Von der modernen und der maritimen Liebe

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 02•15

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Es märzt, in Deutschland spannt der Bauer die Rösslein ein, und der handelsübliche Erst-, Zweit- oder Drittsingle geht auf Internet-Brautschau. Wann, wenn nicht jetzt, wo das noch junge Jahr so gerade noch einen Hauch mehr Glück verspricht als das letzte? Saisonbedingt prangen also jetzt überall an Großstadtwänden die Werbeposter der Partnerbörsen. Und wohl keine ist peinlicher als diese (die es natürlich auch in einer männlichen Version gibt):

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Möchten Sie, wenn Sie gefragt werden, mit strahlendem Lächeln sagen müssen, dass Sie ein Elite-Partner sind? Und was wäre eigentlich die Frage, die diese Antwort erst auslöst? Vielleicht: Ey, wie bist du denn so im Bett? Oder: Ist dein Kaufkraftkoeffizient eigentlich ausreichend, um dich auf meinem Partnerschaftsanspruchsradar als kleines grünes Glühwürmchen zu erfassen? In jedem Fall: das Grauen. Das GRAUEN!

Nein, liebe anspruchsvolle Emotionskunden und Erotikschnäppchenjäger, auf diesem Geschäftsmodell ruht kein Segen drauf. Es gibt bessere Gelegenheiten zum Andocken, glauben Sie es einem altgedienten Seefahrer und Leichtmatrosen. Gestern erst bin ich wieder auf einer dieser HADAG-Fähren im Hafen unterwegs gewesen, und was soll ich Ihnen sagen: Da spielt die Musik. Man muss sich aber in eine der hinteren Ecken zurückziehen, also, wie wir Fachleute sagen: nach achtern, und da dann an Backbord. Dort in Richtung Kielwasser blicken, durch die regenbesprenkelte Heckscheibe kaum was sehen, dafür aber dies entdecken:

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Und es macht gar nichts, dass gleich daneben die WC-Tür ist. Also jedenfalls, wenn man keinen Elite-Partner sucht.

Noch 99 Seiten

Written By: Oliver Driesen - Feb• 25•15

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Der morgige Tag ist der erste Tag vom Rest … nein, nicht meines Lebens, obwohl: das auch. Aber was ich sagen will: vom Rest meines Romans. Meines ersten Romans.

Man muss sich Ziele setzen im Leben. Also gut, hier (räusper): In den verbleibenden 105 Tagen bis zur Mitte des Jahres werde ich die restlichen 99 Seiten (circa 99, Anmerkung meines inneren Medienanwalts) des bereits vollständig durchkonzipierten Romans fertigschreiben. Was ein Klacks ist, denn 144 Seiten gibt es ja schon. Oder anders ausgedrückt: sieben von zwölf Kapiteln. Und außerdem weiß ich, wie man Bücher schreibt. Ich habe es schon viermal getan, und ich kann es wieder tun! Auch, wenn es diesmal nicht um Facts, sondern um Fiction geht. Die wahrsten Wahrheiten schreiben sowieso die Dichter.

Nun ist es heraus. Danke, liebe Leser, danke! Danke, dass ich Sie gerade mal dazu missbrauchen durfte, mir über die letzten, gefühlten 50.000 Kilometer zu helfen. Ich muss sagen: So ein öffentliches Gelöbnis hat doch gleich eine erhebende, inspirierende Wirkung. Tastatur, komm her, wo bist du? Ach ja, hier unten (Sie kennen die Sache mit der Brille, die auf der Nase sitzt).

Wenn aber hier, verehrte Zeilensturm-Leser, in der Zwischenzeit nicht alle paar Tage etwas Neues steht, wissen Sie jetzt, wohin die Kreativ-Energie stattdessen geflossen ist. Wenn ich mich überhaupt nicht mehr melde, wissen Sie ebenfalls, warum.

Damit Sie sich in der Zwischenzeit noch besser den Kopf darüber zerbrechen und den Mund wässrig machen können, was da auf Sie zukommt, sehen Sie in wenigen Sekunden als Preview schon mal das (keinesfalls bereits rechtsverbindliche, Anmerkung meines inneren Medienanwalts) Buchcover. Den Titel allerdings habe ich noch zu 99 Prozent unkenntlich gemacht. Sie müssen ja nicht alles wissen.

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Danke, vielleicht beim nächsten Mal …

Written By: Oliver Driesen - Jan• 27•15

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Kilometerstein 18,5. Was einmal recht und billig war.

Written By: Oliver Driesen - Jan• 26•15

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Am 19. Februar 1960 ist mein Schwiegervater im Alter von 36 Jahren zu einer Woche Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Er hat diese Strafe abgesessen. Beides war mir neu.

Ich halte das Urteil, samt fünfseitiger, engzeilig getippter Schreibmaschinen-Begründung, in der Hand, weil ich in den letzten Wochen dabei geholfen habe, das Leben meines Schwiegervaters und seiner Frau abzuwickeln. Mein Schwiegervater starb schon vor zwölf Jahren, meine Schwiegermutter erst vor zwei Monaten. Ihr gemeinsames Haus steht nun leer. Die Möbel, die Dinge, die Papiere eines jahrzehntelangen Ehe-, Familien- und Witwenlebens müssen ausgemustert werden. Es ist, wie jeder weiß, der so etwas schon einmal machen musste, für die Hinterbliebenen eine deprimierende Aufgabe. Jedenfalls dann, wenn Liebe im Spiel war, wie in diesem Fall.

Aber in dem bizarren, eigentlich bürokratisch-brutalen Schriftstück vom Amt liegt ein eigentümlicher Trost. Dabei ist es ein Dokument aus einer Zeit, als es noch eine „Obrigkeit“ gab. Als es Regeln gab, denen unnachgiebig Geltung verschafft wurde, weil es Regeln gab. „Ohne Ansehen der Person“, wie es damals hieß. Das klingt für heutige Leser unendlich spießig, gestrig, autoritär. Und doch ist es gefühlt das ganze Gegenteil: das Zeugnis einer einfacheren Zeit, als man noch seinen Platz im Leben kannte und ihn mit Witz und Bauernschläue ausfüllte, aber auch behauptete. Gegen alle Widrigkeiten, mit Schalk im Nacken, mit Resilienz und einer steifen Oberlippe, „a stiff upper lip“, wie die Engländer sagen.

Keine Multimediashow

All das fehlt uns heute, in unser Betroffenheits-, Ausreden- und Erregungsgesellschaft, in der andererseits das Recht gebeugt, getreten und gekauft wird nach Belieben. In der das Maßnehmen am Gemeinwohl abhanden gekommen ist. Und die Bereitschaft, sich „dem System“ zu unterwerfen, ohne eine multimediale Show daraus zu machen, auch.

Der Grund, warum mein Schwiegervater verurteilt wurde, war Trunkenheit am Steuer. Zitat:

Am 12.12.1959 nahm der Angeklagte an einer Weihnachtsfeier seiner Firma teil. (…) Als er gegen 3 Uhr mit seinem VW-Bulli nach Lemgo zurückfahren wollte, geriet er kurz vor Lage in der Nähe des Brinkkruges in den rechten Straßengraben. Er fuhr etwa 40 m in diesem Graben entlang, riss dabei einen Begrenzungsstein aus dem Erdreich, drückte den Kilometerstein 18,5 um und blieb schließlich vor einem Leitungsmast stehen. Da er den Wagen nicht mit eigener Kraft aus dem Straßengraben bekam, schaltete er das Standlicht des Wagens ein und machte sich, da er keine Fahrgelegenheit traf, zu Fuß auf den Heimweg. (…) Nachdem ein Funkstreifenwagen zufällig den Wagen des Angeklagten im Straßengraben stehend vorgefunden hatte, veranlasste die Polizei die Feststellung des Halters des Wagens und, da der Angeklagte nach Alkohol roch, die Entnahme einer Blutprobe. Diese ergab, dass der Angeklagte 1,69 Promille Alkohol im Blut hatte.

Um das festzuhalten: Es war nichts und niemandem, nicht mal dem VW-Bulli, etwas geschehen. Außer natürlich dem Begrenzungsstein und dem armen Kilometerstein 18,5, die es wortwörtlich geschrägt hatte.

Nun aber zur Verteidigung meines Schwiegervaters in der Hauptverhandlung vor Gericht, bei der mit allem Pippo ein eigens angefertigtes Gutachten über Blutalkoholauswirkung bei durchschnittlichem Körperbau verlesen und außerdem zwei Zeugen vernommen wurden.

Kälte und Schock gleich Grog

Er habe auf der Feier gar nichts getrunken, gab mein Schwiegervater, ein regional recht bekannter Jazz-Musiker, damals zunächst zu Protokoll. In den Graben sei er durch ein entgegenkommendes Fahrzeug gedrängt worden. Und endlich zuhause angelangt sei ihm kalt gewesen, dazu der Schock. Weiter in der Urteilsbegründung:

Aus diesem Grunde habe er sich zu Hause 2 starke Gläser Grog gebraut und getrunken, bevor er sich zu Bett begeben habe. (…) Zur Zeit seiner Teilnahme am Straßenverkehr sei dieser Alkoholgehalt jedoch noch nicht vorhanden gewesen.

Einen Geschmack auf der Zunge wie alter Weinbrand entfalten bis heute Sätze aus der weiteren Urteilsbegründung:

Gegen diese Behauptung des Angeklagten spricht insbesondere die von dem Zeugen K. bekundete Tatsache, dass der Angeklagte auf die Frage, ob er Alkohol getrunken habe, erklärt hat, er habe überhaupt nicht getrunken. (…) Der Angeklagte hätte jedoch keinerlei Interesse daran gehabt, diesen nachträglichen Alkoholgenuss zu verschweigen, vielmehr hätte er, wenn er wirklich noch zu Hause Alkohol getrunken gehabt hätte, Interesse daran gehabt diesen Alkoholgenuss durch Vorzeigen der Rumflasche bzw. der sonstigen Trinkgefäße unter Beweis zu stellen.

So geht das Seite um Seite. Dieser ganze Aufwand, diese Staatsräson. Immer in dem ernsthaften Bemühen, dem zarten Pflänzchen Recht Geltung zu verschaffen und zukünftige Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung abzuwenden. Hoch verdächtig natürlich vor diesem Hintergrund, dass der Angeklagte seine Tat gar nicht aus eigenem Antrieb der Polizei gemeldet und sich auch nicht um Zeugen für den hoch abnormen Sachverhalt bemüht hat. So jemand kann „kein gutes Gewissen haben“, versteht sich.

Die Unmöglichkeit der Bewährung

Entsprechend geht es irgendwann nur noch um die Frage, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Aber das erweist sich als unmöglich:

Dem Angeklagten ist, wie er zugegeben hat, bekannt gewesen, dass Trunkenheit im Verkehr eine beonders große Gefahr mit sich bringt und daher von den Gerichten streng bestraft wird. Auch durch Rundfunk und Presse wird immer wieder darauf hin. (…) In der Tat des Angeklagten liegt – wie bereits ausgeführt – ein erheblicher Urechtsgehalt. Er hat nicht die nötige Widerstandskraft gegenüber der Versuchung, Alkohol zu trinken, gezeigt. (…) Abgesehen davon ist eine Strafaussetzung zur Bewährung aber auch deseen nicht möglich, weil das öffentliche Interesse die Vollstreckung der Strafe erfordert. Das Rechtsgefühl eines recht und billig denkenden Menschen würde bei voller Kenntnis der angegebenen Tatumstände die Vollstreckung als Sühne für das leichtfertige und verantwortungslose Verhalten des Angeklagten verlangen.

Und was das Rechtsgefühl verlangt, das bekommt es. Mein Schwiegervater fuhr am 5. April 1960 ins Landgerichtsgefängnis Detmold ein. Eine Woche später, am 12. April, wurde er ordnungsgemäß unter Auszahlung von 57,57 DM „eigenem Geld“ entlassen. Dem Gesetz war Genüge getan, dem Recht Geltung verschafft.

Man verlor weder Job noch Humor

Das klingt, schon klar, wie eine schrullige Schmonzette aus der Zeit, als Dick und Doof noch in ruckelndem Schwarzweiß über die Fernsehschirme flimmerten. Man kann sich über die Witzfiguren des Richters, des Staatsanwalts, des Angeklagten und natürlich auch des „Justizangestellten Multhaupt“ köstlich amüsieren. Hach, was für eine bekloppte Zeit.

Wenn man aber gerade erst vor Wochen seine Schwiegermutter zu Grabe getragen hat, in ihrem leeren, verwohnten Haus steht, sich auch des vor über einem Jahrzehnt verstorbenen Schwiegervaters und Jazzmusikers erinnert und die letzten Schwingungen ihrer beider Epoche in sich nachhallen spürt, dann, wie gesagt, wirkt all das nicht in erster Linie komisch. Sondern es spendet einen merkwürdig unverhofften Trost. Das also war der womöglich größte anzunehmende Schrecken im Leben eines Normalsterblichen. Solche Sorgen hatte man damals, wenn man wirklich welche hatte. Und gleichzeitig war die hochnotpeinliche Schuld, mit abgeleisteter Strafe, dann auch getilgt. Man verlor nicht den Job, nicht den Ruf, nicht die Fassung und nicht den Humor.

Mein Schwiegervater hat nie ein großes Aufhebens von dieser Episode gemacht. Er hat sein Leben einfach fortgesetzt, genau wie der Staat, der ihn verurteilte. Kein Groll, keine verletzten Gefühle, keine posttraumatische Belastungsstörung. Kein Amoklauf im Gerichtssaal. Es waren spießigere, langweiligere, ernsthaftere, rebellischere, verrücktere, romantischere Zeiten.

Ich würde sie gerne eintauschen.

Paris, 7.1.2015

Written By: Oliver Driesen - Jan• 07•15

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Der unsichere Gehilfe

Written By: Oliver Driesen - Dez• 14•14

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Ein Vorweihnachtsmärchen aus dem Qualitätspressesektor

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Es war einmal ein Herr, der hatte einen Gehilfen. Der Gehilfe aber war sich selbst und seiner Sache alles andere als sicher, ja er war ein äußerst unsicherer Gehilfe und als solcher ein Taugenichts und Tunichtgut.

Schickte sein Herr ihn fort, damit er ihm etwa mit einem Botengang hülfe, so ließ der unsichere Gehilfe oft nicht nur das auszutragende Paket liegen, nein, er vergaß geradewegs seinen Kopf. Darauf musste der Herr ihn dann zurückrufen, so laut er eben konnte, denn meist war der Gehilfe schon fast am Horizont verschwunden, eh er’s bemerkte, so unsicher war er.

Doch eines Tages ward es dem Herrn zu bunt, und er rief ihn zum letzten Mal zurück: “Du unsicherer Gehilfe und Lumpensack! Nie wieder sollst du für mich Botengänge erledigen, die ich selbst noch eher fertigbringen würde als du!” Da ward der Gehilfe sehr betroffen. Doch wie’s der Herr gesagt hatte, so geschah’s. Der nämlich hatte sich wohl überlegt, wo er ihn abgeben könnte. Und so fand der unsichere Gehilfe sich, kaum dass ein Klick vergangen war, in der Online-Redaktion des Hamburger Abendblattes wieder.

Hier nun sollte er sich wenigstens als Redakteur noch nützlich machen. Doch gleich in seinem ersten Artikel schrieb er über Gehstänge und Behnutzer – worauf er selbst hier hinausgeworfen wurde. Dies sei nicht das Niveau eines weltoffenen hanseatischen Qualitätsblattes.

Und die Moral: Sei als Gehilfe besser sicher, sonst reicht es nicht einmal zum Online-Redakteur.

Wie die Medien den “Hools” kräftig Zulauf verschaffen

Written By: Oliver Driesen - Nov• 04•14

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Das Phänomen “HoGeSa” (Hooligans Gegen Salafisten) erschüttert die ohnehin fragile Selbstsicherheit des deutschen Bürgertums. Die gewalttätige Kölner Demonstration von rund 4000 Fußball-Schlägern im Schulterschluss mit Neonazis (aber wohl auch einigen kurdischen Gruppierungen und sogar manchen “Normalbürgern”) hat denn auch die meinungsführenden Medien aufgeschreckt: “Hohl, Gemein und Saugefährlich” deutete etwa Spiegel-TV die Abkürzung der ins abrupte Rollen gekommenen Bewegung um.

Selbstverständlich gibt es mehr als genug Belege dafür, dass diese These auch zutrifft – die triumphale Anwesenheit des führenden Neonazis “SS-Siggi” und der Hass-Band “Kategorie C” auf der Krawalldemo waren vielleicht nur die plakativsten. Doch mit einer solchen Kurz-Analyse machen es sich die pflichtschuldigst besorgt dreinblickenden Moderatoren und Redakteure etwas einfach. Sie selbst nämlich erreichen die marginalisierten Unterschichten mit ihren Botschaften vom akzeptablen staatsbürgerlichen Verhalten schon lange nicht mehr – wenn sie es denn je getan haben.

“Man macht sich so seine Gedanken”

Man muss nur die einschlägigen Blogs, Web- und Facebookseiten der Szene studieren, um festzustellen, dass die “System-” oder “Mainstreammedien” heute mit zum Feindbild Nummer 1 dieser anschwellenden Gruppen und Netzwerke geworden sind – auf demselben Hass-Level etwa wie Salafisten (in Wahrheit Moslems, in noch wahrerer Wahrheit dunkelhaarige Ausländer sowie Asylbewerber und Flüchtlinge ganz allgemein). Und “Bullen”. Und “System-Politiker”.

Aber eben auch die bürgerlichen Polit-Journalisten, gleich ob von FAZ, taz oder Zeit. Ein paar Kostproben (inklusive aller Rechtschreibfehler und Formulierungsschwächen, die aber hier nicht vom Thema ablenken sollten):

Sau gefährlich ist für die Mainstreammedien die Situation, dass ihnen die Deutungshoheit entgleitet. Weil sich die Bevölkerung zunehmend aus den Onlinemedien im Internet informieren. Sau gefährlich für Mendienschaffenden und Redaktionen ist die zunehmend sinkende Glaubwürdigkeit der der Leitmedien wie Spiegel, ARD, ZDF, u.a. Da ist ihnen wohl die Deutungshoheit entglitten und da haben sich freie Bürger doch glatt organisiert, ohne, dass es die Mainstream-Redaktionen mitbekommen haben.

(User “media-watch” im antimuslimischen Blog PI-News)

Man versucht mit allen Mitteln die normalen Bürger von Ho.Ge.Sa zu verschrecken. Wir sind es leid diese schlechten Berichte zu sehen nur weil ihr keine Informationen bzw. Interviews von uns bekommt. Wir sagen noch einmal, gemeinsam sind wir stark!Ps.(allgemeine Presse) solange ihr weiter nur Lügen & Müll verbreitet, braucht ihr uns keine Medienanfragen senden.

(Das HoGeSa-Organisationsteam auf seiner Website über den Bericht in Spiegel TV)

Nicht nur der Spiegel,sondern Alle Zeitungen,zensieren und sagen nicht die Wahrheit.Jeder,der 1+1 zusammen zählen kann,macht sich so seine Gedanken.

(User “Kalle” auf derselben Seite)

Kein Zweifel: ein unappetitliches, rohes und undifferenziertes Meinungsgebräu, an dem sich bürgerliche Journalisten ungern die Hände schmutzig machen. Sie könnten sich zudem dem Vorwurf ihrer Kollegen aussetzen, “Verständnis” zu haben. Und doch ist genau dies ein hässlicher, aber virulenter und bedeutungsvoller Teil des so oft geforderten “demokratischen Diskurses”. Und die Leitmedien, aber in ihrem Gefolge natürlich auch die immer weniger werdenden Titel der Provinzpresse, ignorieren ihn, blenden ihn aus, so lange sie glauben zu können. Es ist ja nicht ihre Klientel, diese Menschen zahlen ohnehin nicht ihre Abos. Allein: Lange wird das vielleicht nicht mehr gutgehen.

Gucci statt Großdeutschland

Die Frage ist zunächst: Warum greifen “die” Medien offenbar zunehmend kürzer in ihrer Berichterstattung und Ursachenforschung zu einem sich dramatisch zuspitzenden sozialen Phänomen – so dass oft schon mit dem Stempel “Nazi” vermeintlich genüge getan ist? (Wobei es interessant ist, auf den Facebook-Seiten mit glühenden HoGeSa-Supportern zahlreiche Klarnamen und Profilbilder junger Frauen zu finden, die durchaus eher zum Lebensziel “Gucci” als “Großdeutschland” zu passen scheinen.)

Die Gründe für diese Ignoranz dürften zahlreich sein und untrennbar verwoben mit der allgemeinen Medienkrise, die jetzt schon weit in ihr zweites Jahrzehnt und damit wirklich an die Substanz der Demokratie geht. Die Praktikantisierung der Redaktionen zum Aufpäppeln der Margen bringt eine drastische Verkürzung des historischen und sozialen Gedächtnisses mit sich, ebenso wie des analytischen Radars, das nur durch Erfahrung und Einsichten aus erster Hand statt aus Agenturmeldungen gezielt eingesetzt werden könnte.

Da ist die (teils sogar ins Unbewusste verdrängte) vorauseilende Hörigkeit vieler (Chef-)Redaktionen gegenüber Werbekunden, Lokal- und Bundeswürdenträgern, Verlegern und Controllern, aber auch einflussreichen Interessensgruppen ausschließlich des “bürgerlich-liberalen” oder maximal “liberal-konservativen” Bereichs eines viel größeren Prismas. Seit Jahrzehnten ist sie vielen Kritikern auffällig gewesen, die sie durchaus eleganter zu belegen und zu formulieren wussten als die “Hools” ohne Bildungsabschluss oder Dr. rer. pol. Insofern sind diese Zustände oft beklagt gewesen, nur noch nicht von allen.

Neu hingegen ist die zunehmend besinnungslose – und von stigmatisierten Gruppen wie Islam-Phobikern oder Deutschtümlern sehr genau wahrgenommene – Abfertigung und Brandmarkung mit Begriffen wie “Nazi”, “deutsche Dumpfmichel”, “braune Horden”. Igitt, mit denen kann man nicht diskutieren, man kann sie nur verbieten. Problem gelöst. Ja, aber für immer kürzere Zeiträume, bis zur nächsten, immer größeren Krawalldemo.

Die Antwort der Ungefragten

Warum darf dieser Teil des Meinungsspektrums nicht eine Minute länger missachtet und gar bemitleidet werden? Es liegt eigentlich auf der Hand: Hier bricht sich nur in zweiter Linie die Stimme der Gewalt Bahn, in erster Linie jedoch die eines immer weiter anwachsenden, komplizierten Mosaiks aus Menschen, die sich durch Massen-Zuwanderung “Fremdartiger” einerseits und Verdrängung aus ihrem ehemals “deutschen” (will sagen Heimat gebenden) Mikrokosmos bedroht sehen. Es ist – ohne dass dies pathetisch-sentimental klingen soll, dafür ist das Bedrohungspotenzial zu real – die im Reflex einstimmige Antwort der Ungefragten, der bildungs- und arbeitsfern Sitzengelassenen, aber auch und ganz besonders der sozial heimatlos gewordenen Schichten.

Ihnen stellt sich der “Staat” und damit der Medienbetrieb als eine korrumpierte, die eigenen “Peers” immer wieder befördernder und recycelnder, sie selbst hingegen nur mit Verboten und der “Nazi-Keule” bearbeitende Black Box dar. Ein unzugänglicher, unverständlicher Apparat, der es ihnen gerade dadurch leicht macht, sich an Verschwörungstheorien zu berauschen und gegenseitig zu bestärken. Es sind dabei bezeichnender Weise immer mehr ursprünglich wohl “bürgerlich” zu nennende Menschen, die indes inzwischen ohne Perspektiven dastehen und/oder sich von der weiter verschärfenden Dynamik durch Turbokapitalismus einerseits und Flüchtlingszustrom andererseits eingekesselt fühlen.

Wer im (metaphorischen) Kessel hockt, schlägt um sich. Oder er sympathisiert, längst nicht mehr nur klammheimlich, mit einer heraufdämmernden neuen “Ordnungsmacht” wie der HoGeSa. Denn sie setzt in seinen Augen denen da oben (Staat, Medien) ebenso wie denen da unten (Flüchtlinge, Migranten, Salafisten) endlich Taten statt Worthülsen entgegegen. Dass die Taten aus perspektivloser Gewalttätigkeit und Brutalität bestehen, fällt ihnen im Verschwörer-Rausch nicht länger auf oder sie akzeptieren es sogar mit dem Schauer des Keybord-Revolutionärs.

Das Keyboard gibt ihnen Macht

Denn das Keyboard, in Verbindung mit sozialen Medien, gibt ihnen Macht. Heute haben es eben nicht mehr nur die “System-Journalisten” zur Hand, sondern jeder, egal wie unappetitlich seine Meinung oder Haltung ist. Das spielt Extremisten jeder Couleur in die Karten, der IS ist nur das drastischste Beispiel dafür. Diese Macht sich zu vernetzen und aus Worten schließlich (ziellose oder zerstörerische) Taten werden zu lassen, wird von den behäbigen Meinungsmedien des Bürgertums nach wie vor sträflich unterschätzt.

Die einhellige Meinung unter den zigtausenden Stigmatisierten, nach denen diese Gesellschaft inzwischen zählt, ist, egal ob “links”, “rechts”, “islamistisch”, “doitsch” oder “christlich-fundamentalistisch”: Die da oben reden schon lange nicht mehr mit uns, also reden wir jetzt auch nicht mehr mit denen. Letzte Konsequenz: politische und Zirkel- und Kurzschlüsse bis hin zu wirklich bürgerkriegsartigen Szenarien.

Es liegt nun an den “bürgerlichen” Medien, in vielleicht vorletzter Stunde einen aufrichtigen, geduldigen und systematischen Versuch zu wagen, sich in die Gedanken- und Lebenswelt dieser Stigmatisierten oder Sinnversehrten zu begeben und danach zu fragen, was sie benötigen würden in dieser Gesellschaft, die ansonsten schon bald auf der Kippe stehen könnte.

 

Flüchtlingsheim im reichen Viertel: die Masken fallen

Written By: Oliver Driesen - Okt• 22•14

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Immerhin lassen sie jetzt die Maske fallen. Bislang wehrten sich Bewohner von Hamburgs weißer Villen-Idylle Harvestehude mit vorgeschobenen Gutmenschen-Argumenten gegen das in ihrer Nachbarschaft geplante Flüchtlingsheim an den Sophienterrassen (“Die armen Menschen finden hier ja gar keine günstigen Einkaufsgelegenheiten.” “Anderswo könnte man fürs selbe Geld viel mehr unterbringen.”) Ansonsten setzten sie auf die bewährte Taktik, das deutsche Planungsrecht und damit den Faktor Zeit für sich bzw. gegen die Flüchtlinge arbeiten zu lassen.

Doch inzwischen hat sich herumgesprochen, dass bislang etwa drei Viertel der nach Hamburg strömenden Flüchtlinge im ohnehin “kaufkraftschwächeren” Osten bzw. Süden der Stadt einquartiert wurden, aber nur etwa ein Viertel in den besser betuchten Vierteln westlich der Alster – und bislang noch immer überhaupt keiner im Superreichen-Quartier Harvesthude. Zugleich müssen weiterhin immer mehr Menschen in der Hansestadt untergebracht werden, denn die Verhältnisse im Rest der Welt sind nun einmal nicht ganz so friedvoll wie im Auenland am künstlichen Seeufer.

Da wirken solche pseudo-besorgten Äußerungen nicht mehr ganz so uneigennützig und überzeugend, wenn drei Viertel des übrigen Stadtgebiets mehr oder weniger zähneknirschend ihren Teil der sozialen Lasten schultern, als die massenhafte Armutsunterkünfte natürlich in der Tat begriffen werden können. Und so gingen die Vorbereitungen für die erste Notunterkunft in Alsternähe aus Sicht mancher Harvestehuder denn auch beunruhigend konkret weiter. Bis zu 250 überwiegend nichtweiße und nichtblonde Menschen sollen hier konkret eine provisorische Heimat finden.

Deshalb haben einige Bewohner des kleinen gallischen Wehrdorfs jetzt die nächste Stufe ihres Widerstands-Feuerwerks gezündet: die juristische. Und da gibt es keinen Grund mehr, sich weiterhin als Menschenfreunde zu tarnen; im Schutz von Anwälten wird Tacheles geredet. Im Eilantrag an das Hamburger Verwaltungsgericht stellen die drei Initiatoren laut Hamburger Abendblatt gleich mal fest, die Flüchlingsunterkunft sei

“mit einem erheblichen Störungspotenzial verbunden, das einem geschützten Wohngebiet fremd und unverträglich ist.

Das Wort “geschützt” ist hier besonders delikat: geschützt wodurch? Durch Stacheldraht und Minenfelder? Bislang schien dies ein Stadtteil mit legalem Zugang auch für Normalsterbliche zu sein; durch den Bau der weitgehend “eingefriedeten” Superluxuswohnanlage an den Sophienterrassen (Eigentumswohnungen ab ca. 1 Mio. Euro) mag sich das im Rechtsempfinden der Immobilienbesitzer geändert haben.

Und geschützt wovor? Vor dem Elend jener Weltregionen, durch deren strukturelle Ausplünderung so mancher Hanseat erst in die Lage versetzt wurde, am Alsterufer zu wohnen? All diese Fragen und Antworten stecken semantisch in einem einzigen Wort eines deutschen Eilantrags.

Und das ist nicht etwa eine an den Haaren herbeigezogene Interpretation. Die Autoren konkretisieren nämlich ihr Schutzbedürfnis vor einer Unterkunft für Wirtschafts-, Kriegs- und Klimaopfer im folgenden auch noch ganz explizit:

“Da die Bewohner zum größten Teil ohne Beschäftigung sind, muss damit gerechnet werden, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Für beträchtliche Zeiträume werden sie sich außerhalb des Gebäudes und in der näheren Umgebung aufhalten.

Das Grauen, das Grauen. Möglicherweise halten sie sich dann nicht nur auf und atmen den rechtmäßigen Quartiersbewohnern die gute Luft weg; vielleicht kommen sie vor lauter Langeweile auch noch auf die Idee, sich die umstehenden Gebäude genauer anzusehen und sich Gedanken über deren Inhalt zu machen. Zumal dieser Inhalt, sofern er annähernd lebendig ist, sich die meiste Zeit ebenfalls außerhalb seines Gebäudes aufhält und es nicht einmal bewohnt, sondern im Büro oder auf Barbados seinen Geschäften nachgeht.

Einen besonderen Eintrag in das Wörterbuch des Unmenschen sollte in diesem Kontext die Formulierung “dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt” finden. Tiefenpsychologisch ließe sich geheimes Wunschdenken herauslesen.

Aber jeder Horror – sogar die Aussicht auf Arbeitslose, die sich außerhalb eines Gebäudes aufhalten – lässt sich noch steigern:

“Insbesondere Kinder mit ihrem Bewegungsdrang werden zu einer erheblichen Unruhe führen.

Und das, wo man selbst reindeutsche Gören in Harvestehude doch seit geraumer Zeit erfolgreich ausgemerzt hatte. Wie hier von Kindern gesprochen wird, entlarvt das scheinbar bedrohte Paradies am Alsterufer als das, was es in Wahrheit ist: eine geschlossene gerontologische Station für Besserverdienende.

Wenn dieser Eilantrag vor Gericht durchkommt, wird das de facto einen Baustopp und das Ende einer zumindest symbolhaft sozial gerechteren Unterbringung von Flüchtlingen bedeuten. Dann heißt es sozialgeographisch in Hamburg weiterhin konsequent: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. In dem Fall müsste man an dieser “weltoffenen Handelsstadt” und ihren dann offiziell legitimierten Apartheidsstrukturen verzweifeln.

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Der Menschenmaler

Written By: Oliver Driesen - Okt• 04•14

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Sein Name ist Glumm, einfach nur Glumm. Natürlich hat er auch noch einen Vornamen, Andreas, aber der tut wenig zur Sache, wenn einer schon so heißt. Und wenn einer dann noch so schreiben kann, dann geht man hin, zumal er in Hamburg auftritt, man wäre ja schön blöd. Es war eine seiner ganz seltenen Lesungen in der Öffentlichkeit, und das – durchaus angemessen – gleich neben der graffitiverschmierten und putzbröckelnden Roten Flora im “Gebäude 73″ am Schulterblatt. Dort, in einem Ambiente aus Tresen, Bars und Alkohol, feiernder Crowd, Widerspenstigkeit, Einsamkeit, halbgaren Gefühlen, spätem Punk und politischer Rebellion, las heute abend Andreas Glumm aus Solingen. Nach glaubwürdigen Statistiken einer der meistgelesenen literarischen Blogger Deutschlands. Er las nur etwa 30 Minuten lang einige Texte aus seinen beiden Blogs. Doch das genügte, um wieder sicher zu wissen: Hier gibt es eine Stimme, die anders klingt als das glatt gehobelte, marketingkonforme Einheitsgeplapper einer “unangepassten” Befindlichkeitsliteratur.

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Glumm war nicht allein an diesem Abend. Es lasen auch noch seine Blogger-Kolleginnen Sabine Wirschling aus Berlin und Candy Bukowski aus Hamburg. Die beiden kannte ich vorher nicht. Es war aber hilfreich, sie im selben Rahmen zu erleben. Denn das machte noch einmal die Unterschiede klar zwischen einer “Entdeckt mich, bitte!” heischenden Form des Selbstmarketings und der eher schüchternen, im besten Sinne unprofessionellen Menschenmalerei eines Glumm.

Jenseits von Selbstmarketing

Kein Zweifel, die beiden Damen hatten den Vortrag ihrer Texte gründlicher geprobt und gekonnter inszeniert als Glumm, der Blogger aus kleinen Verhältnissen im Bergischen Land. Das flüsterte, miaute, dröhnte und kokettierte, wie es sonst nur ausgebildete Bühnen-Profis hinbekommen. Anders bei Glumms Auftritt: Da sitzt ein großer Junge von über 50 Jahren mit rheinisch-bergischem Zungenschlag, der nie von seinen Textblättern aufblickt, weil die Scheinwerfer ihn blenden und jeden Kontakt zu seinem Publikum unterbinden, was er sicher nicht für ein Unglück hält.

Dafür aber besticht er in seinen Geschichten mit einem ebenso röntgenscharfen wie unerschütterlich gutwilligen Blick auf die kleinen Leute, die diese Welt nun einmal mehrheitlich bevölkern. Wie er den schweifen lässt, das muss man am besten selbst mit- oder nachlesen. Bei Glumm zählt nur der Text, und das ist, frei nach Wowereit, auch gut so. Denn darum geht es doch: die Texte selbst zum Sprechen zu bringen, aus Buchstaben Welten zu erschaffen. Alles weitere ergibt sich im Kopf des Publikums.

Was liest man da also? Wenn man wie ich vier, fünf Jahre dabei ist, dann hat man sich unrettbar in einer Welt festgelesen, die anfangs fremd und doch irgendwann schon erschreckend vertraut erscheint. In ein Solinger Kleinstadt-Universum voller Typen, die Heinrich Zille im Berlin um das Jahr 1900 porträtiert oder vielleicht noch Kurt Tucholsky ebendort um 1930 belauscht hätte. Es ist bevölkert von Taugenichtsen, Tresenkönigen, Quartalssäufern, Heroinjunkies, Dauerpubertierenden, Kleingeistern, Dummschwätzern, Glücksrittern, Aushilfsjobbern und Nachteulen, von reinblütigen Spinnern und Querulanten, Lottospielern, Tagträumern und schon längst vom Leben Abgehängten. Sie alle zeichnet Glumm mit ganz feiner Feder, denn er kennt sie alle und hat alles erlebt, was auch sie erlebt haben.

Zerbrechlich wie Glas

Und dann gibt es die Familie, den inneren Kreis. Für ihn schreibt Glumm sich die Seele aus dem Leib. Für die “Gräfin”, seine blaublütige Lebenspartnerin Susanne Eggert, die sich als Bildhauerin und Malerin durchschlägt und dabei immer für überraschende, warmherzige, zutiefst lebenskluge Aphorismen und Erkenntnisse über das Dasein als solches gut ist. Für die Hündin Frau Moll, die zum Haushalt gehört und Glumm und Gräfin täglich zu weiträumigen Spaziergängen durchs Bergische, Kleinbürgerliche nötigt. Für die bescheidenen, anspruchslosen, nichtsdestoweniger geliebten Eltern, die irgendwann beide ans Ende ihrer Tage gelangen, was wir in allen menschlichen Facetten bis zum allerletzten Schluss und darüber hinaus miterleben (wer dabei nicht weint, wie beide am Ende ganz gläsern werden und dank Glumm doch ihre Würde behalten, der ist wahrscheinlich selbst schon tot). Nicht zu vergessen die engen, stets wiederkehrenden Freunde und Saufkumpane – alle schon vom Leben gezeichnet, aber warum sollte Glumm das nicht auch noch einmal tun.

Seine Erzählungen sind Geschichten vom Rand des sozialen Geschehens, aber mit einer solchen Fokussiertheit, dass wir stets vor dreidimensionalen, unvergleichlich präsenten Figuren stehen, deren Glaubwürdigkeit durch nichts zu erschüttern ist und mit denen man sofort bedingungslos fraternisiert. Dass all dies nicht selten auch zu Lachtränen hinreißt, liegt an der schamlosen, aber eben nie würdelosen Art, wie Glumm diese Figuren durchs Leben stolpern lässt. Da muss dann bisweilen selbst der eigene Vater dran glauben, dessen Sackfalte im Urlaub am Gardasee während des Nickerchens sehr irritierend unter dem Badehosensaum hervorlugt – es sind alles nur Menschen wie du und ich.

“Wir sind Kriechtiere”

Das atmet eine Weisheit und Gewitztheit, aber auch einen gutmütigen Witz, wie sie vielleicht nur eine Existenz an der Grenze des Erträglichen hervorbringen kann. Der Autor selbst hat eine Menge durchgemacht mit halluzinogenen Substanzen, viel länger und kompromissloser als vertretbar, aber da fängt es schon an: nach welcher Norm eigentlich vertretbar? Glumm hat sein Lebtag nie dem Anspruch stattgegeben, nach bürgerlich-profitablem Maßstab verwertbar zu sein. Er hat sich diesem Verwertungsinteresse stets so konsequent verweigert, dass daraus nur Literatur werden konnte – mit der traurigen Pointe, dass bis heute kein Verlag den Mut oder das Können aufbrachte, Glumms antibürgerliche Lebensskizzen endlich zum überfälligen Kurzgeschichtenband oder, was gleichviel wäre, zum philosophischen Standardwerk zu verdichten und auf den Markt zu bringen.

Aber nicht nur an der Verlagsindustrie, auch am Autor kann die Fangemeinde in dieser Hinsicht bisweilen verzweifeln. Wenn man Glumm fragt, wann die Gräfin und er denn mit ihren kreativen Potenzialen endlich aus dem Schatten ins mediale Rampenlicht zu treten gedenken, dann sagt er typischerweise etwas wie: “Wir sind Kriechtiere, so was dauert bei uns unendlich lang.”

Dabei wäre es verdammt noch mal höchste Zeit, dass genau dies passiert. Dann würde einer noch größeren Kundschaft vor Augen geführt, dass es eben doch ein richtiges Leben im falschen gibt: eines, das allen Zumutungen der Außenwelt zum Trotz mit Gebrüll und Melancholie bis zur Neige gelebt wird. Ganz ohne Bausparvertrag.

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Wo bleibt das Flüchtlingsheim in Harvestehude?

Written By: Oliver Driesen - Sep• 14•14

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Wie in Hamburg die Unterbringung der immer weiter anschwellenden Zahl von Flüchtlingen behandelt – und örtlich behindert – wird, legt einen tiefen Graben offen: In nur leicht abgewandelter Marx’scher Begrifflichkeit ist es der Graben zwischen Elend und Kapital.

Hier wirkt offensichtlich, nein, eben nicht offensichtlich, eine perfide Abschottungs-Effizienz einiger der wohlhabendsten Bürger dieser Stadt, die wie keine andere in Deutschland soziales Gefälle in mentale Landkarten mit No-Go-Areas übersetzt. Oder welcher Eppendorfer Reeder-Sohn, welcher Othmarscher Architekt würde schon in normalen Zeiten je freiwillig einen Fuß nach Wilhelmsburg oder Allermöhe setzen? Es gibt dort ja nur arme Menschen. Die gibt es zwar auf Kölns “schääl Sick”, der sozial “schiefen Seite” östlich des Rheins, auch. Dort aber lässt sich mancher Bauunternehmer und manche Ratsfrau auch noch nach Feierabend blicken, wenn in irgendeinem Off-Theater ein angesagtes Stück läuft.

In Hamburg hingegen muss die soziale Frage angesichts der im idyllischen Auenland der Hansestadt anklopfenden Krisenherde aus aller Welt offenbar noch zugespitzt werden: Welcher Harvestehuder Immobilienmakler lässt zu, dass Flüchtlinge einen Fuß ins Reich der weißen Villen an der Alster setzen?

Planvoll ins Dickicht

Hamburg ist wie viele deutsche Metropolen, allen voran Berlin, und kaum anders als Mittelstädte und Landgemeinden an der Grenze seiner Kapazitäten beim Wohnraum für neu ankommende Flüchlinge angelangt. Der Großteil von ihnen wurde bislang in den sozial ohnehin schwächeren Osten und Südosten der Stadt verfrachet. Schon die Zentrale Erstaufnahme am Neuländer Platz in Harburg ist überfüllt; selbst die notdürftig errichteten Zelte für weitere 100 Menschen reichen nicht mehr hin.

Ein Funke genügt, um daraus resulstierende Spannungen explodieren zu lassen. Als in Harburg vergangene Woche nach Beobachtungen von Anwohnern Krankenwagen mit Experten in Seuchenschutzkleindung vorfuhren, lag sofort ein schrecklicher Verdacht in der Luft: Ebola im Flüchtlingslager? Es war offenbar ein Fehlalarm, aber selbst der mit Sicherheit wiederkehrende Verdacht lässt schon Massenhysterie und Kurzschlussreaktionen in drangvoller Enge befürchten.

Derzeit fehlen rund 4000 Plätze für Flüchtlinge in Hamburg. Nicht nur Containerdörfer und Zeltstädte, sondern auch Wohnschiffe mit festen Liegeplätzen werden derzeit als Notmaßnahmen ventiliert – die Neunzigerjahre mit ihren negativen sozialen Folgen solcher schwimmenden Elendsquartiere ohne Ausweichzonen scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. In dieser Situation wirkt es wie ein Hohn, wenn das noch vor sechs Monaten intensiv disktutierte Flüchtlingsheim an den Sophienterrassen von Harvestehude keinen Meter im Planungsdickicht voranzukommen scheint. Es ist aber kein anarchistischer Hohn. Es ist planvolles Vorgehen.

Kein adäquates Flüchtlings-Shopping

Zur Erinnerung: 220 Flüchtlinge und Asylsuchende sollten in einer eigens für 5 Millionen Euro umgebauten ehemaligen Bundesimmobilie nahe dem Alsterufer, in einer Nachbarschaft edler Villen und teurer Boutiquen, unterkommen. Sehr begrüßenswert, damit auch diese Quartiere ihr Scherflein an Solidarität beitragen und die neue soziale Gemengelage einüben können, die ärmere Stadtteile seit längerem mehr oder weniger stoisch absorbiert haben. Doch in Harvestehude, einem der bei weitem einkommensstärksten Gebiete der Hansestadt, organisierte sich im April wenig überraschend der Widerstand. Flüchtlingselend, bei uns? Absurd!

Nur die dafür ins Feld geführten Argumente waren dort beim Bürgerabend sehr viel subtiler als auf schwarzbraunen Versammlungen in Arbeiter- und Sozialrentnerquartieren. Ein Anwohner etwa gab zu bedenken, es sei doch nicht sozial, wenn man Flüchtlinge hier unterbringe, wo man doch “im Osten” für dasselbe Geld die fünffache Menge stationieren könne. Und außerdem: Diese armen Menschen würden doch an der Alster nicht recht glücklich werden – denn es gebe hier doch überhaupt keine günstigen Einkaufsläden. Ein Blick auf Google Maps indes hätte genügt, um in zehn Fahrradminuten Entfernung gleich mehrere Lidl-, Aldi- und Pennymärkte zu entdecken. Aber, um fair zu sein: Solche Orte hat ein gängiges SUV-Spitzenmodell für die Dentistengattin ja auch gar nicht auf dem Navi.

Ende des Erinnerungs-Exkurses. Nach diesem Ausdruck große Sorge wurde es erst einmal still in Harvestehude, verdächtig lange still. Es ist inzwischen klar, was in dieser sechsmonatigen Stille passierte: sehr, sehr wenig. Denn die Flüchtlinge, sie werden nicht wie vorgesehen in diesen Wochen einziehen. Zunächst einmal musste die Planung nämlich europaweit ausgeschrieben werden. Ganz recht, europaweit. Schließlich sollten auch isländische Architekten die Chance haben, an dieser dringlichen humanitären Aktion der Unterbringung Benachteiligter mitzuwirken.

Haben alle Staaten der EU ihre Vertreter ins Rennen geschickt, dann muss der Bezirk Eimsbüttel die Baugenehmigung erteilen, und dann – nein, dann können immer noch keine Notleidenden aus aller Welt ans Alsterufer. Denn dann werden die Bauleistungen ausgeschrieben, wenn auch nur bundesweit. Wie lange das dauert? Nach Informationen des Hamburger Abendblattes ist diese Frage “völlig offen”.

Gute Gespräche mit gutem Gewinn?

Wenn ich aufgrund meiner Verdienste um die Hamburger Wirtschaft in der gesegneten und – sichtbar wie unsichtbar – vielfältig eingefriedeten Quadratmeile von Harvestehude lebte und ein Flüchtlingsheim in meinem Hinterhof verhindern wollte, wie würde ich vorgehen? Ich würde wahrscheinlich ein paar wohlgezielte Anrufe in die Staatskanzlei tätigen. Ich würde ein paar Namen fallen lassen, ein paar sehr gute Rotweine in ebenso guten Restaurants trinken und dabei noch einmal so gute Gespräche führen. Und dann würde ich Gewissheit haben, dass deutsches Planungsrecht Weile braucht, um zu reifen.

Oder um den irgendwann glücklicherweise wieder veränderten Umständen, dereinst im Jahr 2024, durch Fallenlassen eines nun nicht mehr benötigten Projekts Rechnung tragen zu können.