Loch im Urlaub

Written By: Oliver Driesen - Jul• 23•14

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Doch, Borkum ist eine Reise wert. Die Stände, die Sonne, die Nordsee. Temperaturen bis zu 34 Grad in diesem Juli, eine frisch renovierte Strandpromenade, Dünen, Seehunde, kleine Läden, lauschige Cafés, alte Leuchttürme – Urlauberherz, was willst du mehr?

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Vielleicht ein wenig weniger. Ein wenig weniger Geschichte. Oder eine andere, bitte. Eine, aus der die sauber geweißelten, stuckverzierten wilhelminischen Hotel-Paläste an der Seeseite wegradiert wären, die dem Ganzen doch so viel altertümlichen Charme verleihen, die doch des Deutschen romantisierender Gegenentwurf zu seelenlosen Hotelfabriken à la Benidorm sind.  Also warum wäre gerade hier weniger mehr?

Weil sie eine Geschichte erzählen, eine böse und leider auch wahre Geschichte. Nicht Haus für Haus, nicht eines wie das andere, denn was weiß ich schon, welches von ihnen “damals” schon dabei war. Aber als Gesamtheit, als Borkumer Hotellerie, da waren sie dabei.

Es ist dieses schwarze Loch, in das man als Deutscher immer wieder unerwartet zu fallen droht, das schwarze Loch unserer jüngeren Geschichte. Hier tat es sich plötzlich an einem schwülwarmen Vormittag auf, als ich vom Strandcafé aus faul der Band im Kur-Pavillon lauschte. Jemand wünschte sich einen Titel, aber die Band wollte ihn nicht spielen. Es war das “Borkum-Lied”.

Man habe das nicht eingeübt, sagte der Sänger entschuldigend, und es gäbe sicher andere Bands, die das draufhätten. Sie spielten dann als Nächstes irgend eine softe Jazz-Nummer. Aber in der Begründung hatte ein Unterton mitgeschwungen, der im Ohr blieb. Abends schlug ich das Borkum-Lied bei Wikipedia nach.

Ich wurde auf den Eintrag “Bäder-Antisemitismus” verwiesen. Eine politische Strömung, die sich vor allem auf Borkum schon geraume Zeit vor der Machtergreifung der Nazis entwickelte und darauf abzielte, der aufblühenden Tourismuswirtschaft eine Art Wettbewerbsvorteil gegenüber kokurrierenden Nordseebädern wie Spiekeroog zu verschaffen. Man war hier stolz darauf, der überwiegend betuchten Kundschaft allen Ernstes eine “judenfreie” Insel anbieten zu können. Das Borkum-Lied diente deswegen vor allem der antisemitischen Hetze. Eine Text-Passage:

Es herrscht im grünen Inselland
ein echter deutscher Sinn
drum alle, die uns stammverwandt
zieh´n freudig zu dir hin
An Borkums Strand nur Deutschtum gilt
nur deutsch ist das Panier
Wir halten rein den Ehrenschild
Germanias für und für

Doch wer dir naht mit platten Füßen
mit Nasen krumm und Haaren kraus
der soll nicht deinen Strand genießen
der muß hinaus! der muß hinaus! hinaus!

In diesem, von den damals angepeilten Touristen dankbar quittierten Un-Geist warben also die prachtvollen Hotels schon vor 1933 mit zunehmend dreisteren Hass-Parolen wie „Juden und Hunde dürfen hier nicht herein!“ oder einem „Fahrplan zwischen Borkum und Jerusalem (Retourkarten werden nicht ausgegeben)“. Ein Reiseführer warnte gar vor Lynch-Justiz der Borkumer bzw. der nicht-jüdischen Touristen im Falle des Auftauchens von “Israeliten”.

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Ob wohl heute Juden auf Borkum Urlaub machen? Das wüsste man gerne, aber man erkennt sie ja entgegen dem früheren Inselmarketing gar nicht an krummen Nasen, platten Füßen und krausen Haaren. Und ob sich diese Juden wohlfühlen zwischen all den Ariern, in diesem heute noch bemerkenswert blondschöpfigen Urlauberquerschnitt aus allen deutschen Gauen? Und ob sie sich, falls aus Nahost angereist, arglos mit israelischem Pass in die Hotellisten eintragen?

Die Frage ist, ob sich ein Gespenst, das sich einmal so brutal bequem eingerichtet hatte, innerhalb von knapp 70 Jahren wieder vollständig und rückstandsfrei verflüchtigt. Eine Insel ist allseitig von Wasser umgeben, das auf solcherart abgeschiedene Landmassen einen konservierenden Einfluss auszuüben pflegt …

Da ist nun also dieses Loch in meinem Urlaub. Ein kleiner Abgrund, der sich mitten im geübten Routinebetrieb aufgetan hat. Vermutlich trägt niemand, der hier und heute noch lebt, sich erholt oder Dienst tut, qua Geburtsdatum auch nur einen Hauch Verantwortung für dieses Loch. Aber dennoch lastet das, was vor 70, 80, 90 Jahren hier Normalität war, weit schwerer auf diesem idyllischen Ort als eine Gewitterwolke über hochsommerlicher Insellandschaft. Und will und will einfach nicht vergehen.

Es ist diese groteske, obszöne Verrohung des Denkens, Redens und Handelns, die immer noch erschüttert. In meinem Land. Unter Menschen, wie wir sie sein könnten. Vor immer noch gar nicht langer Zeit.

 

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Nachtrag, 24.7.:

Inzwischen wurde ich auf ein viel neueres, ganz und gar harmloses “Borkum-Lied” hingewiesen. Wer deutschen Schlagersound erträgt, kann es sich hier sogar als Video anschauen. Ich will hoffen, dass es dieser Song war, den sich der oben erwähnte Badegast von der Band im Pavillon gewünscht hatte.

Genius Loci

Written By: Oliver Driesen - Jun• 28•14

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Das hier ist kein Crack-House in der Bronx der 80-er Jahre, sondern ein leerstehendes Ladenlokal in Stuttgart-Sonnenberg, Sommer 2014. Mit diesem baulichen Überbleibsel, an dem ich kürzlich vorbeikam, hat es eine zweifache Bewandtnis.

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Dies war – bis Ende vergangenen Jahres – Toms Laden. Ich habe Tom nie gekannt oder auch nur von seiner Existenz gewusst, habe diese Bruchbude nie zuvor gesehen, bin bis dahin überhaupt erst einmal in meinem Leben bewusst in Stuttgart gewesen. Aber ich glaube daran, dass es einen Geist der Orte gibt. Genius Loci, wie Bildungsbürger sagen.

Je länger ein Haus steht, je intensiver darin gelebt und gearbeitet wird, desto konkreter und dem Ort entsprechender wird auch sein Geist: böse, gut, musisch, friedlich, hoffnungslos, anregend, wahnsinnig, gesellig, bedrohlich … Für diese prägenden Eigenschaften  ist es unerheblich, wie prächtig oder schäbig das Haus rein äußerlich ist. Der Genius Loci kann nicht nur die Menschen, die den Ort bevölkert haben, durchaus überdauern, sondern auch das Gebäude selbst, sein leeres Gefäß.

Das ist als These jetzt natürlich ein wenig spooky, ein wenig weird, ein wenig eso – aber ich habe in meinem Leben genügend Beispiele dafür kennen gelernt, bis hin zu meinem eigenen Elternhaus, doch das ist eine andere Geschichte.

Toms Laden also. Tom handelte hiermit:

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Books, das ist ein altes englisches Wort und bedeutete “Bücher”. Bücher waren in vergangenen Zeiten ein Handelsgut. Man kaufte und verkaufte sie in sogenannnten Buchläden. Buchhändler zu sein, machte nicht reich, aber es war ein geehrter und geachteter Beruf, fast schon eine Berufung. So ähnlich wie Lehrer. Oder Pastor. Oder Bürgermeister.

Denn die Menschen waren auf diese Experten angewiesen. Man muss sich das vorstellen: Alles, was heute körper- und gewichtslos im Netz steht, bis es vielleicht eines Tages gnädig gelöscht wird, war früher mit Druckerschwärze auf Buchseiten aus Papier gedruckt. Wollte man einen gerade gesuchten Inhalt finden, musste man zum Buchhändler gehen. Man konnte Bücher übrigens auch nicht einfach löschen, sondern musste die dicken Papierbündel schon physisch ins Altpapier transportieren oder verbrennen, was schneller ging, aber Emissionen und manchmal schwere kulturelle Sündenfälle verursachte.

Jedenfalls, Tom war Buchhändler. Das heißt, zunächst war er Soldat der US-Armee gewesen und irgendwann zur Zeit des Vietnamkriegs in Stuttgart gestrandet. Viele Jahre arbeitete er dann bei den Stuttgarter Straßenbahnen, von denen einige bis heute genau vor diesem leerstehenden Laden vorbeirattern. Und wie um ihnen weiterhin nahe zu sein, saß draußen vor diesem Fenster, neben der heute verschlossenen Gittertür, wenn gerade keine Kunden zu bedienen waren, Tom – ein Buch lesend.

Toms Bücher waren, seiner Herkunft geschuldet, Bücher in englischer Sprache. Und viele davon waren sehr, sehr billig. Sie kosteten zwei Mark (eine alte Währung, die kurioser Weise nur in Deutschland galt.) Im Jahr 2002, als der Euro eingeführt wurde, musste Tom kurz von seiner Lektüre aufblicken, denn er hatte etwas Geschäftliches zu erledigen. Etwas Strategisches, könnte man sagen. Er war von einer höheren Macht gezwungen worden, seine Bücher mit neuen Preisen für ein neues Zeitalter auszuzeichnen. Nachdem er überlegt hatte, wie er dies unter möglichst wenig Verzicht auf Lesezeit vor seinem Haus tun konnte, fand er eine überraschend einfache Lösung:

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Kam eine neue Lieferung Bücher, war Tom schon Tage zuvor im doppelten Sinne aus dem Häuschen – wie ein kleiner Junge vor der Bescherung. Kam ein Großvater mit seinem Enkelkind am Laden vorbei, erhielt das Kind jedes Mal ein Buch von ihm geschenkt. Die Menschen im Stuttgarter Süden liebten ihn für diese großzügige Kindlichkeit, die dem strengen und sparsamen schwäbischen Naturell so entgegengesetzt erschien.

Doch dann, schleichend, kam eine Herausforderung, der Tom nicht mehr viel entgegenzusetzen hatte: das Internet. Es ließ auf seinem Weg Buchladen um Buchladen schließen, und es war absehbar, dass es auf seinem Durchmarsch auch vor Stuttgarter Originalen nicht Halt machen würde.

So schlug Tom, der Buchhändler, dem Internet ein allerletztes Schnippchen. Er war noch einmal schneller, indem er starb. Im November 2013, immer noch aktiver Buchhändler in der Sonnenberger Rembrandtstraße, kam er im Alter von 77 Jahren dem Schließungsbefehl durch das Internet zuvor. Nur etwa 100 Meter von diesem Ort entfernt wurde seine Asche auf dem Neuen Friedhof Degerloch beigesetzt.

Wie gesagt, ich weiß das alles nicht durch eigenes Erleben. Aber an der vergitterten und angesichts des baulichen Zustands wohl für immer verschlossenen Tür des leerstehenden Buchladens von Tom Mueller hing ein Zeitungsartikel, den jemand dort mit Tesafilm an die Scheibe geklebt hat.

Tom Mueller, der Buchhändler, hat im Stadtteil eine Menge Sympathien hinterlassen. Der Genius Loci des englischen Buchladens in der Rembrandtstraße ist damit ein ganzes Stück lebendiger als das orts- und ruhelose Gespenst von Amazon. Und er kann auch viel schöner erzählen.

Mein Schirrmacher-Moment

Written By: Oliver Driesen - Jun• 14•14

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Frank Schirrmachers früher und unerwarteter Tod hat in der deutschen Medien-Szene berechtigte Bestürzung ausgelöst, die auch Tage danach immer noch anhält. Es ist ja so, wenn ein bedeutender Journalist mit 54 plötzlich von der Bühne abtreten muss, dass dann auch wir unbedeutenden uns kurzfristig fragen: Was mache ich eigentlich mit meinem Journalistenleben? Wofür stehe ich? Für welche Positionen? Welche Wahrheiten? Welche Ambitionen? Und dann erschrickt man womöglich …

Oder man erinnert sich, wie manche von denen, die berufener sind als ich, an seinen persönlichen Schirrmacher-Moment. Den hatte ich indes auch, und in meinem Fall geht er so:

Im Frühsommer 2008 moderierte ich ein Gespräch für das Konzernmagazin des Essener Bauunternehmens Hochtief. Es trafen aufeinander: der damalige Hochtief-Vorstandschef, Herbert Lütkestratkötter, und eben Schirrmacher, der FAZ-Mitherausgeber, damals 49 Jahre alt. Thema war die alternde Gesellschaft, darüber hatte Schirrmacher “Das Methusalem-Komplott” geschrieben, und für den Essener Baukonzern stellten sich in der Demographie-Debatte ebenfalls dringliche Fragen: Was für Gebäude muss man eigentlich für ein vergreisendes Deutschland bauen? Was für eine Infrastruktur braucht Deutschland 2050? Ort des Interviews war Schirrmachers Büro im Frankfurter FAZ-Gebäude. Es wurde ein recht lebendiges Gespräch zweier ungleicher Gesprächspartner: Der Praktiker vom Bau und der Intellektuelle vom Elfenbeinturm konnten überraschend gut miteinander.

In solchen Situationen bin ich immer froh, dass ein kleines digitales Aufzeichnungsgerät mitläuft, denn es ist schwer genug, den Gesprächsfaden in der Hand zu halten und bei Bedarf flexibel die jeweils passende Frage aus dem Köcher zu ziehen – wer da auch noch die Antworten mitstenographieren müsste, würde jeden hitzigen Diskurs im Keim ersticken (“Moment bitte, nicht so schnell…”). Wobei ich nicht mal stenographieren kann.

Aber ich hatte ja alles “im Kasten”. Verabschiedete mich schließlich, artig dankend, und machte mich auf die lange Bahnfahrt nach Hause. Wissend, dass ich die Stunden im ICE produktiv nutzen konnte: mit der Abschrift des wirklich sehr langen und intensiven Gedankenaustauschs der beiden klugen Köpfe. Frohgemut machte ich mich ans Werk, schaltete das Diktiergerät ein – und stieß in ein stundenlanges Nichts. Garnichts. Nada. Niente. Das Gerät hatte eine Datei aufgezeichnet, die exakt der Gesprächslänge entsprach. Aber es war auf der ganzen Strecke kein Wort, kein Ton, kein noch so dürres Tönchen zu hören.

Was tun? Nie wieder würde man die beiden Männer mit den vollen Terminkalendern gemeinsam an einen Tisch bringen. Die Schande des Eingeständnisses technischen (oder menschlichen?) Versagens war schon schwer genug zu ertragen. Und in dieser Situation lernte ich eine Seite meines Gehirns kennen, die mir bis dahin nicht aufgefallen war: die außergewöhnliche Speicherfähigkeit eines nicht-digitalen Bio-Chips. Unter dem Druck der Situation rekapitulierte ich das gesamte Gespräch noch während der Bahnfahrt aus dem Gedächtnis.

Man glaubt nicht, wie detailreich sich so ein Hirn erinnern kann, wenn es muss. Ein Wort gab das andere, ein Argument das nächste, Worte fügten sich zu Sätzen, auf Argumente folgten Repliken, Einwürfe und Unterbechungen – es war ganz unfassbar. Dabei war ich der Meinung gewesen, gar nicht richtig zugehört zu haben – bzw. immer nur im Hintergrund auf Schlüsselreize gelauert zu haben, um dann dem Gespräch durch einen Impuls eine neue Richtung geben zu können.

Doch es war alles noch da. Gespeichert auf einer unzuverlässigen, trügerischen, störanfälligen, organischen, alles andere als festen Festplatte. Ich brachte es zu Papier, und dann gestand ich den Protagonisten zerknirscht ein, was geschehen war – und ob sie denn diese erinnerte Fassung bitteschön als Grundlage für ihre Überarbeitung des Interviews akzeptieren wollten? Es sind fünf Seiten im Heft daraus geworden, sie liegen gerade noch einmal vor mir. Liest sich ganz locker, ganz informativ. An einer Stelle sagt Schirrmacher: “Es gibt wissenschaftliche Belege, dass die Fähigkeiten des Gehirns im Alter eben nicht zwangsläufig nachlassen.” Ich kann das seither nur bestätigen.

Und der Schirrmacher-Moment? Das war der, als ich von ihm die Datei mit der freigegebenen Fassung gemailt bekam. Er hatte an seinem Part genau ein Komma geändert.

Das ist seither mein Maßstab für die Souveränität eines Geistesmenschen.

An der Ruhr, wo Traktoren explodieren und dazu Herzchenballons aufsteigen

Written By: Oliver Driesen - Jun• 02•14

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Zum Charme des Ruhrgebiets zählt, dass dieses Gebiet an der Ruhr liegt. Und wenn man mal kurz genug hat von Elb- und Alsterwasser, dann erscheint das so bescheiden benannte Flüsschen im industriellen Herzen Deutschlands (bei “Quizduell” wird nach ihm als Synonym für eine Darmkrankheit gefragt) herrlich echt und ehrlich und einfach und allein deshalb eine Reise wert. In meinem Fall eine Wochenend-Paddeltour mit Faltboot, Campingkocher, Zelt und alten Jugendfreunden – eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ich stamme zwar aus dem benachbarten Rheinland, aber man darf ja auch mal jenseits des eigenen Jägerzauns wildern.

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Und sofort war die Frühzeit – sprich: Jugend – wieder sehr präsent. Jenes Erdzeitalter, als man noch wusste, wie es in einem nachtfeuchten Zelt muffelt und wie kalt es im klammen Schlafsack werden kann. Als einem das aber auch egal war und man morgens nach Lagerfeuer oder Schlimmerem roch und man die steifen Knochen räkelte beim Aus-dem-Zelt-Kriechen, während der Gaskocher schon köchelte und jemand löslichen Kaffee im Glas dabei hatte und man dann dieses Gebräu seine Arbeit tun ließ, bis schließlich auch die taufeuchten Füße aufwachen und warm werden wollten.

Diese Erfahrung mal wieder gemacht zu haben, nach fünfzehn oder zwanzig Jahren, dafür gibt es kaum einen besseren Ort als die Ruhr zwischen Essen und Mülheim. Denn man trifft dort auf Kleinode wie diesen Campingplatz, wo die Elite der Dauercamper mit Mülheimer Nummernschild bisweilen auf nichtswürdige Tagestouristen wie uns trifft und daher rechtzeitig Schilder aufstellt:

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Man erinnert sich dann auch schnell, was man früher alles bedenkenlos in sich hineingeschlungen hat, ohne an bösen Folgeerkankungen gestorben zu sein, und freut sich am Anblick einer vor sich hin blubbernden Dose Ravioli Marke “gut und günstig”. Zumindest so lange, bis man erkennen muss, dass der Kocher wohl allzu sorglos aufgedreht worden war und die Kunststoffschicht am Dosenboden eins geworden ist mit der fleißig umgerührten Nudelsoßenmasse. Dann belässt man es, älterer Herr, der man inzwischen geworden ist, doch bei ein paar zunehmend skeptischen Bissen. Lebt aber eben auch diesmal fröhlich weiter.

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Das bleibt indes nicht der letzte Feuer-Störfall, denn wenig später geht man ein wenig auf dem kleinen Damm spazieren, der das Ruhr-Ufer säumt, und sieht von da aus einem gerade in dem Moment malerisch in Flammen stehenden Traktor zu, dem dabei ein dicker Reifen nach dem anderen unter großem Hallo der aus sicherer Entfernung mitfilmenden Dauercamper explodiert. Natürlich ist da die Feuerwehr bereits informiert, aber hier hat man noch Zeit und muss erst mal schauen, ob jetzt der Löschzug aus Essen-Kettwig oder doch schon der aus Mülheim-Saarn für diesen Einödhof im Niemandsland zuständig ist.

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Der schwarze Qualm zieht derweil sehr effektvoll mit dem Westwind über die elegante Hochbrücke der Autobahn 52. Aber so richtig surreal wird die Szene erst, als aus dem griechischen Restaurant “Artemis am Staader Loch” kommend eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen auf der Deichkrone vorbeiflaniert, von denen jeder einen heliumgefüllten Herzchen-Luftballon dabeihat. Auf ein geheimes Zeichen hin lässt dann die ganze Prozession wortlos ihre Luftballons frei, und zwei Dutzend rote Herzen steigen ebenso wie der Qualm zur Hochbrücke hin auf, während im Hintergrund auch noch der Hydraulikbehälter des Traktors in die Luft geht. Manchmal muss man einfach Glück haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein, dann darf man sich bestimmt was wünschen.

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Aber mehr als solche Anblicke, wenn nach ereignisprallem Tag dann die Nacht hereinbricht und man noch mal kurz zum Fluss runtergegangen ist, kann man sich gar nicht wünschen. Es gibt sie ja doch noch, diese Wunschlos-Abende. Das lernt man an der Ruhr.

Drei Fragen zum Fliegen

Written By: Oliver Driesen - Mai• 28•14

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Mal wieder geflogen. Also jetzt nicht hin-, raus- oder auf-, sondern mit dem Flugzeug, brummbrumm. Das Flugzeug und ich, das sind im Normalfall zwei streng getrennte Welten: Wir haben uns nichts zu sagen. Aber manchmal brauchen wir uns gegenseitig, die Airlines und ich. Wenn ich z.B. kein Schlafwagen-Einzelabteil nach Zürich mehr bekomme, denn zu viert mit Käsemauken in einem doppelten Doppelstockabteil – nein, danke, da überwinde ich dann doch lieber meinen Flughass.

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Ich werde jetzt nicht mit den gräulichen Details des diesem Artikel zugrundeliegenden Fluges HH – Zürich – HH langweilen. Ich werde nichts schreiben von dem Gefühl, als Sardine einer Sardinendose ausgeliefert zu sein. Ich werde auch nichts schreiben von der unfassbar albernen und peinlichen Idee einer führenden deutschen Fluggesellschaft, die Sitzplätze in den ersten acht Reihen in Kopfhöhe mit kleinen Deckchen zu behängen, auf denen “Ihr persönlicher Freiraum” o.s.ä. gedruckt steht und die man ruhig auch mal für privilegierte Hühner auf den ersten acht Sitzstangen von Hühner-KZs einführen könnte. Und schon gar nicht werde ich meine seit Jahrzehnten vom Leben verifizierte und gestählte These wiederholen, dass alles, aber auch wirklich von A bis Z jeder einzelne Programmpunkt einer Flugreise auf maximale Erniedrigung sowie Beleidigung der Intelligenz ausgerichtet ist.

Nein, nur drei Fragen will ich stellen, die mich nicht mehr loslassen, weil die damit verbundenen Phänomene ihrerseits auch nicht einfach so weggehen wollen. Ich bitte also um sachdienliche Hinweise von Experten im Bereich Reiselogistik und Allgemeine Verkehrspsychologie zu folgenden Sachverhalten:

1.

Warum übertrumpfen sich die Flughäfen weltweit mit einem geradezu grotesken Überangebot an bestens gepflegten Toiletten, die zudem kostenlos nutzbar sind, während auf Bahnhöfen immer ein Mangel an (sauberen) Toiletten herrscht und die Benutzerpreise dort oft ans Unverschämte grenzen?

2.

Warum ertragen selbst latent aggressive Geschäftsreisende auf Flughäfen eine Verspätung von einer Stunde mit Eselsgeduld und ohne auch nur ein Kopfschütteln, während dieselben Herren und Damen im Bahnbereich bei 60 Minuten Verspätung fast eine Revolution ausrufen würden? Selbst dann, wenn die Begründung der Fluglinie lautet, dass das Flugzeug “aufgrund einer verspäteten Ankunft des Flugzeugs” nicht rechtzeitig abfliegen könne?

3.

Und warum muss bei Start und Landung während der Dunkelheit “die Kabinenbeleuchtung an die Lichtverhältnisse angepasst”, sprich ausgeknipst werden? Im 21. Jahrhundert? Wo man sogar elektronische Geräte bisweilen schon anlassen darf in der Luft? Die Pilotin, also in unserem Fall, schaut doch nach vorne raus und ist durch eine massive Tür vom irritierenden Leuchten hinten abgeschirmt. Und der Tower sieht die startende und landende Maschine doch eh auf seinem Radardings, Licht an oder aus.

Ich möchte nicht in die Grube fliegen fahren , ohne diese Dinge verstanden zu haben. Also, wie gesagt: Sachdienliche Hinweise – gerne auch von “Senatoren” und “Hon Circle Members” – bitte an eines unserer Aufnahmestudios. Danke.

Schäfermond

Written By: Oliver Driesen - Apr• 06•14

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Dieser Beitrag muss ohne Bild auskommen. Mir egal, ob ihn dann weniger anklicken, wie SEO-Experten jetzt sicherlich einwenden werden. Hier geht es um ein Wort, um genau ein einziges Wort, und dieses Wort ist sich selbst Bild genug. Ich möchte behaupten: Wer sich von diesem Wort keine wunderbaren imaginären Bilder vors geistige Auge zaubern lässt, der ist vermutlich tot.

Genau genommen dient dieser Beitrag überhaupt nur der Huldigung dieses Wortes, das mir und wahrscheinlich den meisten Menschen deutscher Zunge bislang völlig unbekannt war. Was einerseits erstaunlich ist, weil es klingt, als hätten Rilke oder Hölderlin es persönlich durch tagelanges Sieben aus dem Abraum der Buchstaben freigelegt. Andererseits aber auch nicht erstaunlich, denn das Wort selbst gibt es erst seit wenigen Jahren (genaues Datum: unbekannt).

Ich möchte, dass wir jetzt alle zusammen dieses Wort einmal laut und deutlich aussprechen, mit Aplomb und mit Finesse, mit Anbetung und Nachdruck, vor allem aber mit einer unendlichen Milde im Tonfall, jener Milde, die nur tiefe Herzensbildung hervorzubringen vermag: Schäfermond.

Schäfermond.

Um Gottes Willen, ist das schön. Schäfermond Schäfermond Schäfermond. Ach, ach, ach!

Ähem, wo war ich? Richtig: Das Wort stammt nicht etwa aus der Poesie, sondern aus der Astronomie, welche aber – genauer bedacht – zwei durchaus sehr artverwandte Künste sind. Denn die Astronomie erlebt derzeit eine wortwörtliche Sternstunde nach der anderen, das ist schon fast unheimlich, was die Astrophysiker und Astrobiologen innerhalb der letzten fünf bis acht Jahre alles herausgefunden haben: über unser Sonnensystem, die Entstehung der Planeten, fremde Galaxien, bewohnbare Welten, über den Ursprung des Lebens selbst. Wikipedia steht voll davon, bitte eintauchen und erschaudern! Und zu den jüngeren, aber nicht einmal jüngsten Entdeckungen gehören eben die Schäfermonde.

Rein wissenschaftlich betrachtet sind das Monde, welche die Ringplaneten unter den äußeren vier Gasgiganten des Sonnensystems umkreisen, deren bekanntester der Saturn ist. Diese Ringsysteme, die einen Durchmesser von Hunderttausenden Kilometern haben, bestehen aus großen, kleinen und kleinsten Eisbrocken, wirklich fast reines Wassereis. Manche wie ein Staubkorn, manche wie ein Berg. Aber zwischen diesen Ringen sind häufig diese markanten schwarzen Zonen der Leere, also eben keine Ringe. Deren markanteste ist die sogenannte Cassinische Teilung in den Saturnringen, die mit einfachen Fernrohren auch von der Erde aus sichtbar ist.

Für diese Teilungen sind, quasi als Abstandhalter, Schäfermonde verantwortlich. Sie umkreisen ihre Planeten wie Diamantnadeln im Vinyl auf der nächsthöheren oder -tieferen Rille und zwingen dank ihrer eigenen Gravitation auch die Eisbrocken auf andere Umlaufbahnen. Man könnte auch sagen, sie halten wie Staubsauger die Einflugschneisen zwischen den Ringen für all diese Ufos dort draußen hübsch frei von Partikeln, die in die Düsen geraten könnten – aber warum eigentlich sollte man sie Staubsaugermonde nennen, wenn es schon das Wort Schäfermonde gibt! Oh-so-schön-und-tausendschön!

Denn natürlich sind sie am ehesten wie Schäfer, die in der unendlichen Nacht des Universums am Himmel stehen und die unermesslichen Herden der Eisringe hüten, auf das kein Mondschäfchen ungezählt bleibt und kein Ringlein verloren geht. Sie tragen übrigens wunderbare Namen wie Daphnis, Pan oder Orphelia (es gibt also auch Schäferinnenmondinnen, aber sorry: die volle Romantik-Dröhnung entwickelt nur die männliche Form).

Ich glaube, das Deutsche ist für die Astronomie gemacht und die Astronomie für uns. Es ist unsere Wissenschaftsdisziplin, die Heinrich-Heine-, die Matthias-Claudius-, die Caspar-David-Friedrich-Wissenschaft. Es ist die Wissenschaft, die uns mit der Religion versöhnen könnte.

Meine Damen und Herren, es ist jetzt 23.14 Uhr und ich gehe ins Bett. Am Himmel wacht derweil ein Schäfermond, an meinem Traumhimmel auf jeden Fall. Das wollte ich Ihnen nur mitgeteilt haben. Schlafen Sie gut!

Und bitte: Fangen Sie gleich morgen an, eine Ballade / einen Roman / ein Gedicht mit diesem Titel zu schreiben. Noch ist er nicht geschützt.

Alles muss raus. Ein letzter Besuch bei Max Bahr.

Written By: Oliver Driesen - Feb• 08•14

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Am 25. Februar ist Schluss. An genau diesem Tag endet, zumindest in der Filiale an der Wandsbeker Zollstraße, die Ära der traditionsreichen Hamburger Baumarktkette Max Bahr. Über die Gründe ist genug geschrieben worden: Missmanagement, Bankengier, das Übliche. Aber wie es sich anfühlt, kurz vor Schluss, das ist eine Erfahrung, die man selber machen sollte – am besten mit allen Sinnen. Nicht im Adrenalinrausch des blindwütigen Schnäppchenjägers mit Tunnelblick auf heiße Ware, sondern mit offenen Augen und Ohren, mit empfangsbereiten Tast- und Riechorganen.

Was geschieht da? Eine Menge, vor allem Unterschwelliges. Ich habe heute den todgeweihten Max Bahr besucht und bin herumgewandert im Vorzimmer des Endgültigen, das ein finaler und nicht nur saisonaler Schlussverkauf bedeutet. Auf der Suche nach Anzeichen der Endlichkeit in der immer aufs Neue aufgefüllten Warenwelt. Und tatsächlich: Hier spiegeln wir uns in in den Resten dessen, was wir eine Zeitlang für garantiert halten durften.

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Die meisten Regale sind bereits leer, als ob soeben im Rundfunk die Ernstfall-Warnung durchgegeben worden wäre und die Bevölkerung, auf dem Weg in die Bunker, noch schnell ihre allerletzten Hamsterkäufe erledigt hätte. Die Weihnachts-Deko ist dieses Mal nicht mehr ausgetauscht worden, warum auch, man wusste ja schon Bescheid. Und so gibt es die Reste der Jahresendzeit in der endgültigen Endzeit nicht für “50-70 %” Rabatt wie den ganzen Rest, nein, in Sachen Weihnachten sind Anfang Februar satte 90 % Preisnachlass drin.

Das gilt auch und erst recht für “Tonnenbäume, Höhe 45 cm” aus Plastik: Statt 3,99 €  jetzt 39 Cent. Ja, Tonnen, nicht Tannen – so steht es zumindest auf dem mit Edding verfassten Schild. Und es gilt ebenso für den “Künstlichen Tannenkranz”, der indes niemanden mehr in Festtagsstimmung versetzt:

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Gibt hier eigentlich noch arbeitende Menschen in all dieser zunehmend raumgreifenden Leere? Aber ja, natürlich. Zu erkennen nach wie vor an den gelben Polohemden, lächeln sie allerdings eher selten. Anders als ihre dauerfröhlichen Replikanten auf den zahlreichen lebensgroßen Foto-Werbeflächen im Baumarkt, die ebenso wacker die Stellung halten, bis zum letzten Tag:

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Nur deren Botschaften wirken jetzt manchmal etwas merkwürdig: “Mitarbeiter rufen!” klingt heute weniger nach einer Einladung, an der Säule den Einkaufsberater mit seiner Kompetenz herbeizuklingeln, sondern wie “Mitarbeiter rufen um Hilfe” oder “Mitarbeiter rufen: Haben Sie nicht einen Job für mich?” Den ersehnten Arbeitsplatz werden manche indes sogar behalten. Denn als nächstes zieht hier Bauhaus ein, der große Konkurrent. Er beschäftigt die Fittesten der Belegschaft weiter – natürlich mit neuen Verträgen, nach deren Konditionen zu fragen die Pietät verbietet.

Und darüber hinaus bietet das Ende sogar neue Job-Chancen, wenn auch nur kurzzeitig: “Mitarbeiter für Abrissarbeiten gesucht”, lautet ein eilig gedruckter Aushang. Abriss? Wo doch wieder Baumarkt sein wird? Vielleicht soll mit dem alten Plunder auch der Fluch der Insolvenz ausgekehrt und untergepflügt werden.

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Unterdessen haben sich auch die letzten Paletten fast geleert. Am Ende, das lehrt die Erfahrung, ist keine Ordnung mehr. Wozu noch säuberlich zurückstellen und einsortieren, wenn doch bald die Abrissbirne kreist? In den Bereichen, wo die Hunnenhorden schon durchgezogen sind und alles ausgeweidet ist, ziehen Markt-Mitarbeiter mit rotweißem Flatterband Absperr-Linien: Hier ist nichts mehr. Hier wird nichts mehr sein. Nur noch die Gerippe von Regalen, unschöne Anblicke, die wir Ihnen ersparen möchten wie Messermordopfer. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

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Hübsch aber, dass es inmitten des Gesamt-Schnäppchenparadieses noch eine eigens abgetrennte  “Schnäppchen”-Abteilung gibt. Aber Achtung: Stolpergefahr! Die Auslegeware hat mit den Jahren Blasen geworfen und sich vom Teppichkleber gelöst. Man taumelt vorbei an Bretterkisten, in die einfach alles geworfen wurde, was unter diesen Umständen noch in Regalen auszustellen zu aufwändig erschien: Kissenfüllungen aus 100% Polyester, weiß. Wenn man die nicht braucht: Fenstervorhänge aus 100% Polyester, bunt gemustet. Oder Schnur von der Rolle, braucht man immer. Oder ein einzelner Schuh, falls man den anderen schon hat oder den einen verloren. Gleich daneben: eine Fliegenklatsche, auch massiv reduziert.

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Von diesem Zwischenlager für Plastikmüll, dessen Endlager eines nicht fernen Tages vielleicht der im Atlantik rotierend dahintreibende Plastikmüllstrudel von der Größe Zentraleuropas sein wird, führt ein direkter Weg ins Gartenparadies. Das heißt: führte. Die automatische Glasschiebetür öffnet sich nicht mehr. Das Gartenparadies hat sich in einen betonierten Lagerplatz für geplatzte Illusionen verwandelt, der er vielleicht immer schon war, was man aber wegen genügend großer Gartenartikelfülle nicht wahrnehmen konnte. Nun kann man es – aber kein Mitarbeiter, den man an irgend einer Säule ruft, kommt und hilft einem dabei, den Verlust der Gartenillusion zu bewältigen.

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Stattdessen wandere ich drinnen weiter unter hohem, leicht aufklarendem Hallenhimmel. Dann wieder unter einem wogenden Baldachin, der nichts mehr übespannt außer Leere. In China ist Rot die Farbe des Glücks. Möge Glück auf Euch regnen, die Ihr Euch unter diesem Erdbeerhimmel in Gedanken ergeht: Strawberry fields forever!

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Vorbei an der Kassenschlange, wo ein Afrikaner schnell noch zwei ergatterte Keramik-Kloschüsseln mit EC-Karte bezahlt. Im Nacken blaue Transparente, die Antworten auf meine Fragen versprechen, aber gleich von anderen Schildern niedergebrüllt werden: “ALLES MUSS RAUS”.  Vorbei am allerletzten der Schnäppchenwerbeschilder, am weißen Schriftzug auf blauem Grund: “DIE ZEIT LÄUFT”. Daneben ein Spiegel mit Birkenholzrahmen, in dem kurz mein Gesicht auftaucht. Oh ja, die Zeit läuft und wird nicht zurückerstattet. Einmal kommt der Tag, an dem es wieder heißt: “ALLES MUSS RAUS.”

Und ich auch.

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ADAC: Von gelben und gefallenen Engeln

Written By: Oliver Driesen - Jan• 20•14

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Vor zehn Jahren habe ich Michael Ramstetter, bis zum Wochenende Kommunikationschef des ADAC, für das Branchenmagazin “Wirtschaftsjournalist” porträtiert. Die Headline, “Grüne Welle fürs Geschäft”, klingt heute noch mehrdeutiger, als sie 2003 gemeint war. Ich nannte seine Tätigkeit damals einen “Drahtseilakt im Umgang mit Politik, Konzernen, Verbraucherschutz”.

Und so handelte das Porträt denn auch von einem, der als Chefredakteur der ADAC motorwelt (Auflage damals: 14,6 Millionen) mit teils kuriosen Geschäfts-Kooperationen immer mehr Reibach für den ADAC machte. Hätte es nicht ein “katholisch, konservativ” gefärbter Präside verhindert, dann hätte Ramstetter auch noch die 200.000 Euro einbringende, doppelseitige Anzeige für das Potenzmittel Viagra ins Heft gehoben. Ebenso gern hätte er ein Beate-Uhse-Inserat in der motorwelt gesehen. Warum auch nicht? Ein Vibrator verfälscht keine Pannenstatistik.

Aber eigentlich ging es in seinem Blatt natürlich schon um Autos. Vielsagend war, dass der ADAC-Kommunikator 1999 die Markt-Einführung des neuen Opel Omega mit einem Massenausflug nach Arizona begleitet hatte, wo 100 handverlesene motorwelt-Leser den Wagen testen durften: “Opel hat alles bezahlt”, freute sich der Chefredakteur, “es war eine wunderschöne Kampagne.”

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Und als ich 2003 im Flur auf meinen Interviewtermin bei Ramstetter wartete, da saß drinnen bei ihm gerade ein Vertreter des Reifenherstellers Pirelli – zur Planung einer Mitmach-Aktion für die motorwelt-Leser. Schon damals wagte eine motorwelt-Mitarbeiterin, mir unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit zu flüstern: “Ich persönlich würde lieber keine Kooperationen machen, denn dann kann man ein Unternehmen hinterher nicht gut in die Pfanne hauen.”

Zu solchen und anderen Vorwürfen der Industrie-Hörigkeit sagte mir Ramstetter damals nur: “Unsere Verbraucherschutzabteilung findet das natürlich alles ganz schrecklich, aber ich habe den Gesamt-ADAC zu vertreten.” Das sollte wohl sagen: Der Zweck heiligt die Mittel. Und gerade so muss es schon seinerzeit das ganze Präsidium des gemeinnützigen Vereins gesehen haben.

So war ich am vergangenen Wochenende nur mäßig überrascht von den erhärteten und von Ramstetter zu verantwortenden Manipulationsvorwürfen beim “Gelben Engel”. Das einzige, was mich nach wie vor ins Grübeln versetzt: Warum wurde denn – so der heutige Wahrheits-Wasserstand – nur den absoluten Teilnehmerzahlen auf die Sprünge geholfen, die kaum jemanden interessieren? Wäre es nicht viel naheliegender gewesen, gegen gutes Geld auch das passgenaue Ranking zu liefern? Auf dass der bessere VW gewinne?

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Nach inzwischen von deutscher Politik und Wirtschaft ad infinitum eingespielter Salamitaktik gilt auch in der ADAC-Affäre vorerst: Morgen ist wieder ein neuer Tag, und die Wahheit von heute ist der getaute Schnee von gestern, der einen ganzen Gletscher an Metaphernsalat freigibt – nein, ich meinte natürlich: einen Abgrund an Publikums-Verrat. Und die VW-Führung weint Krokodilstränen im Takt.

Aber ach, das Publikum, es will ja belogen und betrogen sein. Es muckt und muckt nicht auf. Es boykottiert nicht Google, nicht die Schweinebauern, nicht all die falschen Doktoren, nicht die Banken und selbstverständlich nicht den ADAC, des deutschen Autofahrers seelischen Heimat-Gau. Merkwürdigerweise hat es nur einen, nicht einmal besonders dreisten, Trickser und Täuscher fallen lassen: die katholische Kirche.

Verheerend ist indes der Kollateralschaden, den die übrigen, immer wieder Davongekommenen verursachen: Kaum ein Konzern, kaum ein Verband, kaum eine Partei, die noch Glaubwürdigkeits-Kredit hätten. Sie sind, bis auf Ausnahmen, moralisch bankrott, da können sie reden, was sie wollen. Auch für teures Werbegeld wird da kein ehrlicher Schuh mehr draus, solange unpassenden Wahrheiten im Zweifelsfall nachgeholfen wird.

Michael Ramstetter, der gefallene gelbe Engel, der seinen Hut genommen und einen großen Schaden eingestanden hat, um den ADAC-Granden einen noch größeren zu ersparen, sagte mir übrigens damals beim Abschied in München: “Für den Fall, dass man mich mal nicht mehr lieb hat, richte ich mich so ein, dass ich in 30 Sekunden meine Sachen packen kann.” Ich wusste es zu der Zeit nicht, aber das war ein Satz, der so fast wortgleich von einem großen Verbrecher stammte: von Robert de Niro als Gangsterboss in “Heat”.

Ünüvar – Ende eines Supermarkts (8)

Written By: Oliver Driesen - Jan• 14•14

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9.12.2011
 

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12.1.2014
 
 

Natürlich wollen wir Hamburger Olympia. Hicks!

Written By: Oliver Driesen - Jan• 02•14

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Glaube keiner Meinungsumfrage, die du nicht selbst gefälscht … halt! Wir wollen ja hier nichts Unbewiesenes behaupten. Bleiben wir bei den Tatsachen: Tatsache ist, dass es eine aktuelle Meinungsumfrage gibt, derzufolge 59 Prozent “der Hamburger” dafür sind, dass sich die Hansestadt um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 bewerben soll.

Diese streng repräsentative, also auch für dich und mich und Sie dahinten in der dritten Reihe repräsentative Meinungsumfrage wurde von einem der Voreingenommenheit völlig unverdächtigen Auftraggeber in Auftrag gegeben: von der Hamburger Handelskammer. Gut, mich hat sie nicht fragen lassen, aber das war sicher Zufall.

Fähnchen und Fliegende Bauten

Fest steht jedenfalls: Hamburg, so gut wie ganz Hamburg (mit Ausnahme von 41 Prozent nihilistischen Elementen) ist für Olympia, das Fest der Völkerverständigung, des unschuldigen Sportsgeistes und der geweihten Weltjugend, die nichts will als ehrlich verdiente Goldmedaillen und ansonsten ein spartanisches Olympiadorf, gern auch als Zeltlager am Elbufer.

In aller Bescheidenheit: Wer kann gegen solche fliegenden Bauten und wehenden Fahnen etwas haben? Ganz ohne Arg und Sponsoring? Niemand! Niemand hat ja auch etwas gegen das Pfadfinderlager des Fähnleins Fieselschweif. Es gibt Dinge, die sind einfach nur gut. Für Hamburg. Und die Welt.

Völkerfest der Neuansiedlungen

Prompt fällt das in solchen Fällen (siehe auch Elbvertiefung) zuverlässig kapitalhörige Hamburger Abendblatt in den Chor der Jubelperser ein: “Mehrheit fordert: Holt Olympia nach Hamburg!” lautet schon am ersten Arbeitstag des neuen Jahres, heute also, die Aufmacherzeile des Jubelperserblattes. Im Kommentar geht’s munter weiter: “Ein Zeichen setzen” soll Hamburg, die “Entwicklung der Stadt nachhaltig vorantreiben … im nationalen Wettstreit mit Berlin … ein erheblicher Wettbewerbsvorteil im Kampf der Kommunen um die Ansiedlung neuer Unternehmen …”

Denn das ist ja der ursprüngliche, heilige Geist von Olympia: neue Unternehmen ansiedeln. Es sind all die abgestandenen Phrasen, die schon die Münchner bei “ihrer” eigenen Oympiabewerbung bewundernswerter Weise nicht überzeugt haben. Eigentlich müsste man sagen: fauler Journalismus, aber genauso gut ist es faule PR. Ich glaube: Der Zeitpunkt der Publikation ist Absicht. Vordergründig hängt sie mit der unfassbar bourgeoisen “Versammlung des Ehrbaren Kaufmanns” zusammen, bei der zu Jahresbeginn immer solche kühnen Visionen vorgesponnen werden – diesmal eben zur Abwechslung Olympia. Im Grunde aber ist das Timing einfach nur effizient: Die wissen, dass wir alle noch einen Kater haben und unsere kritischen Instanzen noch auf Halbmast hängen. Also jetzt, im Überfallmodus, das Meinungsbild gestalten!

Und zwar nach Belieben. Eine genauere Ursprungsangabe für die “Meinungsumfrage”, also das erhebende Institut oder gar dessen Art der Fragestellung oder der Teilnehmerauswahl, nennt das Abendblatt übrigens nicht, so dass sich erst gar keiner für diese Methodik interessieren kann. Reicht doch, dass es die seriöse Handelskammer bezahlt hat, die unverdächtige. Wir sind das Stimmvolk, uns kann man zu einer Prozentzahl zusammenfassen, wie’s grad gefällt. Ach, stimmt nicht? Dann Beweise, bitte! Und Einzelheiten der Meinungsumfrage!

Was alles fehlt

Denn was (oder wer) wurde da alles nicht gefragt? Ich wette, es wurde nicht gefragt, ob die Mehrheit der Hamburger für einen noch weiter gehenden, vollkommen sinnentleerten Eventisierungs-Wahnsinn mit seinem Müll und Krach und Reklameirrwitz in der Stadt ist. Es wurde nicht gefragt, ob man sich noch an die kläglich in der Vor-Vorrunde gescheiterte Olympiabewerbung 2003 erinnert, als das Weltdorf Hamburg nicht einmal dem Nationalen Olympischen Kommittee potent genug erschien, ein solches Hyper-Ereignis zu stemmen.

Es wurde (speziell in den ärmeren Bezirken und Vierteln) mit Sicherheit nicht gefragt, ob man weiter exorbitant steigende Mieten und Immobilienpreise durch das Fest der Werber und Sponsoren fürchtet. Es wurde nicht gefragt, ob man jahrelange Großbaustellen mit Staus und Emissionen will, nur damit die übliche Riege internationaler Großkonzerne am Ende sämtliche Gewinne mitnehmen kann, während die Hamburger Steuerzahler auf den hinterher zum Großteil wertlosen Infrastrukturbauten sitzenbleiben.

Es wurde vermutlich nicht einmal gefragt, ob Olympische Spiele, diese Welt-Doping-Leistungsschau führender Pharmaunternehmen, überhaupt noch einen Rest von Glaubwürdigkeit haben.

Und wer mal kurz nach Sotschi in Putins Russland schaut, der bekommt eine Ahnung vom paramilitärischen Ausnahmezustand, den moderne Olympische Spiele mit sich bringen: Straßensperren, Scharfschützen, Panzer, Aufhebung der Grundrechte – und dennoch gute Aussichten auf Terroranschläge. Ganz Hamburg ein Gefahrengebiet, ganz Hamburg ein Polizeikessel.

Ein Rülpser für Olympia

Aber klar: 59 Prozent “der Hamburger” sind für Olympia in der schönsten Stadt der Welt. Fast hört man das Rülpsen des Präses der Handelskammer beim Festmahl auf der ehrbaren Kaufmannsversammlung, das diese unumstößliche Wahrheit besiegelt.

Nun wollen wir mal die Gegenprobe machen: Wenn Sie aus Hamburg oder aus der Umgebung sind, stimmen Sie doch hier ab. Selbstverständlich vollkommen un-repräsentativ, nur so als Fingerübung der Demokratie, wenn Sie an die noch glauben. Und kommen Sie immer mal wieder vorbei, um sich die Zwischenstände anzusehen. Schön ist, dass ein “Cookie” hierbei Mehrfachstimmabgaben verhindert. Aber das war bei der Handelskammer natürlich genauso.

Nachtrag, 24.1.:  Da schau her! Seit Tagen schon 59 Prozent Zustimmung zu Olympia in Hamburg in meinem kleinen Blog-Voting. Nicht 58, nicht 60 – nein, 59. So wie in der Meinungsumfrage der Handelskammer. Genau so wie in der Meinungsumfrage der Handelskammer. Ganz genau so.