Jede Menge Kohle

Written By: Oliver Driesen - Jun• 29•15

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Frankfurter Buchmesse, wir kommen! Und zwar hiermit:

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Im Dezember 2018 endet mit Schließung der letzten Zechen das Zeitalter des Steinkohlenbergbaus in Deutschland – ein bedeutsames Kapitel Industriegeschichte geht zu Ende. Die unermüdliche Arbeit der Kumpel, Techniker und Ingenieure hat nicht nur Milliarden Tonnen Kohle ans Tageslicht befördert, sondern auch faszinierende Technologien und Maschinen hervorgebracht. „Unter uns“, realisiert von der Agentur BISSINGER [+] und verlegt bei C.H. Beck, führt in die geheimnisvolle und abenteuerliche Welt eines modernen Steinkohlenbergwerks und macht Highlights der Technikgeschichte erlebbar. Herausgeber ist Werner Müller, der Vorstandschef der RAG-Stiftung.

In eindrucksvollen Bildern und Grafiken, Zeitzeugenberichten, Wortmeldungen von Prominenten und verständlich formulierten Expertenbeiträgen wird das „Wissen und Können“ des Steinkohlenbergbaus auch für Laien anschaulich gemacht. Beleuchtet wird etwa die entscheidende Rolle der Bergbautechnologie als Innovationsmotor und Exportschlager der deutschen Wirtschaft. Aber auch die bemerkenswerten Erfolge der Ingenieure im Kampf um maximale Sicherheit und Effizienz in 1000 Metern Tiefe werden deutlich – und nicht zuletzt die Bemühungen um Umweltschutz im „Nachbergbau“-Zeitalter.

„Wissen und Können“ ist der erste Band einer Trilogie und erscheint im Oktober zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse (Preis im deutschen Buchhandel: € 19,95). Im Herbst 2016 befasst sich der zweite Band mit der gewachsenen Kultur der Kohlereviere, ein Jahr später geht es abschließend um die politischen Entwicklungen rund um den Steinkohlenbergbau. Somit ist die kleine Reihe komplett, bevor die letzte Schicht in den Schacht einfährt.

Wie sich der kontrollierte Sturz im Förderkorb hinab in 1000 Meter Tiefe anfühlt und was es trotz Hightech-Einsatz an körperlicher Fitness braucht, um 55 Grad heiße Kohle aus dem Flöz zu brechen, durfte ich als Redaktionsleiter für BISSINGER [+] selbst erleben: in der Bottroper Zeche Prosper-Haniel, wo die RAG Besucher unter fachkundiger Aufsicht in die Unterwelt einlässt – und glücklich wieder zurück ans Licht bringt.

Ich weiß nun zweierlei: 1. Zum Bergmann bin ich nicht geboren. 2. Der Respekt vor der Arbeit der Kumpel unter Tage kann gar nicht groß genug sein.

Gold to go

Written By: Oliver Driesen - Jun• 29•15

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Wenn’s am schönsten ist, soll man gehen, heißt es. Manchmal aber geht man auch erst, und das Schönste folgt mit ein wenig Verspätung nach. Bei den alljährlichen BCP-Awards, den deutschen Oscars für Unternehmensmedien, hat concepts in diesem Monat Gold gewonnen. Das Magazin des größten deutschen Baukonzerns HOCHTIEF wird von Hoffmann und Campe Corporate Publishing gemacht und von ringzwei gestaltet.

Die prämierte Ausgabe war meine letzte als concepts-Chefredakteur – das macht dann elf Jahre mit insgesamt viermal Gold beim BCP, wo concepts als erstes Magazin in die Hall of Fame aufgenommen wurde: unterm Strich gar keine so schlechte Bilanz. Spaß hat’s gemacht, einer der kreativen Köpfe hinter dem Heft zu sein. Jetzt aber: auf zu neuen Taten!

Concepts 2 2014 ger_1Titelfoto: Yasuhisa Toyota by Ralf Meyer

Vom Angeln auf Kastanien

Written By: Oliver Driesen - Jun• 13•15

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Heute habe ich auf einem Hamburger Schulhof gestanden und versucht, mit einer professionellen Angelrute ein Plastikgewicht an einer Angelschnur über eine Strecke von zehn Metern in ein eigens dafür auf dem Pflaster ausgelegtes Fadenkreuz zu schleudern, ähnlich einer Dartscheibe. Ich habe pendelnd geschleudert, seitwärts und über Kopf. Viele Male. Viele Male erfolglos. Am Ende immerhin nicht ganz so erfolglos wie am Anfang.

Man muss auch offen für Neues sein.

Ich bin offen für Neues und, wenn alles gut geht, in genau einer Woche ausgebildeter und staatlich geprüfter Angler. Nein, halt: Ich bin dann Fischer. Ich mache schließlich die Fischerprüfung und nicht die Angelprüfung. Und erhalte den Fischereischein und nicht den Angelschein, wie blutige Laien sagen würden, die von nichts eine Ahnung haben. Ganz genau genommen werde ich Fischereiausübungsberechtigter sein, im Gegensatz um Fischereiberechtigten, der außer der Berechtigung zum Pachten eines Fischereigewässers auch Pflichten hat, nämlich zum Beispiel die Hegepflicht, aber das führt zu weit.

Siezen hat Würde

Wir nehmen das übrigens sehr genau, mein Ausbilder vom Anglerverein Frühauf von 1910 e.V. und ich. Er wird zum Beispiel nicht müde zu betonen, dass die anstehende Prüfung eine staatliche ist, die Prüfungssprache Deutsch ist und Dolmetscher demzufolge verboten sind. Ich will gar keinen Dolmetscher, aber vielleicht habe ich mich mit der Rute heute allzu dämlich angestellt. Wobei ich es klasse finde, dass er mich siezt und nicht duzt. Ich hasse die grassierende Duz-Seuche, aber ich bin ja auch bald ein halbes Jahrhundert alt. Siezen hat Würde, Siezen lässt Luft zum Atmen, Siezen schützt vor Bussibussi. Das ist also schon mal prima.

Er siezt auch die anderen rund 45 Fischereiausübungsberechtigungskandidaten in meinem gesteckt vollen Kurs im Vereinsbüro mit den sehr schlechten Klappstühlen an der sehr lauten Hauptstraße. Von denen, um das nicht zu verschweigen, nur rund fünf weiblichen Geschlechtes sind, die anderen sind Männer wie ich, in den besten Jahren zwischen 30 und 50, gerne mit Hemd aus der Hose und vielfach unter überdurchschnittlichem Bartwuchs leidend. Und mit einem wehen Blick in eine unbestimmt Ferne, der sagt: Ich liebe die Einsamkeit der Natur, aber vor allem liebe ich die Kippe im Mund in der Einsamkeit der Natur. Erstaunlich, wie viele Fischereiausübungsberechtigungsassessoren es vorziehen, sich und ihre Umwelt in Gottes freier Natur zu vergiften statt im viel näher liegenden Mief ihrer Etagenwohnung, aber man kann sich’s nicht aussuchen.

Die Frauen in meinem Kurs rauchen übrigens nicht weniger, sie haben nur weniger Bartwuchs.

Für die Insider unter meinen Lesern, diejenigen, die wie ich unter dem familiären oder ganz und gar unerklärlichen Zwang stehen, sich Angelvideos auf  YouTube anzusehen: Manche der Frauen erinnern tatsächlich an Babsikowski, und damit aber auch schon genug an dieser Stelle von Anglerhumor und Anglersex. Falls es so was gibt. Nein, gibt es nicht. Wer weiß.

Kommunikation – ein rares Gut

Jedenfalls. Ich stehe also auf dem Schulhof und werfe meine Angel aus, um diese riesige, hubschrauberlandeplatzgroße Zielscheibe zu treffen, ein ganz normaler Vorgang an und für sich. Das ist sicher jedem schon mal passiert. Und sicher ist auch jedem dabei schon mal das kleine Plasikgewicht, wo eigentlich später der Angelhaken sitzen soll, in den mächtigen, zentral positionierten Kastanienbaum geflogen. Vielleicht auch mehrmals.

Aber nicht unbedingt sechzehnmal wie mir – wenn ich die Male mitzähle, wo sich das Ding in Schulhofbänken, Sträuchern oder den Angelschnüren meiner Mitbewerber verheddert hat. Das sorgt immerhin für Kommunikation, und das ist unter Anglern, wie die meisten ahnen dürften, ein ganz rares Gut. Vielleicht schwingt eine Spur Mitleid in dieser Kommunikation mit.

Gottseidank wird das reale Rutenauswerfen nicht Teil der Fischerprüfung sein. Die Fischerprüfung ist ein Mutiple-Choice-Test und wie gesagt, Dolmetscher sind nicht zugelassen. Ich möchte hier an dieser Stelle einmal nicht ohne Stolz kurz darauf hinweisen, dass ich mich in diesen Wochen beim Anglerverein Frühauf von 1910 e.V. auf schlechten Klappstühlen an lauten Hauptstraßen durch 368 Fragen aus 6 Wissensgebieten arbeite, die man mit a, b oder c beantworten kann. Jeder der 6 Unterrichtsabende ist einem der Gebiete gewidmet, und an jedem kriegt man etwa (nicht gefühlt, sondern tatsächlich) 286 Powerpoint-Folien gezeigt, die alle von einem Hobbymultimediaspezialisten angefertigt worden sind. Manche zeigen Farbfotos, auf denen man einen Fisch erkennen soll, der sich aber gerade hinter einem Stein versteckt.

Das ist dann schlecht, denn in der Prüfung werde ich manche Fragen serviert bekommen, bei denen es gilt, unter drei Skizzen von drei verschiedenen Fischen die in Bezug auf die Frage korrekte Art herauszufinden. Und ich weiß noch nicht mal, wie die Fische heißen, die sich hinter den Steinen verstecken. Aber spezielle und allgemeine Fischkunde kriegen wir ja auch erst kommende Woche.

Papierschere ist immer falsch

Was wir schon hatten, war Tier- und Umweltschutz. Auf welcher Abbildung wird der Fisch nach den Vorschriften der Tierschutz-Schlachtverordnung richtig betäubt. Nun, dazu kann ich im Brustton der Überzeugung sagen: Nicht auf der, wo jemand ausholt um mit einer Papierschere zuzuschlagen. Bleiben a oder b. Aber bei b schlägt jemand dem kieloben gehaltenen Fisch auf den Bauch, das kommt mir nicht tierschutzschlachtverordnungsgerecht vor.

Sehr schön, klar und einleuchtend ist übrigens der vom Gesetz einzig anerkannte „vernünftige Grund“, warum ein Mensch einen Fisch aus dem Wasser ziehen wollen sollte. Dieser Grund ist nicht, dass er ein Selfie von sich und dem Acht-Meter-Hammerhai machen will. Sondern: dass er ihn essen will. Nehmt das, Vegetarier! Und da heißt es immer, deutsche Juristen hätten keinen gesunden Menschenverstand.

Ich melde mich dann nächsten Samstag wieder, wenn es heißt: Brandungsrute, Pilkrute oder Kopfrute? Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Egal, wenn du auf Kastanien angelst.

Mein Platz im Planetensystem

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•15

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Das hier ist zunächst einmal ein unsagbar schlechtes Handfoto.

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In zweiter Linie ist es aber ein unsagbar schlechtes Handfoto von einem überraschend schönen Abend. Ich war nämlich vorgestern in der Prinzenbar, wo zunächst einmal diese beiden Herren hier spielten. Sie sind eine etwas abgespeckte Version der eigentlich fünf Mann starken Alternative-Combo Van Deyk. Der Namenspatron selbst ist hier rechts im Bild und wenig überraschend für die lead vocals zuständig. Die Jungs sind zugezogene Hamburger, also typische Hamburger (Achtung, Dialektik-Alarm). Wunderbar balladige, mit großem Gefühl und ausgefeilter Technik vorgetragene Sachen, die von Liebe handeln, von Freiheit, von Doing The Right Thing und von Kein Geld Haben und von – sagte ich das schon? – unglücklicher Liebe.

Ich geh‘ nicht mehr so oft in Konzerte. Oder in Bars. Oder in Clubs. Oder auf den Kiez. Ich bin zweifacher Familienvater, ich werde nächstes Jahr 50, ich bin Spießer und entschuldigt. Aber dann kommen diese beiden auf die Bühne, und innerhalb von Minuten ist klar, dass sie gerne auf so einer Bühne in so einer Bar stehen, weil sie etwas mit dem Publikum zu teilen haben, und das Publikum merkt das auch und teilt zurück, und die Diskokugel an der Decke der überaus traditionsreichen und barock-schönen Prinzenbar dreht sich und verteilt blaue Lichtpünktchen verschwenderisch über den Stuck und die Putten und die sonstige barocke Pracht, und das Universum beginnt sich langsam zu drehen. So wie …

Damals.

Das alles kommt mit einem Mal zurück mit dieser Musik und diesen blauen Lichtpunkten im samtigen Rot, das vom  Kronleuchter zu uns hinuntersickert. Schwingungen, die ich vergessen hatte, melden sich zurück. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das ist immer das Geheimnis. Vielleicht wird es mit zunehmendem Alter immer schwieriger, beides zugleich fertigzubringen.

Dann singt van Deyk, der ja nur das Vorprogramm machen soll, noch ein ganz besonders trauriges, ihm aber ganz besonders am Herzen liegendes Lied. Es handelt, au weia, von verflossener Liebe. Sie hat ihn nämlich verlassen.

„Er wird eine neue finden“, sagt Christiane.

„Und irgendwann wird er heiraten und Kinder kriegen“, sage ich.

Wobei ich natürlich unzulässig von mir auf andere schließe. Und mir ist klar: Ich könnte, nur mal so rein altersmäßig jetzt, der Vater von van Deyk sein. Mit einem Mal wird dieses Drehen der Diskokugel, dieses Sonnensystem aus blauen Lichtpunkten, zum Rad des Lebens, das sich unablässig dreht und dreht und dreht. Und da steht dieser unverschämt junge Typ und singt von Liebe und Verlassenwerden, als wäre es das erste Mal. Und es fühlt sich an wie das erste Mal.

Aber der Abend fängt ja erst an.

Dann spielen nämlich, und das ist schon wieder ein unsagbar schlechtes Handfoto, die hier:

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Main Act: Leisure Society. Sie lösen noch einmal genau das ein, was van Deyk in den Raum gestellt haben: Songs, in denen man sich ein wenig verlieren kann wie in einem großen, rotierenden Planetensystem. Wobei sich hier noch eine besonders britische Hey-warum-soll-ich-hier-eigentlich-nicht-Geige-spielen-Note hinzugesellt. Und bisweilen wird es sogar noch ziemlich fetzig, sagen wir, ein paar Asteroiden-Querschläger, die den großen Brummkreisel mal etwas durcheinanderrütteln.

Bilanz: Es gibt vielleicht nichts Neues unter der Sonne. Aber das Immerwiedergleiche kann verdammt berührend sein, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Flüchtlingsheim im reichen Viertel: Sieg der Apartheid

Written By: Oliver Driesen - Jun• 02•15

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Irgendwo in einer weißen Villa in Hamburg-Harvestehude haben gestern Champagnerkorken geknallt. Nein: in mehreren weißen Villen. Das Oberverwaltungsgericht hat bestätigt, dass das geplante Flüchtlingsheim für 220 Migranten in Hamburgs reichstem Viertel nicht gebaut wird – und, wichtigstes Zauberwort für die Flaschenöffner: der Beschluss ist „unanfechtbar“. Die Gründe sind alle bekannt, durch und durch heuchlerisch und einer wie der andere vorgeschoben. Es ist mir zu widerwärtig, sie hier noch einmal aufzuzählen. Der eine, einzige und wahre Grund ist der: Wir, die Superreichen, wollen hier keine armen Schlucker. Weil sie unseren ästhetischen Ansprüchen nicht genügen, weil sie unsere Idylle bedrohen, weil sie uns erschreckend deutlich vor Augen führen, wie wir selbst zu unserem obszönen Wohlstand gekommen sind. Und weil wir es können – dank unserem Geld und guten Beziehungen in Politik und Justiz. So einfach ist das, wenn man den Kaiser seiner juristischen Kleider entkleidet.

Der Rest der Stadt, besonders aber natürlich der ohnehin finanzschwache Osten, nimmt derweil weiter die Ärmsten der Armen auf. Einen Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt ist derzeit eine Unterkunft für unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge geplant. Und sie wird gebaut werden. Es lässt sich nicht leugnen, dass mit all diesen Ankünften Probleme entstehen, die man gar nicht so gerne lösen müssen möchte. Dumm sind sie ja nicht, die paar Dutzend Harvestehuder Saubermänner und -frauen, die jetzt triumphieren. Es gibt potenziell Stress, Lärm, auch Gewalt, auch Kriminalität und soziale Ausgrenzung, und es wird mehr davon geben. Aber wir werden schon damit klarkommen, uns arrangieren, die notwendigen Kompromisse machen.

Das ist es ja auch, was Sie, die Flüchtlingsheimverhinderer aus – nicht nur – Harvestehudes Geldkaste, von uns erwarten. Dass wir Ihnen das Problem abnehmen, es von den mentalen Minenfeldern und dem Paragraphen-Stacheldraht Ihrer Gated Community fernhalten. Die Pointe ist: Die meiste Zeit über sind Sie ja nicht mal zuhause. Sondern immer unterwegs, immer auf dem Sprung, immer in globalen Geschäften engagiert. Um genau die Deals zu machen, die (manchmal sogar um viel weniger als sieben Ecken herum) die nächste Welle von Armutsmigranten und Kriegsflüchtlingen in die Boote treibt. Derweil Ihre gut gesicherten, penibel gepflegten, kinderlosen Herrenhäuser leerstehen wie Spukschlösser.

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Glückwunsch, Sie haben gewonnen! Apartheid ist nicht tot, sie funktioniert prima. Für dieses Mal. Und auch die nächsten drei bis fünf Anstürme der von Ihnen aktiv gestalteten globalen Realitäten auf ihr Bullerbü für besser Betuchte werden Sie noch abwettern. Aber diese Realität hat die Angewohnheit, von Mal zu Mal stürmischer an die Küsten Italiens und irgendwann auch die Ufer der Alster zu branden. Und wer weiß, was sie dann eines Tages noch alles mit sich fortspült.

Snoopy-Moment

Written By: Oliver Driesen - Mai• 16•15

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The End.

Was ich über den Vatertag früher nicht wusste

Written By: Oliver Driesen - Mai• 14•15

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Am Ufer der Bille sitzt ein kleiner Junge und angelt. Es ist noch sehr früh im Jahr, das Gras welk, die Bäume kahl, es friert ihn an den Händen. Doch der Junge hat eine Leidenschaft: Angeln. Er besitzt auch eine Angel, eine richtige, professionelle Rute, die wesentlich komplizierter ist und aus viel mehr filigranen, ineinander greifenden Teilen besteht, als selbst die meisten Erwachsenen glauben würden. Aber er sitzt dort, auf seinem roten Plastikeimer für den Fang des Tages, ohne Angel. Und ohne Fang. Dennoch angelt er – nur mit einer Nylonschnur und einem Haken, den er, mangels festem Wurf- und Haltegerät, nur mit dem Schwung seiner Arme und nur etwa zwei Meter weit hinaus ins Wasser hinausschleudern kann.

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Dort treibt jetzt dieses rotweiße Stäbchen mit dem unsinkbaren, organgeroten Gnubbel dran, von dem der Vater des kleinen Jungen sich einfach nicht merken kann, ob das jetzt Blinker oder Schwimmer oder Dings oder noch ganz anders heißt. Der kleine Junge weiß das natürlich im Schlaf, aber da ihn seine große Schwester und sein Vater – die beide rein gar nichts davon verstehen – mit dem von ihm so souverän beherrschten Fachvokabular des Angelns immer nur aufziehen, hat er es aufgegeben, sein Wissen mit seiner Familie zu teilen.

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Das Dings treibt dort also, von der Strömung immer fast ans Ufer gedrückt, wo sich dann der Haken oder die Nylonschnur verheddern, und der Junge fängt: nichts. Doch warum sitzt er dort weiter geduldig in der Kälte auf seinem Eimer und angelt sich die Seele aus dem Leib, trotz des überwältigenden Handicaps, seine eigentlich vorhandene Angel nicht zur Hand zu haben? Weil er ein gesetzestreuer kleiner Junge ist. Denn geangelt werden, also richtig, mit Angel, darf nur mit Angelschein, wir sind ja in Deutschland, nichts ist erlaubt ohne Diplom. Und den Angelschein, der theoretischen und praktischen Unterricht sowie eine bestandene Multiple-Choice-Prüfung voraussetzt, dürfen Kinder in Hamburg erst ab zwölf Jahren machen, er aber ist gerade erst neun geworden.

Also übt sich der kleine Junge in Geduld. Und dafür, dass er sonst eher hibbelig ist, bringt er eine erstaunliche Menge Geduld auf. Und eine ebenso erstaunliche Menge Frustrationstoleranz. Denn ohne Angel fängt er auch weiterhin nichts an diesem kalten Spätwintertag. Aber läuft er deswegen Amok? Nein, er beschließt nur mit sehr trauriger Stimme, niemals wieder in seinem ganzen Leben angeln zu gehen. Was er natürlich schon einen Tag später wieder vergessen hat. Dieser Junge und das Angeln, sie sind füreinander gemacht.
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Und so kam es, dass ich mich vorgestern zum Angelscheinkursus angemeldet habe. Sechs Abende Theorie, ein Samstagvormittag Praxis, dann Multiple-Choice-Test. Denn wenn der Vater den Angelschein hat, darf er den Sohn – an seiner Seite – angeln lassen. Mit richtiger Angel, ohne schlechtes Gewissen. So unter Männern.

Nein, ich habe nie geglaubt, dass mir das einmal passieren würde. Ich hätte es auch nie für möglich gehalten, dass in meinem Email-Postfach jede Woche der Newsletter des Fisch-und-Fang-Magazins aufpoppen würde, den der Sohn irgendwie mit meinem Account abonniert hat. Ich verstehe auch nicht den Angler-Humor der 10.000 Angelvideos bei YouTube, die in meiner Favoritenliste auftauchen. Ich weiß nicht, was ein Vorfach ist und ob man den Wobbler am besten mit geflochtener Leine verwendet, wenn die Barsche flach stehen. Aber bald werde ich das alles wissen. Und ich glaube, das ist der tiefere Sinn des Vatertags: dass im Leben von Vätern Dinge geschehen, die sie sich nie hätten träumen lassen.

Making of Romandebüt (4): Noch 18 Seiten

Written By: Oliver Driesen - Mai• 01•15

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Was bisher geschah: Wie vorausgesagt hatte ich kurz vor Ende des zehnten Kapitels die 200-Seiten-Marke durchbrochen. Damit begann unwiderruflich die Zielgerade, auf der ich mich plötzlich weit vor dem Zeitplan wiederfinde. Genauer gesagt: im letzten, dem zwölften Kapitel. Wie konnte das geschehen? Nun, wenn das Büro wieder mal zu laut und bienenstockartig ist, verfehlen ein paar Besuche in meinem heimlichen Schreibkloster nie ihre Wirkung. Es ist natürlich nicht wirklich ein Kloster, sondern dieser Ort:

Was der Film höchst missverständlich darstellt: Die Hamburger Universitäts- und Staatsbibliothek, wo gedreht wurde, ist in Wahrheit nicht in erster Linie ein Jahrmarkt für studentische WG-Phantasien. Sondern was den Geist hier so beflügelt, ist das genaue Gegenteil: eine nahezu perfekte, mit Sehnsucht nach Erkenntnis (oder auch nur guten Prüfungsnoten) aufgeladene Stille, wie sie sonst in der Großstadt nicht einmal mehr Kirchen bieten.

Dieses vollkommen fokussierte, kollektive In-sich-Hineinhorchen und Aus-sich-Herausholen, wie es am allerschönsten Wim Wenders im wunderbar traumverlorenen Himmel über Berlin illustriert hat, in der Szene, wo die Kamera über die Tischreihen eines Bibliotheklesesaals schwebt und die Gedanken der Stillarbeiter flüsternd hörbar werden.

All dieses Wissen aus den verschiedensten Fakultäten, das langsam aus den Zeilen in die Köpfe diffundiert. All diese Kreativität der Verarbeitung, die aus den Köpfen in die Notebooktastaturen strömt. All diese Bände, die darauf warten, zur Hand genommen zu werden. Dieser stille Strom ist es, der mich immer wieder mitreißt.

Und nun also noch 18 Seiten. Dies ist demnach die letzte Wasserstandsmeldung, das letzte Making-Of, vor dem Snoopy-Moment. Snoopy, der kleine Beagle aus den Peanuts, versucht sich ja bekanntlich auch immer wieder als Schriftsteller. Mit großer Geste sitzt er auf dem Dachfirst seiner Hundehütte an einer mechanischen Schreibmaschine und setzt an: „Buch 1, Kapitel 1, Seite 1″.

Legendär ist Snoopys erster Satz: „Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“ Danach kommen ihm allerdings meist irgenwelche Wirrnisse des Alltags dazwischen, gerne in Person von Charlie Brown. Aber in seltenen Folgen gibt am Schluss auch das Bild, wo Snoopy triumphierend auf seiner Hütte hockt und in die Tasten haut: THE END. So ähnlich stelle ich mir meinen Snoopy-Moment vor.

Und dann?

Dann wird das Ding überarbeitet, beginnend bei Buch 1, Kapitel 1, Seite 1.

Im gamlen Hotel aus der hyggeligen Hölle

Written By: Oliver Driesen - Apr• 27•15

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Ostern ist jetzt schon ein Weilchen her, aber manchmal dauert es halt, bis man sich so weit gefangen hat und ein traumatisches Erlebnis in angemessen distanzierte Bilder und Worte fassen kann. Osterurlaub also. Mit seinem frischen Grün, den ersten bunten Blüten des Jahres, dem nicht vorhandenen Geschenke-Zwang und der Gewissheit, wieder einen Hamburger Winter überlebt zu haben, ist Ostern normalerweise mein Lieblingsfest im Jahreskreis.

Wir fuhren also mit Kindern und Kegeln für drei Tage nach Dänemark, in ein malerisches alten Hafenstädtchen, deren Namen ich genauso dezent verschweigen werde wie den Namen des aus dem Internet gebuchten Hotels. Auch das war, so ergab die Internetrecherche, alt (ca 100 Jahre), malerisch und dänisch gemütlich. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle zwei dänische Vokabeln einfließen lassen, die für mich nie wieder denselben Klang haben werden. Gamle heißt alt, und hyggelig heißt gemütlich.

Wir sind notorische Last-Minute-Bucher. Schon mal versucht, in Dänemark last-minute ein Hotel für die ganze Familie zu buchen? Also zwei Doppelzimmer? Über Ostern? Ich sag mal vorsichtig: Man sollte dann nicht mehr unbedingten Wert auf WLAN im Zimmer legen. Man nimmt, was noch frei und/oder bezahlbar ist. Wir freuten uns also angemessen über unser sowohl freies als auch bezahlbares Schnäppchen – und eine der Pointen dieser Geschichte wird es sein, dass wir tatsächlich ein tadellos funktionierendes, im Preis inklusives WLAN auf den Zimmern vorfanden.

Was wir nicht vorfanden, war unser Hotelier. Oder überhaupt ein menschliches Wesen. Wir standen am Ankunftstag vor verschlossener Tür, was wir auf die für Dänen vielleicht unnatürlich frühe Uhrzeit am Nachmittag zurückführten. Man kennt das ja aus diesem Kulturkreis: Siesta, die Hitze und so. Ein ca. zwölfsekündiges Telefonat mit dem Hotelbesitzer ergab dann auch schnell: Da war ein Kästchen mit Zahlencode neben der Eingangstür, in dem Kästchen waren Schlüssel, und diese Schlüssel ließen uns ein. Und das erste, was wir im Hausflur sahen, war dieses Arrangement:

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Man sieht das vielleicht rechts im Bild nicht so gut, aber es handelt sich um eine Dose mit Deospray for men, 24-Stunden-Schutz. Da muss man sich nichts Böses bei denken, das kann auch einfach daran liegen, dass das geisterhafte Hotelpersonal das silbern schimmernde Design der Sprühdose so elegant findet.

Die Zimmer selbst waren okay-ish. Also außer, dass jeder genau ein Handtuch erhalten hatte, das nicht immer das sauberste war, und außer der Kaffeemaschine, in deren Kanne Wasser vom Vorjahr mit bräunlich trüben Ablagerungen vom Jahr vor dem Vorjahr schwappte und außer, dass sich eines der Zimmer nicht abschließen ließ, was in einem absolut menschenleeren Hotel zu der Frage führt, ob man zur Nacht sich selbst oder doch lieber die Kinder einschließen will. Wir entschieden uns für die Kinder.

Ach so, und die Zimmertüren quietschten und knarrten etwa so sehr, wie sie in einem Film quietschen würden, in dem ein dänischer Kriminalkommissar am anderen Morgen einen grauenhaften Fund macht. Was akustisch insofern aber niemanden stören würde, als ja außer uns niemand da war. Und es sah auch nicht so aus, als ob noch jemand kommen würde. So stromerten wir also mal los, das ungeheizte, winterlich eiskalte Haus zu erkunden, das uns für die folgenden drei Tage ganz allein gehören würde und in dem wir dreimal das Frühstück zu uns nehmen sollten. Ich, als Cineast, immer vorweg mit dem Schlachtruf „Here’s Johnny!“ auf den Lippen. Erste Zweifel am gebuchten Frühstücksservice kamen uns dann im Frühstücksraum.

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Ich schrieb gleich mal eine launige SMS an unseren Hotelier, man weiß ja, Dänen lieben es informell und leger: Are you sure there will be breakfast tomorrow? Eine Antwort erhielt ich nicht. Der Mann ließ offenbar lieber Tatsachen sprechen, denn auf dem Tresen eines Bar-artigen Verschlags fanden wir durchaus reichlich Lebensmittel vor, und sogar ein Brotmesser. Eins.

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Aber hey, wir wollen nicht jammern. Es gibt doch so viel zu sehen in unserem gammeligen, hyggeligen Hotel. Zum Beispiel den kleinen Salon mit seinem wunderbaren Triptychon, dessen zentraler Teil vom Innenarchitekten vermutlich für deutschen Expressionismus gehalten wurde.

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Vom kleinen Salon aber öffnete sich der Blick auf den sonnendurchfluteten Großen Saal, der die Grandezza alter Zeiten oder zumindest alter Bügelwäsche ausstrahlte. In erstaunlichem Kontrast dazu das durchaus moderne Dampfbügeleisen. 
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Es dominierten, aufmerksame Beobachter haben es längst registriert, Fliedertöne. Aber alles in geschmackvollen Maßen: Gleich links neben dieser malerischen Szene aus der Lüneburger Heide bei Kopenhagen hatten die Hotelgeister einen kleinen Akzent in Weiß gesetzt – oder sollte man sagen: verschüttet?

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Wir verließen die Gesellschaftsräume, nicht ohne uns freizügig am reichlichen Klopapier-Buffet zu bedienen. So etwas darf eigentlich, genau betrachtet, in keinem hyggeligen gamlen dänischen Hotel-Salon fehlen. Man weiß ja nie, wie das Frühstück am anderen Morgen ausfallen wird.

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Andererseits hätte man im ungünstigen Fall dann auch Mühe, rechtzeitig bis in die öffentlichen Toiletten vorzudringen (siehe unten). Vielleicht verlegt man seine Sitzung doch besser gleich auf einen der lachsrosa Polstersessel im Salon, die sicherlich eigens zu diesem Zweck dort aufgereiht sind.

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Unterdessen war es Nacht geworden. Wir zogen uns, bereit zu sterben, auf unser Zimmer zurück und schlossen auch die Kinder weg. Nein, wir geben nicht so leicht auf, wenn wir mal auf der Walz sind. Wir haben das bezahlt, wir nutzen das. Allerdings dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch mit einiger innerer Befriedigung, ich hätte in Wahrheit noch gar nicht bezahlt und könne am nächsten Morgen demonstrativ die Geldübergabe verweigern, wenn der Hotelier erst einmal greifbar sein würde.

Allein: Am nächsten Morgen erwachten wir, immer noch lebend, im eiskalten Hotel. Allein. Sehr, sehr allein. Wir frühstückten dann im Stehcafé eines örtlichen Baumarkts, etwas anderes hatte nicht auf. Und langsam, ganz langsam, dämmerte es uns bei allmählich zurückkehrenden Lebensgeistern, dass die Buchung übers Internet durchaus mit einer hinterlegten Kreditkarte verbunden gewesen war, von welcher unser Hotellier den Preis für drei Familienübernachtungen samt dreimal Familienfrühstück längst abgebucht hatte.

Wir fuhren dann vorzeitig nach Hause, dabei die falsche Fähre nehmend, so dass wir uns plötzlich auf einer ganz anderen Halbinsel dieses verwirrenden Hybrid-Landes wiederfanden und, mit nunmehr 534 Kilometern Überlandweg bis nach Hamburg konfrontiert, lieber für 100 Euro noch eine weitere Fähre nahmen, um doch noch in diesem Leben das rettende Zuhause zu erreichen. In diesem einen, kostbaren, unwiederbringlichen Leben.

 

Nachtrag: Da wir oben gezeigte Fotos vorweisen konnten und bei Bedarf über ausreichende Shitstorm-Entfesselungskenntnisse verfügen, wurde uns der Hotelpreis inzwischen zurückerstattet. Die Lebenszeit leider nicht.

Making of Romandebüt (3): Noch 60 Seiten

Written By: Oliver Driesen - Apr• 01•15

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Was bisher geschah: Aus dem romantischen Impuls heraus, am Ende des literarischen Zeitalters dann auch noch schnell unter die Romanautoren zu gehen, habe ich das schon lange in meiner Schublade vor sich hin wachsende Manuskript öffentlich zum Fertigwerden bis zum 30. Juni verurteilt. Seither bin ich an diesen Fluch gebunden und muss, dem Konzept des Werkes entsprechend, eine im Voraus grob überschlagene Anzahl Seiten vollschreiben. Eine Zahl, die seither schon deutlich geschrumpft ist, wie man an den Überschriften dieser kleinen Making-Of-Serie ablesen kann.

Dieser ganze exhibitionistische Blog-Zauber ist natürlich dazu gedacht, den gefürchteten writer’s block zu überlisten, d.h. Schreibblockaden im Keim zu ersticken. Dann lieber halt- und schamlos drauflosgeschrieben und am Ende der Frist das Gelübde erfüllt, als mit inhaltlichen Skrupeln vor einem weiß flimmernden Bildschirm und den Augen der Weltöffentlichkeit zu kapitulieren.

Bislang hat das überraschend gut funktioniert. Gestern wurde Kapitel 9 fertig, und da es insgesamt zwölf werden sollen, darf ich mich nun in den elitären Kreis der Dreiviertelfertig-Autoren einreihen. Und dabei war das neunte ein sog. Übergangskapitel. Also eines, wo der Mord bereits passiert ist (Kapitel 8), aber die Pointe des Mordes noch nicht ersichtlich (Kapitel 10).

Übergangskapitel sind furchtbar für Autoren: Sie sind das Schwarzbrot, das wie Kuchen schmecken soll. Damit sie dem Leser nicht wie Übergangskapitel vorkommen, die sie aber eben doch sind, muss allerhand Feuerwerk stattfinden, aber eben nicht nur leerer Funkenflug und Donnerhall. Sondern, wenn dieses Kapitel ein Raum in einem Museum wäre, müsste der Besucher, vom Velázquez kommend, frohen Schrittes durch diesen Raum zum Picasso schreiten und dort dann wieder gerne verweilen, weil er im Gehen unbewusst verstanden hat, wie der Lichteinfall aus „Las Meninas“ den großen Kubisten in seinem Werk inspirierte. Das wäre ein gelungenes Übergangskapitel – leider auf einem weit höheren kunsttheoretischen Niveau, als ich es zustandebringen würde.

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Unlesbarer Schutzpatron der Debütanten: A. Schmidt aus HH-Hamm

Ich kann statt mit Weltniveau nur mit Witz aufwarten – auch und gerade im 9. Kapitel. Ein humoristischer, ja satirischer Roman ist natürlich in Deutschland etwas nicht Ernst(!)zunehmendes und darf sich also bestenfalls Unterhaltungsroman nennen. In der Hierarchie, die mir einmal ein namhafter Verlagsexperte erklärt hat, sieht das so aus: Auf der Stufenleiter ganz oben steht die Literatur, also Arno Schmidt oder Herta Müller. Man liest sie nicht, hat sie aber gern im Regal stehen und es gibt ernsthafte Literaturpreise dafür. Eine Stufe tiefer folgt die Belletristik, das sind Romane mit mehr Anspruch als Gebrauchswert. Und dann, nach einem steilen und langen weiteren Verlauf der Leiter nach unten, folgt erst die nächste, letzte, unterste Stufe: der Unterhaltungsroman. Er hat eine für Kritiker besonders unangenehme Eigenschaft: Er wird gekauft, verschenkt – und gelesen.

Über diesen Typus und vor allem über Unterhaltungsroman-Autor(inn)en hat John von Düffel in seinem wunderbaren Roman „Goethe ruft an“ auf urkomisch-kluge Weise alles Notwendige mitgeteilt, woraufhin er von der FAZ natürlich sofort verrissen wurde. Da wurde mir klar: Unterhaltungsroman-Autor, jo, das bin ich.

Mir bleiben nach Adam Riese drei Monate für drei Kapitel; so weit, so übersichtlich. Nun gilt es, sich flugs neue Zwischenziele zu setzen: Mit etwas Glück schon innerhalb des nun kommenden Kapitels 10 werde ich die 200-Seiten-Schallmauer durchbrechen und damit weiter ins Unbekannte vorgestoßen sein, als je ein Mensch zuvor ich für möglich gehalten hätte. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit einen arglosen Romandebütautor.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Anlauf nehmen.