf diesem idyllischen Ort als eine Gewitterwolke über hochsommerlicher Insellandschaft. Und will und will einfach nicht vergehen.

Es ist diese groteske, obszöne Verrohung des Denkens, Redens und Handelns, die immer noch erschüttert. In meinem Land. Unter Menschen, wie wir sie sein könnten. Vor immer noch gar nicht langer Zeit.

 

____

Nachtrag, 24.7.:

Inzwischen wurde ich auf ein viel neueres, ganz und gar harmloses “Borkum-Lied” hingewiesen. Wer deutschen Schlagersound erträgt, kann es sich hier sogar als Video anschauen. Ich will hoffen, dass es dieser Song war, den sich der oben erwähnte Badegast von der Band im Pavillon gewünscht hatte.

Genius Loci

Written By: Oliver Driesen - Jun• 28•14

flattr this!

Das hier ist kein Crack-House in der Bronx der 80-er Jahre, sondern ein leerstehendes Ladenlokal in Stuttgart-Sonnenberg, Sommer 2014. Mit diesem baulichen Überbleibsel, an dem ich kürzlich vorbeikam, hat es eine zweifache Bewandtnis.

IMG_2662

Dies war – bis Ende vergangenen Jahres – Toms Laden. Ich habe Tom nie gekannt oder auch nur von seiner Existenz gewusst, habe diese Bruchbude nie zuvor gesehen, bin bis dahin überhaupt erst einmal in meinem Leben bewusst in Stuttgart gewesen. Aber ich glaube daran, dass es einen Geist der Orte gibt. Genius Loci, wie Bildungsbürger sagen.

Je länger ein Haus steht, je intensiver darin gelebt und gearbeitet wird, desto konkreter und dem Ort entsprechender wird auch sein Geist: böse, gut, musisch, friedlich, hoffnungslos, anregend, wahnsinnig, gesellig, bedrohlich … Für diese prägenden Eigenschaften  ist es unerheblich, wie prächtig oder schäbig das Haus rein äußerlich ist. Der Genius Loci kann nicht nur die Menschen, die den Ort bevölkert haben, durchaus überdauern, sondern auch das Gebäude selbst, sein leeres Gefäß.

Das ist als These jetzt natürlich ein wenig spooky, ein wenig weird, ein wenig eso – aber ich habe in meinem Leben genügend Beispiele dafür kennen gelernt, bis hin zu meinem eigenen Elternhaus, doch das ist eine andere Geschichte.

Toms Laden also. Tom handelte hiermit:

Foto

Books, das ist ein altes englisches Wort und bedeutete “Bücher”. Bücher waren in vergangenen Zeiten ein Handelsgut. Man kaufte und verkaufte sie in sogenannnten Buchläden. Buchhändler zu sein, machte nicht reich, aber es war ein geehrter und geachteter Beruf, fast schon eine Berufung. So ähnlich wie Lehrer. Oder Pastor. Oder Bürgermeister.

Denn die Menschen waren auf diese Experten angewiesen. Man muss sich das vorstellen: Alles, was heute körper- und gewichtslos im Netz steht, bis es vielleicht eines Tages gnädig gelöscht wird, war früher mit Druckerschwärze auf Buchseiten aus Papier gedruckt. Wollte man einen gerade gesuchten Inhalt finden, musste man zum Buchhändler gehen. Man konnte Bücher übrigens auch nicht einfach löschen, sondern musste die dicken Papierbündel schon physisch ins Altpapier transportieren oder verbrennen, was schneller ging, aber Emissionen und manchmal schwere kulturelle Sündenfälle verursachte.

Jedenfalls, Tom war Buchhändler. Das heißt, zunächst war er Soldat der US-Armee gewesen und irgendwann zur Zeit des Vietnamkriegs in Stuttgart gestrandet. Viele Jahre arbeitete er dann bei den Stuttgarter Straßenbahnen, von denen einige bis heute genau vor diesem leerstehenden Laden vorbeirattern. Und wie um ihnen weiterhin nahe zu sein, saß draußen vor diesem Fenster, neben der heute verschlossenen Gittertür, wenn gerade keine Kunden zu bedienen waren, Tom – ein Buch lesend.

Toms Bücher waren, seiner Herkunft geschuldet, Bücher in englischer Sprache. Und viele davon waren sehr, sehr billig. Sie kosteten zwei Mark (eine alte Währung, die kurioser Weise nur in Deutschland galt.) Im Jahr 2002, als der Euro eingeführt wurde, musste Tom kurz von seiner Lektüre aufblicken, denn er hatte etwas Geschäftliches zu erledigen. Etwas Strategisches, könnte man sagen. Er war von einer höheren Macht gezwungen worden, seine Bücher mit neuen Preisen für ein neues Zeitalter auszuzeichnen. Nachdem er überlegt hatte, wie er dies unter möglichst wenig Verzicht auf Lesezeit vor seinem Haus tun konnte, fand er eine überraschend einfache Lösung:

IMG_2664

Kam eine neue Lieferung Bücher, war Tom schon Tage zuvor im doppelten Sinne aus dem Häuschen – wie ein kleiner Junge vor der Bescherung. Kam ein Großvater mit seinem Enkelkind am Laden vorbei, erhielt das Kind jedes Mal ein Buch von ihm geschenkt. Die Menschen im Stuttgarter Süden liebten ihn für diese großzügige Kindlichkeit, die dem strengen und sparsamen schwäbischen Naturell so entgegengesetzt erschien.

Doch dann, schleichend, kam eine Herausforderung, der Tom nicht mehr viel entgegenzusetzen hatte: das Internet. Es ließ auf seinem Weg Buchladen um Buchladen schließen, und es war absehbar, dass es auf seinem Durchmarsch auch vor Stuttgarter Originalen nicht Halt machen würde.

So schlug Tom, der Buchhändler, dem Internet ein allerletztes Schnippchen. Er war noch einmal schneller, indem er starb. Im November 2013, immer noch aktiver Buchhändler in der Sonnenberger Rembrandtstraße, kam er im Alter von 77 Jahren dem Schließungsbefehl durch das Internet zuvor. Nur etwa 100 Meter von diesem Ort entfernt wurde seine Asche auf dem Neuen Friedhof Degerloch beigesetzt.

Wie gesagt, ich weiß das alles nicht durch eigenes Erleben. Aber an der vergitterten und angesichts des baulichen Zustands wohl für immer verschlossenen Tür des leerstehenden Buchladens von Tom Mueller hing ein Zeitungsartikel, den jemand dort mit Tesafilm an die Scheibe geklebt hat.

Tom Mueller, der Buchhändler, hat im Stadtteil eine Menge Sympathien hinterlassen. Der Genius Loci des englischen Buchladens in der Rembrandtstraße ist damit ein ganzes Stück lebendiger als das orts- und ruhelose Gespenst von Amazon. Und er kann auch viel schöner erzählen.

Mein Schirrmacher-Moment

Written By: Oliver Driesen - Jun• 14•14

flattr this!

Frank Schirrmachers früher und unerwarteter Tod hat in der deutschen Medien-Szene berechtigte Bestürzung ausgelöst, die auch Tage danach immer noch anhält. Es ist ja so, wenn ein bedeutender Journalist mit 54 plötzlich von der Bühne abtreten muss, dass dann auch wir unbedeutenden uns kurzfristig fragen: Was mache ich eigentlich mit meinem Journalistenleben? Wofür stehe ich? Für welche Positionen? Welche Wahrheiten? Welche Ambitionen? Und dann erschrickt man womöglich …

Oder man erinnert sich, wie manche von denen, die berufener sind als ich, an seinen persönlichen Schirrmacher-Moment. Den hatte ich indes auch, und in meinem Fall geht er so:

Im Frühsommer 2008 moderierte ich ein Gespräch für das Konzernmagazin des Essener Bauunternehmens Hochtief. Es trafen aufeinander: der damalige Hochtief-Vorstandschef, Herbert Lütkestratkötter, und eben Schirrmacher, der FAZ-Mitherausgeber, damals 49 Jahre alt. Thema war die alternde Gesellschaft, darüber hatte Schirrmacher “Das Methusalem-Komplott” geschrieben, und für den Essener Baukonzern stellten sich in der Demographie-Debatte ebenfalls dringliche Fragen: Was für Gebäude muss man eigentlich für ein vergreisendes Deutschland bauen? Was für eine Infrastruktur braucht Deutschland 2050? Ort des Interviews war Schirrmachers Büro im Frankfurter FAZ-Gebäude. Es wurde ein recht lebendiges Gespräch zweier ungleicher Gesprächspartner: Der Praktiker vom Bau und der Intellektuelle vom Elfenbeinturm konnten überraschend gut miteinander.

In solchen Situationen bin ich immer froh, dass ein kleines digitales Aufzeichnungsgerät mitläuft, denn es ist schwer genug, den Gesprächsfaden in der Hand zu halten und bei Bedarf flexibel die jeweils passende Frage aus dem Köcher zu ziehen – wer da auch noch die Antworten mitstenographieren müsste, würde jeden hitzigen Diskurs im Keim ersticken (“Moment bitte, nicht so schnell…”). Wobei ich nicht mal stenographieren kann.

Aber ich hatte ja alles “im Kasten”. Verabschiedete mich schließlich, artig dankend, und machte mich auf die lange Bahnfahrt nach Hause. Wissend, dass ich die Stunden im ICE produktiv nutzen konnte: mit der Abschrift des wirklich sehr langen und intensiven Gedankenaustauschs der beiden klugen Köpfe. Frohgemut machte ich mich ans Werk, schaltete das Diktiergerät ein – und stieß in ein stundenlanges Nichts. Garnichts. Nada. Niente. Das Gerät hatte eine Datei aufgezeichnet, die exakt der Gesprächslänge entsprach. Aber es war auf der ganzen Strecke kein Wort, kein Ton, kein noch so dürres Tönchen zu hören.

Was tun? Nie wieder würde man die beiden Männer mit den vollen Terminkalendern gemeinsam an einen Tisch bringen. Die Schande des Eingeständnisses technischen (oder menschlichen?) Versagens war schon schwer genug zu ertragen. Und in dieser Situation lernte ich eine Seite meines Gehirns kennen, die mir bis dahin nicht aufgefallen war: die außergewöhnliche Speicherfähigkeit eines nicht-digitalen Bio-Chips. Unter dem Druck der Situation rekapitulierte ich das gesamte Gespräch noch während der Bahnfahrt aus dem Gedächtnis.

Man glaubt nicht, wie detailreich sich so ein Hirn erinnern kann, wenn es muss. Ein Wort gab das andere, ein Argument das nächste, Worte fügten sich zu Sätzen, auf Argumente folgten Repliken, Einwürfe und Unterbechungen – es war ganz unfassbar. Dabei war ich der Meinung gewesen, gar nicht richtig zugehört zu haben – bzw. immer nur im Hintergrund auf Schlüsselreize gelauert zu haben, um dann dem Gespräch durch einen Impuls eine neue Richtung geben zu können.

Doch es war alles noch da. Gespeichert auf einer unzuverlässigen, trügerischen, störanfälligen, organischen, alles andere als festen Festplatte. Ich brachte es zu Papier, und dann gestand ich den Protagonisten zerknirscht ein, was geschehen war – und ob sie denn diese erinnerte Fassung bitteschön als Grundlage für ihre Überarbeitung des Interviews akzeptieren wollten? Es sind fünf Seiten im Heft daraus geworden, sie liegen gerade noch einmal vor mir. Liest sich ganz locker, ganz informativ. An einer Stelle sagt Schirrmacher: “Es gibt wissenschaftliche Belege, dass die Fähigkeiten des Gehirns im Alter eben nicht zwangsläufig nachlassen.” Ich kann das seither nur bestätigen.

Und der Schirrmacher-Moment? Das war der, als ich von ihm die Datei mit der freigegebenen Fassung gemailt bekam. Er hatte an seinem Part genau ein Komma geändert.

Das ist seither mein Maßstab für die Souveränität eines Geistesmenschen.