Goethes Erben. Sonett vom Finanzdienstleister und den 3 Saufbrüdern.

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Goethe-Stadt Weimar: Szenenbild zur Tragödie "Bankfeiertag"
Weimarer Straßenszene, Sommer 2015: Szenenbild zur Tragödie „Goethes Erben“

 

Oh ja, sie hatten ihren Stolz,

solang‘ es währte, dieses sozialistisch deutsche Leben.

Und als das Land vereinigt war, da hielten sie’s für gottgegeben.

Als Bürger Weimars waren sie geschnitzt aus diesem Holz.

 

Der Mike, der Andi und der dicke Kalle.

Sie wurden dann gesiebt und für zu grob gehalten

von neuen Herren, die das neue Geld verwalten

und sie verbannten vor die scheckkarten-geschützte Halle.

 

Dort trinken sie seitdem den Billigsprit, den sie bei Lidl kaufen,

derweilen Goethe, Schiller und die Banker im Elysium saufen.

 

(Dieses Sonett ist eine Variation über das zwölfte Wort – Rausch – im Projekt *.txt von Dominik Leitner.)

Frage niemals nach dem Weg!

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Du darfst von den Menschen vieles erhoffen. Dass sie dir Anlagetipps geben, dass Sie dir das Wetter oder deine Sterne vorhersagen, dass sie dich mit dem Neuesten aus der Nachbarschaft versorgen oder mit frischen Äpfeln aus dem eigenen Garten. Nur eines darfst du von ihnen nicht verlangen: dass sie dir den Weg beschreiben.

Beziehungsweise ihn dir so beschreiben, dass du daraufhin dann auch ans gewünschte Ziel findest, wenn gerade kein Navi zur Hand ist. Denn das kann niemand. Wiederhole: niemand. Es übersteigt nicht nur jedes menschliche Kommunikaktionsvermögen, sondern schon allein die Fähigkeit des Gehirns, eine konkrete Geomorphologie in abstrakte Vektoren und diese wiederum in korrekte Richtungsanweiseungen zu übertragen.

Das Problem beginnt damit, dass der Mensch sich normalerweise in zwei Dimensionen bewegt, was seinen (Entscheidungs-)Horizont ständig unschön durch Bäume, Berge oder Laternenpfähle begrenzt. Die einzig hilfreiche Perspektive zur Navigation an entfernte Ziele und um Hindernisse herum wäre die dreidimensionale Vogelschau, die unser Gehirn indes nicht realistisch erzeugen kann.

Aber damit endet es eben noch lange nicht. Zum Beispiel folgen auch Einheimische einfach nur ihrer Nase bzw. uralter Gewohnheit, machen sich also grundsätzlich gar keine Gedanken über unverwechselbare Wegmarken, Straßennamen oder gar Entfernungen. „Fünf Minuten“ kann daher von der Fahrstrecke eines Lamborghini zwischen zwei Boxenstopps bis zum übernächsten Maulwurfstunnelausgang alles bedeuten und ist niemals, wirklich niemals eine brauchbare Entfernungsangabe.

Sagen wir, du bist Norddeutscher (also aus einer eher ein- als zweidimensionalen Welt!) auf Urlaub im ländlichen Österreich, natürlich ohne Ortskenntnis. Den theoretischen Vorteil dieser Situation – dass Du die Landessprache verstehst – vergessen wir mal gleich wieder. Er mag zwar bestehen, so du und der sprechende Wegweiser euch auf einen dem Hochdeutschen oder euren jeweiligen Dialekten ähnelnden Verständändigungsmodus einigen könnt, aber damit ist rein gar nichts gewonnen.

Denn wie gestaltet sich solch ein Dialog?

SAM_1710Du (im Bemühen um Sympathiepunkte das lokale Brauchtum imitierend): „Grüß Gott!“

Österreicher: Grunzt etwas, verhält sich ansonsten abwartend. Ist jener dort ein Flüchtling?

Du: „Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wie ich zum Gasthaus Knödl-Wirt komme? Es soll hier ganz in der Nähe sein.“

Ö.  grunzt noch mehr Unverständliches. Das Stichwort „Knödl“ hat allerdings das Eis gebrochen. Folgt dreiminütige, diplomatisch-tastende, gegenseitige Anpassung des Idioms, bis beide Seiten sich gegenseitig zu verstehen glauben, was natürlich dennoch nicht stimmt, hier aber aus Zeitgründen nicht weiter ausgeführt wird. Stattdessen wird ab hier alles im ungefähr Hochdeutschen dargestellt. Ö. also:  „Das ist ganz einfach.“

Du: „Ja? Schön!“

Ö.: „Da fahren Sie erst …“

Du: „Ich bin zu Fuß, ich wandere.“

Ö.: „Ja, wo haben Sie denn Ihr Auto stehen?“

Du: „Ähm, ich bin gleich von der Pension aus losgewandert und …“

Ö.: „Also, haben’s jetzt gar kein Auto dabei?“

Du: „Wie gesagt …“

Ö.: „Ja, da können’s natürlich nicht die Schnellstraße nehmen.“

Du: „Ich möchte ja auch gar nicht …“

Ö.: „Ist das der Hiagl-Bauer, die Pension?“

Du: „Dollhopf, die heißt Dollhopf. Etwa 20 Minuten von hier.“

Ö.: „Ach, der Dollhopf Alois! Ja, von da ist’s natürlich einfach, wenn Sie ganz entgegegenherum laufen!“

Du: „Mag sein, aber ich bin ja jetzt nicht beim Dollhopf Alois, sondern hier, und von hier muss es doch auch möglich sein, zum Knödl-Wirt zu kommen?“

Ö.: „Ja, wenn Sie das Auto dahätt’n, könnten’s die Schnellstraße nehmen.“

Du: Grunzt etwas.

Ö.: „Oder Sie gehen über St. Magdalen,  dann den Fuchsbichlweg bis ganz hinten durch, lassen den Ziegelteich links liegen, dann rechts halten, bis links die Kleingartenanlage kommt, zweite links, aber dann nicht am St. Ruprecht der Straße folgen, sondern bis zum Sportplatz, da ist so ein Tor, das aber von einer Hecke überwuchert ist, durch die aber so ein kleiner Trampelweg führt, und wenn Sie dann über den  kleineren der beiden Gräben, also das geht mit einem großen Schritt ganz leicht, das machen meine Milchviecher auch immer, und Sie sind ja noch jung und fesch, jedenfalls kommt dann gleich der Marienpilgerweg, dem Sie etwa zehn Minuten folgen, aber sagen Sie: Der Dollhopf Alois, hatte der nicht Krebs?“

Du: „Hodenkrebs, ja, schlimm. Also jetzt nur nochmal zur Sicherheit: Über St. Magdalen, den Fuchsweg links liegenlassen, und dann?“

Ö.: „Nein, rechts.“

Du: „Wo jetzt?“

Ö.: „Da hinten!“ (Zeigt unbestimmt in drei Himmelsrichtungen.)

Du: „Ach so. Äh. Aber schon mehr so links halten, ja?“

Ö.: „Sie kennen sich hier aber gar nicht aus, oder?“

Du: „Bedaure, ich bin aus Hamburg-Bergedorf.“

Ö.: „Ja, dann müssen’s die Bergdörfer doch kennen!“

Du: „Jedenfalls verstehe ich Sie richtig, dass es ungefähr hinter diesem Gipfel liegt, ja? Da kann ich ja dann noch mal fragen.“

Ö.: „Das ist kein Gipfel, das ist ein Kogel. Gipfel hat der Großglockner. Hier gibt’s nur Nockberge. Wie bei Ihnen in Bergedorf.“

Du: „Ach was! Aber mehr so links?“

Ö.: „Das seh’n Sie dann schon! Ist ja ganz einfach!“

Du: „Und – wie weit?“

Ö.: „Ach, keine fünf Minuten mit’m Auto. Also wenn’s jetzt nicht so a studentischen Golf von 1972 haben.“

Du: „Nein, habe ich nicht. Ich bin ja mehr so zu Fuß unterwegs.“

Ö.: „Wie, ganz von Hamburg-Bergedorf?“

Du (nur noch hinfort wollend): „Moin, moin! Und danke auch für die Auskunft!“

Ö. (versonnen hinterdrein schauend, zu sich selbst): „Hodenkrebs. Schrecklich.“

Erwartungsland ist abgebrannt

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Die Erkenntnis überfällt mich im Kärntener Urlaub, im malerischen Berggarten der Ferienwohnung mit Blick auf die Karawanken-Kette. Die Einsicht, dass die freie Sicht auf bewaldete Hänge und einen in der Ferne quecksilberfarben schimmernden See nurmehr die Illusion von unbegrenzten Möglichkeiten des Fortgehens und Verweilens ist.

Komme ich ihnen näher, diesen Idyllen, dann stehen dort, wo es hingehenswert ist, Verbotsschilder und Zäune. Dann wehrt sich die Phalanx des Privaten gegen mein Eindringen, erst mit Warnungen, dann mit Alarmen, schließlich mit abgestuft weiter eskalierenden Zwangsmitteln. So ist es überall geworden, nicht nur am Fuß der Kärntener Berge.

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Du willst hier Zeit verbringen, Fremder, willst einige Augenblicke  genießen? Aber sicher, wir sind gastfreundlich! Zur Kasse geht es dort entlang. Wir akzeptieren Visa, Mastercard und Diners Club. Wahlweise ist der Eintritt kostennlos, doch der Konsumzwang vor Ort durchformatiert und auf Effizienz getrimmt.

Du willst angeln, bedürfnislos und still aufs sich kräuselnde Wasser blicken wie Generationen von Fischern vor dir? Bitte, wir können über alles reden, aber wo ist die Fischereisteuerkarte, der Berechtigunsausweis, der Tagespass bis 18 Uhr, abzulösen durch das Nachtangelticket ab 18.01 Uhr, zusammen für 19 Euro an der Rezeption erhältlich? Nein? Nun, tut uns leid, es ist nichts Persönliches. Wobei es sehr wohl etwas Persönliches, nämlich Besitzergreifendes ist.

Die Bergwälder: alle in Privathand, meist Grafen, Fürsten, dem Adel gehörend.  Wander- und Reitwege sind als Transit-Schneisen für Habenichtse vorhanden, theoretisch, doch unbenutzbar, denn der klamme Staat hat schon seit Jahren keine Subventionen mehr überwiesen. Und beim besten Willen kann der Waldherr sich nicht um den Erhalt dieses kostenträchtigen Allgemeinguts kümmern, wir sind ja nicht bei Ludwig II.  Bedaure die Unannehmlichkeiten, habe die Ehre.

Wann hat das angefangen, dass alle Landschaft ungeschriebene Preisschilder trug? Es begann, als das Reich der Erwartungen zum Bauerwartungsland wurde. Das arglos-verträumte Erwartungsland hingegen: abgebrannt. War nicht, als wir Kinder waren, der Weg in die Natur noch vielfach unverbaut, unbeschrankt und unverzollt? Konnten wir nicht  durch Brombeergebüsche streifen und zerkratzt, aber sonnen- und beerensatt daraus hervorbrechen?

Dort war das Niemandsland, dem man nach Blüten und Staub schmeckende Namen hätte geben mögen wie Patagonien oder Arkansas. Dort gab es wild überwucherte Brachen, geheimnisvoll, gefährlich, bereit, erobert zu werden oder verloren gegangene Kinder sich einzuverleiben für immer und ewig. Oder war all das schon immer bloß Phantasterei?

Wir wollen zufrieden sein mit dem, was sie uns lassen. Mit der Höhe der Wolkentürme, jener unfassbaren, unkalkulierbaren Irgendorte. Mit dem Wind, der noch unversteuert weht und wie die noch immer nicht taxierte Sonne auf unserer Haut daran erinnert, was zuerst da war. Was ältere Rechte hat als die Eigentümer der exklusiven All-Inclusive-Naturkonsum-Experience.  Mit dem Sommerregen, den sie noch nicht nach Millilitern pro Quaratmeter benetzter Hautfläche in Rechnung stellen. Und mit dem alles bedeckenden Meer, so tief und alle Ansprüche einebnend, dass es Zuteilungen größtenteils noch widersteht.

Wir wollen zufrieden sein, aber im selben Moment legt sich eine Schicht über dieses Bemühen, etwas anderes, Bleiernes.

(Dieser Text ist eine Variation über das elfte Wort – Schwermut – im Projekt *.txt von Dominik Leitner.)

„Karl Lagerfeld hat sich selbst erfunden“

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John von Düffel wurde als Schriftsteller mit Romanen und Essays bekannt, die vielfach vom Wasser handeln. Es ist das Element, das ihm das Schreiben leicht macht, das die Erdenschwere aufhebt und den Fluss der Gedanken speist. Da bietet es sich an, ihn anlässlich einer Barkassen-Lesung auf der Elbe zu treffen.

Während der Altonale bringt Düffel dort im Alleingang ein philosophisches Duett (oder eher: Duell) zum Klingen. Als Vorleser seines neuen Buchs KL – Gespräch über die Unsterblichkeit schlüpft er abwechselnd in zwei Rollen: die eines anfangs eher unterwürfigen Interviewers sowie die des Interviewten, der niemand Geringeres ist als der exaltierte Modeschöpfer-Superstar „KL“. Wann immer dieser „KL“ zu Wort kommt, taucht Düffel bei der Lesung lustvoll in die sphärische, leicht entrückte Diktion des gottgleichen Couturiers ein, der dem Fragensteller seine huldvollen Audienzen gewährt.

Also ein Interview mit Karl Lagerfeld, auf 160 Buchseiten ausgewalzt? Es ist nicht so, wie es scheint. Denn wie so häufig bei Düffel gerät die Konversation alsbald gekonnt ins Schwimmen: Hierarchien werden angetastet, Machtverhältnisse kehren sich um, Abgründe des Weltschmerzes tun sich auf. Und am Ende bleibt der Verdacht, dass eine kunstvoll inszenierte Gesprächs-Phantasie allemal wahrer sein könnte als das, was in der Medienwelt als Wirklichkeit durchgeht.

Gründe genug für ein – tatsächlich geführtes – Interview mit dem Berliner Autor.

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John von Düffel (Foto: DuMont Buchverlag)

 

Zeilensturm: Ihr aktuelles Buch ist ein frei erfundenes Zwiegespräch mit dem Modepapst Karl Lagerfeld, der nur mit seinen Initialen in Erscheinung tritt. Hat er oder seine Rechtsabteilung schon reagiert?

John von Düffel: Gegen die reine Fiktion ist selbst Karl Lagerfeld machtlos. Und wie frei man erfinden kann, weiß er selbst am besten. Schließlich hat er sich selbst erfunden.

Zeilensturm: Sie philosophieren mit KL sehr unterhaltsam und dennoch tiefgründig über Leben, Tod, Gott und Karl Marx. Ist das nicht anmaßend, einer kaum verschlüsselten Person der Zeitgeschichte so viele intime Äußerungen in den Mund zu legen, die keine Chance bekommt, all das zu verifizieren?

Düffel: Es geht ja nicht darum, ob er es wirklich gesagt hat, sondern ob er es hätte sagen können. Und davon kann sich jeder Leser ein Bild machen. Manches ist sogar Lagerfeldscher als Lagerfeld selbst, sagen die, die ihn gut kennen.

„ES GEHT NICHT DARUM, OB ER ES GESAGT HAT, SONDERN OB ER ES HÄTTE SAGEN KÖNNEN.“

Zeilensturm: Das fiktive Interview ist nicht gerade eine etablierte Form im deutschen Literaturkanon und für manchen von daher vielleicht schwer verdaulich. Hat es Warnungen oder wohlmeinende Versuche gegeben, die Figur KL vielleicht lieber in die klassische Romanform zu gießen?

Düffel: Natürlich ist die Form keine literarisch heiliggesprochene. Aber KL ist nun einmal der beste Gesprächspartner der Welt. Ihn nicht schwadronieren zu lassen, hieße, seinen Witz und Geist schmälern.

Zeilensturm: Braucht die Literatur neue erzählerische Formate, wenn sie im Zeitalter der gegen Null gehenden Aufmerksamkeitsspanne weiterhin in Buchform bestehen will?

Düffel: So generell würde ich das nicht sagen. Mir geht es immer um Formen, die aus den Inhalten, Figuren oder Geschichten selbst entstehen. Die Form von KL ist KLs Form.

Zeilensturm: Viele Presseinterviews sind, ohne dass es zugegeben wird, ebenso fiktiv wie das von Ihnen mit „KL“ geführte. Ghostwriter denken sich die Antworten anstelle des Prominenten aus; tatsächlich geführte Gespräche werden im Nachhinen durch Pressestellen von vorn bis hinten „optimiert“. Wie viel Medienkritik steckt in Ihrem Buch?

Düffel: Die mediale Welt ist eine Fiktion, so wie Karl Lagerfeld auch. Wie manipulativ das ist, wollte ich auf spielerische Weise mit dem Buch zeigen, das sich ja auch immer wieder selber redigiert und umschreibt.

„DIE MEDIALE WELT IST EINE FIKTION, SO WIE KARL LAGERFELD AUCH.“

Zeilensturm: Ihr wunderbarer Roman Goethe ruft an erforschte vor einigen Jahren die Verfasstheit des Schriftstellers beim Schreiben. Der Eindruck verfestigt sich, dass Ihnen das Erkunden von Innenwelten wichtiger ist als das Komponieren äußerer Handlung. Wie „deutsch“ ist das?

Düffel: Das klingt, so wie Sie es beschreiben, sehr deutsch. Aber in der Hauptsache ist Goethe ruft an ein Versuch in Sachen Leichtigkeit bzw. „Leichtschreiben“. Und das ist sehr undeutsch. Der deutsche Autor ist ja eher ein Schwerschreiber.

Zeilensturm: Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. Müsste das Theater Karl Lagerfeld erfinden, wenn er es nicht selbst schon getan hätte?

Düffel: Er ist eine Figur par excellence. Er hat ein Kostüm, eine perfekte Maske, höchste Wiedererkennbarkeit. Mehr kann man auf der Bühne nicht verlangen.

Zeilensturm: Was kann der Schriftsteller vom Theater über den Umgang mit dem gesprochenen Wort, dem szenischen Dialog lernen?

Düffel: Das Unausgesprochene sprechen zu lassen.

Zeilensturm: Ist eine glaubwürdige Darstellung der Art und Weise, wie Menschen denken und reden, der Schlüssel zum qualitätsvollen Schreiben?

Düffel: Glaubwürdigkeit ist nur ein Kriterium von vielen. Sind Thomas Manns Dialoge glaubwürdig? Nein. Aber sie funktionieren sogar auf der Bühne großartig. Es geht meines Erachtens immer um Sprachkraft und die kann, aber muss man nicht bei der Wirklichkeit pumpen.

Zeilensturm: Durch Ihre Bücher webt ein fein dosierter, dadurch umso wirksamerer Witz. Wie subtil muss Humor sein, damit er noch als Literatur gelten darf?

Düffel: Das Ausschlussverhältnis von Humor und Literatur gibt es nur in Deutschland, aber es existiert hier, leider. Das hat mich mal traurig gemacht, inzwischen ist es ein Grund mehr für Humor.

„DAS AUSSSCHLUSSVERHÄLTNIS VON HUMOR UND LITERATUR GIBT ES NUR IN DEUTSCHLAND.“

Zeilensturm: „KL“ hat keinen Humor. Er würde ihn in seinem Arbeitswahn auch nur stören. Glauben Sie, Karl Lagerfeld besitzt welchen?

Düffel: Unbedingt! Einen sehr eigenen! Einen Haute-couture-Humor, nicht unbedingt Prêt-à-porter.

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Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten (6): Litfaßsäule

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Kein besserer Ort für das Bewerben der Arbeitslosen-Telefonhilfe und der Bad Segeberger Karl-May-Festspiele: Litfaßsäule

Doch, ja, natürlich gibt es Litfaßsäulen im 21. Jahrhundert, eine Menge sogar. Vielleicht mehr denn je.

Es sind hochglänzend verglaste,  inwendig langsam rotierende, gleißend hintergrundbeleuchtete Monstren der sterilen Straßenrandmöblierung, und genau deshalb werden sie von mir ignoriert.

Diese Werbepuff-Mutanten, diese vollverspiegelten Reklame-Androiden sind allerhöchstens illegitime Nachkommen der eigentlichen, klassischen Litfaßsäule (Abbildung), die sich nicht dreht und nicht blinkt und einem nicht hinterrücks nachläuft und die es aus vielerlei Gründen zu feiern gilt.

Erstens begeht die Litfaßsäule dieses Jahr ihr 160. Jubiläum. Nur ganz wenige Menschen, die so rund sind, werden so alt. Es war 1855, als im Namen ihres Berliner Erfinders, des Drucker Ernst Litfaß, in dessen Heimatstadt die ersten Exemplare aufgestellt wurden (wie übrigens auch die erste Ampel und die erste U-Bahn in Berlin zu bestaunen waren; wohingegen die erste asphaltierte Straße Deutschlands unser Hamburger Jungfernstieg war).

Zweitens resultiert aus dieser Genesis auch die Benamsung der Säule, und die wiederum hat den besonderen Charme, dass sie die Duden-Rechtschreibung durcheinanderbringt. Ich darf mal kurz zitieren:

„Die Regel, dass nach einem kurzen Vokal -ss zu schreiben ist, gilt für das Substantiv Litfaßsäule nicht. Das Wort geht zurück auf den Namen des Erfinders, des Buchdruckers Ernst Litfaß, und Personennamen sind von den allgemeinen Rechtschreibregeln nicht betroffen, sie bleiben in der Regel unverändert.“

Jaaaaa, höre ich die Orthographiepriester unter den Zeilensturm-Lesern aufschreien, aber in der Überschrift steht LITFASSSÄULE mit drei S!

Richtig, Ihr Orthographiepriester, also eben eigentlich: falsch! Kann ich aber nichts gegen tun, mein WordPress-Layout setzt die Headline automatisch in Majuskeln, da geht halt nur SSS, solange das große „ß“ sich nicht endlich etabliert* hat, was ich seit Ewigkeiten fordere.

Doch genug davon, der eigentliche Feier- und Existenzgrund der Litfaßsäule ist nämlich Grund Nummer 3: Was da alles beworben wird!

Angenommen, Sie sind arbeitslos und möchten etwas dagegen tun. Im Leben nicht werden Sie eine zu diesem Wunsch passende Beratungstelefonnummer im Werbefernsehen oder im Internet eingespielt bekommen. Also runter vom Sofa, raus auf die Straße, einmal in frischer Luft um den Block flaniert und vor der Litfaßsäule zur Salzsäule erstarrt! Da steht sie ja, genau die Nummer, die Ihr Leben zum Besseren verändern wird!

Oder Sie möchten sich als Pierre-Brice-Nachfolger bewerben und wissen bloß gerade nicht, wo die berühmten Bad Segeberger  Karl-May-Festspiele stattfinden. Da, an der Säule, steht es ja! In Bad Segeberg!

Interessant übrigens auch die weißen Flecken auf der Säule, die bei längerem Davor-Verweilen leise flüstern: „Sommerloch, Sommerloch,  weitergeh’n, hier gibt’s nichts zu seh’n! Komm’se gern im Frühherbst wieder!“

Ich werde das jetzt absichtlich nicht googeln, um nicht enttäuscht zusammenzusacken, aber ich wünsche mir in jeder Stadt ein Litfaßsäulenplakatierungshauptamt  mit einem ergrauten Hauptamtsleiter, bei dem man seine zu plakatierenden Litfaßsäulenplakate zwecks inhaltlicher und formaler Prüfung einzureichen hat.

Nach bestandener Sichtung („So so, junger Mann, Sie möchten also für eine Damen-Schlammcatchen-Belustigung werben! Na, Sie sind mir ja ein Filou. Aber woll’mer mal nicht so sein, was! War ja auch mal jung! Gehen Sie, kleben Sie, und viel Erfolg auch auf Ihrem weiteren Lebensweg!“) entrichtet man seinen Obolus, erhält einen  Stempel und darf dann also mit Leiter und Quast zum Anleimen schreiten. Herrlich würdevoll und urban-souverän.

Litfaßsäulen. Ein Spiegel unserer zunehmend bunten Gesellschaft. Gar nicht wegzudenken aus dem 21. Jahrhundert.

*) Nachtrag: Ein kleines Wunder! In der Version für Mobiltelefone überträgt mein WordPress-Layout das SS in der groß geschriebenen Litfaßsäulen-Headline selbstständig in ein (großes?) „ß“!

(Zum Archiv der Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert nicht mehr auf der Rechnung hatten.)

Jede Menge Kohle

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Frankfurter Buchmesse, wir kommen! Und zwar hiermit:

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Im Dezember 2018 endet mit Schließung der letzten Zechen das Zeitalter des Steinkohlenbergbaus in Deutschland – ein bedeutsames Kapitel Industriegeschichte geht zu Ende. Die unermüdliche Arbeit der Kumpel, Techniker und Ingenieure hat nicht nur Milliarden Tonnen Kohle ans Tageslicht befördert, sondern auch faszinierende Technologien und Maschinen hervorgebracht. „Unter uns“, realisiert von der Agentur BISSINGER [+] und verlegt bei C.H. Beck, führt in die geheimnisvolle und abenteuerliche Welt eines modernen Steinkohlenbergwerks und macht Highlights der Technikgeschichte erlebbar. Herausgeber ist Werner Müller, der Vorstandschef der RAG-Stiftung.

In eindrucksvollen Bildern und Grafiken, Zeitzeugenberichten, Wortmeldungen von Prominenten und verständlich formulierten Expertenbeiträgen wird das „Wissen und Können“ des Steinkohlenbergbaus auch für Laien anschaulich gemacht. Beleuchtet wird etwa die entscheidende Rolle der Bergbautechnologie als Innovationsmotor und Exportschlager der deutschen Wirtschaft. Aber auch die bemerkenswerten Erfolge der Ingenieure im Kampf um maximale Sicherheit und Effizienz in 1000 Metern Tiefe werden deutlich – und nicht zuletzt die Bemühungen um Umweltschutz im „Nachbergbau“-Zeitalter.

„Wissen und Können“ ist der erste Band einer Trilogie und erscheint im Oktober zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse (Preis im deutschen Buchhandel: € 19,95). Im Herbst 2016 befasst sich der zweite Band mit der gewachsenen Kultur der Kohlereviere, ein Jahr später geht es abschließend um die politischen Entwicklungen rund um den Steinkohlenbergbau. Somit ist die kleine Reihe komplett, bevor die letzte Schicht in den Schacht einfährt.

Wie sich der kontrollierte Sturz im Förderkorb hinab in 1000 Meter Tiefe anfühlt und was es trotz Hightech-Einsatz an körperlicher Fitness braucht, um 55 Grad heiße Kohle aus dem Flöz zu brechen, durfte ich als Redaktionsleiter für BISSINGER [+] selbst erleben: in der Bottroper Zeche Prosper-Haniel, wo die RAG Besucher unter fachkundiger Aufsicht in die Unterwelt einlässt – und glücklich wieder zurück ans Licht bringt.

Ich weiß nun zweierlei: 1. Zum Bergmann bin ich nicht geboren. 2. Der Respekt vor der Arbeit der Kumpel unter Tage kann gar nicht groß genug sein.

Gold to go

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Wenn’s am schönsten ist, soll man gehen, heißt es. Manchmal aber geht man auch erst, und das Schönste folgt mit ein wenig Verspätung nach. Bei den alljährlichen BCP-Awards, den deutschen Oscars für Unternehmensmedien, hat concepts in diesem Monat Gold gewonnen. Das Magazin des größten deutschen Baukonzerns HOCHTIEF wird von Hoffmann und Campe Corporate Publishing gemacht und von ringzwei gestaltet.

Die prämierte Ausgabe war meine letzte als concepts-Chefredakteur – das macht dann elf Jahre mit insgesamt viermal Gold beim BCP, wo concepts als erstes Magazin in die Hall of Fame aufgenommen wurde: unterm Strich gar keine so schlechte Bilanz. Spaß hat’s gemacht, einer der kreativen Köpfe hinter dem Heft zu sein. Jetzt aber: auf zu neuen Taten!

Concepts 2 2014 ger_1Titelfoto: Yasuhisa Toyota by Ralf Meyer

Vom Angeln auf Kastanien

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Heute habe ich auf einem Hamburger Schulhof gestanden und versucht, mit einer professionellen Angelrute ein Plastikgewicht an einer Angelschnur über eine Strecke von zehn Metern in ein eigens dafür auf dem Pflaster ausgelegtes Fadenkreuz zu schleudern, ähnlich einer Dartscheibe. Ich habe pendelnd geschleudert, seitwärts und über Kopf. Viele Male. Viele Male erfolglos. Am Ende immerhin nicht ganz so erfolglos wie am Anfang.

Man muss auch offen für Neues sein.

Ich bin offen für Neues und, wenn alles gut geht, in genau einer Woche ausgebildeter und staatlich geprüfter Angler. Nein, halt: Ich bin dann Fischer. Ich mache schließlich die Fischerprüfung und nicht die Angelprüfung. Und erhalte den Fischereischein und nicht den Angelschein, wie blutige Laien sagen würden, die von nichts eine Ahnung haben. Ganz genau genommen werde ich Fischereiausübungsberechtigter sein, im Gegensatz um Fischereiberechtigten, der außer der Berechtigung zum Pachten eines Fischereigewässers auch Pflichten hat, nämlich zum Beispiel die Hegepflicht, aber das führt zu weit.

Siezen hat Würde

Wir nehmen das übrigens sehr genau, mein Ausbilder vom Anglerverein Frühauf von 1910 e.V. und ich. Er wird zum Beispiel nicht müde zu betonen, dass die anstehende Prüfung eine staatliche ist, die Prüfungssprache Deutsch ist und Dolmetscher demzufolge verboten sind. Ich will gar keinen Dolmetscher, aber vielleicht habe ich mich mit der Rute heute allzu dämlich angestellt. Wobei ich es klasse finde, dass er mich siezt und nicht duzt. Ich hasse die grassierende Duz-Seuche, aber ich bin ja auch bald ein halbes Jahrhundert alt. Siezen hat Würde, Siezen lässt Luft zum Atmen, Siezen schützt vor Bussibussi. Das ist also schon mal prima.

Er siezt auch die anderen rund 45 Fischereiausübungsberechtigungskandidaten in meinem gesteckt vollen Kurs im Vereinsbüro mit den sehr schlechten Klappstühlen an der sehr lauten Hauptstraße. Von denen, um das nicht zu verschweigen, nur rund fünf weiblichen Geschlechtes sind, die anderen sind Männer wie ich, in den besten Jahren zwischen 30 und 50, gerne mit Hemd aus der Hose und vielfach unter überdurchschnittlichem Bartwuchs leidend. Und mit einem wehen Blick in eine unbestimmt Ferne, der sagt: Ich liebe die Einsamkeit der Natur, aber vor allem liebe ich die Kippe im Mund in der Einsamkeit der Natur. Erstaunlich, wie viele Fischereiausübungsberechtigungsassessoren es vorziehen, sich und ihre Umwelt in Gottes freier Natur zu vergiften statt im viel näher liegenden Mief ihrer Etagenwohnung, aber man kann sich’s nicht aussuchen.

Die Frauen in meinem Kurs rauchen übrigens nicht weniger, sie haben nur weniger Bartwuchs.

Für die Insider unter meinen Lesern, diejenigen, die wie ich unter dem familiären oder ganz und gar unerklärlichen Zwang stehen, sich Angelvideos auf  YouTube anzusehen: Manche der Frauen erinnern tatsächlich an Babsikowski, und damit aber auch schon genug an dieser Stelle von Anglerhumor und Anglersex. Falls es so was gibt. Nein, gibt es nicht. Wer weiß.

Kommunikation – ein rares Gut

Jedenfalls. Ich stehe also auf dem Schulhof und werfe meine Angel aus, um diese riesige, hubschrauberlandeplatzgroße Zielscheibe zu treffen, ein ganz normaler Vorgang an und für sich. Das ist sicher jedem schon mal passiert. Und sicher ist auch jedem dabei schon mal das kleine Plasikgewicht, wo eigentlich später der Angelhaken sitzen soll, in den mächtigen, zentral positionierten Kastanienbaum geflogen. Vielleicht auch mehrmals.

Aber nicht unbedingt sechzehnmal wie mir – wenn ich die Male mitzähle, wo sich das Ding in Schulhofbänken, Sträuchern oder den Angelschnüren meiner Mitbewerber verheddert hat. Das sorgt immerhin für Kommunikation, und das ist unter Anglern, wie die meisten ahnen dürften, ein ganz rares Gut. Vielleicht schwingt eine Spur Mitleid in dieser Kommunikation mit.

Gottseidank wird das reale Rutenauswerfen nicht Teil der Fischerprüfung sein. Die Fischerprüfung ist ein Mutiple-Choice-Test und wie gesagt, Dolmetscher sind nicht zugelassen. Ich möchte hier an dieser Stelle einmal nicht ohne Stolz kurz darauf hinweisen, dass ich mich in diesen Wochen beim Anglerverein Frühauf von 1910 e.V. auf schlechten Klappstühlen an lauten Hauptstraßen durch 368 Fragen aus 6 Wissensgebieten arbeite, die man mit a, b oder c beantworten kann. Jeder der 6 Unterrichtsabende ist einem der Gebiete gewidmet, und an jedem kriegt man etwa (nicht gefühlt, sondern tatsächlich) 286 Powerpoint-Folien gezeigt, die alle von einem Hobbymultimediaspezialisten angefertigt worden sind. Manche zeigen Farbfotos, auf denen man einen Fisch erkennen soll, der sich aber gerade hinter einem Stein versteckt.

Das ist dann schlecht, denn in der Prüfung werde ich manche Fragen serviert bekommen, bei denen es gilt, unter drei Skizzen von drei verschiedenen Fischen die in Bezug auf die Frage korrekte Art herauszufinden. Und ich weiß noch nicht mal, wie die Fische heißen, die sich hinter den Steinen verstecken. Aber spezielle und allgemeine Fischkunde kriegen wir ja auch erst kommende Woche.

Papierschere ist immer falsch

Was wir schon hatten, war Tier- und Umweltschutz. Auf welcher Abbildung wird der Fisch nach den Vorschriften der Tierschutz-Schlachtverordnung richtig betäubt. Nun, dazu kann ich im Brustton der Überzeugung sagen: Nicht auf der, wo jemand ausholt um mit einer Papierschere zuzuschlagen. Bleiben a oder b. Aber bei b schlägt jemand dem kieloben gehaltenen Fisch auf den Bauch, das kommt mir nicht tierschutzschlachtverordnungsgerecht vor.

Sehr schön, klar und einleuchtend ist übrigens der vom Gesetz einzig anerkannte „vernünftige Grund“, warum ein Mensch einen Fisch aus dem Wasser ziehen wollen sollte. Dieser Grund ist nicht, dass er ein Selfie von sich und dem Acht-Meter-Hammerhai machen will. Sondern: dass er ihn essen will. Nehmt das, Vegetarier! Und da heißt es immer, deutsche Juristen hätten keinen gesunden Menschenverstand.

Ich melde mich dann nächsten Samstag wieder, wenn es heißt: Brandungsrute, Pilkrute oder Kopfrute? Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Egal, wenn du auf Kastanien angelst.

Mein Platz im Planetensystem

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Das hier ist zunächst einmal ein unsagbar schlechtes Handfoto.

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In zweiter Linie ist es aber ein unsagbar schlechtes Handfoto von einem überraschend schönen Abend. Ich war nämlich vorgestern in der Prinzenbar, wo zunächst einmal diese beiden Herren hier spielten. Sie sind eine etwas abgespeckte Version der eigentlich fünf Mann starken Alternative-Combo Van Deyk. Der Namenspatron selbst ist hier rechts im Bild und wenig überraschend für die lead vocals zuständig. Die Jungs sind zugezogene Hamburger, also typische Hamburger (Achtung, Dialektik-Alarm). Wunderbar balladige, mit großem Gefühl und ausgefeilter Technik vorgetragene Sachen, die von Liebe handeln, von Freiheit, von Doing The Right Thing und von Kein Geld Haben und von – sagte ich das schon? – unglücklicher Liebe.

Ich geh‘ nicht mehr so oft in Konzerte. Oder in Bars. Oder in Clubs. Oder auf den Kiez. Ich bin zweifacher Familienvater, ich werde nächstes Jahr 50, ich bin Spießer und entschuldigt. Aber dann kommen diese beiden auf die Bühne, und innerhalb von Minuten ist klar, dass sie gerne auf so einer Bühne in so einer Bar stehen, weil sie etwas mit dem Publikum zu teilen haben, und das Publikum merkt das auch und teilt zurück, und die Diskokugel an der Decke der überaus traditionsreichen und barock-schönen Prinzenbar dreht sich und verteilt blaue Lichtpünktchen verschwenderisch über den Stuck und die Putten und die sonstige barocke Pracht, und das Universum beginnt sich langsam zu drehen. So wie …

Damals.

Das alles kommt mit einem Mal zurück mit dieser Musik und diesen blauen Lichtpunkten im samtigen Rot, das vom  Kronleuchter zu uns hinuntersickert. Schwingungen, die ich vergessen hatte, melden sich zurück. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das ist immer das Geheimnis. Vielleicht wird es mit zunehmendem Alter immer schwieriger, beides zugleich fertigzubringen.

Dann singt van Deyk, der ja nur das Vorprogramm machen soll, noch ein ganz besonders trauriges, ihm aber ganz besonders am Herzen liegendes Lied. Es handelt, au weia, von verflossener Liebe. Sie hat ihn nämlich verlassen.

„Er wird eine neue finden“, sagt Christiane.

„Und irgendwann wird er heiraten und Kinder kriegen“, sage ich.

Wobei ich natürlich unzulässig von mir auf andere schließe. Und mir ist klar: Ich könnte, nur mal so rein altersmäßig jetzt, der Vater von van Deyk sein. Mit einem Mal wird dieses Drehen der Diskokugel, dieses Sonnensystem aus blauen Lichtpunkten, zum Rad des Lebens, das sich unablässig dreht und dreht und dreht. Und da steht dieser unverschämt junge Typ und singt von Liebe und Verlassenwerden, als wäre es das erste Mal. Und es fühlt sich an wie das erste Mal.

Aber der Abend fängt ja erst an.

Dann spielen nämlich, und das ist schon wieder ein unsagbar schlechtes Handfoto, die hier:

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Main Act: Leisure Society. Sie lösen noch einmal genau das ein, was van Deyk in den Raum gestellt haben: Songs, in denen man sich ein wenig verlieren kann wie in einem großen, rotierenden Planetensystem. Wobei sich hier noch eine besonders britische Hey-warum-soll-ich-hier-eigentlich-nicht-Geige-spielen-Note hinzugesellt. Und bisweilen wird es sogar noch ziemlich fetzig, sagen wir, ein paar Asteroiden-Querschläger, die den großen Brummkreisel mal etwas durcheinanderrütteln.

Bilanz: Es gibt vielleicht nichts Neues unter der Sonne. Aber das Immerwiedergleiche kann verdammt berührend sein, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Flüchtlingsheim im reichen Viertel: Sieg der Apartheid

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Irgendwo in einer weißen Villa in Hamburg-Harvestehude haben gestern Champagnerkorken geknallt. Nein: in mehreren weißen Villen. Das Oberverwaltungsgericht hat bestätigt, dass das geplante Flüchtlingsheim für 220 Migranten in Hamburgs reichstem Viertel nicht gebaut wird – und, wichtigstes Zauberwort für die Flaschenöffner: der Beschluss ist „unanfechtbar“. Die Gründe sind alle bekannt, durch und durch heuchlerisch und einer wie der andere vorgeschoben. Es ist mir zu widerwärtig, sie hier noch einmal aufzuzählen. Der eine, einzige und wahre Grund ist der: Wir, die Superreichen, wollen hier keine armen Schlucker. Weil sie unseren ästhetischen Ansprüchen nicht genügen, weil sie unsere Idylle bedrohen, weil sie uns erschreckend deutlich vor Augen führen, wie wir selbst zu unserem obszönen Wohlstand gekommen sind. Und weil wir es können – dank unserem Geld und guten Beziehungen in Politik und Justiz. So einfach ist das, wenn man den Kaiser seiner juristischen Kleider entkleidet.

Der Rest der Stadt, besonders aber natürlich der ohnehin finanzschwache Osten, nimmt derweil weiter die Ärmsten der Armen auf. Einen Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt ist derzeit eine Unterkunft für unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge geplant. Und sie wird gebaut werden. Es lässt sich nicht leugnen, dass mit all diesen Ankünften Probleme entstehen, die man gar nicht so gerne lösen müssen möchte. Dumm sind sie ja nicht, die paar Dutzend Harvestehuder Saubermänner und -frauen, die jetzt triumphieren. Es gibt potenziell Stress, Lärm, auch Gewalt, auch Kriminalität und soziale Ausgrenzung, und es wird mehr davon geben. Aber wir werden schon damit klarkommen, uns arrangieren, die notwendigen Kompromisse machen.

Das ist es ja auch, was Sie, die Flüchtlingsheimverhinderer aus – nicht nur – Harvestehudes Geldkaste, von uns erwarten. Dass wir Ihnen das Problem abnehmen, es von den mentalen Minenfeldern und dem Paragraphen-Stacheldraht Ihrer Gated Community fernhalten. Die Pointe ist: Die meiste Zeit über sind Sie ja nicht mal zuhause. Sondern immer unterwegs, immer auf dem Sprung, immer in globalen Geschäften engagiert. Um genau die Deals zu machen, die (manchmal sogar um viel weniger als sieben Ecken herum) die nächste Welle von Armutsmigranten und Kriegsflüchtlingen in die Boote treibt. Derweil Ihre gut gesicherten, penibel gepflegten, kinderlosen Herrenhäuser leerstehen wie Spukschlösser.

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Glückwunsch, Sie haben gewonnen! Apartheid ist nicht tot, sie funktioniert prima. Für dieses Mal. Und auch die nächsten drei bis fünf Anstürme der von Ihnen aktiv gestalteten globalen Realitäten auf ihr Bullerbü für besser Betuchte werden Sie noch abwettern. Aber diese Realität hat die Angewohnheit, von Mal zu Mal stürmischer an die Küsten Italiens und irgendwann auch die Ufer der Alster zu branden. Und wer weiß, was sie dann eines Tages noch alles mit sich fortspült.