Im International Herald Tribune, der Welt-Ausgabe der New York Times, konnte man am 26. Januar ein Musterbeispiel für knallhart investigativen, aber fairen Journalismus über ein brisantes Wirtschaftsthema finden. Es ist traurig aus deutscher Sicht, diesen Artikel mit fast allem zu vergleichen, was hiesige Fachredaktionen anzubieten haben.
Thema waren die Arbeitsbedingungen in chinesischen Zulieferfirmen des mächtigen und erfolgreichen iPhone-Herstellers Apple. Zunächst schildert das Blatt in dem ganzseitigen Artikel übelste Verstöße gegen die Arbeitssicherheit der chinesischen Beschäftigten, von denen Apple-Manager die ganze Zeit gewusst hätten. Und dann folgt, mitten im Text, eine bemerkenswerte Offenlegung des Blattes, die zeigt, wie meilenweit es über den hierzulande üblichen journalistischen Standards steht:
„Wir haben Apple ausführliche Zusammenfassungen unseres Artikels zur Verfügung gestellt, aber das Unternehmen, das im Ruf der Geheimniskrämerei steht, verweigerte eine Stellungnahme. Unsere Berichterstattung basiert auf Interviews mit mehr als drei Dutzend heutigen oder früheren Angestellten und Zulieferern, davon ein halbes Dutzend heutige oder frühere Führungskräfte, die Apples Supplier Responsibility Group aus erster Hand kennen, sowie anderen Stimmen aus der Technologie-Branche.“
Wie würde das in Deutschland laufen? Ein Magazin, sagen wir der Spiegel, würde die Anzahl seiner Quellen nicht von sich aus auflisten. Und es hätte, wenn es sehr gut wäre, nicht 36 oder 40, sondern bestenfalls sechs bis acht Interviews geführt. Wenn es nur gut wäre, hätte es seinen ganzen Beitrag auf drei Gesprächen basiert. Und wenn es, wie die meisten, nicht gut wäre, hätte es erst gar nicht recherchiert oder lieber eine weitere lobhudelnde Hype-Geschichte über die voraussichtlichen Qualitäten des kommenden iPhone 5. Und dann hätte seine Redaktion mit Glück ein Expemplar als Testgerät vor dem Verkaufsstart erhalten.
Unmittelbar nach der Offenlegung, im weiteren Verlauf seiner Enthüllungsgeschichte, zitiert der Herald Tribune dann posthum den damaligen Apple-Chef Steve Jobs, der von deutschen Medien inzwischen als Heiliger verehrt wird:
„Ich denke wirklich, dass Apple einen der besten Jobs in unserer Branche macht, vielleicht sogar in allen Branchen, wenn es darum geht, die Arbeitsbedingungen bei unseren Zulieferern zu verstehen. Ich meine, man geht zu so einer Fabrik, und es ist halt eine Fabrik, aber, meine Güte, ich meine, sie haben dort Restaurants und Filmtheater und Kliniken und Swimming Pools, und ich meine, für eine Fabrik ist das eine ziemlich nette Fabrik.“
Soweit das ganz offensichtlich nicht durch eine Presseabteilung zuvor glatt geschliffene und politisch korrekt gehobelte und erst dann gnädig freigegebene, aber dafür umso erkennbarer authentische und live gesprochene Jobs-Zitat. Es stammt aus dem Mitschnitt einer Fachkonferenz, bei der Jobs im Jahr 2010 über die Frage der Beziehungen seines Konzerns zu seinen Zulieferern sprach.
Das Blatt schiebt diesem entlarvenden Statement nur einen lakonischen Satz nach, bevor es auf Fallbeispiel-Ebene weiter berichtet. Der Satz lautet:
„Andere, darunter Arbeiter in diesen Fabriken, räumen die Existenz der Cafeterias und medizinischen Versorgungseinrichtungen ein, bestehen aber darauf, dass die Bedingungen quälend (punishing) seien.“
Wie wäre das in der deutschen Presse gelaufen? Höchst wahrscheinlich gar nicht. So gut wie kein deutscher Medienvertreter wäre bei der fraglichen Konferenz anwesend gewesen oder hätte hinterher Zugang zu diesem Material erhalten. Ein sehr gutes investigatives Magazin aus Deutschland hätte Apple mit den Anschuldigungen auf der Basis von einer Handvoll O-Tönen konfrontiert. Apple hätte sich geweigert Stellung zu nehmen, das Magazin hätte dies seinen Lesern mitgeteilt und womöglich die begütigenden Sätze aus den Apple-Geschäftsberichten zum Thema Lieferantenbeziehungen gedruckt, um dann darauf zurückzukommen, dass die Realtiät aber anders aussehe. Eine ungeschützte, nicht von Jobs oder seinem Apparat kontrollierte Äußerung des Gurus selbst? Im Leben nicht.
Weiter hinten im Artikel – Apples fahrlässige Verstickung in die teilweise tödlichen Arbeitsbedingungen in China ist längst schmerzhaft deutlich geworden – bringt die Zeitung das Zitat des Präsidenten von Business for Social Responsibility, einer Initiative der US-Industrie, die den Konzern entlastet:
„Meine Kollegen und ich sehen Apple als ein Unternehmen, das einen wirklich ernsthaften Versuch unternimmt sicherzustellen, dass die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern den Gesetzen, den Standards von Apple und auch den Kundenerwartungen genügen.“
Wäre dieses Statement in einem investigativen deutschen Medienbeitrag aufgetaucht? Zweifelhaft. Der Spiegel zumindest hätte es nicht gedruckt. Verfolgt er einmal die These, dass etwas skandalös ist, dann hat keinerlei ernst zu nehmende entlastende Aussage Platz in seinen Spalten. Es würde nicht ins abgerundete Weltbild des Magazins passen. Und die Wettbewerber des Hamburger Magazins erheben sich erst gar nicht in den Stand, die iPhone-Heiligen kritiseren zu wollen.
Warum ist die Berichterstattung des Herald Tribune fair? Weil er seine Anstrengungen und den von ihm betriebenen Aufwand bei der Wahreitsfindung offenlegt und dem Leser so Gelegenheit gibt, die Glaubwürdigkeit der Anschuldigungen abzuschätzen. Weil er auch entlastende Zeugenaussagen zu ihrem Recht kommen lässt. Dann natürlich, weil er Apple Gelegenheit zur Replik gibt. Und weil er, als diese nicht kommt, dennoch ein umso authentischeres Selbstzeugnis des Konzerns zutage fördert, dieses sogleich von dritter Seite einordnen lässt und seine Leser dadurch zu transparenter Meinungsbildung befähigt – mit nebenbei vernichtender Wirkung für einen der mächtigsten Konzerne der Welt. Aber jetzt muss ich Schluss machen. Mein iPhone klingelt.
(Ausführlichere Version des Artikels, Kommentare aus China und ein Video hier.)





















